Willys Wanderungen

Wie Ex-Bundeskanzler Willy Brandt der Bergstadt im Jahre 1976 einen außergewöhnlichen Besuch abstattete. Zu Fuß durch den Teutoburger Wald

 

[Bild: Autogrammwünsche: Bei größter Hitze signierte Willy Brandt Zettel und Bierdeckel. Neben ihm am Tisch Stadtdirektor Fritz Bollhorst, dahinter Otto Berghammer. Erika Bröker (r.) hatte eigens sein neuestes Buch geholt und bat um eine Unterschrift. Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Bröker | © Bi]

Oerlinghausen. Es waren heiße Zeiten im Kastanienkrug im Juli 1976. Hunderte von Oerlinghausern drängten bei hochsommerlicher Hitze an diesem Spätnachmittag in den Saal der Gaststätte, um bei einem denkwürdigen Ereignis dabei zu sein: Willy Brandt war zu Fuß von Bielefeld über die Berge gewandert und saß nun fröhlich, aber ziemlich verschwitzt am langen Tisch und trank ein großes, kühles Bier. Der damalige Ex-Bundeskanzler wurde begleitet von einigen Abgeordneten, Parteifreunden, Sicherheitsleuten und vielen Journalisten. Und die örtlichen SPD-Parteigenossen waren riesig stolz, dass der beliebte Politiker, der just zwei Jahre zuvor sein Amt niedergelegt hatte, nun Oerlinghausen besuchte.

Wie kam es zu diesem bemerkenswerten Aufenthalt in Oerlinghausen? Horst Steinkühler, der damalige SPD-Ortsvereinsvorsitzende, späterer Bürgermeister und Landtagsabgeordneter, erinnert sich: „Ostwestfalen schien auf der Urlaubsliste Willy Brandts ganz oben zu stehen. Schon während seiner Zeit als Bundeskanzler hatte er auf einer Zugfahrt durch die Region erklärt, hier würde er gern einmal Wanderungen unternehmen. Doch als Regierungschef blieb nie Zeit genug für solche Freizeit-Ambitionen.“

Gnadenlose Hitze

[Bild: Beifall: Horst Steinkühler (r.) hieß Ex-Bundeskanzler Willy Brandt im Kastanienkrug im Juli 1976 herzlich willkommen. An der Garderobe hing sein Spazierstock. Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Steinkühler | © bi]

Nun, nachdem Willy Brandt zurückgetreten war und Helmut Schmidt die Kanzlerschaft übernommen hatte, war es so weit. Die Vorbereitungen begannen auf dem SPD-Bezirkstreffen im Frühjahr 1976 im Haus Neuland. „Festlegung der Wanderstrecke, Sicherung der Wege, Übernachtungsmöglichkeiten, die Teilnehmerzahl der Wandergruppe, all das musste bedacht werden“, sagt Horst Steinkühler.

Gnadenlose Hitze lag über dem Teutoburger Wald am angekündigten Wandertag. In der Schopke herrschte allerdings bereits große Spannung, denn hier an der Stadtgrenze zu Bielefeld wollte man Willy Brandt begrüßen. Schon lange vor der angepeilten Ankunft waren alle Vorbereitungen getroffen: Steinkühlers kleiner Wohnwagen bildete eine Art Versorgungspunkt am Weg neben dem Wasserpumphäuschen, Doris Schluck von der Lipperreiher SPD hatte leckeren lippische Pickert gebacken. Der damalige Stadtverbandsvorsitzende Hans Brinkmann wollte ihm einen mit Korn gefüllten „Lippischen Schützen“ überreichen, die Oerlinghauser SPD-Frauen unter der Leitung von Waltraud Steinkühler hatten Kaffee gekocht. Es gab auch Bier.

„Habt Ihr auch etwas Wasser da?"

