Die Oerlinghauser Revolution von 1848

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Viel ist über die Revolution in Oerlinghausen geredet und geschrieben worden. Wenn wir aber den Gang der Ereignisse überschauen, so dürfen wir wohl sagen, daß es eigentlich keine Revolution, sondern vielmehr das unwürdige Verhalten rauflustiger und betrunkener Burschen war. Teilnehmer dieser sogenannten Revolution waren selbständige Handwerker, Tagelöhner und kleine Kötter. Fabrikarbeiter gab es damals noch nicht in Oerlinghausen. Schuld daran war wohl die allgemeine politische Schwüle, die in jenen Märztagen über ganz Deutschland lag. Man wollte seinem Herzen einmal gründlich Luft machen und das befolgen, was überall erzählt wurde und von Mund zu Mund wie ein Lauffeuer verbreitet wurde. Es solle nämlich die Detmolder Regierung verfügt haben, daß jedermann nach Herzenslust einmal vier Wochen lang tun und lassen könne, was er wolle. Es ist erklärlich, daß der einzelne dazu den Mut nicht aufbrachte. Aber bald rottete sich eine nicht geringe Zahl rauflustiger Burschen zusammen, die nun einmal „Revolution“ machen wollten. Revolution war bei ihnen gleichbedeutend mit Vernichtung und Zertrümmerung aller möglichen Werte, Zerstörung von Fensterscheiben, Diebstahl, Plünderung usw., und schließlich wollte jeder einmal sich an „seinem Herrn“ das Mütchen kühlen. Damit nun auch der erforderliche Mut aufkam, sprach man zunächst dem Alkohol, namentlich dem Schnaps, recht tüchtig zu. Nachdem man nun die wenigen Kneipen „abgekloppt“ und sich überall eins „hinter die Binde“ gegossen hatte, hielt man den Zeitpunkt für gekommen. Rädelsführer war der Zimmermann Berkemeier, der später nach Amerika flüchtete. Der erste Besuch galt dem Kaufmann Hildebrand (heute Asemissen, Adolf-Hitler-Straße). Hildebrand hat die Ereignisse vor seinem Hause am andern Tage dem Regierungsrat Heldman mitgeteilt, und Otto Weerth veröffentlichte diesen Brief in den „Mitteilungen   1904“. Ich lasse auch diesen Brief, der uns einen anschaulichen Bericht über den Abend des 18. März 1848 gibt, im Wortlaut folgen:

„Oerlinghausen, 19. 3. Morgens 4 Uhr.

Lieber Freund!

Kaum hast Du uns verlassen, so ist denn auch hier das Unglück da. Gestern Abend zog ein Trupp von c. 25 Handwerksburschen und anderem Ges. mit Gewalt und Krawall auf der Straße herum, warfen vor die Häuser und auch in die Fenster und auch mir einige Scheiben entzwei. Ich suchte sie gütlich zu beschwichtigen und sie zogen für das mal ab, kamen aber wieder und triebens ärger, Wessel und Schütz gaben sich dazwischen, indeß das wollte nicht helfen, gegen ½ 12 Uhr schien jedoch alles beigelegt. Ich legte mich gegen ¾ 1 Uhr zu Bett, hatte aber kaum ½ Std. gelegen, als das Zerstören wieder in weit größerem Maße losging. Ich stehe auf und mache, daß ich auf die Straße komme um die Leute zu beschwichtigen als auf einmal auch meine Frau die Leute um Ruhe bitten höre und zugleich sehe ich wie sie von einem Menschen über den Kopf zu Boden geschlagen wird, da reißt meine Geduld. Ich hatte meines Vaters Stock verborgen in der Hand und schlage quer durchs Gesicht, daß er betäubt zu Boden stürzt, 4—5 andere, die auf mich eindringen und schlagen, haben im Nu ein gleiches Schicksal und so schlage ich glücklich die ganze Meute in die Flucht, ich weiß selbst nicht, wie mirs hat glücken können. Da wecke ich Löhr mit seinen Gesellen, schicke zu W. und S., indeß zu spät, die Meute kommt wieder und weil die zu Hülfe Gerufenen mich in Stich ließen, mußte ich vor Steinwerfen mich zurückziehen und nun blieb nichts heil, ich wußte mich nicht mehr zu retten, Steine von der Größe eines 10 Pfund-Stückes flogen fortwährend durch Fenster, ich hatte mein Gewehr in Händen, hielt mich aber, bis plötzlich ein Stein meiner Frau auf den Magen flog, daß sie niederstürzte, da blitzte es und der Werfer hatte den Schrotschuß in den Waden und wackelte und stürzte. Darauf wurde nun bald Ruhe. Gott gebe daß es bleibt. Ich glaube sagen zu dürfen, daß ich alles was von einem Menschen an Ruhe verlangt werden kann, beobachtet habe, aber es ging nicht mehr. P. F. gehen nun Angesessene auf den Straßen. Es sind noch andere Verwüstungen angerichtet, das Amtshaus wenig, Cantor desgl., ich glaube auch bei Sch. Melm und anderen.

Wenn Du kannst, d. h. Zeit hast, so thue doch dafür, daß streng möglich untersucht wird, die Thäter sind nach meinem dummen Verstände leicht herauszukriegen, 5, 6 sind von mir alle mit einem gut gerathenen Schlage quer durchs Gesicht so gezeichnet, daß sie lange zu kennen. Berkemeyer (der Einl.), der die Waden voll hat, wird von allen als der rechte, dems zugekommen bezeichnet.

