Geschichte der Bewegung
Von Obersturmführer Heumann.
Wer als Fremder nach Oerlinghausen kam, war beglückt von der Schönheit der Natur und dem Städtchen selbst. Anders war es allerdings mit der Politik bestellt. Die Nähe der Großstadt Bielefeld und des westfälischen Industriegebietes machte sich stark bemerkbar. Die Propaganda streckte von hier ihre Fühler aus und hatte gute Erfolge in der Taktik der Verhetzung der sonst recht bürgerlich und gesittet lebenden Bewohner, zumal viele Bürger durchaus desinteressiert sein zu müssen glaubten, was unsern Kampf ja immer am meisten beschwerte. Dies machte sich besonders. bemerkbar, als ich im Februar 1929, der erste Nationalsozialist und SA.-Mann, im Städtchen Arbeit erhielt. Die braune Uniform mit der roten Armbinde löste ein Erstaunen nach dem andern aus. Man hatte doch bisher noch keine „Nazi“ gesehen, und die „erfahrenen Politiker“ erklärten am Biertisch, daß Hitler nur Krieg wolle und deshalb die SA. brauche. Eine intensive Aufklärung war seinerzeit nicht möglich, da die nächsten Ortsgruppen sich in Bad Salzuflen und Bielefeld befanden. Um die Fühlung mit der Bewegung aufrecht zu erhalten, wurde am 3. März 1929 eine Wagner-Versammlung in Bielefeld mit dem Arbeitskameraden H. Bartels besucht und daselbst mit Parteigenossen und SA.-Männern aus Leopoldshöhe die Einzelheiten für eine Versammlung besprochen. Die ersten Schritte waren getan, Leopoldshöhe wurde selbständige Ortsgruppe und die Bearbeitung für Oerlinghausen war sichergestellt. Nach dem Parteitag in Nürnberg, an dem ich teilgenommen hatte, fand im Essener Hof (Vereinszimmer) die erste Versammlung mit Pg. Voß (Bochum) statt. Es waren 40 Personen anwesend, Kampfschatz und Neuaufnahmen konnten nicht erzielt werden. Saalschutz wurde von Bielefelder und Leopoldshöher SA.-Männern gestellt. Dank der tatkräftigen Arbeit des Sturmführers Karl Werder erstand in Salzuflen der Sturm 108, von den Gegnern „Blutsturm“ genannt. Der Fahnenträger war „der kleine Heumann“ aus Oerlinghausen, der die Fahne in Verwahrung hatte und zu jedem Dienst mit dem Fahrrad nach Salzuflen radelte. Mein Einsatz wurde damit gelohnt, daß der Sturm 108 per Rad oder Kraftwagen wiederholt in Oerlinghausen Propagandamärsche machte, so daß die Bevölkerung buchstäblich auf dem Kopf stand. Der Terror setzte nach jedem Aufmarsch stärker ein und so manche Schlägerei wurde eingesteckt. SPD und Stadtverwaltung arbeiteten Hand in Hand, und die Polizei kam oft zu „Besuch“. Die Versuche, den „Nazijüngling“ aus Arbeit und Brot zu bringen, scheiterten an dem Seilermeister Allmandinger. Allmandinger setzte sich in jeder Beziehung für seine Gehilfen ein, und so mancher SA.-Kamerad erhielt Verpflegung und Nachtquartier. Am 7. September 1930 erklärte H. Bartels seinen Eintritt in die Partei. Oerlinghausen zählte jetzt 2 Parteigenossen. Für die Reichstagswahl am 14. September 1930 wurden einige Versammlungen abgehalten, und der Erfolg am Wahltag war glänzend.
