Geburtsurkunde des Vaters brachte es an den Tag

Der Zufall und die NW führten drei Brüder wieder zusammen - Wie Herbert Niederhöfer seine Brüder in Argentinien fand

 

Von Dieter Burkamp

Oerlinghausen. Der Zufall und die NW haben drei Brüder wieder zusammengeführt. Zwei davon, Heinz und Fritz Kulemeyer, leben in Argentinien, der dritte Herbert Niederhöfer im lippischen Lemgo. Daß sie jahrzehntelang nichts von einander hörten, ja nicht einmal von ihrer gegenseitigen Existenz wußten, hat Gründe, die in Deutschlands dunkelster Vergangenheit liegen: Die drei Brüder sind Juden. Heinz und Fritz Kulemeyer wurden als Kinder mit ihren Eltern 1938 nah Argentinien verschrieben, Herbert Niederhöfer Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter, also nach der Diktion der braunen Machthaber, Halbjude, blieb in Deutschland. Da er die Nazizeit überlebte, ist ein Wunder. Doch zur Geschichte des glücklichen Wiedersehens der drei Brüder.

Es war im Jahre 1983, als sich Herbert Niederhöfer auf dem Oerlinghauser Standesamt um eine Geburtsurkunde seines Vaters, des Viehhändlers Julius Kulemeyer bemühte. Niederhöfers Ehefrau Else erinnert sich: „Die Dame im Standesamt wurde stutzig, als der Name Kulemeyer fiel. Von einem Kulemeyer war erst kürzlich in der NW die Rede. Warten Sie, ich hole mal eben den Artikel, sagte sie.“ Als sie ein paar Minuten später zurückkam, war die Überraschung bei den Niederhöfers groß. In der NEUEN WESTFÄLISCHEN war ein paar Wochen vorher unter der Überschrift „Heinz Kulemeyer stand vor dem Rathaus und suchte die Schule“ ausführlich über den Besuch eines ehemaligen jüdischen Mitbürgers berichtet worden. der nach fast fünf Jahrzehnten für einen Tag in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. „Das muß mein Halbbruder sein“, stellte Herbert Niederhöfer fest nachdem er den Zeitungsbericht mehrfach gelesen hatte. Und so war es tatsächlich. Nach 45 Jahren erfuhr Herbert Niederhöfer, daß er in Argentinien eine Bruder hat.

[Bild: Zwei Halbbrüder feierten Wiedersehen in Südamerika: Herbert Niederhöfer (links) und Heinz Kuhlemeyer, der 1938 mit seinen Eltern nach Moises Ville, 600 Kilometer von Buenos Aires entfernt, geflüchtet ist.]

Natürlich wollten die Niederhöfers sofort Verbindung zu ihren Verwandte aufnehmen. Der erste Kontakt lief übe Heinz Kuhlemeyers Sohn Jorge, der in Köln studiert. Else Niederhöfer: „Mein Mann brachte es vor lauter Aufregung gar nicht fertig, zu telefonieren. Auch ich hatte Herzklopfen, als ich die Nummer unseres Neffen wählte.“ Doch nachdem sie die anfängliche Scheu abgelegt haten, war die Freude auf beiden Seiten groß. Jorge informierte seine Eltern in Südamerika, die ersten Briefe wurde gewechselt, und schon bald flattert eine Einladung der Kulemeyers über den großen Teich: „Ihr müßt uns unbedingt in Argentinien besuchen. Auch Dein Bruder Fritz würde sich darüber freuen ...“ Das war die zweite Überraschung für Herbert Niederhöfer. Er hatte noch einen weiteren Bruder, der ebenfalls in Argentinien lebt.

Als Herbert und Else Niederhöfer vor drei Jahren die größte Reise ihres Lebens antraten, waren sie skeptisch. Wie würde man sie aufnehmen, was würden die „neuen“ Verwandten sagen? Doch das Eis war schnell gebrochen. „Ich sehe die beiden Brüder noch in der Halle stehen in Buenos Aires. Wir wurden aufgenommen, als wären wir nie getrennt gewesen. Es war alles so selbstverständlich, so als hätten wir immer zusammengehört“, berichtet Else Niederhöfer.

