Die Tagebücher des Fritz Reuter

Stadtgeschichte: Der Oerlinghauser NS-Propagandaleiter soll bei Kriegsende erschossen werden. Die Alliierten retten ihn und stecken ihn ins Lager

 

[Bild: Fritz Reuter zeichnete viele Bilder aus dem Lagerleben in Staumühle. Dieses Bild mit dem Datum 29.4.46 ist mit "An der Lagerstraße" beschrieben. | © Repro: Horst Biere]

Oerlinghausen. Es ist der 3. April 1945, Ostermontag, kurz vor Kriegsende. In Oerlinghausen tobt seit zwei Tagen ein gnadenloser Straßenkampf. Die amerikanischen Truppen stoßen mühsam von Haus zu Haus vor. Ein größenwahnsinniger Wehrmachtskommandant hat die Stadt zur Festung erklärt. Die Stadtverwaltung mit Nazi-Bürgermeister Friedrich Möller an der Spitze, vernichtet im Rathaus (heute Fliesenhaus) alle wichtigen Dokumente. Mit dabei ist Fritz Reuter, Oerlinghausens NS-Propagandaleiter. Da Reuter kurz zuvor mit den verzweifelt kämpfenden jungen Soldaten Kontakt hatte, schlägt er dem kommandierenden Leutnant die Übergabe der Stadt vor. Aber das bedeutet für den Kommandanten blanken Hochverrat. Er lässt sofort einen Trupp Soldaten zur Erschießung Fritz Reuters zusammenstellen. Doch der hat Riesenglück: Die Kämpfe mit den vorrückenden Amerikanern auf der Hauptstraße verhindern die Exekution. Das beschreibt er in seinen Tagebuchaufzeichnungen, die seit kurzem vorliegen.

Fritz Reuter, der mit seiner Familie an der Detmolder Straße in der Nähe des Sternenkrugs wohnte, gehörte zu den Nazi-Größen in der Bergstadt. „Er soll mehrere Oerlinghauser während der Kriegszeit denunziert haben“, sagt Heinz Risse über ihn. Der heute 94-jährige Risse erinnert sich daran, dass Reuter offenbar Bürger angezeigt habe, die den damals verbotenen „Feindsender“ BBC abgehört haben sollen.

[Bild: Zum Lagerleben in Staumühle gehörten auch die handwerklichen Arbeiten. Auf diesem Bild hat Fritz Reuter einen Schuhmacher gezeichnet. | © Repro: Horst Biere]

NS-Mann Reuter, der hauptberuflich als Entwürfezeichner, also Designer, in der damaligen Weberei arbeitete, hat in seinem Tagebuch die letzten Kriegsmonate in Oerlinghausen in Stichworten festgehalten. So berichteter über Treffen mit Bürgermeister Möller und den Lehrern Otto Elbracht und Bruno Hunke, sowie Edwin Warneken und Ortsgruppenleiter Paul Reuter im Herbst 1944, um einen Volkssturm zur Verteidigung der Bergstadt aufzustellen. Auch die Unterbringung organisiert. Zu Fritz Reuters Aufgaben gehörte ebenfalls eine Sammelaktion der „Volksopfer“ noch im Januar 1945. Volksopfer sind zumeist Kleider- und Sachspenden gewesen, die man dringend als Kriegsmaterial benötigte.

[Bild: Ein Selbstporträt von Fritz Reuter aus seiner Lagerzeit im Jahre 1946. | © Repro: Horst Biere]

Am 31. März, kurz bevor die alliierten Truppen die Stadt erreichen, wird der Bau von Panzersperren auf den Straßen Richtung Senne befohlen. Dann bricht das Chaos aus und in drei blutigen Tagen erkämpfen sich die amerikanischen Soldaten den Weg durch den Teutoburger Wald. Fritz Reuter wird von den Alliierten nach der Machtübernahme als Nazi-Verantwortlicher verhaftet und wandert ins Gefängnis. „Nach 24 Tagen Einzelhaft am 19. Mai 1945 um 11 Uhr entlassen“ steht in seinem Tagebuch. Reuter wird vorerst auf freien Fuß gesetzt, muss sich sogleich an den Aufräumarbeiten beteiligen, kann aber auch seinen Arbeitsplatz in der Weberei wieder einnehmen. Doch die Ermittlungen gegen ihn laufen weiter. Mitte August 1945 verhaftet man Reuter an seiner Arbeitsstelle und verfrachtet ihn in ein Straflager nach Recklinghausen.

[Bild: Fritz Reuter hat später gesellschaftlich wieder Fuß gefasst. Im Jahre 1955 errang er sogar die Königswürde der Oerlinghauser Schützen - zusammen mit seiner Königin Luise Schling. Der Thronadjudant des Königspaars war übrigens der im Text zitierte Heinz Risse. Repro: Horst Biere / Quelle: Schützengesellschaft]

Gemeinsam mit 8.600 Internierten haust Reuter im Recklinghäuser Lager unter „schrecklichen Bedingungen“ wie er schreibt, „in Baracken mit dreistöckigen Betten, knappem Essen, Läuse“. Und immer wieder gibt es Verhöre und Schläge von der englischen Lagerleitung und ihren Hilfstruppen. Er notiert: „Als ich eingeliefert wurde, wurde nur noch wenig geschlagen, auch steckte man den Männern kaum noch brennende Zigaretten oder Zigarren in die Nasenlöcher.“

In der Lager-Universität wird Wissen vermittelt

Kurz vor Weihnachten 1945 wird Fritz Reuter ins Lager Staumühle in der Senne verlegt. Das Lager auf dem heutigen Gebiet von Hövelhof gilt als große Entnazifizierungsstelle der Engländer. Viele Wirtschaftsbosse des Ruhrgebiets, hohe Nazifunktionäre aber auch Firmenchefs aus Westfalen sitzen hier ein. Auch in Staumühle sind die Lebensbedingungen für die Internierten äußerst miserabel. Die Gefangenen liegen auf Strohsäcken in den kaum beheizten Baracken, besitzen nur eine Wolldecke. Zu essen gibt es Steckrüben, Grütze mit Haferflocken, zu Weihnachten sogar einmal süße Mehlsuppe und Nudeln. Hunger, Krankheiten und Langeweile beherrschen den Alltag.

Die deutschen Internierten müssen ihr Lagerleben selbst organisieren. Da auch viele gebildete Menschen in Staumühle einsitzen, gibt es immer wieder Vorträge in den Gemeinschaftsbaracken, wo Fachleute ihr Wissen preisgeben. Sogar eine sogenannte „Lager-Universität“ wird ins Leben gerufen. Auf dem Stundenplan stehen Fremdsprachen wie Russisch oder Englisch aber auch Obstanbau oder Kleintierhaltung. Fritz Reuter hält Vorträge über Textilkunde - dank seines Wissens aus der Oerlinghauser Weberei. Und, weil er über eine große zeichnerische Begabung verfügt, malt er Bilder des Lagerlebens - mit einem einfachen Bleistiftstummel auf grobem Papier. Gegen eine Scheibe Brot oder eine Zigarette fertigt der Oerlinghauser auch Porträts seiner Mithäftlinge an. Reuter gelingt es sogar, einige der Zeichnungen aus seiner Lagerzeit zu retten und nach Oerlinghausen mitzunehmen. Mitte Juni 1947 geht Fritz Reuters Lagerhaft in Staumühle zu Ende. Man stellt ihm einen „Persilschein“, einen „Kenn- und Meldeschein für aus der Internierung entlassene Personen“ aus, und er kehrt nach Oerlinghausen zurück.