Ich kann vor Zittern nicht mehr schreiben, Du liest's ja wohl. Eine traurige Veranlassung zum ersten Schreiben an Dich

Dein Freund

F. C. F. Hildebrand.

Nach Beendigung der Attacke kam der Schuhmacher Lepper zu mir, um mich zu bewegen, den Geschossenen zu besehen, diesen frug ich aus, was wohl der Beweggrund, und da sagte er mir, daß ich gesagt, daß statt weniger Beamte weit mehr sein müßten. Ich werde irgendwo geäußert haben: das Volk will weniger aber bey dem was verlangt und nun auch bewilligt ist, werden mehr sein müssen oder der Art etwas.“

Bald nach Empfang des Briefes reiste der Regierungsrat Heldman mit höchster Genehmigung nach Oerlinghausen ab, um den Landsturm zu organisieren und aus den naheliegenden Bauerschaften hinlängliche Mannschaften in das Dorf zu verlegen. Von dieser Maßregel erhoffte man entscheidenden Erfolg, da jeder Oerlinghauser Einwohner- einen Feuerhaken besaß, der „mit eisernen Spitze eine treffliche Waffe abgab“. Außerdem verließ man sich auf Heldmans ruhige Besonnenheit und war der Überzeugung, daß der von Handwerksburschen unter Führung des von Hildebrand verwundeten Berkemeier erregte Tumult bei gehöriger Organisation der Gegenmaßregeln nicht gefährlich werden würde. — Als Heldman nach 8 Tagen zurückkam, war die „Revolution“ glücklich beendet, und es wird berichtet: „Einige Gespenster, die man sich gebildet, indem man Freunde für Feinde angesehen, haben zwar Schrecken, hinterher aber Heiterkeit verbreitet, und die Organisation der Volksbewaffnung geht rasch vorwärts. — Nur für Tenge, der arg mißhandelt, aber jetzt zurück ist, fürchtet man noch.“

Am 24. März war ein großer Haufe Rietberger nach Oerlinghausen gekommen, um bei Tenge auf Rittergut Barkhausen, welcher ihr Brotherr war, allerlei Zugeständnisse zu erpressen. Auch der preußische Landrat war unter ihnen, um das Vorhaben der Burschen zu vereiteln, zum mindesten aber, um sie zu beruhigen. Wenn auch nicht viel demoliert wurde, den Gutsbesitzer Tenge nebst Frau nahmen sie aber mit. Viele Oerlinghauser rissen ihre Fenster auf und sahen dem traurigen Zuge nach, andere stellten sich hinter die Gardinen und Türen, aus Angst, daß auch ihnen etwas geschehen könne. Frau Regierungsrat Heldman sah vom Fenster dem Zuge nach. Sie schrieb ihrem Manne nach Detmold: „Alle sehen aus, wie die Leichen — Viele sind mit Flinten und Säbeln bewaffnet. Den ganzen Tag hört man nichts wie die fürchterlichsten Drohungen vom Volke ausstoßen, wie sie jetzt die Herren wären usw.“ — Die Bewohner von Greste, Mackenbruch und Währentrup waren aufgeboten und wollten dem Gutsbesitzer Tenge zur Hilfe eilen. Als sie aber auf dem Gute ankamen, waren die Rietberger längst mit Tenge und Frau abgezogen. Sie wollten aber nicht umsonst gekommen sein und forderten daher von dem Dienstpersonal des Herrn Tenge Branntwein und Geld. Immer mehr Neugierige fanden sich ein, und bald sah man bis zu hundert Mann auf dem Hofe versammelt. Gerichtsbeamte aus Oerlinghausen waren hinzugekommen, um die Volksmenge zu beschwichtigen. Zum Teil gelang es ihnen auch, nachdem jeder etwas Geld bekommen hatte. Ein Trupp marschierte dann mit Musik nach dem Kruge in Helpup, wo das Geld in Alkohol umgesetzt wurde, andere gingen in den Scherenkrug. Von einigen Rauflustigen wurde dann der Abend noch „weiter ausgenutzt“ Kurzerhand bewegte sich der Rest, vom alten Kruge kommend, in Richtung Währentrup. Der Anführer war ein gewisser Plaßmann. Zunächst zerstörte und zertrümmerte man auf dem Hofe des N. Fensterscheiben, Möbel, Geschirr, forderte Würste, Geld, Schnaps usw. Nachdem man hier zwei Stunden gehaust, ging's weiter zum Hofe des H. Hier hauste man in ähnlicher Weise. — Am nächsten Tage traf von Detmold Militär ein, das der Revolte in Oerlinghausen ein Ende bereitete. Viele der Rädelsführer wurden eingesperrt. Plaßmann kniff später aus der Gefangenschaft aus und floh nach Amerika. — Damit hatte auch die Oerlinghauser Revolution von 1848 ihr Ende erreicht,

Einer späteren Zeit muß es vorbehalten bleiben, auf die Revolution von 1918, wie sie sich hier auswirkte, einzugehen. In mancher Beziehung lassen sich, was Ausschreitungen gegen hiesige Bürger betrifft, leider zu viele Parallelen ziehen.