Natürlich gab es viel zu erzählen. Herbert Niederhöfer erfuhr, daß man die Kulemeyers nach ihrer Flucht vor den Nazis wie viele andere jüdische Mitbürger einfach in der Pampas ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen hatte. Der Aufbau einer neuen Existenz, wenn man überhaupt davon sprechen kann, war mühsam und hart. Die beiden Brüder Kulemeyer konnten sich noch an viele Einzelheiten erinnern, obwohl sie damals noch Kinder waren, als sie Oerlinghausen verlassen mußten. Ihr Vater Julius Kulemeyer, der 1964 in Argentinien gestorben ist, hat nie wieder über Deutschland geschweige denn seine Heimatstadt, in der die Familie über zweihundert Jahre gelebt hatte, gesprochen. Zu tief saß der Stachel, ausgestoßen zu sein, gemieden von Nachbarn und Freunden. Auch die Mutter Klara, die ihren Mann nur drei Jahre überlebte, erzählte nie etwas über die Heimat.

[Bild: Julius Kuhlemeyer, der Vater von Heinz und Fritz und von Herbert Niederhöfer. Er floh 1938 aus Oerlinghausen und lebte bis 1964 in Argentinien. Von Oerlinghausen, seiner Heimatstadt, in der seine Familie mehr als zweihundert Jahre lebte, hat er nie wieder gesprochen. Fotos und Repros: Burkamp]

Herbert Niederhöfer, der als unehelicher Sohn geboren wurde und bei seinen Großeltern aufwuchs, erfuhr erst von seiner Mutter, daß ihn sein Vater ursprünglich mit nach Argentinien hatte nehmen wollen. Doch der Großvater wollte den Jungen behalten.

[Bild: Diese alte Aufnahme, vergilbt und rissig, stammt aus den dreißiger Jahren. Sie zeigt Heinz und Fritz Kuhlemeyer vor ihrem Elternhaus in Oerlinghausen.]

Herbert Niederhöfer: „Mein Leben verdanke ich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem da-maligen Bürgermeister von Kleinenmarpe. Er hat mich dreimal vor einer Deportation bewahrt.“ Daß er Halbjude war, bekam Herbert Niederhöfer allerdings schon zu spüren: Seine Klassenkameraden hänselten ihn, er wurde zum Außenseiter. Nach der Schule wurde ihm eine Lehrstelle verwehrt, und Soldat werden durfte er natürlich auch nicht. Für die schwere Arbeit in einem Rüstungsbetrieb war der Nicht-Arier den Nazis allerdings nicht zu schade. Nach dem Kriege erlernte Niederhöfer das Polsterhandwerk und blieb in diesem Beruf bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung vor einigen Jahren. Die Nazizeit ist auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen: Er ist verschlossen, fast schüchtern. Man braucht Zeit, um mit ihm „warm“ zu werden.

Die Verbindung zu seinen Brüdern in Argentinien allerdings hat ihm Aufschwung gegeben. „Wenn nicht unsere Kinder hier lebten, wir würden ganz rübergehen.“

Moises-Ville heißt der kleine Ort, 800 Kilometer von Buenos Aires entfernt, in dem sein Bruder Heinz heute mit seiner Frau und fünf Kindern wohnt. „Wahrscheinlich wären wir dort als Rentner noch die Reichsten. Die Leute sind unvorstellbar arm, aber ihre Lebensart, vor allem ihre Herzlichkeit und ihre Gastfreundschaft sind überwältigend.“

[Bild: Herbert und Else Niederhöfer vor einer Karte von Südamerika, wo heute ihre Verwandten zu Hause sind.]

Das ist auch ein Grund, warum sich die Niederhöfers vorgenommen haben, wenigstens alle zwei Jahre nach Argentinien zu fliegen. Der Besuch für den Herbst ist schon vorprogrammiert. Doch jetzt freut man sich erst einmal auf das Kommen der Kulemeyer-Brüder. Sie gehören zu den ehemals jüdischen Mitbürgern, die von der Stadt zur 950-Jahr-Feier eingeladen worden sind.