Kessel stehen seit 35 Jahren unter Dampf
Bielefelder Hartsteinwerke haben schon 1,1 Milliarden Kalksandsteine gehärtet
[Bild: Auf dem Firmengelände der Bielefelder Hartsteinwerke in Oerlinghausen werden die Kalksandsteine mit Kran und Gabelstapler aufgetürmt. Sonderformate werden vorher in Schrumpffolie eingeschweißt. Früher wurden all diese Arbeiten per Hand erledigt.]
Oerlinghausen (SL). Können Sie sich 1,1 Milliarden Kalksandsteine auf einem Stapel vorstellen? Über- oder nebeneinander. Nein? Wie wäre es denn mit 220 000 Kalksandsteinen? Noch zu viel. Dann nehmen wir 30 000 Kalksandsteine — kleiner geht es nun wirklich nicht. Strengen Sie Ihre Phantasie doch ein bißchen an. Also, 30 000 Kalksandsteine werden durchschnittlich benötigt, um ein normales Einfamilienhaus zu errichten. Umgerechnet auf das Normalformat versteht sich, denn Kalksandsteine gibt es in verschiedenen Größen.
Die Bielefelder Hartsteinwerke an der Bleiche produzieren 25 verschiedene Kalksandsteine - auf das Normalformat umgerechnet 220 000 Steine pro Tag. Damit könnten 7,3 Wohneinheiten errichtet werden. Bei 220 Arbeitstagen im Jahr wären das 48,4 Millionen Kalksandsteine, mit denen man 1 613 durchschnittlich große Einfamilienhäuser bauen könnte. In 50 […..] chen Wasser, und fertig ist die Laube. Halt! Ganz so einfach ist es denn doch nicht, sonst könnte ja fast jeder seinen Stein selbst backen. Apropos Backen: Kalksandsteine werden nicht gebrannt wie Ziegel. Sie werden vielmehr gehärtet. Das ist ein feiner Unterschied und bedeutet weniger Energieverbrauch bei der Herstellung. Aber dazu kommen wir später.
Noch Sand für 20 Jahre
Zunächst einmal muß der Sand abgebaut werden. Die Bielefelder Hartsteinwerke, die sich im Besitz der Familie Haßler befinden, haben ihre eigene große Sandgrube. Zumindest besitzen sie die Abbaurechte für insgesamt 40 Hektar Fläche unterhalb des Barkhauser Berges bis zum Wistinghauser Weg. Der jetzt noch vorhandene Sand reicht ungefähr noch für die nächsten 20 Jahre.
Für die Rekultivierung des Grundstückes ist indes die Stadt Oerlinghausen verantwortlich. Das Wie und Wieviel und Womit war über viele Jahre nicht so ganz einfach. Aber jetzt haben sich die zuständigen Fachbehörden offensichtlich über den Rekultivierungsplan geeinigt, im September soll der erste Spatenstich erfolgen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Zurück zum Sand: Er wird in der Grube abgebaut und über Förderbänder zur Siebanlage transportiert, wo grobe Verunreinigungen entfernt werden. Von dort wird der Sennesand in den Mischer befördert, wo er mit ungelöschtem Brandkalk und Wasser vermengt wird. Der Kalk, dessen Anteil sich um die 10 Prozent bewegt, kommt nicht etwa vom benachbarten Kalkwerk Foerth. Die Hartsteinwerke beziehen hochwertigeres Material vielmehr aus Lengerich und dem Sauerland. Der Wasseranteil der Mischung liegt bei nur 5 Prozent.
[Bild: Vollautomatisch werden die Rohlinge, die zuvor in der Preßmaschine mit 300 bis 500 Tonnen Druck zusammengepreßt worden sind, auf die Steinhärtewagen geladen. Noch ein prüfender Blick, dann werden die Wagen zu den Härtekesseln gezogen.]
Schließlich wird die Mischung rund zwei Stunden in Silos gelagert, bis der Kalk gelöscht ist. Dann wandert das Ganze in die Preßmaschine, wo das Rohmaterial in Formen mit einer Kraft von 300 bis 500 Tonnen gepreßt wird. Die Rohlinge werden automatisch auf die Steinhärtewagen gestapelt und in die einzelnen Härtekessel gezogen, von denen die Hartsteinwerke acht Stück besitzen.
Hier geht es richtig zur Sache. Die Rohlinge werden nun bei hohem Überdruck bei einer Temperatur von 203 Grad Celsius vier Stunden gehärtet — wie im Schnellkochtopf (na ja, fast). Durch einen chemischen Prozeß verwandelt sich die gepreßte Mischung in Calciumhydrosilikat, die Kalksandsteine sind fertig.
Mit Hilfe einer automatischen Schiebebühne werden die Härtewagen aus den Kesseln gezogen und mit einem Kran entladen. Die leeren Härtewagen werden wieder in die Halle befördert und mit Rohlingen beladen, der Kreislauf schließt sich. Das geht jeden Tag so, von 6 Uhr morgens bis 23.30 Uhr abends. Die Kalksandsteine werden gelagert - die Sonderformate sogar in Schrumpffolie eingeschweißt - beziehungsweise auf die Lastwagen der Baustoffgroßhandlungen aufgeladen.
Was, Sie haben gedacht, die Geschichte wäre hier endlich zu Ende? Aber eines fehlt doch noch. Erinnern Sie sich? — Richtig, die Sache mit dem Energieverbrauch. Heutzutage doch ein wichtiges Thema.
20 Liter für 1 000 Steine
Die Hartsteinwerke feuern seit rund zwei Jahren gemäß der neuen TA Luft mit leichtem Heizöl, dessen Schwefelanteil 0,2 Prozent beträgt. Früher wurden Heizöle verwendet mit einem höheren Schwefelanteil. Wurden ehemals für die Herstellung von 1 000 Steinen 30 Liter Schweröl verfeuert, fressen die Öfen heute 20 Liter leichtes Heizöl. Mit der Verwaltung der Bergstadt sind sogar schon Gespräche geführt worden, ob das naheliegende Heizkraftwerk im Sommer den Hartsteinwerken Dampf liefern kann. Aber bis es soweit ist, fließt bestimmt noch viel Wasser den Menkhauser Bach hinunter.
[Bild: In diesen Härtekesseln erhält der in Formen gepreßte und auf Härtewagen gestapelte Rohling den letzten Schliff. Die Mischung aus Kalk, Sand und Wasser entwickelt sich in vier Stunden unter 16 bar Dampfdruck zu einer Calciumhydrosilikatverbindung - der Kalksandstein ist fertig. Fotos: Lahr]