Randale im Dorf
Stadtgeschichte: Wie sich die erste deutsche Revolution von 1848 in Oerlinghausen und Umgebung abspielte. Viel Branntwein führte zu Plünderungen
[Bild: Protestzug: Im Namen der Revolution zog die wilde Meute Rietberger Bauern durch Oerlinghausen, um ihre Dienstherren Tenge auf Gut Niederbarkhausen gefangen zu nehmen. | © Zeichnung: Ernst Meier Repro: Horst Biere, Quelle: Werner Höltke]
Oerlinghausen. Ein Märzabend im Jahre 1848 auf der Oerlinghauser Hauptstraße. Eine größere Gruppe total betrunkener junger Männer zieht randalierend die holperige Gasse entlang. Vor dem Haus Nummer 24 des betuchten Kaufmanns Hildebrand (heute KiK-Markt) halten sie an. Es fliegen Steine, fast alle Scheiben gehen zu Bruch. Als die Frau des Kaufmanns sich dem wilden Haufen in den Weg stellt, wird sie zu Boden geschlagen. Hildebrand greift zu einem dicken Knüppel und schlägt die Angetrunkenen in die Flucht. Doch die Randalierer kommen zurück und werfen wieder Steine, von denen einer seine Ehefrau in den Magen trifft.
Nun macht Hildebrand ernst: er holt seine Jagdflinte heraus und schießt eine volle Schrotladung auf die Angreifer. Zimmermann Berkemeier wird in den Waden getroffen, Panik kommt auf und die ganze Meute stürmt davon. Auch Berkemeier kann fliehen und versteckt sich vorerst in Ubbedissen. So ist in einem Anklagebrief des Kaufmanns an Regierungsrat Heldmann im Oerlinghauser Amtshaus, beschrieben.
Der Bericht, den später der Heimatforscher Otto Weerth veröffentlicht, schildert deutlich, wie sich der Auftakt der deutschlandweiten Revolution von 1848 in Oerlinghausen abspielte. Die Handwerker und Tagelöhner hatten von den neuartigen Forderungen nach „Freiheit“ und „Gleichheit“ gehört, tranken sich gehörig Mut an und gingen auf die Straße. Weitere Häuser und öffentliche Gebäude im Dorf waren an jenem Tag das Ziel der jungen Übeltäter, das Pfarrhaus an der Kirche, das Amtshaus (heute Stadthotel) und auch die Apotheke.
Werner Höltke referierte kürzlich vor den Mitgliedern des Lippischen Heimatbundes im Jägerhaus über die lokalen Ereignisse, die die ersten Unabhängigkeitsbewegungen in Deutschland mit sich brachten. Doch die Randale auf der Hauptstraße bildete nur den Auftakt einer Reihe von gewalttätigen Auseinandersetzungen im März 1848. Einige Tage später zog ein Haufen marodierender Rietberger („de Rebbersken“) im Namen der Revolution durch das Dorf, um ihren Dienstherrn, den Gutsbesitzer Tenge-Rietberg auf Gut Niederbarkhausen gefangen zu nehmen und um mehr Zugeständnisse zu erpressen.
Gutsbesitzer Tenge und seine Gattin werden entführt
„Alle sehen aus wie Leichen“, beschrieb die Frau des Regierungsrats Heldmann den angetrunkenen Haufen auf der Straße, „aber bewaffnet mit Flinten und Säbeln“. Auf Niederbarkhausen angekommen, gelang es ihnen tatsächlich, den Gutsbesitzer Tenge und seine Frau zu entführen.
Aber im Gegenzug hatte die Amtsverwaltung die Bewohner von Greste, Mackenbruch und Währentrup nach Niederbarkhausen beordert, um Familie Tenge zu schützen. Als die Gruppe der Bauern zum Gut kam, waren die Rietberger längst abgezogen. Doch da man nun einmal da war, konnte man sich ja im herrenlosen Gut und bei den verschreckten Bediensteten bedienen. Die gaben den heimischen Randalierern auch etwas Geld und reichlich Branntwein. Wieder geriet die Lage außer Kontrolle.
Letztlich gelang es den herbeigerufenen fürstlichen Beamten Wessel und Dr. Caesar die tobende, angetrunkene Menge aufzuteilen und sie zum Abzug zu bewegen. Man versprach ihnen ein zünftiges Gelage in Helpup. Während einige dort blieben und das erbeutete Geld bereits im Scherenkrug vertranken, zogen mehrere Gruppen unter Anführung eines Trommlers zum Gasthaus „Alter Krug“ nach Helpup. Die Zecherei ging munter weiter.
Nach einiger Zeit aber konnte Auditor (Richter) Dr. Caesar die meisten Bewohner der umliegenden Höfe zum Heimgang bewegen. Nur ein harter Kern von etwa 50 Landarbeitern ließ nicht mit sich reden. Es war das Gerücht aufgekommen, Landwirt Niemann in Währentrup habe sich abschätzig über die „geringen Leute“ geäußert. Dem wollte man es einmal zeigen. Kolon Simon Plassmann führte am frühen Abend die johlende Gruppe, die mittlerweile wieder auf 100 „Revolutionäre“ angewachsen war, nach Währentrup.
Etwa zwei Stunden randalierte die Gruppe auf Niemanns Hof. Fenster wurden eingeworfen, Spinnräder, Kaffeetassen, Töpfe und Mobiliargingen zu Bruch. Voller Angst überließ ihnen Bauer Niemann seine Schinken-, Wurst- und Branntweinvorräte. Dann ging’s weiter zu „Huneken Hof“ in Währentrup No. 6. Auch hier das gleiche Spiel: die Plünderung und die Suche nach Lebensmittel und Schnaps. Einer der Übeltäter gab bei einem späteren Verhör zu Protokoll, er habe total betrunken im Straßengraben gelegen und sei erst nach Stunden von Kolon Hölter und einem Knecht herausgezogen worden. Die nächste Station der Meute war Wellentrup. Auch hier besetzte die betrunkene Menge den Hof No. 10 und verlangte die Herausgabe der Vorräte.
Einer der Anführer kann nach Amerika fliehen
Nun aber griff die Obrigkeit hart durch. Schon am nächsten Tag hatte das fürstliche Militär die Lage unter Kontrolle und alle Unruhestifterwanderten ins Gefängnis. Die Anführer und Hauptbeschuldigten erhielten hohe Gefängnisstraßen bis zu zwei Jahren. Die Verteidigung durch den Advokaten Bette brachte schließlich eine gewissen Abmilderung der Strafen, denn er schob die Schuld an der Randale auf die Politik.
In ganz Deutschland habe es schließlich Proteste und Aufbegehren gegen die kleinstaatliche Willkür und für eine demokratische Verfassung gegeben. Gleichwohl wanderten die Oerlinghauser Randalierer ins Gefängnis. Nur Anführer Simon Plassmann gelang es, aus der Haft in Detmold zu fliehen und nach Amerika zu entkommen.