Wer 1860 zwei Häuser besaß, hatte in der Dorfversammlung auch das doppelte Stimmrecht

Kolonatsnummern in Oerlinghausen - Vortrag vor dem Historischen Verein

 

Oerlinghausen (kr). Der Hausbesitzer Lübbertsmeier war um das Jahr 1860 einer der reichsten Einwohner von Oerlinghausen - zumindest, was den Viehbesitz angeht. Nicht weniger als sieben Kühe nannte der Mann, der in der heutigen Hauptstraße 53 wohnte, sein eigen. Sein Domizil hatte damals aber noch eine andere Adresse: Im Verzeichnis der Kolonatsnummern besaß es die »80«. Mit diesem Verzeichnis beschäftigte sich der Vor

trag, den Fritz Soll zum Auftakt der Referatsreihe dieses Jahres vor dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein Oerlinghausen hielt. Im Stadtarchiv hatte Fritz Soll es erarbeitet: 134 Hausbesitzer gab es vor 125 Jahren in der Bergstadt, und sie besaßen 172 ½ Kühe.

Die merkwürdige Zahl kam so zustande: Rinder zählten nur die Hälfte einer Milchkuh.

Die »Einlieger«, wie Mieter damals genannt wurden, hatten meist statt des Großviehs nur Ziegen. Kein Hausbesitzer besaß ein solches Tier - es war offenbar unter der Würde der Bürger, die eigenen Besitz hatten. Beileibe nicht alle Hausbesitzer hatten auch Einlieger. In der Hauptstraße waren es um die Mitte des 19. Jahrhunderts ganze 16 Häuser, in denen Eigentümer und Mieter unter einem Dach lebten. Aus der Kolonatsliste ist auch ersichtlich, welche Häuser eine Hudeberechtigung hatten. Sie durften Vieh auf den gemeindeeigenen Flächen weiden lassen. Die Genehmigung ging beim Besitzerwechsel auf den neuen Eigentümer eines Hauses über, war also an das Gebäude und nicht an eine Person gebunden. Nicht jeder Hausbesitzer bekam eine Hudegenehmigung und nicht jeder konnte demnach auch Vieh halten. Vornehmlich in der Detmolder Straße, der Hauptstraße, der Hermannstraße und der Jägerstraße lagen Häuser, die keine Weideberechtigung hatten.

Hauseigentum sicherte vor mehr als einem Jahrhundert nicht nur Wohlstand, sondern meist auch Sitz und Stimme in der Dorfversammlung. 86 Hausbesitzer waren dort stimmberechtigt - wer mehr als ein Haus besaß, bekam für jedes Anwesen eine Stimme. Solchermaßen einflußreiche Leute waren zum Beispiel F. W. Freitag, der die Häuser 56 und 57 in der Hauptstraße besaß, und der Posthalter Gröppel.

Das System der Kolonatsnummern ist einige Jahrhunderte alt. Die Häuser waren ursprünglich von 1 an fortlaufend nummeriert. Durch Brand oder Abriß verschwundene Gebäude hinterließen Lücken in der Liste, so daß das Verzeichnis von 1860 ein wenig durcheinandergewürfelt erscheint. Die ältesten noch vorhandenen Häuser (mit den niedrigsten Nummern) waren das Haus 1 (Hauptstraße 86) und das Haus 2 (Hattenkerls Hof). Neben der Windmühle auf dem Tönsberg existierte damals ebenfalls noch ein Haus, dessen Grundmauern sich heute noch andeutungsweise im Gestrüpp nördlich des Tönsbergweges erkennen lassen. In diesem Haus wohnte wohl der Müller mit seinem Knecht. Manche alten Häuser sind in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 in Flammen aufgegangen - zum Beispiel die Gastwirtschaft »Kommode« in der Hauptstraße, an deren Stelle heute, in unmittelbarer Nähe der evangelischen Kirche, ein Parkplatz liegt. Zwischen der Kommode und der gegenüberliegenden Gastwirtschaft »Zum alten Vogt« lag damals eine der Oerlinghauser Zollstellen, an denen jeder seinen Obolus entrichten mußte, der die längst nicht mehr bedeutsame Grenze des Fürstentums Lippe überschritt.

Die Straße war hier nur 2,90 Meter breit. - Keine Chance also, die Grenze »ungeschoren« zu passieren.

[Bild: Ausschnitt aus dem Kolonatsverzeichnis von 1860/61: jedes Haus war mit einer Nummer gekennzeichnet - mit Ausnahme der im Kirchbesitz befindlichen Gebäude, des Amtshauses und des Brachtshofs, die schraffiert dargestellt sind.]