Bericht der NSDAP über Bürgermeister Reuter
S.A. der N.S.D.A.P.
Der Führer des Sturmbanns II/55.
B.-B. Nr. …/33,
An die
Standarte 55
Detmold
Bad Salzuflen, den 03.09.1933
In der Anlage überreiche Ich den verlangten Bericht betr.
Bürgermeister Reuter, Oerlinghausen.
1 Anl.
Der Führer des Sturmbanns II/55
SA DER N.S.D.A.P.
BAD SALZUFLEN
m. d. F. b.
Filges
Sturmhauptführer
Bericht über die politische Einstellung und Tätigkeit des früheren Bürgermeisters Aug. R., Oerlinghausen.
Ich kenne Herrn R. seit Herbst 1926. Ich kam mit dem Auftrag nach Oerlinghausen, um dort eine neue Lokalzeitung und zwar den "Oerlinghauser Anzeiger" zu gründen und aufzuziehen. Herr Bürgermeister R. den ich naturgemäß zuerst aufsuchte, war von dieser Gründung nicht besonders erfreut und zwar, wie ich später feststellen konnte, aus dem Grunde, weil ihm das Organ der SPD, das Volksblatt, besonders nahestand. Er hat seine Unterstützung schließlich unter der Bedingung zugesichert, dass wir uns "streng neutral" verhielten und uns jeglicher Stellungnahme und Kritik an den politischen Verhältnissen in Oerlinghausen enthielten.
Herr R. war der Bürgermeister einer Stadt, deren Einwohnerschaft in überwiegender Mehrzahl bis zum Frühjahr 1932 marxistisch eingestellt war, während der kleinere Teil der Bevölkerung liberalistischen und demokratischen Ideen huldigte. Die sogenannten Rechtsparteien waren in Oerlinghausen in den Nachkriegsjähren wenig oder gar nicht vertreten. Ich führe dieses aus, um damit ein Bild zu geben über die politische Einstellung der Oerlinghauser Bevölkerung, die man in Herrn R. als getreues Spiegelbild wiederfinden konnte. Herr R. hat, solange er Bürgermeister in Oerlinghausen gewesen ist, stets auf der Seite der roten Mehrheit gestanden, was ich in meinen weiteren Ausführungen näher begründen und beweisen werde.
Oerlinghausen war der besondere Stolz der beiden Bielefelder SPD-Größen und wenn diese Herren auf Versammlungen in Oerlinghausen sprachen, dann haben sie die Oerlinghauser Bevölkerung als "rote Hochburg" stets mit besonderem Stolz gelobt und anderen Gemeinden als nachahmenswertes Beispiel marxistischer Gemeindepolitik empfohlen. Herr R. war während seiner ganzen Amtszeit der Exponent der marxistischen Machthaber. Durch ihr einmütiges Vertrauen ist er se Zt. zum Bürgermeister gewählt worden. Er hat den marxistischen Wünschen entsprechend so gearbeitet, dass er nach Ablauf seiner Wahlzeit wenn ich mich nicht irre 1932 - wiederum zum Bürgermeister gewählt wurde. Die SPD hat ihm damit ihr unzweideutiges Vertrauen zum Ausdruck gebracht. Allerdings ist Herr Bürgermeister R. auch mit den Stimmen der sogenannten "Bürgerlichen" gewählt worden, dabei muss man berücksichtigen, dass Herr R. aus einer alten Oerlinghauser Familie stammt und mit einer großen Anzahl Oerlinghauser verwandt und verschwägert ist. Es ist mir bekannt und ich kann jederzeit unter Beweis stellen, dass die bürgerlichen Gemeindevertreter, deren Ansicht übrigens für eine nationalsozialistische Politik nicht maßgebend ist, Herrn R. nicht deswegen gewählt haben, weil er infolge seiner marxistischen-freundlichen Einstellung ein besonderes Vertrauen genoß, sondern weil sie das kleinere Übel dem größeren durch seine Wahl vorzuziehen glaubten. Man muß berücksichtigen, dass die roten Herrschaften im Oerlinghauser Gemeindeparlament in absoluter Mehrheit und deshalb in der Lage waren, irgendeinen ihrer Genossen auf den Oerlinghauser Bürgermeisterstuhl zu setzen.
