Brief von Reuter zu seiner Beurlaubung

 

Reuter

Bürgermeister i.e.R.

Oerlinghausen, 25. April 1933.

[Eingangsstempel:. Der Landrat Brake i.L. Eingang 28.04.1933, Nr. 2611]

An die

Lippische Landesregierung,

Detmold

durch die Hand des Herrn Landrats

in Brake i/L.

 

Meine vorgesetzte Dienststelle, der Landrat in Brake, hat mir mitgeteilt, dass ich auf Anordnung der Landesregierung mit Wirkung vom 20. März 1933 bis auf weiteres beurlaubt sei.

Der kommissarische Bürgermeister in Oerlinghausen hat unterm 30. März 1933 beschlossen, mich ab 1. April 1933 in den einstweiligen Ruhestand zu versetzen.

Über die Gründe dieser beiden Maßnahmen habe ich bisher eine amtliche Mitteilung nicht erhalten. Von hiesigen Mitgliedern der N.S.D.A.P. ist mir gesagt worden, dass als Grund meiner Beurlaubung mehrere meiner früheren Diensthandlungen in Frage kämen. So soll ich einst beim Singen des Deutschlandliedes sitzen geblieben sein. Das ist nicht wahr. Ich kann jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Ich soll ferner nationalsozialistische Kundgebungen verhindert haben. Soweit ich überhaupt an derartigen Maßnahmen beteiligt war, habe ich lediglich nach den Anordnungen der Landesregierung gehandelt. Wenn daraus ferner geschlossen werden sollte, dass ich nicht national eingestellt sei, so darf ich gehorsamst bitten, nicht nur meine Feinde zu fragen - und welcher Bürgermeister hätte nicht Feinde, Gegner und Neider? - sondern auch meine Freunde. Diese können über mein nationales Fühlen und Denken besser urteilen als Personen, die mich nicht genau kennen und über meine Tätigkeit in Oerlinghauser nicht genau unterrichtet sind. Ich bitte ferner bei Beurteilung meiner Handlungen nicht außer acht zu lassen, daß ich nicht nur einen sozialdemokratischen Landespräsidenten hatte, der gerade auf Oerlinghausen besonders acht gab, sondern auch eine sozialdemokratische Stadtvorordnetenmehrheit. Ich konnte diese Mehrheit nicht einfach ignorieren. In diesem Zusammenhang darf ich erwähnen, dass ich mich dieser Mehrheit wohl habe fügen müssen, dass ich aber niemals Mitglied der S.P.D. gewesen bin, was mir ebenfalls nachgesagt worden ist. Ich leugne nicht, die gut kulturellen Bestrebungen der hiesigen Arbeiterschaft wie Gesang pflege, Wandern, Bildung und Sport unterstützt zu haben. Dieses Streben hatte aber mit der Partei der Sozialdemokratie oder mit Parteipolitik nicht das Geringste zu tun. Ich habe genauso die Jugend anderer Parteien unterstützt. Es könnte hier eingeworfen werden: "Mit Ausnahme der N.S.D.A.P.” Hierauf darf ich antworten, daß die Jugendorganisationen der N.S.D.A.P. bis zum März; 1933 in Oerlinghausen nicht in Erscheinung traten.

Mit der S.P.D. haben mich also irgendwelche Bande nie verknüpft. Ich habe im Gegenteil 14 Jahre lang mich den Einflüssen des Marxismus ferngehalten. Gerade in den letzten Tagen ist hier die Rede gewesen vom "roten Bürgermeister Reuter“ Das stimmt nicht. Der Anfang meiner Kommunalbeamtenlaufbahn liegt im Vorkriegs-Deutschland, und diese Tradition hat Oerlinghausen davor bewahrt, daß in der Nachkriegszeit ein roter Bürgermeister an der Spitze stand. Dass ich meinen Standpunkt unverrückbar wahrte, ist mir von der roten Mehrheit nicht immer leicht gemacht worden. (Vergl. z. B. Artikel im "Volksblatt* vom 17.9.1925.)

Andererseits haben mich auch die Lockrufe der privatkapitalistisch eingestellten Seite nicht veranlassen können, von meinem als richtig erkannten Wege abzuweichen. Ich war immer kommunalkapitalistisch eingestellt und vertrete die Ansicht das Gas, Wasser und Elektrizität von der öffentlichen Hand bewirtschaftet werden müssen. Demgemäß war ich bemüht, unserem städtischen Wasserwerk eine sichere Grundlage zu geben. Das ist gelungen. Das Wasserwerk steht heute vollkommen ausgebaut und finanziell gesund da.

