Das Spitznamenbuch von Oerlinghausen

 

[Bild: Heiratsmarkt: So wurde der Simonsplatz genannt, auf dem in früheren Zeiten noch eine Dorfpumpe stand. Hier versammelte sich seinerzeit immer gerne die Jugend Oerlinghausens. (© Repro: Horst Biere)]

Oerlinghausen. Wer Meister Lustig und Meister Eilig kennt, hat sich vermutlich eingehend mit Oerlinghauser Geschichte befasst. Der eine war der immer fröhliche Klempner Hermann Runge, der andere der Heizungsbauer Carl Hanning, der stets in Eile arbeitete. Spitznamen wie diese gibt es wahrscheinlich in vielen Orten Deutschlands. Doch Oerlinghausen dürfte wohl die einzige Stadt sein, die ein eigenes Spitznamenbuch besitzt.

Das Büchlein ist leuchtend grün und heißt „Wer ist wer?". Es wurde vor etwa zehn Jahren von zwei Kennern Alt-Oerlinghausens auf den Markt gebracht: Inge Berghoff und Klaus Ober. „Über ein Jahr lang haben wir recherchiert und gesammelt", sagt Inge Berghoff.

Dichterfürstin wurde zum Beispiel die kürzlich verstorbene Adele Rehm genannt, weil sie leidenschaftlich und gekonnt dichtete. Millionenkarl war ein erfolgreicher Handelsreisender der Firma Hanning, der in der Nachkriegszeit wohl ein Vermögen verdient hatte. Kräuterseppl dagegen nannten die Schüler des Gymnasiums einen Biologielehrer.

An die 300 Spitznamen haben Inge Berghoff und Klaus Ober - zusammen mit vielen Mitstreitern - gesammelt. Stets findet man in dem Büchlein neben dem Spitznamen auch den bürgerlichen Namen und ebenso die Bedeutung des Rufnamens. Tulpenhermann etwa trug seinen Namen deshalb, weil er gern sein Bier aus einem Tulpenglas trank.

Löte-Karl war jemand, der sich gern einen „lötete", also insgesamt viel trank. Zumeist wurden die Oerlinghauser nach ihren Vorlieben oder kleinen Macken bezeichnet, doch vielfach auch nach ihrem Aussehen: Der lange Türke, Krähenhilde oder Mussolini.

Humorvolle und niedliche Namen bekamen aber nicht nur Personen. Auch Häuser, Straßen und Plätze erhielten lustige, typische und manchmal fantasievolle Bezeichnungen. Als Köttelbrink bezeichnete man in alten Zeiten die Tönsbergstraße, weil sie von Kötteln, also Ziegenkot, übersäht war. Der Simonsplatz an der Kurve der Hauptstraße erhielt den Spitznamen Heiratsmarkt. Der Stöhnebrink ist erstaunlicherweise noch heute in Navigationssystemen von Autos eingespeichert. Es ist ein recht steiler Fußweg vom Bahnhof in Asemissen in die Altstadt, den viele Arbeiter früher nahmen, wenn sie aus Bielefeld kamen. Man stöhnte, weil es dort beschwerlich zu gehen war.

Das Oerlinghauser Gefängnis wurde beispielsweise als Cafe Dannenberg bezeichnet, weil der Wärter Dannenberg hieß. Bremer Hafen nannte man das Eckhaus an der Rathausstraße, Ecke Hauptstraße. Es gehörte der Familie Bremer, die dort eine kleine Gaststätte und einen Eisenwarenhandel betrieb.

Das Spitznamenbuch fand reißenden Absatz in Oerlinghausen, es war schnell ausverkauft. Die beiden Autoren Inge Berghoff und Klaus Ober denken über eine Neuauflage nach. Wer sich für das Spitznamenbuch interessiert, der sollte sich in eine Liste im Reisebüro am Simonsplatz eintragen lassen, empfiehlt Inge Berghoff.