Der Zug des Major Illig
Von August Westerheide
Heiligabend 1942 hatten wir in schweren Kämpfen den Mischkowa-Abschnitt erreicht. Von da waren es nur noch 48 km bis zur Einschließungsfront. Aus der allgemeinen Linie Gromoslawka-Wassiljewka-Birsowoj-Bahnlinie war für die Weihnachtsfeiertage der Sprung nach Stalingrad geplant, der der 6.Armee den Ausbruch ermöglichen sollte.
Nach Abzug der 6. Pz. Div. sollten wir, die zuvor aus dem Kaukasus eilig herangeführte und stark dezimierte 23. Pz. Div. (also 'meine' Division), unter Generallt. Frhr. von Boineburg-Lengsfeld, den Abschnitt der 6. Pz. Div. (rhein.-westf.) mit übernehmen.
Links von uns stieß die, durch schwere und lange Kämpfe ebenfalls stark dezimierte 17. (schwäb.-bayr.) Pz. Div. unter Generalmaj. v. Senger und Etterlin, nur ratensweise zur Armeegruppe.
Die von der 23. Pz. Div. zur Abschnittsübernahme abgestellte Kampfgruppe Illig bestand aus Teilen der III. Pz. Rgt. 23, dem Pz. PiBtl. 51, der Kradschützenkompanie des Pz. GrenBatl. 128 und dem später aufzunehmenden SPWBtl. 126
Die Abstellung erfolgte in der Nacht vom 23. zum 24. Dez. 1942.
Major Illig fuhr noch in der Nacht zum 24. Dez. vor, und kam gerade noch rechtzeitig, um mit den wenigen zur Verfügung stehenden Panzern und der Kradschützenkompanie die Lage zu bereinigen. Ich sollte nachkommen (ich hatte noch auf der Schreibstube zu tun).
Ich traf dann, nach einer halsbrecherischen Fahrt mit dem Kfz. 18 (s. S. 910), entlang der schneeglatten Balkas [Fußnote: Steilwandige Erosionsschluchten in den südruss. Steppen] auf dem Gefechtsstand ein. Der Major winkte dringend zu sich hin. Ich ließ allen Baiast im Pkw., griff nur nach dem Nötigsten und schwang mich in meinen Panzer.
Das war am frühen Morgen Heiligabend 1942.
Wir gerieten unmittelbar in einen russ. Angriff, der frontal auf uns zustieß. Mit unserem Gegenangriff erreichten wir zwar die alte Hauptkampflinie, konnten auch die in der Frühe, die dem Artillerie-Regiment verloren gegangenen beiden schweren Haubitzen zurückerobern, - aber nicht verhindern, daß westlich von uns, an der Nahtstelle zur 17. Pz. Div., russische Panzer durch die Neklinskaja-Schlucht zum Akssaij drängten, - während ostwärts, entlang der Bahnlinie nach Stalingrad, der Aufmarsch russ. Infanterie mit 2 Panzergruppen von 20-30 Panzern gemeldet wurde.
Inzwischen traf Führerbefehl ein: 'Eisenbahnbrücke und Straßenbrücke bei Krugljakoff unbedingt halten. Brücken von entscheidender Bedeutung,' der - entsprechend der Gefechtslage - die Kampfgruppe Illig betraf. Nach meiner Erinnerung empfing ich diesen Funkspruch, als ich mich an einem Funkwagen, den eine höhere Einheit zu uns abgestellt hatte, aufhielt.