Eine Wiedersehensfeier gab ihm den Namen
Baumgeschichten (I) - Die Freiligrath-Eiche hinter dem Scherenkrug
Leopoldshöhe-Asemissen (pivo). Der erste Teil der Serie handelt, wenn man so will, von einem „literarisch-politischen Baum“. Gemeint ist die Freiligrath-Eiche im Hof des ehemaligen Scherenkrugs in Asemissen, die mit ihrer mächtigen, knorrigen Krone weit in den Himmel hineinragt. Von der B 66 aus betrachtet wirkt die Eiche manchmal wie ein Riese, der gerade im Begriff ist, sich über das Dach des früheren Saalanbaus auf die Bundesstraße zu schwingen.
Die Eiche trägt den Namen von Ferdinand Freiligrath, jenem in Detmold geborenen Dichter und Literaten, der in den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgrund seiner offenen Opposition zu Preußen zweimal' ins Ausland flüchten mußte. „Fest und unerschüttert trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion sich entgegenstemmen!“ schrieb er im Jahr 1844 zum Beispiel.
[Bild: Ferdinand Freiligrath]
Freiligrath soll, so erfährt man in einem 50 Jahre alten Aufsatz von Woldemar Tenge-Rietberg, den letzten Tag vor seiner ersten Flucht, die ihn zunächst in die Schweiz und später nach London führte, auf dem Gut Barkhausen verbracht haben, zu dem der Scherenkrug ja früher gehörte. Und auch bei seiner endgültigen Rückkehr im Herbst des Jahres 1868, nach seinem zweiten Exil, soll wiederum der Wohnsitz seines Freundes Friedrich Ludwig Tenge erste Anlaufstation für den verfolgten Schriftsteller gewesen sein. Unter der auch damals schon sehr alten Eiche im Bauerngarten des Scherenkruges, so heißt es, saß Freiligrath damals mit seinen republikanischen Freunden und trank den ersten deutschen Wein auf deutschem Boden. In Erinnerung an die Rückkehr des Verbannten gaben die Freunde dem Baum den Namen „Freiligrath-Eiche“.
Die Solidarität der Gesinnungsgenossen in Barkhausen und anderswo - dazu zählten so populäre Namen wie Hoffmann von Fallersleben, Karl Grün, Dr. Otto Lüning, Annette von Trier und Karl Marx - hatte nach seiner ersten Rückkehr im Jahre 1848 nicht verhindern können, daß Ferdinand Freiligrath wegen „Aufreizung zum Umsturz" angeklagt und polizeilich verfolgt wurde.
Von 1851 an lebte er deshalb für weitere 17 Jahre im englischen Exil. Erst 1868 wurde er amnestiert und kehrte, hochgeehrt, endgültig in sein Heimatland zurück. Am 18. März 1876 starb Ferdinand Freiligrath in Cannstadt.
118 Jahre nach der denkwürdigen, feucht-fröhlichen Begrüßung im Garten des Scherenkrugs steht die Eiche noch immer. Nichts konnte dem geschichtsträchtigen Baum etwas Entscheidendes anhaben, selbst der Mensch nicht. In den letzten Jahrzehnten trug dann der Gesetzgeber dazu bei, daß der Baum auch noch zukünftigen Generationen seine Geschichte erzählt. Er wurde unter Denkmalschutz gestellt. Auch in der neuen Liste der Naturdenkmale, die von der zuständigen Kreisbehörde zur Zeit erarbeitet wird, ist die Freiligrath-Eiche hinter dem ehemaligen Scherenkrug in Asemissen eine feste Größe,
[Bild: Von der Bundesstraße aus ist nur die mächtige Krone der Freiligrath-Eiche zu sehen. Um den Baum in seiner ganzen Pracht zu bewundern, muß man sich in den Hof des ehemaligen Scherenkrugs bemühen. Vor 61 Jahren war das alles noch einfacher und bequemer. Damals war der Scherenkrug ein blühendes Gartenlokal, und der Gast konnte an Tischen unter dem Baum Platz nehmen (kleines Bild). Foto/Repro: Pieper]