Stellungnahme zu den Veröffentlichungen von Burkamp
Kopie aus dem Besitz von Fritz Soll sen.
D-4811 OERLINGHAUSEN (Teut. Wald)
23. JUNI 1986
Hudeweg 1
Fernsprecher (0 52 02) 24 81
Sehr geehrter Herr Hartmann!
Ich war heute Nachmittag mit Frau de Weinberg zusammen, und ich will Sie gern von dem Gespräch unterrichten, soweit es Sie, bezw. Herrn Soll betrifft.
Mich verbindet mit den Familien Bornheim und de Weinberg eine jahrelange Freundschaft, die - den Vater betreffend - bis zu meinem zweiten Lebensjahr zurückreicht.
Aus den - aus den Nazi-Jahren - zusammengestellten Zeitungsartikeln hatte Frau de Weinberg den Eindruck, daß sowohl Sie, wie auch Herr Soll, Antisemiten seien. Es fiel mir nicht schwer, das zu widerlegen.
Ich habe gegenüber Frau de Weinberg zum Ausdruck gebracht, daß die Verbrechen an dem jüdischen Volk eine der grausamsten Taten der deutschen Geschichte seien. Ich habe noch einiges mehr dazu gesagt, was ich hier jetzt nicht alles anführen will.
Ich habe zum Ausdruck gebracht, daß die Generation um 1933 eben sehr vieles 'vergessen' hat, und daß das, was sie behalten, hat, heute ziemlich verharmlost dargestellt wird. (Ich war bei der Machtübernahme noch 16 Jahre alt.) Ich habe damit Frau de Weinberg nichts Neues gesagt, aber ich wollte es nochmals anführen. Aber ich gehöre eben auch zu dieser Generation „mit dem Sieb“. Bei der etwas verharmlosten Darstellung der Oerlinghauser Juden in der Stadtchronik könnte ich mich schuldig fühlen, jedoch muß ich sagen, daß die Zusammenarbeit mit Herrn Burkamp außerordentlich schwer war, besonders deshalb, weil er schreiben, aber nicht forschen wollte.
Ich habe gegenüber Frau de Weinberg dann aber auch gesagt, daß die heutige junge Generation uns 'das' nicht alles glauben, und daß sie selbst (wie Sie z.B.) selbst forscht, und dabei auf Tatsachen stößt, die 'unserer‘ Verharmlosung Lügen straft.
Bei alledem vergesse ich aber nicht die Aufbauleistungen eben dieser, meiner, Generation. Aber es fehlt der Maßstab, nicht nur bei uns, sondern auch bei der heutigen Generation.
Ich habe, ihr Verhalten betreffend, gesagt, daß Sie, weil Sie eben skeptisch sind und zu anderen historischen Ergebnissen gekommen sind, uns die Maske vom Gesicht reißen, damit wir selbst unser richtiges Gesicht sehen. Und gerade das habe Ihr Buch bewirken wollen.
Sie selbst, und Ihre Freunde, jetzt Herrn Soll eingeschlossen, seien Freunde des jüdischen Volkes. Daß das in Ihrem Buch nur verdeckt zum Ausdruck kommt, ist leider Ihr Fehler. Man stößt auf die Schlagworte, und liest - wegen der schlechten Druckausführung - den Text nicht, und dann entsteht der schlechte Eindruck.
Ich konnte ruhigen Gewissens sagen, daß ich von dem Buch nichts gewußt habe und auch nicht zu Rate gezogen bin. Daran lag mir schon. Ich hätte sicher zu einer anderen Druckdarstellung geraten. Aber das ist jetzt nicht so wichtig.
Ich sagte Frau de Weinberg, daß das Buch nur eine Auflage von 500 Stück hat, und daß die voraussichtliche Neuauflage in dem äußeren Bild sicher anders dargestellt, und Sie Frau de Weinberg dann sicher ein Exemplar zusenden würden.
Die Einstellung meiner Familie zu dem Volk Israel können Sie aus folgendem ersehen (Frau de Weinberg weiß das aber auch): Das Jugendblasorchester der Stadt Jerusalem machte eine Konzert-Tournee durch Europa (zu einer Zeit, als meine Frau noch lebte). Dieses Orchester kam eines sonntags morgens, mit dem Omnibus von Düsseldorf, nach Oerlinghausen, um meiner Familie ein Ständchen zu bringen, mit einem Gruß von Teddy Kollek. (Wenn ich je mit dem Gedanken gespielt hätte, die Presse einzuladen, so wäre das sicherlich auf den größten Widerstand bei meiner Familie gestoßen.)
Ich habe gegenüber Frau de Weinberg zum Ausdruck gebracht, daß ich Sie und Ihre Freunde als ehrliche und aufrichtige junge Menschen schätze.
Sie können sicher in manchen Dingen, vorausgesetzt, daß Sie das wünschen, meine Unterstützung finden.
Ich hoffe Sie einverstanden, daß ich, zur restlosen Klarstellung des Mißverständnisses, Frau de Weinberg eine Kopie dieses Briefes zusende.
Frau de Weinberg ist eine bewundernswerte Frau. Seien Sie überzeugt, daß sie meiner Darstellung Glauben schenkt und nichts nachträgt.
Wegen der Kürze der Zeit, die Frau de Weinberg noch zur Verfügung steht (und manchen Terminen), ist ein Gespräch Ihrerseits in dieser Sache nicht mehr erforderlich. Da ich das Vergnügen habe, mit ihr noch einige Male zusammen sein zu dürfen, wird, sollte noch eine Frage bei Frau de Weinberg auftauchen, diese sicherlich zur beiderseitigen Zufriedenheit von mir beantwortet.
Mit freundlichem Gruß
August Westerheide