Handwerk und Handel in der älteren Zeit

Auszug aus der August Reuter-Chronik

 

Nach dem sogenannten siebzigjährigen Privileg der Städte, das 1668 vom Grafen Simon Heinrich auf 45 Jahre erneuert wurde, sollte in Oerlinghausen nur je 1 Schmied, 1 Schuhmacher und Schneider wohnen. Die Innungen in den Lippischen Städten waren scharf darüber aus, ihre Gerechtsame zu wahren; sie wachten streng darüber, daß in den Dörfern sich nicht mehr Handwerker niederließen, als das Privileg anzeigte. So verklagte z.B. im Jahre 1604 das Schusteramt in Lemgo den jungen Köttelbrink in Oerlinghausen wegen des Verkaufs von Fellen und Häuten. Den hiesigen Schuhmachern wurde andererseits von auswärts Konkurrenz gemacht. Im Jahre 1599 klagte Jobst Tölke, daß die Oerlinghauser Schuhmacher einige Schuhe, die ihm der Schuhmacher Clausing aus Bielefeld zur Verwahrung ins Haus gebracht, gewaltsam weggenommen hätten. Derselbe Jobst Clausing wurde zu 3 Gulden Strafe verurteilt, weil er während des Gottesdienstes mit zwei Rick voll Schuhen auf dem Kirchhofe gestanden und dadurch Ärgernis gegeben hatte. Im Jahre 1749 wird der Schuster Ludwig Geldmacher erwähnt.

Schmied

Ein Schmied namens Jobst Johle wird zuerst um 1600 genannt, und seine Familie hat in Oerlinghausen das Schmiedehandwerk über ein Jahrhundert lang betrieben. Der Name Schmied Johle kommt oft in den Akten vor. - Kleinschmiede erscheinen zuerst im Anfange des 18. Jahrhunderts - Die Johle waren Grob- und Hufschmiede. - 1718 klagt der Kleinschmied Ellies, daß Bernd Lepper sich geweigert habe, seinem verstorbenen Kinde das Grab zu schaufeln, "auch hat derselbe am Sonntag geschmiedet". Der Protokollführer des Gogerichts macht dazu die Bemerkung: Excusatum primum, weilen er krank gewesen, das zweite, weilen es ein Nahberwerk gewesen. Daraus scheint hervorzugehen, daß das Nachbarwerk, jene nachbarliche Pflicht gegenseitiger Hilfe bei Todesfällen, Hochzeiten und anderen Familienereignissen, das man heute in der Grafschaft Ravensberg noch stark aus geprägt in allen Dörfern antrifft, auch früher in Oerlinghausen gang und gäbe war.

Schneider

Der erste Schneider, welcher hier vorkommt, hieß Henrich Sieveke, der 1619 erwähnt wird. Im Jahre 1693 betrieb Johann Christoph Ebbinghaus hier das Schneiderhandwerk und 1708 ein Adolf Kramer. Die Schneider gingen in der Regel zur Ausübung ihres Berufs in die Häuser ihrer Kunden.

Bäcker

Einen eigenen Bäcker scheint Oerlinghausen am Anfang des 17. Jahrhunderts noch nicht gehabt zu haben. Die meisten Häuser hatten ihre eigenen Backöfen (Backse), die Leute backten ihr Brot selber. Im Jahre 1613 lieferte ein Heidsiek auf der Osterheide Brot nach Oerlinghausen, und er wurde bestraft, weil es 6 ½ Lot zu leicht befunden wurde. 1654 waren Johann und Henrich Ebbinghause und Henrich Bawingk Bäcker in Oerlinghausen; sie klagten bei der Regierung darüber, daß fremde Bäcker, so insbesondere Bernd Heidsiek auf der Osterheide, nach Oerlinghausen kämen und hier Brot verkauften. Sie er reichten dadurch, daß sie von der Regierung ein Privilegium erhielten, in welchem fremden Bäckern bei 50 Gulden Strafe verboten wurde, in Oerlinghausen Brot zu verkaufen. Heidsiek suchte sich nun in der Weise zu helfen, daß er das Brot nicht selbst vertrieb, sondern durch den in Oerlinghausen wohnenden Franz Redeker verkaufen ließ. Im Jahre 1658 wurde Ebbinghaus und Genossen das Privilegium wieder entzogen, weil sie schlechtes Brot backten. 1670 bitten die Bäcker Johann und Kord Ebbinghaus und Tönies Koring um Schutz gegen Hans Henrich und Deppe Lilmeyer und Kamphenrich, denen dann auch das Backen verboten wird. Letztere gehen aber gegen das Verbot an. Nachdem von beiden Seiten wiederholt Eingaben gemacht worden sind, wird endlich 1671 entschieden, daß erstere Weißbrot, letztere dagegen Grobbrot und nur an Festtagen und Jahrmärkten Weißbrot backen sollen.