[Bild: Umringt: Der frühere Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brand wanderte durch Oerlinghausen. Neben ihm der damalige lippische SPD- Bundestagsabgeordnete Erhard Mahne, Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Bröker | © bi]

Doch Willy Brandt verspätete sich. Wegen der großen Hitze hatte er länger als geplant im Wochenendhaus der Bundestagsabgeordneten Elfriede Eilers pausiert. Doch nun kam der Tross entlang des Schopkebachs gewandert. „Habt Ihr auch etwas Wasser da?“, fragte der durstige Willy Brandt den wartenden Horst Steinkühler. „Wasser... wir hatten an alles gedacht, nur nicht an normales Trinkwasser“, erzählt Steinkühler heute lachend. In aller Eile lief er zur Friedhofsmühle hinüber, um dort nach etwas kühlem Wasser zu fragen. Ohne Erfolg. Doch Brandt nahm‘s gelassen. Es gab schließlich noch andere Getränke am Wohnwagen. Und der Weg zum Etappenziel „Kastanienkrug“ war ja nicht mehr weit.

Doch nun kam politischer Gegenwind aus Oerlinghausen. Steinkühler berichtet: „Die lippische Junge Union hatte an der Wegstrecke aus der Schopke eine kleine Demonstration geplant. Auf Schildern erinnerten sie daran, dass der Geburtsname Willy Brandts eigentlich Herbert Frahm sei. Oder auf anderen Schildern war zu lesen: Hier gibt’s Schwarzbier“. Doch da die SPD davon erfahren hatte, führte man trickreich die ganze Gruppe von Politikern und Journalisten auf einem anderen Weg - am Schützenplatz entlang - zum Kastanienkrug.

„Einer Sauna nicht unähnlich“, so beschreiben Teilnehmer die Atmosphäre im großen Saal des Kastanienkrugs, als alle Gäste angekommen waren. Auf der Bühne saß die Feuerwehrkapelle und spielte einige muntere Weisen. Bis auf die Straße standen die Oerlinghauser, um einen Blick auf den populären Politiker zu werfen. Gymnasiallehrer Arno Dorn trug ein selbstverfasstes Gedicht vor. Bürgermeister Erich Diekhof hielt eine kleine Willkommensrede, Horst Steinkühler ebenfalls. Andere Parteigenossen, wie der ehemalige Bürgermeister Heinrich Kramer, hatten die Chance, einige Worte mit Willy Brandt zu wechseln. Und schließlich hielt Brandt selbst noch eine kurze Dankesrede, in der er sich für die herzliche Aufnahme in der Bergstadt bedankte.

"Immer souverän Haltung bewahrt"

Freundlich und geduldig erfüllte er auch zahllose Autogrammwünsche auf Zettel und Bierdeckel. So lief Erika Bröker noch schnell nach Hause, um Willy Brandts jüngst erschienenes Buch zu holen, damit es der Ex-Bundeskanzler signierte. „Es fiel mir übrigens auf“, sagt sie heute, „dass Willy Brandt trotz der großen Hitze immer souverän Haltung bewahrte und stets noch eine Jacke über dem Wanderhemd trug.“

Auch über Nacht blieb Willy Brandt in Oerlinghausen. Er übernachtete im damaligen Segelflughotel an der Bleiche. Am nächsten Morgen nämlich ging die Wanderung weiter. Er wurde von einigen Begleitern abgeholt, und die große Gruppe setzte den Weg durch den Wald Richtung Detmold fort. Mittags kehrten die Wanderer beim Bienenschmidt ein, wo die Teilnehmer wieder gut bewirtet wurden. Dort endete übrigens auch die Betreuung durch die Oerlinghauser Genossen. Klaus Bens, der als Ortskundiger mit einem Kriminalbeamten aus Bonn die für die Streckensicherung zuständig war, sagt: „Ab Bienenschmidt haben andere lippische SPD-Ortsvereine Willy Brandt übernommen und sicher nach Detmold begleitet.“