Vom Vorwerk zur Stadt
975 Jahre Oerlinghausen
[Bild: Aufnahmen von der 900-Jahr-Feier im Mai 1936: „Germanen. Foto: Archiv Werner Höltke]
Um das neu gegründete Kloster Busdorf bei Paderborn aufzuwerten, stattete Bischof Meinwerk es mit dem zehnten Teil der Einnahmen seiner 17 Haupthöfe und der 71 dazugehörenden Vorwerke (vom Haupthof eines landwirtschaftlichen Betriebes abgetrennte Teile) aus. In einer am 25. Mai 1036 verfassten Urkunde gehörte hierzu auch das Vorwerk Oerlinghausen, ein Nebenhof von Barkhausen.
Obwohl das Vorwerk Oerlinghausen im Jahre 1036 erstmals erwähnt wurde, hatte es hier schon viele Jahre eine Besiedlung gegeben. Funde haben bewiesen, dass die ersten Siedler ihre Hütten an den Hängen der hiesigen Berge und im Schopketal errichtet hatten und von der Jagd lebten.
Die Ersterwähnung liegt 975 Jahre zurück, und die runde Jahreszahl ist ein Grund, das Jubiläumsjahr würdig zu begehen. Das Vorwerk „Orlinchusen“, so wurde es in der Urkunde geschrieben, wird in jenem Jahr nur aus wenigen Häusern bestanden haben. Es gab aber sicherlich schon eine kleine Holzkirche als Taufkirche, die um 1203 durch einen Steinbau ersetzt wurde. Nach der Errichtung dieser dem heiligen Alexander geweihten Kirche durch Paderborner Mönche gewannen das Kirchspiel Oerlinghausen und sein von Süd nach Nord verlaufender Passweg an Bedeutung. Die Namensgebung von Oerlinghausen erfolgte schon in der sächsischen Zeit, denn laut Namensforschung bedeutete „Oerl“ auf Altsächsisch Graf oder Herr und ist mit dem englischen Earl und dem dänischen larl gleichzusetzen. Demnach hat es hier einen Grafen oder Gaufürsten gegeben, der sicherlich seinen Sitz auf dem Ostteil des Tönsbergs hatte. Es ist nachweisbar, dass Burgen, von denen es im Sachsenland etliche gab, die Wohnsitze der Gaufürsten waren. Ich erinnere an die Herlingsburg bei Schieder und an die Eresburg bei Obermarsberg. Interessant ist, dass wir in der Nähe der Eresburg den Ort Erlinghausen finden, der sich unserem Oerlinghausen sprachlich annähert.
Bei den beiden genannten Orten gilt als sicher, dass sie Wohnsitze von Gaufürsten waren, wobei wir an dem Wohnsitz des Oerlinghauser Gaufürsten auf dem Ostteil des Tönsbergs nicht zweifeln sollten. Den Wohnsitz gab es unzweifelhaft innerhalb des Tönsberglagers, das heute als Sachsenlager angesehen wird und auch eine sächsische Volksburg war.
Dass sich das Lager auf dem Ostende des Tönsbergs befand und die Anfänge der Siedlung Oerlinghausen am Westhang des Tönsbergs lagen, ist nicht ungewöhnlich. Auf dem Kammweg des Berges waren beide Teile schnell erreichbar.
Heute sind auf dem Ostteil des Tönsbergs außer den Resten einer Kapelle die Fundamente eines Gebäudes mit Wällen und Gräben zu finden. Was früher sonst noch an Befestigungen mit Pfahlwerk und Verhauen dort vorhanden war, ist heute verschwunden.
Als der Archäologe Professor Carl Schuchard um 1900 etwa 200 m westlich der Hünenkapelle Mauerreste freigelegt hatte, ging auch er davon aus, dass es sich um das Fundament eines ehemaligen Herrschaftssitzes handelte. Noch intensiver wurde das Fundament in den Jahren 1968 bis 1972 von Dr. Friedrich Hohenschwert mit Hilfe von Oerlinghauser Schülern erforscht. Er stellte fest, dass der Grundriss dieses Gebäudes 21x8 m betragen hatte.
Nach neuesten Erkenntnissen vom Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums, Karl Banghard, war das letzte Gebäude schon auf den Vorgängerbau (vor 800 n.Chr.) gesetzt worden. Von dort aus waren die beiden wichtigen Pässe bei Wistinghausen und in Oerlinghausen über den Osning gut einsehbar.
[Bild: „Bischof Meinwerk“ beim Umzug zur 975 Jahr-Feier. Foto: Archiv Werner Höltke]
[Bild: Übergabe der ehemaligen Windmühle durch Major von Lentzcke, Niederbarkhausen, an die Stadt Oerlinghausen während der 975-Jahr-Feier. Foto: Archiv Werner Höltke]
Als in Oerlinghausen die Alexanderkirche ausgebaut wurde und sich die Siedlung entwickelte, geriet die einstmals so bedeutende Wallburg in Vergessenheit. Allerdings lähmten der verheerende Dreißigjährige und der Siebenjährige Krieg auch die Fortentwicklung von Oerlinghausen. Es bedurfte für die Dorfschaft und ihre Bewohner jedes Mal einer langen Zeit zur Erholung.
Bei einem Vergleich zwischen früher und heute können wir froh sein, in der heutigen Zeit zu leben. Aus dem kleinen Vorwerk Oerlinghausen ist im Verlaufe von 975 Jahren eine Stadt geworden, die mit ihrer Umgebung viele Annehmlichkeiten aufweist. Bei einem Rundflug vom Segelflugplatz aus lässt sich gut erkennen, wie schön Oerlinghausen am Tönsberg und in der Sennelandschaft liegt.
Werner Höltke, Stellv. Vorsitzender des LHB-Ortsvereins Oerlinghausen