„Vergeben ja — vergessen nie“

Gedenkstunde zum 50. Jahrestag der Ausschreitungen gegen Juden

Festreden von Kultusminister Schwier und OB Klaus Schwickert

 

Bielefeld (Gün). Für einen präzisen Umgang mit der deutschen Sprache in Bezug auf die Ausschreitungen gegen die Juden hat sich der nordrhein-westfälische Kultusminister Hans Schwier gestern abend ausgesprochen. Im halbvollen großen Saal des neuen Rathauses sagte Schwier auf der städtischen Feierstunde zum 50. Jahrestag der Ausschreitungen gegen die Minderheit, das Wort „Reichskristallnacht“ habe der Volksmund aufgebracht. In ihm schwinge allerdings Spott und Zynismus gegenüber den Juden mit. Heute sei der Begriff höchst fragwürdig. Schwier schlug als Alternative „Pogromnacht“ vor. Ähnlich sei es mit der sogenannten „Arisierung" von jüdischen Geschäften. Dies sei nichts anderes gewesen, als staatlich sanktionierter Diebstahl. Der Minister wörtlich: „Wenn heute Firmengeschichte geschrieben wird, sollte man auf diesen Zeitraum besonders achten.“

Außerdem seien Nazis, die nicht ganz so stark am Schrecken der braunen Zeit beteiligt waren, nach dem Krieg als „Mitläufer“ bezeichnet worden. „Mittäter“ wäre nach Schwiers Meinung der passendere Begriff.

Kritik äußerte der Minister auch an der ungleichen Rechtsbehandlung eines ehemaligen Wachmannes in einem Konzentrationslager und heutigen Terroristen. Es sei überhaupt nicht einzusehen, warum ein ehemaliger Nazi in exponierter Position in heutigen Gerichtsverfahren mit anderer Elle gemessen werde, wie ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Dieser Satz wurde mit Beifall quittiert. Außerdem hätten die Politiker, die heute Bundespräsident Richard von Weizäcker Nachhilfeunterricht in der Frage der Terroristen-Begnadigung erteilen wollten, bei der Begnadigung von Alt-Nazis ganz andere Positionen eingenommen.

Schwier schlug in seiner Rede noch eine Brücke in die Gegenwart. Zum Thema Randgruppen damals und heute sagte er: „Die Herrenmenschen-Mentalität von 1938 und die Arroganz gegen Arbeitslose und Minderheiten 1988 sind nicht die gleichen, aber vergleichbare Einstellungen.“

Zu den Ereignissen in Deutschland vor 50 Jahren konstatierte der Minister, es falle deshalb schwer sich zu erinnern, weil die Trümmer der Pogromnacht von einem Meer von Trümmern am Kriegsende überdeckt wurden: „Erst brannten die Synagogen, dann fast das ganze alte Europa.“

In der fraglichen Nacht, so Schwier, gab es eine Menge von Deutschen, die freiwillig und ohne Uniform mitmachten. Für die Juden kündigte sich zu diesem Zeitpunkt die Todesmaschinerie der industriellen Vergasung an.

Oberbürgermeister Klaus Schwickert erinnerte noch einmal an die Vorgänge in Bielefeld. Dabei bewertete er auch die Handlungsweise des damaligen Stadtoberhaupts Fritz Budde (Oberbürgermeister von 1935 bis 1945). Dieser habe zwar die Anordnung der höheren NS-Dienststellen als „rechtswidrig“ bezeichnet, aber sich trotzdem in seiner Position als Beamter als Handlanger für das Regime betätigt.

In Bezug auf die Neonazis in Bielefeld sagte der OB: „Es gibt in unserer Stadt verblendete junge Menschen, die dem Führerstaat, der Nazi-Ideologie, schon wieder anhängen.“ An ihre Adresse gerichtet rief er auch: „Hütet euch! Wißt ihr eigentlich nicht, was ihr tut? Wißt ihr nicht, wohin das führt?“

Es sei wichtig, an diesem Gedenktag zu mahnen und aus der Geschichte zu lernen. Eine Partnerschaft mit der israelischen Stadt Nahariya sei deswegen für Bielefeld eine Verpflichtung gewesen. Schwickert zitierte einen Satz, den der Bürgermeister der Partnertadt, Siggi Keren, gesagt hatte: „Vergeben ja, vergessen nie.“