Dieses wollte man durch die Zustimmung zu seiner Person verhindern, da Herr R. durch seine enge Verbundenheit zur Oerlinghauser Bürgerschaft diese naturgemäß nicht ganz übergehen konnte. Die Oerlinghauser SPD betrachtete Herrn R. als ihren Mann, auf den sie sich bei ihrer Politik durchaus verlassen konnte. Herr Bürgermeister R. kann nicht mit der üblichen Ausrede kommen und sagen, dass er sich gezwungenermaßen dem Willen der roten Mehrheit habe fügen müssen. Es ist oft behauptet, aber es kann wohl nie bewiesen werden, dass Herr R. Mitglied der SPD gewesen ist. Dass man aber allgemein dieser Ansicht war, möge ebenfalls beweisen, wie man die politische Gesinnung des Herrn Bürgermeisters R. einschätzte.
Vor allen Dingen, und das muss hier ganz klar unterstrichen werden, war er seiner ganzen politischen und persönlichen Veranlagung und Einstellung nach, ein ausgesprochener Gegner der N.S.D.A.P. Er hat uns, wie die meisten Herren seiner Sorte, für eine zusammengelaufene Bande von politischen Dummköpfen, Unruhestiftern und Staatsfeinden gehalten. Herr R. war, und ich glaube nicht, daß er wagt, dieses zu bestreiten, ein fanatischer Anhänger der Systemfarben schwarz-rot-gelb. Er sah in uns seine ausgesprochenen Gegner aus dem Gefühl heraus, dass wir ihn für die von ihm betriebene Politik eines Tages zur Rechenschaft ziehen würden, wie es dann auch tatsächlich in nicht mißzuverstehender Weise geschehen ist.
Herr R. beschäftigte in städtischen Diensten ausschließlich nur Leute, die der SPD angehörten. Die marxistischen Stadträte und Funktionäre waren seine täglichen Ratgeber.
Als Herr R. dem man eine gewisse Klugheit, wenn es sich um seine eigene Person handelt, nicht absprechen kann, merkte, daß die Stützen seines Thrones langsam aber sicher selbst in der "roten Hochburg" Oerlinghausen von den Nationalsozialisten unterspült wurden, hat er Annäherungsversuche bei der N.S.D.A.P. unternommen und selbst gesagt, daß es jetzt notwendig sei, sich umzustellen, um bei den neuen Männern Anschluß zu finden. Ich brauche wohl die Taktik, die dabei verfolgt wird, nicht erst näher zu beschreiben, denn diese Mannöver der "Praktiker er Welt" sind ja genügend bekannt.
In den vorletzten Kreistag Lemgo ließ sich Herr R. als Vertreter der bürgerlichen Liste wählen, wahrscheinlich, um auf diese Weise langsam den Übergang nach rechts zu finden, um in dem Augenblick, der notwendig machte, den Anschluß an die H.S.D. nicht verpassen zu versuchen. So ruderte er auf den kümmerlichen Pfützen der inzwischen gestorbenen Parteien herum, ohne selbst zu wissen, an welchem Ufer er schließlich landen würde. Erfreulicherweise hat ihn die starke Brise, die von den Nationalsozialisten her blies, an das Ufer getrieben, wo er der Menschheit nicht mehr schaden kann. Um sich aber bei seinen SPD-Freunden auch weiterhin das Vertrauen zu halten, erklärte er diesen, dass er selbstverständlich auch weiterhin ihre Politik vertreten würde. Als Zeuge für diese Behauptung benenne ich Herrn Dr. W. in Oerlinghausen. Als es die N.S.D.A.P. für notwendig erachtete, im vorletzten Kreisausschuß Lemgo eine Umgestaltung zu ihren Gunsten vorzunehmen und die Marxisten aus dem Kreisausschuß zu entfernen, hat sich Herr R., der auch in den Kreisausschuß gehörte, energisch dagegen gesträubt und erklärt, dass er sehr gerne mit den Marxisten zusammen arbeite, da diese stets ihre Pflichten getan hätten. Wir sind über diese Pflichterfüllung der SPD-Bonzen anderer Meinung. Als Zeugen für die Vorgänge im Lemgoer Kreisausschuß benenne ich en Kreisleiter Pg. P. in Detmold, der Ihnen auch, soweit Sie es noch für notwendig halten sollten, einen ausführlichen Bericht über Herrn R. geben kann.
