Als Oerlinghausen Stadt wurde
Stadtgeschichte: Als Oerlinghausen im März 1926 endlich Stadt geworden war, herrschte riesige Freude. Die große Galafeier mit vielen Politikern in festlichem Rahmen startete erst im Juni
[Bild: Politiker-Gala: Im großen Festsaal des Rathauses (heute Stadthotel) lief die erste offizielle Feier als Stadt Oerlinghausen mit vielen geladenen Gästen. | © Repro: Horst Biere]
Oerlinghausen. Was war das für ein Freudentag für Oerlinghausen, der 22. März 1926.15 Böllerschüsse einer Kanone an der Windmühle auf dem Tönsberg verkündeten zur Mittagszeit etwas Außergewöhnliches, Oerlinghausen war vom Dorf zur Stadt befördert worden. Der lippische Landtag hatte endlich dem Bergdorf die städtischen Rechte verliehen. Jahrzehntelang hatte sich die Gemeinde vergeblich darum bemüht, nun war es so weit.
Aus aller Welt kamen Glückwünsche, per Postkarte, Brief oder Telegramm. Die „Westdeutsche Funkstunde", ein Vorläufer des WDR aus Münster, meldete die Oerlinghauser „Stadtwerdung" in ihren Hauptnachrichten. Ein regelrechter „Poststurm" von Gratulationen habe auf das Rathaus eingesetzt, hieß es in den Beschreibungen hinterher. Der „Verein der Lipper" aus Detmold sandte ebenso Glückwünsche wie der Kaufmann Hans Asemissen aus New York, der auch gleich noch einen „deutschen Gruß" mit dranhängte. Nur Helpup, das bislang aus einem losen Verbund einiger Dörfer bestand, sandte sauertöpfisch lediglich einen knappen Glückwunsch „An die Vertretung der Stadt Oerlinghausen in Oerlinghausen bei Helpup" mit dem schlichten Satz: „Helpup gratuliert zur Stadtwerdung."
[Bild: Offiziell: Die Urkunde aus dem Jahre 1926 verbriefte amtlich, dass sich Oerlinghausen nun Stadt nennen darf. | © Repro: Horst Biere]
Oerlinghausens Bürgermeister August Reuter, der immer wieder in Briefen an den fürstlichen Hof und den lippischen Landtag für die Stadtrechte geworben hatte, war mächtig stolz. In der ersten Versammlung des neuen Stadtrats nach der Landtagsentscheidung stellte er voller Pathos fest: „Unsere Herzen schlagen heute noch freudiger und mit Recht. Wir dürfen mit dem heutigen Tage Fesseln abstreifen, die wir seit Jahren als einengend, als Hindernis empfunden haben. Der Landtag hat uns in diesen Tagen größere Freiheit gegeben." Voller Dankbarkeit beschloss der neue Stadtrat, auch die Bedürftigen am Oerlinghauser Glück teilhaben zu lassen, und stellte 300 Reichsmark für wohltätige Zwecke zur Verfügung.
Mit der offiziellen Feier ließ man sich noch ein wenig Zeit, denn die Urkunde mit der Bestätigung aus Detmold hatte die Bergstadt noch nicht erreicht. Doch dann, am 12. Juni 1926 um 10 Uhr vormittags, kam der große Moment: Die erste feierliche Ratsversammlung der Stadt Oerlinghausen mit vielen geladenen Gästen startete. Schon in der Einladung bat man die „Herren Stadtverordneten" etwa eine Viertelstunde vorher im Rathaus, im späteren Stadthotel, zu erscheinen.
Die Stadt hat plötzlich mehr Privilegien als das Bergdorf
Auch die Kleiderordnung wurde vom Bürgermeisterfestgelegt. Erwünscht seien -um der Feier des Tages einen würdigen Rahmen zu verleihen - „ein schwarzer Rock und ein hoher Hut".
Die politische Prominenz des Landes Lippe, darunter so bekannte Politiker wie Heinrich Drake, der Abgeordnete Mellies und der Detmolder Oberbürgermeister Dr. Peter sowie Hofrat Staerke, zahlreiche Landtagsabgeordnete, Landrat Krieger aus Schötmar und viele andere Bürgermeister waren nach Oerlinghausen gekommen.
Nach den Ansprachen im Rathaussaal wurde ein Frühstück für die Festgesellschaft gereicht, das bereits aus der neuen Stadtkasse finanziert wurde. Doch schon beim Abendessen - so lange dauerte offenbar die Veranstaltung - setzte die lippische Sparsamkeit ein. Das Essen mussten die Stadtverordneten aus der eigenen Tasche bezahlen. Das Gedeck kostete seinerzeit zwei Reichsmark.
Doch die Oerlinghauser hatten auch allen Grund ein würdevolles aber fröhliches Fest zu feiern, denn als Stadt besaß man deutliche Privilegien, denen das Bergdorf jahrzehntelang nachgelaufen war. Der erste Versuch, die Stadtrechte zu erwerben, lag fast 40 Jahre zurück. Damals, 1888, hatte die Dorfgemeinde Oerlinghausen einen Antrag gestellt, um vom Land Lippe notwendiges Fördergeld für die Sanierung der völlig maroden Hauptstraße „die Chaussee von der Apotheke bis zur Gaststätte Niewald" (heute Stadtschänke) zu ergattern.
Nur 14 Tage später bekam der Gemeinderat vom Entscheidungsträger in der lippischen Regierung, vom Freiherrn von Richthofen, die ernüchternde Antwort, dass nur Städte, nicht aber Dörfer in den Genuss von Zuschüssen kämen. Selbst ein 27-seitiger, handgeschriebener Brief des damaligen Oerlinghauser Ortsvorsteher Freitag an das „Hochfürstliche Kabinett-Ministerium" brachte nichts.
Auch die Unterstützung der Presse zur Stadtwerdung fruchtete gar nicht. Im Dezember 1895 ergriff die „Lippische Post" auf ihrer Titelseite vehement Partei für das Anliegen des Bergdorfes. „Oerlinghausen mit 2.300 Einwohnern passt nicht in den Rahmen der Dorfgemeinschaftsordnung", schrieb das Detmolder Blatt. Und ein weiterer Versuch mit einer Unterschriftenaktion von 200 Oerlinghauser „Wahlbürgern" im Jahre 1897 scheiterte ebenfalls.
Die letzte Ablehnung stammte aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. In der jungen Weimarer Republik versuchte Oerlinghausen im September 1920 wieder einmal, den Status „Stadt" zu erlangen. Es gab viele gute Gründe, wie der hohe Industrialisierungsgrad der Gemeinde, die vielen Möbelfirmen, die damals florierende Weberei. Doch immer noch nicht ließen sich die Parlamentarier in Detmold umstimmen. Bis letztlich der März 1926 die hochwillkommene Entscheidung brachte.