Die Absetzung des Bürgermeisters August R.
Im Rahmen der allgemeinen Gleichschaltung blieben selbst die kleinsten Kommunen und Gemeinden von den Nationalsozialisten und deren Drang zur Macht nicht verschont; auch die lippische Kleinstadt Oerlinghausen nicht.
Vor der Machtübernahme wurde das "rote Oerlinghausen" von einem parteilosen Bürgermeister regiert, der jedoch von der SPD - Mehrheit im Stadtrat getragen wurde (siehe oben). Bürgermeister R. stammte aus einer alt eingesessenen Oerlinghauser Familie, war seit 1913 Berufsbeamter und hatte im ersten Weltkrieg aktiv gedient. Sein Wählerkreis in Oerlinghausen bestand sowohl aus Arbeitern als auch aus mehr liberal und konservativ eingestellten Bürgern. In den Jahren seiner Regierung bemühte er sich, wie er es selbst nannte, "es allen recht zu machen". Durch seine Autorität als Alteingesessener und gut statuierter Oerlinghauser wurde dann der Besitzbürger R. (er besaß mehrere Mietshäuser) zum Bürgermeister des "roten Oerlinghausens".
Während seiner Regierungszeit dann betrieb R. von der öffentlichen Meinung und der SPD - Ratsmehrheit mehr oder minder gezwungen nahezu SPD - Politik. Schon von daher war seine Politik gegen den beginnenden Nationalsozialismus gerichtet. So bezeichnete er die Nationalsozialisten als "Bande von politischen Dummköpfen" oder als "Unruhestifter und Staatsfeinde". Im Nachhinein betrachtet fällt es schwer darüber zu urteilen, ob dieses seine eigene Meinung war oder ob er die Nazis nur aus opportunistischen Gründen so nannte. Zum Ende der Weimarer Republik hin war seine Politik, bedingt durch das Übergewicht der SPD, feindlich gegen die Nationalsozialisten gerichtet. So wurden zum Beispiel Umzüge oder Totenfeiern der SA, die von außerhalb kam, behindert oder sogar verboten. Zum anderen beschwerten sich die Nationalsozialisten darüber, daß ihre politischen Kundgebungen nicht ausreichend von der Oerlinghauser Polizei geschützt würden. Das war verständlich, denn der größte Teil der Oerlinghauser Bevölkerung war den Nazis nicht wohlgesonnen. So waren die Mitglieder der SA häufig Beschimpfungen, aber auch tätlichen Angriffen ausgesetzt.
Mit besonderen Repressalien mußte sich der zu der Zeit einzige Nationalsozialist und spätere Obersturmbannführer H. abfinden. Für ihn führte das Ankleben eines NSDAP - Wahlkampfplakates entweder zu einer nicht geringen Geldstrafe oder zu einer mehrtägigen Haftstrafe. Offizielle Hausdurchsuchungen durch die Polizei waren für ihn keine Seltenheit. Es ist klar, daß sich im Laufe der Zeit Haßgefühle im Innern der Nazis gegenüber R. aufstauten, den sie für diese "Politik der Nadelstiche“ verantwortlich machten.
Diese Haßgefühle dann hatten in der eigenmächtig inszenierten Absetzung des Bürgermeisters inclusive Rathausbesetzung ihr Ventil. Diese Aktion vom 11.03.1933 fand jedoch keine Billigung seitens der Parteiführung. Daher mußte die Absetzung des Bürgermeisters noch um neun Tage verschoben werden.
Denn am 20.03.1933 war es dann endlich soweit: Bürgermeister R. wurde offiziell als abgesetzt erklärt. Angebliche Gründe dafür waren z.B.:
Undeutschtum (Nichtaufstehen heim Abspielen des Deutschlandliedes)
Marxistische Regionalpolitik
Einseitige Bevorteilung der SPD
Ungerechte Behandlung des Pg. H.
Daraufhin versuchte R. sich bei den neuen Machthabern regelrecht anzubiedern, unter Berufung auf seine Maßnahmen zum Wohle Oerlinghausens und auf seine nationale Gesinnung.
Vom heutigen Zeitpunkt aus betrachtet wirkt R.‘s Politik wie ein Lavieren zwischen den Mächten, wobei er sich immer den Mächtigeren anschloß. Als Nichtzeitgenosse fällt es schwer, R. deshalb zu verurteilen, denn viele in dieser Zeit verhielten sich ebenso.
Doch trotzalledem, R.’s Bemühungen, die Gunst der Nationalsoziallisten zu erwerben blieben erfolglose, so daß R. abgesetzt blieb und somit seine politische Laufbahn beenden mußte.
Folgende Quellen bestehen aus:
a) Anklage des Pg. C. gegen R.
b) Bericht eines nationalsoz. Redakteurs des "Oerlinghauser Anzeigers"
c) Bericht eines SPD - Mitgliedes über R.
d) Verteidigungsschrift R.’s gegen Vorwürfe der Nationalsozialisten
e) Bericht der NSDAP - Ortsgruppe Oerlinghausen über R.