Bericht über das Denkmal der 145er
Von Bürgermeister Reuter
Ich kann beginnen mit dem 20. Januar 1929. Bekanntlich fand an diesem Tage eine Denkmalausschuss-Sitzung in Oerlinghausen statt, bei welcher eine ganze Reihe Entwürfe im Rathaus-Cafe ausgestellt waren. Der Denkmalausschuss hat 5 dieser Entwürfe in die engere Wahl gebracht und beschlossen, daß eine von mir einzuberufende Jury ein Gutachten über diese 5 Entwürfe abgeben sollte. Diese Jury tagte in Oerlinghausen am 21. April d. J. Sie gab das dem Herrn Stadtverordnetenvorsteher übergebene Gutachten ab. Danach war gewissermaßen der Entwurf des Herrn Berthold Müller mit dem ersten Preise und der des Herrn Lücken-Elberfeld mit dem 2. Preise bedacht. Eigentümlicherweise haben sich später weder der Denkmalausschuss noch die einzelnen Vereine bezw. die Vertreterversammlung des Verbandes um dieses Gutachten gekümmert. Der Müller'sche Entwurf fand besonders im Offiziersverein, der im Verbande immerhin einigen Einfluss besitzt, wenig Anklang. Auch der Berliner herein sprach sich entschieden dagegen aus. Diese beiden Vereine veranlassten dann den in Berlin wohnenden Bildhauer Dammann, dessen Entwurf (s. Jury-Gutachten Nr. 1) von der Jury vernichtend verurteilt wurde, eine neue Tigerfigur zu modellieren. Das ist geschehen und eine Photographie dieses Dammann’schen Tigers ist in der Verbandszeitschrift veröffentlicht worden. Sie hängt auch in hiesigen Schaufenstern aus (Oerlinghauser Anzeiger und Gebr. Blume).
Diese voreilige Veröffentlichung eines Entwurfes, der der Jury überhaupt nicht vorgelegen hat, hat in Verbandskreisen viel Missfallen ausgelöst. In einer erregten Vertretersitzung in Essen am 9. Juni d. J., an der ich leider nicht teilnehmen körnte, ist beschlossen worden, daß alle 5 Künstler, die ursprünglich in engerer Wahl ständen, nochmals aufgefordert werden sollten, neue Entwürfe zu machen, die sich dem Gutachten der Jury anzupassen hätten. Dabei ist zum Ausdruck gebracht worden, einen Infanteristen in ihr Modell hineinzuarbeiten. Dieser Aufforderung sind nicht nachgekommen 1.) Dammann mit dem Tiger, 2.) Lücken-Elberfeld mit dem Adler an der schönen hohen Säule, der erklärte, daß er keine bessere Lösung finden könnte, daß ein Infanterist die Wirkung seines Entwurfes abschwächte. Der Offiziersverein hatte zunächst gemeint, man solle den Müller‘schen Entwurf wählen, aber statt des von Müller entworfenen Tigers oder der Siegfriedsgestalt den Damann'schen Tiger in die Müller’sche Umfassungsmauer hineinsetzen. Damann hat wohl selber eingesehen, daß eine solche Lösung ein Unding ist. Han kann Herrn Müller nicht zumuten, die Mauer zu bauen und für das eigentliche Denkmal die Figur eines anderen Bildhauers zu wählen. Dammann hat deshalb für die Tigerfigur einen ganz neuen Sockel aus Klinkersteinen vorgesehen. Dieser Sockel allein soll 12 000 bis 20 000 RM kosten. Ich kann mich für diesen Entwurf nicht erwärmen, weil er nach meiner Ansicht mit der Ehrung der Gefallenen nichts zu tun hat, sondern vielmehr eine politische Demonstration darstellt. Ich habe mich deshalb gegen diesen Entwurf auegesprochen.
Nun fand am 28. Juli 1929 in Mülheim eine Vertreterversammlung statt, an der ich teilgenommen habe. Hier kam zum Ausdruck, daß der Offiziersverein und der Berliner Verein an dem Damann‘schen Entwürfe festhalten. Hach langem hin und her ist dann beschlossen worden, daß nun auch die übrigen 4 Entwürfe photographiert werden sollten und den Vereinen zur Begutachtung zu übersenden seien. Das ist inzwischen geschehen. Man wollte dem Offiziersverein keinen Vorteil einräumen durch Veröffentlichung des Dammann’schen Entwurfes, sondern die übrigen Entwürfe gleicherweise behandeln. Am 17. August d.J. sollen die einzelnen Vereine hier in Oerlinghausen sagen, welchem Entwurf sie nun den Vorrang einräumen. Meine Stellungnahme als Mitglied des Denkmalausschusses ist folgende:
Auf meine Veranlassung ist eine Jury gebildet worden, deren Gutachten ausschlaggebend sein sollte. Diese Jury hat den Müller’schen Entwurf an die erste Stelle gerückt. Der Müller‘sche Entwurf hat aber nirgend begeisterte Aufnahme gefunden einmal, weil die ursprüngliche Siegfriedsfigur mit dem Speer im Rücken als eine Verherrlichung der Dolchstoßlegende aufgefasst wurde. Der später von Müller modellierte Tiger (ganz moderne Auffassung) hat ebenfalls nirgends gefallen. Eine von ihm geschaffene Viante 2 Kameraden hat ebenfalls wegen dieser modernen Figuren gar keinen Beifall gefunden. Wenn man diese Tatsache zugrunde legt und damit rechnen muss, dass der Müller‘sche Entwurf der Mehrheit nicht gefällt, dann ist es Pflicht des Verbandes, dem Urteil der Jury gemäß zum 2. Entwurfe zu greifen und das ist der Lücken‘sche. Dieser Lücken‘sche Entwurf sieht jetzt anstatt der Halle einen vortrefflich gelungenen Säulengang vor, der nach meiner Ansicht eine Zierde des Tönsberges wäre und den Gedanken der Totenehrung zum Ausdruck bringt. Ich verlange, dass das Urteil der Jury nicht in den Wind geschlagen wird. Diese Meinung habe ich bereits dem Verbande gegenüber zum Ausdruck gebracht und werde sie schärfer formulieren in der Sitzung am kommenden Sonnabend. Alle übrigen Entwürfe kommen für mich nicht in Frage, weil sie der Jury nicht vorgelegen haben bezw. von der Jury verurteilt worden sind.
Es war noch die Frage zu prüfen, ob bei diesem unsicheren Stand der ganzen Denkmalsfrage es ratsam sei, an dem schon im Winter bestimmten Termine für die Grundsteinlegung (18. August 1929) festzuhalten. Ich habe mir gesagt, dass es besser sei, diese Grundsteinlegung erst vorzunehmen, weil dann in der ganzen Sache schon etwas geschehen ist und weil vielleicht dadurch die Sammeltätigkeit wieder mehr angeregt bezw. erleichtert wird. Schließlich haben wir so ja immer noch in der Hand, unsere Zustimmung einem nicht passenden Entwürfe zu versagen. Im übrigen spricht auch der Landeskonservator ein Wort mit und ich weiß, dass dieser unsere Belange wahrt. Es sind bis jetzt 21 000.- RM vorhanden, Man hofft, bis Ende dieses Jahres noch auf 26 000 RM zu kommen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass dieser Betrag wesentlich erhöht wird, man hat die Erfahrung gemacht, dass bei allen Regimentsdenkmälern eine höhere Summe nicht zu erzielen ist. Ich möchte bitten, dass zur Grundsteinlegung auch einige Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung delegiert werden, Ein Programm der Grundsteinlegung habe ich dem Herrn Stadtverordnetenvorsteher übergeben.