Heimatforscher beschäftigt sich mit der Historie Oerlinghausen
[Bild: Historie: Fritz Soll junior (60) steht vor den vielen Ordnern, Büchern und Kisten, in denen die Recherchen zur Geschichte Oerlinghausens zu finden sind, die sein Vater Fritz Soll jahrzehntelang betrieben hat. (© Karin Prignitz)]
Oerlinghausen. 5 000 Dokumente habe sein Vater ganz sicher erfasst, schätzt Fritz Soll junior, während er zu den mit Büchern, Ordnern und Kisten voller alter Kopien, Zeichnungen, Fotos und Artikeln bestückten Holzregalen blickt. Fritz Soll senior hat sich bis zu seinem Tod vor 20 Jahren intensiv mit der Historie Oerlinghausens beschäftigt. Im kommenden Jahr wäre er 100 Jahre alt geworden. Sein Vermächtnis bleibt.
Die Familie hat entschieden, die vom Vater und Großvater aufgearbeitete Geschichte im eigenen Hause zu behalten, „weil sie mit der Familiengeschichte verbunden ist". Gerne aber könnten Menschen, die sich interessieren, vorbeikommen und Einblick nehmen, betont der Sohn. Helmut Bracht vom Ortsverein Oerlinghausen im Lippischen Heimatbund nutzt dieses Angebot gelegentlich ebenso wie Heimatkenner Werner Höltke.
So wie er hatte auch Fritz Soll senior regelmäßig Vorträge bei den Treffen des Heimatvereins gehalten, die früher noch in der Altdeutschen Bierstube stattfanden, wie sich sein Sohn erinnert. „Fritz Soll hat mit Begeisterung über Begebenheiten in der Bergstadt erzählt", erinnert sich Helmut Bracht. Unter anderem sehr eindrucksvoll vom Kriegsende in Oerlinghausen. „Obwohl er selbst zu dieser Zeit in Wilhelmshaven bei der Marine war."
Fritz Soll senior wühlte sich durch alte Akten in den Archiven, suchte nach alten Unterlagen. „Er hat wissenschaftlich gearbeitet." Helmut Bracht hebt die Gründlichkeit hervor, mit der der Ur-Oerlinghauser vorging. Denn alles, was er aufschrieb, sollte Hand und Fuß haben. Die wohl aufwendigste Arbeit war die Übersetzung des sogenannten „Goldenen Buches" der Stadt Oerlinghausen. Gestiftet worden war es von den damaligen Ratsherren Richard Müller und Fritz Blume im Jahr 1926. Das Buch bestand aus 300 Blatt Büttenpapier, wovon etwa 90 Blatt von namhaften Besuchern der Stadt mit besonderen Erinnerungen und Wünschen beschrieben worden waren.
Der einstige Bürgermeister August Reuter hatte für sein Nachschlagewerk über die Dorfschaft Oerlinghausen 172 Blatt (344 Seiten) benötigt. Auf Wunsch der Stifter sollte auch die Chronik mit aufgenommen werden. Die jeweiligen Bürgermeister sollten sie fortführen. „Diejenigen, die die folgenden Seiten lesen, mögen daraus Liebe zu unserer Heimat gewinnen und neue Kraft zur Arbeit am Gemeinwohl", schrieb August Reuter in seinem Vorwort. Gemeinsam mit seinem Sohn machte sich Fritz Soll senior über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren daran, die Sütterlintexte zu übersetzen. Im Mai 1995 erschien die übersetzte Version.
In einem Holzkasten stecken große Karteikarten. Auf jeder einzelnen hat Fritz Soll senior die Oerlinghauser Kolonate erfasst. „Das war eines seiner größten Projekte und eine unglaubliche Arbeit", bestätigt sein Sohn. Wer lebte in welchem Haus mit welcher Nummer - Soll fand es heraus. Der Chronist hat außerdem gemeinsam mit Illustrator Ernst Meier aus Schloß Holte-Stukenbrock viele Jahre lang den „Burgkurier" des AWO-Seniorenzentrums Müllerburg mit Texten und Bildern gestaltet. Fritz Soll senior nutzte die Gelegenheit und entwickelte zusätzlich Fragebögen. „Jahrelang hat er mit den Bewohnern der Altenheime gesprochen, und sie gebeten, von ihren Erinnerungen zu erzählen.“ „Herausgekommen sind wahnsinnig interessante Geschichten", sagt Fritz Soll junior.
Ein weiteres großes Betätigungsfeld seines Vaters sei die SPD gewesen. „Ich wusste schon als Fünfjähriger, wer Mitglied war", denn Vater und Sohn verteilten regelmäßig das parteiinterne Blättchen „Vorwärts". Soll senior war mehr als 50 Jahre Parteimitglied und im Rat der Stadt vertreten. Ein aufrichtiger, gerechter, gründlich arbeitender und kinderlieber Mensch sei sein Vater gewesen, sagt Fritz Soll junior (60), der vier ältere Schwestern hat. Der gelernte Nähmaschinenmechanikermeister arbeitete jahrzehntelang bei der Firma Ceweco, ab Mitte der 1970er-Jahre dann als Drucker und Hausmeister bei der Stadt. „In dieser Zeit wuchs sein Interesse für die Geschichte", erzählt Fritz Soll junior. „In der ersten Etage des Rathauses war das Archiv, da saß er an der Quelle."
Im Ruhestand beschäftigte Soll senior sich neben den Geschehnissen zu Kriegsende unter anderem mit dem Thema Schmuggel, mit der Geschichte des Schützenvereins oder der Umgehungsstraße. Jahrelang hat er außerdem versucht, sein Geburtshaus, das alte Landerhaus, unter Denkmalschutz stellen zu lassen. „Das hat leider nicht funktioniert", sagt der Sohn. Längst ist es abgerissen worden.