Nazis stürzen August Reuter

Stadtgeschichte: Wie Oerlinghausens Bürgermeister 1933 um sein Amt kämpfte und die Stadt in die Hände der braunen Machthaber fiel

 

Oerlinghausen. Er war den Nazis ein Dorn im Auge - August Reuter. Im Jahre 1933, als die neuen braunen Machthaber alle Ämter und Funktionen im Deutschen Reich übernahmen, waren Reuters Tage als Bürgermeister gezählt. Bereits am 11. März 1933, etwa einen Monat nachdem Hitler gewählt worden war, stürmte die SA das Oerlinghauser Rathaus, um den SPD-regierten Stadtrat und seinen parteilosen Bürgermeister aus dem Amt zu jagen.

In einem Protokoll, das von einem Oerlinghauser SA-Sturmbannführer W. verfasst wurde, ist zu lesen: „Oerlinghausen gilt im Lipperlande als Hochburg des Marxismus. Diese Stadt wird beherrscht von Bürgermeister August Reuter, der als Linksdemokrat anzusprechen ist ... er hat den Typ eines Halbjuden.“

Doch die erste Aktion der Nazis, Oerlinghausen zu „säubern“, lief ins Leere. Denn die Landesregierung in Lippe, die noch nicht vollständig in der Hand der Nazis war, deckte die braune Machtergreifung in der Bergstadt noch nicht. Die SA musste das Rathaus nach kurzer Zeit wieder verlassen.

August Reuter legt sich mit den Nazis an

Erbost beschwerte sich Sturmbannführer W. schriftlich, August Reuter müsse entfernt werden. Er habe immer versucht, die Nationalsozialisten zu unterdrücken. So habe Reuter eine frühere Kranzniederlegung der SA am Ehrenmal auf dem Tönsberg mit Polizei-Gummiknüppeln auseinandertreiben lassen. Auf den Oerlinghauser SA-Truppführer Kurt H., der sich später als größter Nazi-Schläger herausstellte, seien täglich Angriffe durch die „Marxisten“ erfolgt. Nie habe Reuters Polizei solche Fälle zur Anzeige gebracht.

Die Nazis geiferten: „Die marxistische Misswirtschaft und Parteibuchherrschaft, die brutale Unterdrückung des Bürgertums, der Oerlinghauser Geschäftswelt und vor allem das rücksichtslose Vorgehen gegen die SA sind Gründe genug, um hier in der schärfsten Weise durchzugreifen. Wie in keiner anderen Stadt waren unsere Leute geradezu vogelfrei und jeglicher Gefahr, Bedrohung und Misshandlung ausgesetzt.“

Und die Oerlinghauser NSDAP machte sogleich eine Eingabe an die Landesregierung, um zumindest Reuters Stellvertreter, zwei SPD-Stadträte, schnell zu entfernen. „Wir erwarten aber, die beiden sozialdemokratischen Stadträte Albert Schütte und Wilhelm Kramer ihrer Stadtratsposten zu entheben und durch nationale Männer zu ersetzen.“ Dabei setzte man Bürgermeister August Reuter offenbar so unter Druck, dass dieser Brief einen Zusatz erhielt: „Diesem Ersuchen kann ich mich nur vollinhaltlich anschließen, gez. Reuter.“

Doch der Terror auf den Oerlinghauser Straßen wuchs mit jedem weiteren Tag. In Aufmärschen zogen die Nazis durch die Stadt um den „roten Marxisten“ zu zeigen, wer nun das Land regierte. So wurde unter anderem der Leiter der Konsum-Verkaufsstelle August Hausmann mit dem Tode bedroht und letztlich ins Gefängnis geworfen (die NW berichtete). An die 40 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden vorübergehend in Haft genommen. Anführer vieler Aktionen war der frühere Seilergeselle SA-Truppführer Kurt H.

Nach neun Tagen wurde er abgesetzt

Neun Tage konnte sich August Reuter noch im Amt halten, dann wurde er von der Landesregierung für abgesetzt erklärt. Als angebliche Gründe nennt das Protokoll „Undeutschtum“, nicht aufstehen beim Abspielen des Deutschlandliedes, „marxistische Regionalpolitik“, „einseitige Bevorteilung der SPD“ und „ungerechte Behandlung des Parteigenossen Kurt H.“

Doch Reuter wollte sich offenbar nicht geschlagen geben. Er verfasste einen sechsseitigen Brief an die Landesregierung, um sich zu rechtfertigen. Zeitzeugen bezichtigten ihn deswegen eines „Wechselspiels“ und des Einschmeichelns, um seinen Posten zu retten. Doch aus heutiger Sicht erscheint es eher als der Versuch, sich selbst und seine Familie vor Gefängnis und Konzentrationslager zu bewahren.

August Reuter zählte in dem Brief seine Erfolge als Bürgermeister auf, denn er hatte das Amt seit 1919 bekleidet. Er verwies auf seine Leistungen für Oerlinghausen, wie die Verschönerung des Stadtbildes, den Bau des Kriegerehrenmals an der Kirche, des Lönsdenkmals auf dem Tönsberg und die drei großen Bauten für die Jugend: das Schullandheim in der Senne, die Jugendherberge und das Naturfreundehaus.

August Reuter versuchte, auch die Nazis umzustimmen, indem er an seinen Einsatz als „Frontkämpfer“ des Ersten Weltkriegs erinnerte, sowie die Tatsache, dass sein Vater August Reuter bereits als Gemeindevorsteher Oerlinghausens gearbeitet habe und sogar eine Straße, die „Reuterstraße“, nach ihm benannt worden sei.

Erst vertrieben, dann zurückgeholt

Doch er hatte keine Chance, denn die Nazis hatten nach kurzer Zeit einen NSDAP-Parteigenossen, H. Möller, als neuen Oerlinghauser Bürgermeister eingesetzt. Bald schwenkten auch viele Oerlinghauser auf die NS-Linie ein. August Reuter wurde aus der Bergstadt vertrieben. Sein Weg führte ihn über Brackwede schließlich nach Münster, wo er als gelernter Kommunalbeamter eine untergeordnete Stellung bei der Landesregierung bekam.

Aber Reuter feierte ein Comeback als Bürgermeister. Nach dem Zusammenbruch des braunen Regimes am Ende des Zweiten Weltkriegs und als Oerlinghausen nach schweren Kämpfen in der Hand der Alliierten war, baten ihn Freunde - mit Billigung der amerikanischen Besatzer - noch einmal, das Amt anzutreten. NS-Bürgermeister Möller wurde ins Lager gesteckt, August Reuter übernahm den Posten in schwierigster Lage noch einmal. Aber nur ein gutes Jahr später wählte der neuformierte Stadtrat Heinrich Kramer als Bürgermeister. August Reuter starb mit 71 Jahren am 24. Dezember 1960.