Fenstermacher

Fenstermacher waren der Jude Herz Heinemann (1685) und später Otto Lepper (1717). Ein "Gläseker" kommt 1697 vor, 1698 ein Glasemacher. 1784 wird ein Glasmacher Becker genannt (Ziegenstraße 2).

Sonstige

Ein Weißgerber (ohne Namen) kommt 1716 vor, ein Blaufärber Franz Henrich Gröppel 1715, ein Spinnradmacher (Spinnroker) 1658, ein Kammmacher Simon Henrich Tölke 1824, letzterer fertigte Kämme für den Webstuhl an. Sein Nachfolger war Schleppenböhmer.

Handel

Der Handel war im 17. Jahrhundert in Oerlinghausen nur wenig entwickelt. Wie schon erwähnt, gestattete Graf Simon VI dem Johann Barkhausen im Jahre 1600, in Oerlinghausen Kaufmannschaft zu treiben, und diese Berechtigung blieb auch für die Folgezeit an seinem Hause (Hauptstraße 53) haften. So erfuhren wir auch, daß sein Sohn Simon Barkhausen Garn-und Leinenhandel betrieb. Im Jahre 1703 klagte Peter Nagel, daß die Witwe von Kord Henrich Grote, die derzeit Besitzerin dieses Hauses war, oft Leute, die bei ihm kaufen wollten, wegriefe und seine Waren schlechtmache. Man wird also annehmen müssen, daß es sich hier um ein Konkurrenzunternehmen und um Brotneid gehandelt hat.

Krämer

Um 1650 wandten sich die Brüder Henrich und Jürgen Nagel mit wiederholten Eingaben an den Grafen zur Lippe in denen sie ausführten, sie und ihre Eltern seien bisher Kramer in Oerlinghausen gewesen, hätten Hausierhandel getrieben und Sonntags vor der Predigt ihren Laden aufgeschlagen [Fußnote: Man spürt hier den Ursprung des Wortes "Laden". Ein großer Holzladen des Hauses wurde hochgeschlagen oder zur Seite gelegt. Dadurch erhielt das Publikum Zugang zur Ware. Heute ist mit dem Begriff "Laden" diese Holzklappe nicht mehr verbunden.]

Jetzt aber komme ein Kramer aus Bielefeld, hausiere in der Vogtei Oerlinghausen und schlage auch vor, während und nach der Predigt seine Krambude auf dem Kirchhofe auf. Sie bitten, ihm das zu untersagen. Bald darauf (1654) machte Curd Dahlhausen, genannt Kramer, geltend, bisher hätten die Gebrüder Nagel allein die Kaufmannschaft untergehabt; früher hätten aber auch er, sein Vater und sogar schon sein Großvater in ihrem Hause Kaufmannschaft betrieben. Während des Krieges aber (es war der dreißigjährige) seien er und sein Vater wiederholt ausgeraubt und in große Schulden geraten, so daß er noch nicht wieder mit aller Kaufmannschaft habe anfangen können. Er bittet, nicht nur die Gebrüder Nagel zu priviligieren, sondern auch ihm zu gestatten, die Kaufmannschaft wieder anzufangen, sobald er dazu in der Lage sei. Diese Bitte muß Erfolg gehabt haben, denn wir finden später die Familie, die hernach den Namen Dahlhausen verloren hat und nach ihrem Berufe nur noch Kramer genannt wurde, als Kaufleute wieder.

Als zu Beginn des 18.Jahrhunderts sich mehr Juden in Oerlinghausen niederließen, bemächtigten sich diese natürlich des Handels. Aber auch sie klagen häufiger, daß sich Klipkrämer an Sonn- und Festtagen hier einfänden, wodurch sie geschädigt würden.