Majdanek-Dokumente belasten den Angeklagten Höcker schwer
Bielefelder NS-Prozeß: Befangenheitsanträge abgelehnt
Bielefeld (Eig. Ber.). Im Prozeß gegen den früheren Adjutanten des Lagerkommandanten im Konzentrationslager Majdanek, Karl-Friedrich Höcker (77), sind gestern vom Bielefelder Landgericht Befangenheitsanträge der Verteidigung gegen den Vorsitzenden Richter Walfried Woiwode sowie seine beiden Beisitzer abgelehnt worden. Die Verteidiger hatten die Anträge gestellt, da Woiwode einen „nichts mehr wissenden“ 68-jährigen ehemaligen Sanitätsdienstgrad im Lager Majdanek darauf hingewiesen hatte, er möge sich an seine Aussage von 1975 erinnern. Vor 13 Jahren hatte er vor der Staatsanwaltschaft Mannheim von den schrecklichen Ereignissen in Majdanek berichtet. Woiworde: „Sonst passiert ihnen das gleiche wie dem Angeklagten.“ Eine Vorhaltung, die die Verteidigung in Rage brachte.
Karl-Friedrich Höcker muß sich vor dem Bielefelder Landgericht wegen Beihilfe
zum Mord an Zehntausenden von Juden im Konzentrationslager Majdanek sowie wegen meineidlicher Falschaussage im großen Düsseldorfer Majdanekprozeß verantworten. Die nächste Zeugin, Henryks Telesz (56), hat diesen NS-Prozeß erst ermöglicht.
[Bild: Den Angeklagten schwer belastendes Material vorgelegt: Henryka Telesz, Leiterin des Majdanek-Archivs im polnischen Lublin. Foto: König]
Sie ist Archivleiterin im Majdanek-Museum und hat den
deutschen Behörden umfangreiches Material zur Verfügung gestellt. Als Zeugin legte sie dem Gericht gestern eine Reihe von-Schreiben, Fotos und Mikrofilmen vor, die entweder von Höcker 1943 verfaßt oder in Empfang genommen worden sind und seine Mitwirkung an der Bestellung des zur Massenvernichtung benutzten Giftes Zyklon B belegen könnten.
In der Mappe „Entwesung Zyklon 1941 — 1944“ wird ein reger Schriftwechsel der Lagerkommandantur Lublin-Majdanek mit dem Schädlingsbekämpfungsmittelhersteller Tesch und Stabenow in Hamburg dokumentiert. Danach werden am 18. Juni 1943 dreitausend Büchsen Zyklon zu je 1 500 Gramm zur sofortigen Lieferung in Auftrag gegeben. Höcker, dessen Paraphe in einigen Briefköpfen auftaucht, schaute sich die Schreiben an, äußerte sich aber nicht. Die Schriftstücke waren 1944 zweieinhalb Kilometer von Lager entfernt beim Rückzug der Deutschen in einem defekt liegengebliebenen Fahrzeug gefunden worden.
Der Prozeß wird heute mit der weiteren Vernehmung der Zeugin Telecz fortgesetzt.