Oerlinghausen hat ein wohl in Deutschland einmaliges Spitznamenbuch
Stadtgeschichte: Auch viele Häuser, Straßen und Plätze der Bergstadt sind mit lustigen Beinamen erfasst
[Bild: Heiratsmarkt: So wurde der Simonsplatz genannt, auf dem in früheren Zeiten noch eine Dorfpumpe stand. Hier hatte sich seinerzeit immer gerne die Jugend Oerlinghausens versammelt. | © Repro Horst Biere]
Oerlinghausen. Kennen Sie Meister Lustig oder Meister Eilig? Haben Sie schon einmal von Putzer Liesel oder Seltenfröhlich gehört? Wahrscheinlich nicht, es sei denn, Sie haben sich eingehend mit Oerlinghauser Geschichte befasst. Meister Lustig und Eilig waren zwei bekannte Handwerksmeister aus früheren Tagen der Bergstadt. Der eine war der immer fröhliche Klempner Hermann Runge, der andere der Heizungsbauer Carl Hanning, der stets in Eile arbeitete. Putzer Liesel hieß so, weil ihr Vater der Putzer Reuter, also ein Friseur war. Seltenfröhlich wurde der Tischler August Brüntrup genannt, der selten lachte und viel herumnölte.
Spitznamen wie diese gibt es wahrscheinlich in vielen Orten Deutschlands. Doch Oerlinghausen dürfte wohl die einzige Stadt sein, die ein eigenes Spitznamenbuch besitzt. Das Büchlein ist leuchtend grün und heißt "Wer ist wer?". Es wurde vor etwa zehn Jahren von zwei Kennern Alt-Oerlinghausens auf den Markt gebracht: Inge Berghoff und Klaus Ober. "Über ein Jahr lang haben wir recherchiert und gesammelt und beim Stammtisch Alt-Oerlinghausen die Spitznamen jeweils vorgestellt", sagt Inge Berghoff. "Das gab jedes Mal ein Riesenhallo und einen tollen Spaß."
[Bild: Bremer Hafen: So wurde diese Straßeneinmündung vor der Apotheke - auf der Zeichnung von Ernst Meier - genannt. Rechts stand die Kneipe von Heinrich Bremer, daneben das Eisenwarengeschäft. | © Repro Horst Biere]
Dichterfürstin wurde zum Beispiel die kürzlich verstorbene Adele Rehm genannt, weil sie leidenschaftlich und gekonnt dichtete. Millionenkarl war ein erfolgreicher Handelsreisender der Firma Hanning, der in der Nachkriegszeit wohl ein Vermögen verdient hatte.
Kräuterseppl dagegen nannten die Schüler des Gymnasiums einen Biologielehrer.
An die 300 Spitznamen haben Inge Berghoff und Klaus Ober - zusammen mit vielen Mitstreitern - gesammelt. Stets findet man in dem Büchlein neben dem Spitznamen auch den bürgerlichen Namen und ebenso die Bedeutung des Rufnamens. Tulpenhermann etwa trug seinen Namen deshalb, weil er gern sein Bier aus einem Tulpenglas trank. Lötekarl war jemand, der sich gern einen "lötete", also insgesamt viel trank. Dollar, ein gelernter Tischler, rauchte immer die Zigarettenmarke "Gold Dollar". Zumeist wurden die Oerlinghauser nach ihren Vorlieben oder kleinen Macken bezeichnet, doch vielfach auch nach ihrem Aussehen: Der lange Türke, Krähenhilde oder Mussolini. Sogar geografische Begriffe gab es: Panama, Kamerun, Madeira oder Flandern.
Bekannte Familiennamen waren etliche Male mit Spitznamen vertreten. Der Familienname Büker zum Beispiel mit: Tökken, Wandervogel, Stutenhanna, Stutenkarl, Kuhkindulli, Hase, Liga, Butterlina, Hasenmimi, Mömpi, Schalke und Stert. Der Familienname Ober mit Doppelober, Camera, Amerika, Kacko, Kater, Hitt, Krömmel, Wörmken, Finchen, Ottang und Miek.
Humorvolle und niedliche Namen bekamen anno dazumal aber nicht nur bekannte Oerlinghauser Personen. Auch Häuser, Straßen und Plätze erhielten lustige, typische und manchmal fantasievolle Bezeichnungen. Als Köttelbrink bezeichnete man in alten Zeiten die Tönsbergstraße, weil sie von Kötteln, also Ziegenkot, übersäht war. Der Simonsplatz an der Kurve der Hauptstraße erhielt den Spitznamen Heiratsmarkt. Offenbar weil sich die Dorfjugend hier am zentralen Platz zum abendlichen Treff einfand. Der Stöhnebrink ist erstaunlicherweise noch heute in Navigationssystemen von Autos eingespeichert. Es ist ein recht steiler Fußweg vom Bahnhof in Asemissen in die Altstadt, den viele Arbeiter früher nahmen, wenn sie aus Bielefeld kamen. Man stöhnte, weil es beschwerliches Gehen dort war. Und beim Schützenfest vergnügte man sich auf Bethlehem, das ist der Festplatz der Karussells und Lebkuchenbuden.
Heute weitgehend unbekannt sind auch die Spitznamen von Häusern. Das Oerlinghauser Gefängnis wurde beispielsweise als Café Dannenberg bezeichnet, weil der Wärter Dannenberg hieß. Bremer Hafen nannte man das Eckhaus an der Rathausstraße, Ecke Hauptstraße. Es gehörte der Familie Bremer, die dort eine kleine Gaststätte und einen Eisenwarenhandel betrieb. Gottfried hieß ein großes Haus gegenüber der evangelischen Kirche an Tönsbergstraße, Ecke Hauptstraße.
Als Penne oder Ferkelbar kannte die gesamte Gegend die frühere Gaststätte Wolfseiche an der Holter Straße. Die Pickertschmiede war ein gemütliches Lokal am Simonsplatz, das Mariechen Nagel betrieb. Heute ist dort ein italienisches Restaurant im Alten Gasthaus Nagel.
Ein anderes, sehr altes Lokal, der Lapinenkrug, lag auf dem Gebiet der heutigen Firma Gundlach in der Südstadt. Den Namen soll die damals üble Kaschemme von den vielen Kaninchen (französisch Lapin) erhalten haben. Den gleichen Ursprung aus Napoleons Zeiten hat offenbar auch ein Platz am Widfeld: Esposett. Er soll von der französischen Kleesorte Esparsette abstammen.
Das Spitznamenbuch fand seinerzeit reißenden Absatz in Oerlinghausen, es war schnell ausverkauft. Die beiden Autoren Inge Berghoff und Klaus Ober denken über eine Neuauflage nach, wenn auch in diesen Tagen noch Nachfrage bestehen sollte. Inge Berghoff: "Wir hatten damals das Buch auf dem Weihnachtsmarkt vorgestellt. Danach lief der Verkauf über das Reisebüro am Simonsplatz." Wer sich für das Spitznamenbuch interessiere, der sollte sich wieder in eine Liste im Reisebüro eintragen lassen, empfiehlt Inge Berghoff.