Reichstagswahl vom 20. Mai 1928:
SPD 999
Volkspartei 349
Deutschnationale Volkspartei 97
Zentrum 17
KPD 61
Demokratische Partei 160
Wirtschaftspartei 22
NSDAP 10
Bauern- und Landvolkpartei 9
Volksrechtpartei 100
Reichstagswahl vom 31. Juli 1932:
SPD 1 116
NSDAP 666
KPD 216
Zentrum 29
Deutschnationale Volkspartei 71
Deutsche Volkspartei 67
Wirtschaftspartei 10
Staatspartei 34
Bauern- und Landvolkpartei Volksdienst 53
Reichstagswahl vom 6. November 1932:
NSDAP 535
SPD 975
KPD 345
Zentrum 15
Deutschnationale Volkspartei 76
Radikaler Mittelstand 12
Deutsche Volkspartei 117
Staatspartei 19
Volksdienst 75
Landtagswahl vom 15. Januar 1933:
SPD 1 014
Deutsche Volkspartei 99
Deutschnationale Volkspartei 34
Lippisches Landvolk 2
KPD 279
Staatspartei 24
NSDAP 673
Katholische Volksvertretung 17
Evangelischer Volksdienst 79
Reichstagswahl am 5. März 1933:
NSDAP 751
SPD 1 012
KPD 244
Zentrum 12
Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 69
Deutsche Volkspartei 75
Evangelischer Volksdienst 59
Staatspartei 23
Reichstagswahl vom 14. September 1939:
SPD 992
Volkspartei 201
Deutschnationale Volkspartei 49
Zentrum 17
KPD 116
Staatspartei 219
Wirtschaftspartei 46
Radikale Deutsche Staatspartei 8
NSDAP 248
Bauern- und Landvolkpartei 6
Volksrechtpartei 46
Im Februar 1931 wurde Oerlinghausen Stützpunkt. Die Pg. Meißner, Kleimann, Hesse, Paul Reuter und Kuhlmann trugen zu diesem Gelingen bei. Bartels war Stützpunktleiter. Für die SA. konnte leider kein Kämpfer gewonnen werden. Der Pg. Meißner war noch in der Lehre, opferte aber ohne das Wissen seines Lehrmeisters manche Nacht. Die SPD. setzte mit einem Werbefeldzug ein, Otto Wels rief nach dem zweiten Mann, und an jeder Litfaßsäule prangten die gelben Plakate. In der Nacht waren sie mit roter oder schwarzer Farbe überstrichen. Am Tage wurden neu Plakate geklebt, auch diese wurden verschönert. Dieses Schauspiel ging 8 Taqe. Ergebnis: SPD, hatte 2 Neuaufnahmen: 1 Jude und 1 Reporter. Auf unsere Seite traten Geldstrafen, nach der Berufung 10 Tage „Erholung auf Staatskosten“. Der Terror auf der Straße wurde am 4. Oktober 1931 durch eine größere Schlägerei gebrochen. Messer und Stahlruten fanden Verwendung als „Handwerkszeug“. Für den 9. November 1931 war eine Totenehrung, mit dem Sturm 108 angesetzt. Die Genehmigung für einen Propagandamarsch und die Feier an den Ehrenmälern hatten wir bereits erhalten. In letzter Stunde wurde die Genehmigung für den Marsch und die Feier für den Sturm 108 zurückgezogen mit der Begründung, daß in Preußen ein Demonstrationsverbot bestehe und in den folgenden Tagen in Lippe ebenfalls in Kraft trete. In Wirklichkeit hatte der Leiter der Ortspolizeibehörde auf das Betreiben der SPD, deren Strohmann er war, uns aus eigenem Entschlusse die Genehmigung entzogen. Laut Verordnung der Ortspolizeibehörde konnten nur ein Führer, Sturmfahne und 3 Mann mit dem Kranz das Ehrenmal betreten. Der Sturm 108 trat geschlossen mit 120 Mann in Oerlinghausen an und „ging in aufgelöster Ordnung“, Sturmführer Werder, Sturmfahne und 2 Kränze, zum Ehrenmal an der Kirche. Die Polizei versuchte uns auf Befehl ihres Leiters, der sich an diesem Tage vertreten ließ, auf-zuhalten und den Weg zu versperren. Wir erreichten doch den Durchgang und traten einzeln vor das Ehrenmal. Sturmführer Werder gelobte hier, nicht eher zu ruhen, bis diese Schmach getilgt sei. Von hier aus ging es auf den Tönsberg zum Ehrenmal der ehemaligen 145er. Die gesamte Gendarmerie von Oerlinghausen, Lage und Leopoldshöhe war vertreten und hatte Befehl, die Totenehrung zu verhindern. Es wurde