Erinnerungen an den Namensgeber

Potthast referierte über den judenchristlichen Pfarrer Hans Ehrenberg

 

Bielefeld-Sennestadt (pivo). Bürgern in diesem Teil der Stadt geht der Name Hans Ehrenberg seit vielen Jahren leicht über die Lippen. Dafür hat das von der evangelischen Kirche getragene Gymnasium an der Elbeallee gesorgt. Doch welcher Mensch, welche besondere Biographie verbirgt sich dahinter?

Landeskirchenrat Karl Heinz Potthast (Bild), bis 1981 Leiter der „HES“ und seitdem Dezernent für Schul- und Bildungsfragen im Landeskirchenamt, erinnerte mit einem Referat in seiner alten Wirkungsstätte an den Namensgeber.

[Bild: Pfarrer Hans Ehrenberg]

Potthast, der als Gründungsdirektor seinerzeit die Bezeichung „Hans-Ehrenberg-Schule“ durchsetzte, griff dabei die Erfahrungen Ehrenbergs im Dritten Reich heraus. Damit schuf er einen zeitlichen Bezug zur Diskussion dieser Tage, denn Ehrenberg war von 1933 bis zu seiner Zwangspensionierung 1937 sogenannter judenchristlicher Pfarrer.

Am 11. November 1938 zertrümmerten die Nazis seine Bochumer Wohnung. Kurz danach fand er sich im KZ Sachsenhausen wieder, wo er neun Monate blieb. Daß er dieses Martyrium — im Gegensatz zu den meisten anderen Juden — überlebte, ist dem ständigen Intervenieren seiner („arischen“) Frau Else, eines einflußreichen anglikanischen Bischofs in England und Beziehungen zu Männern in der Innenverwaltung des NS-Systems zu verdanken. Nach der Entlassung emigrierte Ehrenberg nach England. Von dort kam er nach Kriegsende zurück nach Deutschland. In Bielefeld fand er in der „volksmissionarischen Arbeit“ ein neues Wirkungsfeld, obwohl er gern wieder in seine alte Bochumer Pfarrei gegangen wäre. Die letzten beiden Jahre seines Lebens verbrachte er in Heidelberg, wo er 1956 starb.

Potthast, der Ehrenberg 1944 in englischer Kriegsgefangenschaft zum ersten Mal persönlich begegnete, wollte mit seinem Vortrag zum Beispiel verdeutlichen, wie es assimilierten Juden unter den Nazis erging — Menschen also, die eigentlich fest an eine Symbiose zwischen Deutschtum und Judentum geglaubt hatten. „Sie haben sich den Holocaust einfach nicht vorstellen können“, schließt der ehemalige HES-Leiter aus dem umfangreichen, in seinem Besitz befindlichen Nachlaß des Pfarrers.

Aber noch andere aufschlußreiche Aspekte werden in Ehrenbergs Leben erkennbar. Nach dem Ersten Weltkrieg etwa trug er einen Disput mit seinem Vetter, dem schon damals bekannten jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig aus. Er endete mit Ehrenbergs konsequenter Hinwendung zum Christentum, die ihren Ausdruck im Theologiestudium und der späteren Tätigkeit als Pfarrer fand. Es war sein dritter akademischer Abschluß nach seinen Doktortiteln in Psychologie und Nationalökonomie.

Und noch auf einen dritten Gesichtspunkt lenkte Potthast die Aufmerksamkeit der rund 40 Zuhörer: Hat sich die Kirche richtig verhalten, als sich die Lage für Ehrenberg und andere Juden nach 33 mehr und mehr zuspitzte? Speziell für Ehrenberg kann Potthast die Frage noch nicht abschließend beantworten, eine generelle Aussage ist jedoch seiner Ansicht nach möglich. Nur vereinzelt hätten Christen geholfen, darüber sei sich die evangelische Kirche inzwischen bewußt.

Heute plädiert sie für eine Wiedereröffnung des Gesprächs zwischen Christen und Juden. Das hat Ehrenberg noch 1938 getan, kurz bevor mit der „Reichskristallnacht“ das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte begann.