Diese meine Einstellung brachte es mit sich, dass ich jahrelang einen erbitterten Kampf gegen das privatkapitalistisch geleitete Elektrizitätswerk Oerlinghausen (G.m.b.H.) geführt habe, erbittert deshalb, weil der Geschäftsführer des Elektrizitätswerks, der Jude Joe Meyer, jahrzehntelang von den privatkapitalistisch eingestellten Mitgliedern des Aufsichtsrats gedeckt wurde. Das sind die gleichen Leute, die heute ihr "Nationalgefühl" nicht laut genug betonen können. Ich stand damals in meinem Kampf gegen den Juden Meyer ganz allein. (Vergl. die Artikel in den lippischen Zeitungen 1929 "Bürgermeister Reuter rechnet mit Joe  Meyer ab”, sowie die Akten des Stadtrats i/S. Elektrizitätswerk.) Selbst Deutschnationale standen damals neben Joe Meyer gegen mich; ein jahrelanger Prozeß, der erst in Celle endete, war die Folge. "National" im Sinne dieser Herren bin ich nicht gewesen, sondern hielt es mit dem bekannten Bürgermeister Kraatz in Naumburg, der einmal sagte: "Wehe dem Bürgermeister, der es allen recht machen will."

Wenn in diesen Tagen nun vielerlei gegen mich vorgebracht wird, ich soll dieses und jenes gesagt haben, so sei mir gestattet, auch einige Taten anzuführen:

Ich bin seit 1. April 1919 Gemeindevorsteher in Oerlinghausen. Gleich in den ersten Jahren legte ich Wert darauf, den Gemeindefinanzen eine sichere Grundlage zu geben, durch einen größeren Grundbesitz. Zunächst galt es, das Gemeindegebiet zu erweitern durch Eingemeindung des größten Teils des Ritterguts Niederbarkhausen. (3. Akten des Landespräsidiums und der Katasterinspektion). Sodann erwarb ich 1920 und 1921 den umfangreichen Limbergschen Besitz und den Beckerschen Häuserkomplex Tönsbergstrasse 3 und Jägerstrasse 10 - 12. Im Jahre 1922 erfolgte der Ankauf des jetzigen Rathauses (früher Hotel Kiffe). Die Ausgaben hierfür haben die Gemeinde nicht belastet, während die Einnahmen aus diesem Grundbesitz die ganzen Jahre hindurch einen starken Pfeiler im städtischen Haushalt bedeuteten. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, dass der Ankauf des Rathauses lediglich meiner Initiative entsprang. (Beweis: Akten des Stadtrats "Rathaus-Erwerb".)

1926 erreichten wir nach langen Verhandlungen, dass der Landtag uns Stadtrechte verlieh. Zu diesem Erfolge trug wesentlich bei, dass Herr Rich. Müller-Oerlinghausen damals Mitglied des Landtags war. Aber dass es auch hier meine Eingaben, meine Ausarbeitungen und Besprechungen waren, die zuletzt den Beschluss herbeiführten, mögen die Akten des Stadtrats "Städt. Rechte" beweisen. Man mag heute über den Wert dieser städtischen Rechte streiten - ich habe selber in der letzten Stadtverordnetensitzung die Vorteile der Stadtwerdung als problematisch bezeichnet - damals war zweifellos die Stadtwerdung vom großem Vorteil für die Gemeinde. Wir kamen aus dem Finanzelend der Jahre 1924 und 1925 heraus, und ein Beweis für den Vorteil der Stadtwerdung ist auch, dass ich sämtliche Jahres-Rechnungen bis 1930 mit einem Überschuß abschließen konnte. Erst die Drake’sche Reform von 1930 brachte, wie allen lippischen Städten, so auch Oerlinghausen die Fehlbeträge des Etats. Erst als uns auf Grund dieser Reform die Ausgaben in Form von Umlagen diktiert wurden, gerieten die Haushalte der Gemeinde in Unordnung.

1927 und 1928 war ich bemüht, das Stadtbild zu verschönern. Sichtbare Zeichen dieser Arbeit sind:

das Kriegerehrenmal an der Kirche;

das Lönsdenkmal am Tönsberg;

die Grünanlagen am Marktplatz;

der Brunnen an der Apotheke;

der Pavillon nebst Stadtwaage an der Bahnhofstrasse;

die Freilichtbühne im alten Steinbruch.

