Ein Friedhof-Spaziergang

 

Die Suche nach einem normalen Verhältnis zum Tod ist nicht leicht. Deshalb hinterlassen Friedhofsbesuche wohl häufig eine tiefsitzende Beklommenheit. Regelmäßigkeit lindert dieses Gefühl. Darüber hinaus können solche Spaziergänge im Reich der Toten noch einen anderen Zweck erfüllen: Über bloße Namen und Daten hinaus erfährt man etwas über Hierarchien und Gefühle, die innerhalb einer Gemeinschaft geherrscht haben — oder noch herrschen. Reichtum und Ansehen werden sichtbar, oder Armut und Bedeutungslosigkeit. Liebe und Sehnsucht werden offenbart, aber auch Bitterkeit und Verdrängung. Zuweilen wirken Grabsteine wie Ehrenmale, andere sind zu bloßer Dekoration oder gar zu Prestigesymbolen verkommen. Wieder andere erfüllen lediglich die Funktion eines Schlußsteins, der ein Stück Vergangenheit ein für allemal verschließt.

Der Soldatenfriedhof in Stukenbrock-Senne ist ein Ort, der an normalen Tagen mit sehr wenig Anteilnahme auskommen muß. Ein hochstilisierter Gedenktag, der die jährliche Besucherzahl künstlich nach oben puscht, verwischt das wirkliche Bild enorm. Bis auf Gärtner, die sich regelmäßig um die Pflege des Gräberfeldes kümmern, und neugierige Autofahrer, die ab und zu aus dem Strom der Safariparkbesucher ausscheren, ist das Mahnmal die meiste Zeit über verwaist.

Es überrascht mich deshalb nicht, daß ich auch heute wieder alleine bin. Vor Monaten war es ähnlich, als ich diese Stätte zum erstenmal aufsuchte. An diesem Tag gesellte sich noch eine Dame zu mir. Sie hatte die weite Rasenfläche in der Mitte des Friedhofs, die unter sich etliche Sammelgräber verbirgt, als idealen Spielplatz für ihren Dackel auserkoren. Langsam schreite ich die lange Reihe der Einzelgräber ab und versuche mit meinen dürftigen Kenntnissen der kyrillischen Schrift die Namen der Toten zu entziffern. Der Soldatenfriedhof ist untypisch, denke ich, anders als beispielsweise der benachbarte Friedhof der Gemeinde. Dort wirkt das Ganze wie ein Konglomerat verstorbener Individuen, die zu Lebzeiten fest in der Gemeinschaft verankert waren. Die Erinnerung an sie wirkt ganz offensichtlich nur nach. Der ehemalige Friedhof L Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers 326 (VI/K) Stukenbrock-Senne hingegen vermittelt den Eindruck von Monotonie und schafft damit auf seine ureigenste Art eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit. Die Tatsache, daß ich hier ohne Vorsatz, Schritt für Schritt über dieses dunkle Kapitel heimischer Geschichte und allgemein über Sinn und Unsinn von Krieg nachdenke, gibt den Gestaltern recht. Hier wurde ein Areal in einer Weise zurechtgemacht, das die Gedanken unweigerlich in Trauer und Wut versenkt, die einen Friedhof also in ein „Mahnmal“ verwandelt.

Rechts hinten in der Ecke verweile ich für einen kurzen Augenblick. Zwei Tafeln, die in deutscher beziehungsweise russischer Schrift vor neuen kriegerischen Auseinandersetzungen warnen, ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. Doch die Konzentration läßt nach, als ich zunächst in der Ferne und dann unaufhaltsam immer näher rückend dumpfes Grollen vernehme, das sich nach und nach zu einem donnernden Getöse steigert. Zuweilen droht alles in einem Gurgeln zu ersticken. Kettengerassel kommt hinzu, und das knirschende Geräusch zerberstender Steine. Der Friedhofsboden vibriert, und die darüberliegende Luft schwingt mit.

Panzer der nahegelegenen Rommel-Kaserne ziehen ihre Runde auf der Ringstraße des Truppenübungsplatzes. Die Straße führt nur wenige Meter am Soldatenfriedhof vorbei — heute, wie damals.

Für einen Moment verkrampft sich mein Brustkorb und ich schnappe nach Luft. (pivo)

[Bild: Das Ehrenmal mit Obelisk und orthodoxem Kreuz.                  Foto: Heumer]