Revolution in Örlinghausen 1848

 

Ältere Örlinghauser werden sich noch des „alten Hildebrand" erinnern. Er war der Sohn des Örlinghausen Pastors Hildebrand und hatte in seinem Heimatsorte ein noch jetzt bestehendes Kaufmannsgeschäft mit der Firma F. C. F. Hildebrand gegründet; daneben war er ein passionierter Jäger und verstand Flinte und Büchse vortrefflich zu handhaben. Mir steht er als eine kraftvolle, gedrungene Gestalt mit frischer Gesichtsfarbe und weißem Bart und Haar vor Augen, ein Bild von Gesundheit und Kraft, und ich erinnere mich, noch zu seinen Lebzeiten, d. h. vor mehr als 40 Jahren, davon gehört zu haben, daß er im Revolutionsjahre 1848 einen Kampf mit einer revoltierenden Rotte allein und siegreich ausgefochten hat. Auf diese Begebenheit bezieht sich der folgende Brief, den Hildebrand an den Regierungsrat, späteren Regierungspräsidenten Heldman, richtete. Heldman war Amtmann in Örlinghausen gewesen und kurze Zeit vor dem in Rede stehenden Ereignisse als Regierungsrat nach Detmold berufen. Da der Brief ein anschauliches Bild der damaligen Verhältnisse gibt, wird er als ein kleiner Beitrag zur Geschichte des Revolutionsjahres nicht ohne Interesse sein. Es mag noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Örlinghauser Revolte zu derselben Zeit, in der Nacht vom 18. auf den 19. März stattfand, als sich in Berlin die bekannte Märzrevolution abspielte. Der Brief lautet:

Oerlingh. 19/3 Morgens 4 Uhr. Lieber Freund!

Kaum hast Du uns verlassen, so ist denn auch hier das Unglück da. Gestern Abend zog ein Trupp von c. 25 Handwerksburschen und anderem Ges. mit Gewalt und Krawal auf der Straße herum, warfen vor die Häuser und auch in die Fenster und auch mir einige Scheiben entzwei. Ich suchte sie gütlich zu beschwichtigen und sie zogen für das mal ab, kamen aber wieder und triebens ärger, Wessel und Schütz gaben sich dazwischen, indeß das wollte nicht helfen, gegen ½ 12 Uhr schien jedoch alles beygelegt. Ich legte mich gegen ¾ Uhr zu Bett, hatte aber kaum ½ St. gelegen, als das Zerstören wieder in weit größerem Maße losging. Ich stehe auf und mache, daß ich auf die Straße komme um die Leute zu beschwichtigen als auf einmal auch meine Frau die Leute um Ruhe bitten höre und zugleich sehe wie sie von einem Menschen über den Kopf zu Boden geschlagen wird, da reißt meine Geduld. Ich hatte meines Vaters Stock verborgen in der Hand und schlage quer durchs Gesicht, daß er betäubt zu Boden stürzt, 4 - 5 andere, die auf mich eindringen und schlagen, haben im Nu ein gleiches Schicksal und so schlage ich glücklich die ganze Meute in die Flucht, ich weiß selbst nicht, wie mirs hat glücken können. Da wecke ich Löhr mit seinen Gesellen, schicke zu W. und S., indeß zu spät, die Meute kommt wieder und weil die zu Hülfe Gerufenen mich in Stich ließen, mußte ich vor Steinwerfen mich zurückziehen und nun blieb nichts heil, ich wußte mich nicht mehr zu retten, Steine von der Größe eines 10 Stückes flogen fortwährend durch Fenster, ich hatte mein Gewehr in Händen, hielt mich aber, bis plötzlich ein Stein meiner Frau auf den Magen flog, daß sie niederstürzte, da blitzte es und der Werfer hatte den Schrotschuß in den Waden und wackelte und stürzte. Darauf wurde nun bald Ruhe. Gott gebe daß es bleibt. Ich glaube sagen zu dürfen, daß ich alles was von einem Menschen an Ruhe verlangt werden kann, beobachtet habe, aber es ging nicht mehr. P. F. gehen nun Angesessene auf den Straßen. Es sind noch andere Verwüstungen angerichtet, das Amthaus wenig, Cantor desgl., ich glaube auch bei Sch. Melm und anderen.

Wenn Du kannst, d. h. Zeit hast, so thue doch dafür, daß streng möglich untersucht wird, die Thäter sind nach meinem dummen Verstände leicht herauszukriegen, 5 - 6 sind von mir alle mit einem gut gerathenen Schlage quer durchs Gesicht so gezeichnet, daß sie lange zu kennen. Berkemeyer (der Einl.), der die Waden voll hat, wird von allen als der rechte, dems zugekommen bezeichnet.

Ich kann vor Zittern nicht mehr schreiben. Du liest's ja wohl. Eine traurige Veranlassung zum ersten Schreiben an Dich.

Dein Freund

F. C. F. Hildebrand.

Nach Beendigung der Attacke kam der Schuhmacher Lepper zu mir, um mich zu bewegen, den Geschossenen zu besehen, diesen frug ich aus, was wohl der Beweggrund, und da sagte er mir, daß ich gesagt, daß statt weniger Beamte weit mehr sein müßten. Ich werde irgendwo geäußert haben: „das Volk will weniger aber bey dem was verlangt und nun auch bewilligt ist, werden mehr sein müssen oder der Art etwas."

Bald nach Empfang des Briefes reiste der Negierungsrat Heldman mit höchster Genehmigung nach Örlinghausen ab, um den Landsturm zu organisieren und aus den naheliegenden Bauerschaften hinlängliche Mannschaften in das Dorf zu verlegen. Von dieser Maßregel erhoffte man entscheidenden Erfolg, da jeder Örlinghauser Einwohner einen Feuerhaken besaß, der „mit seiner eisernen Spitze eine treffliche Waffe abgab." Außerdem verließ man sich auf Heldmans ruhige Besonnenheit und war der Überzeugung, daß der von Handwerksburschen unter Führung des von Hildebrand verwundeten Berkemeier erregte Tumult bei gehöriger Organisation der Gegenmaßregeln nicht gefährlich werden würde.

Als Heldman nach 8 Tagen zurückkam, war die „Revolution" glücklich beendigt, und es wird berichtet: „Einige Gespenster, die man sich gebildet, indem man Freunde für Feinde angesehen, haben zwar Schrecken, hinterher aber Heiterkeit verbreitet, und die Organisation der Volksbewaffnung geht rasch vorwärts. — Nur für Tenge, der arg mißhandelt, aber jetzt zurück ist, fürchtet man noch."

 

W.