Im Jahre 1928 und 1929 gelang es, dass 3 große Bauten für die Jugend im Stadtbezirk Oerlinghausen errichtet wurden:

a.         das Schullandheim Armin in der Senne (40 Betten);

b.         die neue Jugendherberge auf dem Tönsberge (65 Betten);

c.         das Naturfreundehaus am Tönsberg (50 Betten), heute Hitler-Heim.

Damit war die Grundlage für eine starke Verkehrsförderung geschaffen. Unzählige Fremde sind in diesen letzten Jahren in Oerlinghausen gewesen. Als dann die Autobusverbindung Bielefeld-Oerlinghausen ins Leben gerufen wurde und 1930 der Segelflugplatz in der Stadtsenne eingeweiht war, durfte ich mit Befriedigung auf diesen Erfolg meiner Arbeit blicken.

Wie stark ich am Zustandekommen all dieser Einrichtungen beteiligt war, mögen Ihnen die Akten des Stadtrats zeigen. Ich bitte ergebens! um Nachprüfung; auch um die Nachprüfung, wie die städtischen Schulden entstanden sind.

Dass ich daneben die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte unserer Stadt nicht vernachlässigt habe, davon zeugt die von mir verfasste handschriftliche Chronik der Gemeinde. In mehrjähriger Arbeit habe ich darin alles zusammengetragen, was erreichbar war, wobei Landesbibliothek und Landesarchiv die Unterlagen boten. Ich habe manche Nacht auf die Verarbeitung des gesammelten Materials verwandt, darf aber heute mit großer Freude auf dieses Werk blicken; denn keine andere lippische Stadt besitzt es in diesem Umfange.

Diese sichtbaren Ergebnisse meiner Arbeit kann mir niemand nehmen; sie entspringen meiner tiefen Liebe zur Heimat; denn ich bin in Oerlinghausen geboren, wo schon mein Vater 14 Jahre lang Gemeindevorsteher war (1895 - 1907). Die Reuter-Straße in Oerlinghausen ist nach diesem treusten Sohne unserer Heimat benannt. Solche Überlieferung hat mich in allen schwierigen Lagen gestärkt; sie gibt mir auch die Hoffnung, im neuen Deutschland nicht abseits stehen zu müssen.

Wenn heute behauptet worden ist, ich sei nicht national genug, so darf ich in aller Ergebenheit daran erinnern, dass es wiederum meiner Initiative zu danken ist, dass das große Ehrenmal des Königsinfanterieregiments auf dem Tönsberge errichtet worden ist. Beweis: Der Verband der Vereine ehemaliger Kameraden des Königsinfanterieregiments Nr. 145 in Wuppertal-Barmen, oder General Thümmel in Bielefeld oder die Akten des Stadtrats. Auch hier war es nicht leicht, die Widerstände der Sozialdemokratie zu überwinden. Heute wird das Denkmal nicht nur von meinen Freunden als das schönste Kriegerehrenmal des Lipperlandes bezeichnet. Es war der Höhepunkt meines Lebens, als ich in Gegenwart S.K.H. des Prinzen Oskar von Preußen und vieler ehemaligen Kameraden des Weltkrieges das Denkmal in die Obhut der Stadt nehmen durfte.

Es wird mir schwer, alle diese Dinge hier aufzuzählen. Es ist auch bisher nicht meine Art gewesen, Eigenlob auszusprechen. Nur der Kampf um meine Existenz und um meine Ehre zwingen mich, mich gegen Anwürfe zu verteidigen.

Schließlich darf ich noch unter Berufung auf das Reichsgesetz zum Schutze des Berufsbeamtentums sagen, dass ich Berufsbeamter bin. Mein Diplom der Akademie für kommunale Verwaltung in Düsseldorf, das sogenannte ”Bürgermeister-Diplom” ist vom 23. September 1913. Am 1. August 1914 war ich bei der Stadtverwaltung Rendsburg. Bis 3. Mai 1915 war ich Leiter des Steuerbüros und des Standesamts der Stadt Rendsburg. Am 4. Mai 1915 würde ich Soldat und kam am 5. Januar 1919 aus dem Felde, zurück. Ich bin Frontkämpfer, besitze das E. K. II. und das Lippische Verdienstkreuz und wurde am 25. Oktober 1915 bei Lissowo in Russland verwundet.

Ich bitte um Nachprüfung aller meiner Angaben.

 

Ergebenst

Reuter