sogar versucht, Sturmführer Werder zu verhaften, man begnügte sich dann aber mit der Feststellung der Personalien. Das Ehrenmal durfte mit 15 Schritt Abstand von Mann zu Mann betreten werden. Zwei Polizeibeamte sorgten dafür, daß der Abstand nicht verringert wurde. An diesem Tage haben wir einen Schwur geleistet, der 1½ Jahr später eingelöst wurde. Während wir auf diese Art und Weise schikaniert wurden, tobte sich Rot-Front in der Stadt aus, die aus Salzuflen und der Senne Verstärkung erhalten hatten. Die Bewegung erhielt nach und nach mehr Mitglieder, und es mußte wiederholt ein Führerwechsel vorgenommen werden. Am 43. Geburtstag des Führers wehte zum ersten Male die Hakenkreuzfahne über Oerlinghausen. Die Frau des Pg. Paul Reuter nähte in aller Eile eine Hakenkreuzfahne, und in der Nacht vom 19. zum 20. April 1932 wurde sie auf dem Windmühlenstumpfe auf dem Tönsberge befestigt, zum Entsetzen der Bürger. Nach dem SA.-Verbot wurde ein SA.-Trupp in Oerlinghausen, einschließlich Helpup und Kachtenhausen, aufgestellt. Besonders treue und zuverlässige Männer waren: Richard Schulz, Franz und Georg Cieplik, Fritz Meißner und später Heinz Witte, denen kein SA.-Dienst zuviel wurde. Die Reichstagswahl am 31. Juli 1932 stand vor der Tür und am 30. Juli 1932 sollte eine Versammlung mit Pg. Irrgang (Bielefeld) stattfinden. Am 27. Juli 1932 fand die Propaganda mittels eines Transparentes und durch Verteilung von Flugblättern statt. Die Marxisten brachten alles auf die Straße Und am „Kastanienkrug“ kam es zu einem Zwischenfall. 4 Mann SA. und 3 Pg. standen gegen 150 Marxisten. Die Polizei trieb die Ansammlung auseinander, und am 29. Juli wurde die Propaganda mit 15 Mann SA. wiederholt. Es gab einen kleinen Zwischenfall mit der Gendarmerie, in dessen Verlauf die SA. aufgehalten und zurückgetrieben wurde. Die Propaganda wurde dadurch nur wirksamer. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht Oerlinghausen am 10. November 1932 wurden Schulz, Franz Cieplik und ich wegen Waffentragens am 27. Juli 1932 (kurzer Spaten) zu je 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Ich wurde außerdem wegen des Vorfalles am 29. Juli nochmals zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Verfahren wurde später auf Grund der §§ 1, 4 des Gesetzes über Straffreiheit vom 20. Dezember 1932 eingestellt. Der Wahlkampf für die Landtagswahl in Lippe brachte auch uns 36 SA.-Kameraden aus dem Ruhrgebiet. Einzelquartiere waren in diesem Maße nicht aufzutreiben, deshalb wurden die Kameraden in der Zigarrenfabrik Reuter, Detmolder Straße, einquartiert. Die Verpflegung wurde zusammengeholt; die Bürger opferten also schon, wenn auch nur im Stillen. Das Kochen besorgten wir selbst. Zweimal in der Woche gab es bei Freunden der Bewegung zu essen, damit erstens Abwechslung vorhanden war, und zweitens wurden die Lebensmittel knapp. Was in diesen 12 Tagen geleistet wurde, kann nur der ermessen, der dabei gewesen ist. Am Tage Propaganda und nachts Saalschutz. Dazu kommt noch die Wache, denn die Marxisten versuchten unser Heim auszuräuchern, war doch das Reichsbanner 150 Mann und die Antifa 45 Mann stark. Die SA. dagegen nur 7 und 36 Mann. Wir mußten öfter beim Leiter der Polizeibehörde antreten, wurden gehörig abgekanzelt und mußten die Fahnen und Transparente entfernen. Unser Mut wurde dadurch nur erhöht. Das größte Ereignis bildete in diesen Tagen die Hitlerkundgebung am 5. Januar 1933 im „Scherenkrug“. Der Erfolg der Arbeit stand auf unserer Seite, wurde doch der Führer am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt.