Um Ihnen auch mit Einzelheiten zu dienen, darf ich noch Folgendes anführen:
Herr R. hat bei den üblichen Verfassungsfeiern des Novembersystems niemals das Deutschlandlied singen lassen, obwohl ihm wiederholt zu verstehen gegeben worden ist, dass der frühere 1. Reichspräsident Albert dieses Lied nach Überwindung der üblen Revolutionstage von 1912 persönlich wieder als Nationalhymne eingeführt hat. Das krasseste Beispiel sener anti-nationalen Einstellung hat er geliefert als er anlässlich der Befreiungsfeiern für die Rheinlande bei den bekannten Rheinlieder-Potpourri den Schluss "Fest steht und treu die Wacht am Rhein" fehlen ließ, sodaß sogar eine Bielefelder Zeitung sich dieses alles annahm und das Verhalten des Herrn mit scharfen Worten geißelte "der sich der besten Lieder seines Volkes schämte".
Ich will davon absehen, die lange Kette von Schwierigkeiten zu schildern die Herr R. mir persönlich bereitet hat, seitdem ich Mitglied der N.S.D.A.P. war und vor allem seitdem ich die Oerlinghauser Ortsgruppe führte. Während uns die Oerlinghauser Polizei, auf seine ausdrückliche Anordnung hin, bei allen Aufmärschen, Demonstrationen usw., die größten Schwierigkeiten bereiten mußte, durften das Reichsbanner und die Kommune ungehindert schalten und walten. Man frage nur den jetzigen Sturmführer H. in Oerlinghausen, welches Spießrutenlaufen unsere SA durch Polizeiketten durchzumachen hatte, wenn sie z.B. einen Kranz zum Gedächtnis der toten Helden am Ehrenmal auf dem Tönsberge niederlegen wollte. Es ist mir auch bekannt geworden, dass Herr R. mein Geschäftslokal in Oerlinghausen, weil es zugleich als Geschäftsstelle der N.S.D.A.P. galt, polizeilich besonders überwachen ließ. Zeuge: Gendarmeriemeister N. in Oerlinghausen. Weil ich bis zu meiner Versetzung aus Oerlinghausen Führer der N.S.D.A.P. in Oerlinghausen war, hat Herr R. mein Fortgehen außerordentlich begrüßt, was er dadurch zum Ausdruck brachte, dass er meinem früheren Chef, Herrn D. Schötmar, gesagt hat: Ich beglückwünsche Sie, daß Sie den Mann endlich weggenommen haben, jetzt ist die Luft doch wenigstens wieder rein. Herr R. hat m.E. durch seine politische Tätigkeit als Bürgermeister von Oerlinghausen bewiesen, dass er für irgendeinen Verwaltungsposten im nationalsozialistischen Staate überhaupt nicht mehr infrage kommen kann. Da sich Herr R. aber zweifellos Verdienste kulturhistorischer Art erworben hat, dürfte zu überlegen sein, ob Herr R. nicht auf diesem Gebiete beschäftigt werden könnte. Ich könnte mir vorstellen, dass er z.B. als Bibliothekar auf einem geeigneten, politisch ungefährlichen Posten verwendet werden könnte. Zugleich würde damit der Stadt Oerlinghausen die Zahlung der ihm zustehenden Pension erspart.
Ich habe die vorstehenden Ausführungen und Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht.