Es ist kein Schuß gefallen
Amerikaner im Dorf. Von Dr. Heinz Schröder
Mein 8. Mai 1945 war am Sonntag, dem 1. April, am Ostersonntag, an dem die Amerikaner in unser Dorf einrückten. Vom Krieg hatten wir noch verhältnismäßig wenig mitbekommen: mal Luftkämpfe, mal eine Luftmine, die ein vom Angriff auf Berlin oder Hannover heimkehrender Bomber als überflüssig abwarf, was einen Bauern auf dem Acker das Leben kostete. Es hatte sich bis zu uns herumgesprochen, welche Verwüstungen in den voraufgegangenen Tagen Bomberangriffe in Bielefeld und Paderborn angerichtet hatten.
Auf der nahen Autobahn war es lebensgefährlich geworden, die Jabos beschossen alles, was sich bewegte. Durch unseren Ort waren zuletzt Kriegsgefangene und russische Zwangsarbeiter in Richtung Osten gezogen. In den Häusern hatten wir Einquartierung: Soldaten einer Kompanie der SS-„Leibstandarte Adolf Hitler", die sich vor Monaten in der Dorfschule niedergelassen hatte: ihre wenigen Tiger-Panzer waren nacheinander abgezogen worden. Und es wohnten Flüchtlinge aus dem Rheinland bei uns, „Evakuierte", wie es im falschen Amtsdeutsch hieß.
Die Nacht verbrachten wir wie so oft in den Wochen zuvor im Keller, vom Luftwarnsender „Anton Dora" alarmiert und schließlich von der Sirene aufgeschreckt. Nun schien es auch unser Dorf erwischt zu haben. Ein Riesenknall, eine lange Folge von weiteren Explosionen. Feuerschein am Himmel. Was wir als Bombardement einschätzten, stellte sich schließlich als letzte Heldentat der Waffen-SS heraus: Sie hatte ihre Munitionsvorräte, die sie beim Abzug nicht mehr mitnehmen konnte, gesprengt und damit die Dorfschule in Brand gesetzt.
Die Panik der Nacht war am Morgen fast vergessen. Ich war für das Osterfesthochamt als Ministrant eingeteilt, das Gotteshaus war voll. Was während der von unserem greisen Pfarrer zelebrierten Messe geschah, hörte ich erst später: Ein kleiner SS-Trupp ließ den Küster herausrufen und zwang ihn, die vom Turm wehende weiße Fahne zu entfernen, unter der Androhung der sofortigen Sprengung der Kirche: Sprengladungen waren schon angelegt. Der zweite Geistliche unserer Gemeinde, ein sprachgewandter Ordenspriester, radelte daraufhin zur Autobahn, den Amerikanern entgegen, um ihnen zu versichern, daß sie Widerstand in unserem Dorf nicht zu erwarten hätten. Tatsächlich waren die an den Einfallstraßen vorbereiteten Panzersperren nicht mehr aufgerichtet worden. Was sich noch an Soldaten durch den Ort bewegte, war auf das Fahrrad angewiesen und nur mit Gewehr bewaffnet, irgendwo in Bahnhofsnähe stand ein bewegungsunfähiger Schützenpanzer ohne Besatzung, der Volkssturm, vor einer Woche erst in einer groteskten Zeremonie vereidigt, hatte sich aufgelöst.
Nach der Messe ließ ich mir Zeit, die Trümmer der Schule zu besichtigen. Zu Hause machte Mutter mir deshalb Vorwürfe: Sie hatte Angst, unser Dorf könnte doch noch zum Kriegsschauplatz werden, sie glaubte, draußen auf dem Land sicherer zu sein. Und so radelten wir zur Oma, die drei Kilometer entfernt einen kleinen Hof bewirtschaftete, der jüngste Bruder, der den Namen eines 1942 gefallenen Onkels trug, saß im Körbchen, unsere Fahrräder waren mit den wichtigsten Habseligkeiten bepackt und mit einem Topf mit dem halbgaren Osterbraten, einem Hahn aus eigener Zucht und Schlachtung. Wir blieben nur wenige Stunden in dem Kötterhaus, das die Großmutter mit einer aus Aachen geflohenen Familie teilte. Denn inzwischen war Vater heimgekehrt, das überbrachte uns ein atemlos uns nachgeradelter Nachbarsjunge.
Vater hatte Grund, im Hause zu bleiben, um nicht noch in letzter Stunde aufgegriffen zu werden. Er war dank eines Heimatschusses noch lebend aus Rußland herausgekommen und tat zuletzt irgendwo am Ostrand des Ruhrgebiets in der Schreibstube einer Genesendenkompanie Dienst. Sein Vorgesetzter, ein Feldwebel, war unter Zustimmung der anderen Kameraden rechtzeitig zu dem Schluß gekommen, es sei Zeit, daß man sich gegenseitig aus der Wehrmacht entlasse. Einzeln und zu Fuß hatten sie sich auf den Weg gemacht, in Räuberzivil, das ihnen Bauern geschenkt hatten. Das letzte Stück auf den vertrauten Pättkes der Heimat war Vater schneller vorangekommen, auf einem bei Verwandten im Paderborner Land ausgeliehenen Kinderfahrrad. An seinen Entlassungspapieren war nichts echt als das Dienstsiegel; den Heldenklaus der Feldpolizei hätte er damit nicht in die Hände fallen dürfen. Den Amerikanern aber reichte es, dem Heimkehrer blieb so die Kriegsgefangenschaft erspart.
Die Amerikaner waren nun da. Die erste Gruppe, die unseren Ort erreichte, griff sich den Brandmeister der Feuerwehr und setzte ihn als Kugelfang auf einen Panzer, um das Dorf auf irgendwelchen Widerstand zu untersuchen. Es ist kein Schuß gefallen. Der Dreizehnjährige hat sich damals keinen Gedanken gemacht, ob dies nun der Tag der Befreiung sei oder der Tag, an dem er die deutsche Niederlage erlebte. Er wußte schon lange vorher, als immer noch von Wunderwaffen gefasert wurde, daß dies der Zusammenbruch war. Der Krieg war für ihn zu Ende.
Der 8. Mai, der Tag der Kapitulation, stellte nur noch den Tag dar, der dies endgültig bestätigte. Eine Nachricht, die nicht weiter aufregte wie die vom Tod des amerikanischen Präsidenten Roosevelt und die vom angeblichen Heldentod des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler.
Nicht aufregender als die Nachricht vom 3. Mai, wonach die Südfront um Mitternacht das Feuer einstellen werde. Irgendwann im Sommer des Jahres besuchte uns ein entlassener Kriegsgefangener. Er berichtete, daß ein Bruder meines Vaters am 3. Mai bei Traunstein gefallen sei. Von einem weiteren seiner Brüder, der trotz erheblicher gesundheitlicher Schäden noch wenige Monate vor Kriegsende eingezogen worden war, haben wir nichts mehr gehört, ebenso vom jüngsten Bruder meiner Mutter.