Nach der Machtübernahme galt es in erster Linie den Hobel anzusetzen, und wo gehobelt wird, fallen bekanntlich auch Späne. Es wurde zwar hart, aber durchaus sachlich der Hobel geführt. Das wird heute von ehemaligen Gegnern, die jetzt in unseren Reihen kämpfen, besonders anerkannt. Am 6. März 1933 wurde die schwarzrotgelbe Fahne vor dem Rathause verbrannt und gleichzeitig auf sämtlichen öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahne gehißt. Am 18. März 1933 marschierte der ehemalige Sturm 108 unter Führung von Sturmbannführer Werder in Oerlinghausen und löste das Gelöbnis vom 9. November 1931 ein. Am 20. März 1933 wurde der Pg. Kreissekretär Möller (Blomberg) als kommissarischer Bürgermeister nach Oerlinghausen beordert. Dieser löste sofort Stadtrat und Stadtverordnetenversammlung auf und leitete die Verwaltung der Stadt unter eigener Verantwortung. Der blühende Parlamentarismus war mit einem Schlage vernichtet. Hand in Hand mit dem kommissarischen Leiter der Ortspolizeibehörde wurde von der SA. und SS. eine bewaffnete Hilfspolizei aufgestellt, die jetzt im besten Einvernehmen mit der ordentlichen Polizei den Straßendienst versah und die Erfolge der nationalsozialistischen Revolution festigte. Vor allem galt es, die auf Anweisung Moskaus verbissen arbeitenden Kommunisten unschädlich zu machen, um nicht noch zuletzt einen blutigen Bruderkampf aufkommen zu lassen. Das Reichsbanner und die SPD. ließen sich nicht mehr sehen, sie lieferten Waffen, Uniformen, Akten und sonstiges Material freiwillig aus, sie hatten eingesehen, daß sie mit ihrer Weisheit zu Ende waren. Auch nicht einmal für 8 Tage hätten sie die 478 Arbeitslosen der Stadt mit der zur Gewohnheit gewordenen Unterstützung versorgen können. 437 000,— RM. Schulden, darunter jahrelang aufgesummte Rückstände an Zinsen, unbezahlte Rechnungen usw., war das Erbe, das wir antraten. Mit nationalsozialistischer Energie ging es sofort an die Sanierungsarbeit. Bei der sogenannten Gleichschaltung des Stadtparlaments getrauten sich die ehemals regierenden Herrscher, wahrscheinlich mit Rücksicht auf ihre Hinterlassenschaft, auch gar nicht, einen Wahlvorschlag einzureichen, so daß nunmehr ein einheitlich nationalsozialistisches Stadtparlament gebildet werden konnte. Der Stadtrat wurde aus den Pgg. Paul Reuter, August Gronemeier und Hermann Diekmann gebildet. Der kommissarische Bürgermeister Möller wurde endgültig gewählt. Durch ungetrübte Zusammenarbeit der Partei, Stadtverwaltung und SA. wurde Ordnung in die Verhältnisse gebracht. Ein Viertel der Schulden wurde bis heute abgetragen. Statt 428 sind nur noch 26 Erwerbslose vorhanden. Mehrere Wegebauten, Spritzenhausneubau, Bau einer Badeanstalt, Aufkauf der Anteile des Elektrizitätswerkes, Vergrößerung und Ausbau des Segelflugplatzes und die Sanierung des völlig ins Wanken geratenen Verwaltungsapparates neben dem großen Schuldenabtrag sind die Beweise einheitlichen nationalsozialistischen Wollens in der Stadt Oerlinghausen. Wie im ganzen Reich, steht man auch hier die klaren Beweise nationalsozialistischen Aufbaues.
„Und Ihr habt dennoch gesiegt!“
Treue dem Führer!