Lynchjustiz, Mörder, Feiglinge

 

Kurz vor Kriegsende wird bei Langenholzhausen in Lippe ein amerikanischer Bomber abgeschossen, die drei überlebenden Offiziere verhaftet, eingesperrt, dann aber auf einen freien Platz geführt und erschossen. Einer der Täter, später zum Tode verurteilt und hingerichtet, erzählt dem lippischen Landespräsidenten Heinrich Drake in einer Detmolder Arrestzelle: „Ich habe ihm schnell die Pistole an den Hinterkopf gesetzt und abgedrückt. Der Mann fiel lautlos um.“

[Bild: An der Kirche in Bodenwerder erinnert eine Tafel an die Hinrichtung des Lemgoer Bürgermeisters Wilhelm Gräfer.]

Der Mord auf „höhere Weisung“ zeigt wie in Nazideutschland das Unrechtsbewußtsein verlorenging: Am 6. Juni 1944 hatte SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner eine Weisung herausgegeben, wonach „Terrorangriffe“ eine Lynchjustiz rechtfertigen.

Zum Schluß traf der Naziterror auch eigene Parteigänger. Als am 4. April 1945 der Lemgoer Bürgermeister Wilhelm Gräfer vor den Toren der Stadt mit den Amerikanern wegen der Übergabe der Stadt verhandelt, damit sie zuletzt nicht noch in Schutt und Asche fällt, wird er bei seiner Rückkehr von Stadtkommandant Heckmann verhaftet, noch am Abend von einem Standgericht in Lügde unter Vorsitz von General Goerbig zum Tode verurteilt und am nächsten Morgen von SS-Männern auf dem Marktplatz von Bodenwerder mit Gewehrkolben totgeschlagen und an einem Baum aufgehängt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Ohne einen förmlichen Gerichtsbeschluß ließ der Bielefelder Kreisleiter Reineking am 3. April den Brackweder Bürgermeister Hermann Bitter hinrichten, weil dieser Panzersperren öffnen ließ. Von Reineking, der sich nach mächtigen Trinkgelagen im Sedan-Bunker mit anderen Nazigrößen und Gauleiter Meyer in den Solling absetzte (auch dort wurden noch rauschende Feste gefeiert), fehlt seitdem jede Spur. Opfer fanatischer Fememörder wird auch der Höxteraner Gastwirt Bernhard Disse, weil er zu Soldaten einer Panzersperre gesagt hatte, sie sollten die Brocken hinwerfen. Drei Tage nach Besetzung der Stadt wird seine Leiche in einem Bach zwischen Corvey und Lüchtringen gefunden.

Glück hatten dagegen Volkssturmmänner aus Bad Driburg Der NSDAP-Ortsgruppenleiter, der sie wegen Befehlsverweigerung erschießen lassen wollte, konnte die Exekution wegen zu großer Trunkenheit nicht mehr ausführen lassen. Wie beinahe alle Nazifunktionäre. die noch bis zuletzt den „Kampf bis zum letzten Mann“ verlangt hatten, versuchte er sich der Verantwortung durch feige Flucht zu entziehen wobei er einen Bauern mit vorgehaltener Pistole zwang, ihm dessen Zivilanzug zu überlassen. In seiner Wohnung fanden die Amerikaner eine Liste mit den Namen von 26 Personen, die „liquidiert" werden sollten.                       -de