In Geschichte eine glatte Eins

Die Aufarbeitung der Vergangenheit

 

[Bild: Dokument der Zeitgeschichte: der Vorbeimarsch junger Oerlinghauser Frauen am Stadthotel anlässlich der 900-Jahr-Feier Oerlinghausens 1936. Die Mädchen waren in der NS-Zeit im BDM (Bund Deutscher Mädchen) und die Jungen der HJ (Hitlerjugend) organisiert. | © Repro: Horst Biere /Quelle: Archiv Höltke]

In der Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit ist Oerlinghausen deutschlandweit führend. Mehr als 700 Besucher sahen die Ausstellung im Bürgerhaus, die jetzt zu Ende ging.

Oerlinghausen. Was tat sich in Oerlinghausen in der NS-Zeit? Wie erlebte die Bergstadt das Kriegsende? Fragen wie diese und noch viele mehr erklärte eine Ausstellung im Bürgerhaus, die jetzt zu Ende ging. Im Fach Geschichte hätte Oerlinghausen damit eine glatte Eins bekommen, denn von den zehn Kommunen in Deutschland, die sich an dem bundesweiten Projekt „Das Dritte Reich und wir" beteiligten, war die Bergstadt die erste, die eine große und sehenswerte Präsentation erarbeitete. Stattliche Stellwände mit vielen Bildern und Informationen waren dort zu sehen, in Vitrinen und Schaukästen lag historisches Material aus Oerlinghauser Familien und aus Archiven. Die alten Dokumente zeigten zahlreiche Fotos, Kinokarten, Schutzhelme, Wehrpässe, persönliche Briefe und amtliche Schreiben.

Eineinhalb Jahre lang hatte sich ein etwa 30-köpfiger Arbeitskreis von geschichtsbewussten Bürgern immer wieder in Workshops getroffen, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Am 18. November war schließlich der Eröffnungstag. Auf farbigen Schautafeln konnten Besucher dort Themen wie „Jüdisches Leben", „Segelfliegen unterm Hakenkreuz" oder „Zwangsarbeiter" erleben. In einer Hörstation berichteten noch lebende Zeitzeugen wie Werner Höltke oder Bernd Wintzer von der Befreiung Oerlinghausens durch die Alliierten bei Kriegsende. An einer weiteren Station durften die Besucher ihre Meinung zum Thema „Mahnmal oder Ehrenmal auf dem Tönsberg" an eine Pinnwand heften. Wegen des großen Interesses ging die Ausstellung sogar in eine zweiwöchige Verlängerung.

Auch Schulklassen besuchen die Ausstellung

[Bild: Bürgermeister Dirk Becker (rechts) zeigte sich von der Austeilung beeindruckt. Beteiligt waren (von links) der Oerlinghauser Projektleiter Christian Stüber, die studentischen Mitarbeiter Jacqueline Nowack und Niklas Döhner sowie Historiker Clemens Tangerding. | © Knut Dinter]

Das erstaunte sogar den wissenschaftlichen Leiter des bundesweiten Projekts, Clemens Tangerding, „Oerlinghausen ist das erste Einzelprojekt, das wir präsentiert haben. Erstaunlich war der große Zuspruch, den die Ausstellung bis zu ihrem Ende erfahren hat. Es waren wohl 700 Besucher im Bürgerhaus", sagte der Historiker der Universität Gießen.

[Bild: Auf großes Interesse stießen die Informationstafeln und Stellwände der NS-Ausstellung im Bürgerhaus auch bei Jugendlichen. Zur Eröffnung waren dabei Rieke Weller (v. li.), Caspar Beckmann und Bjarne Wohlfahrt. | © Foto: DDRUW]

Für das Geschichtsprojekt „Das Dritte Reich und wir“, das in anderen Orten in Deutschland noch läuft, hatten sich unter anderem die Städte und Gemeinden Dietramszell (Oberbayern), Oerlinghausen, Heynitz (Sachsen), Radeberg (Sachsen), München und Stuttgart-Riedenberg angemeldet. Das Projekt ist eine Kooperation der Justus-Liebig-Universität Gießen und des Deutschen Feuerwehrverbands. Gefördert wird die historische Aufarbeitung von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat.

[Bild: Der Gewölbekeller als Ausstellungshalle. Mehr als 700 Besucher erlebten während der vierwöchigen Ausstellungszeit die Präsentation „Das Dritte Reich und wir". Wegen des großen Interesses war die Ausstellung einmal verlängert worden. | © Horst Biere]

Der Oerlinghauser Projektleiter Christian Stüber, der mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern aus Helpup Jaqueline Nowack und Niklas Döner die Fundstücke und NS-lnformationen zusammentrug sowie die Workshops organisierte, machte sogar Hausbesuche, um an das Material aus der Oerlinghauser NS-Geschichte zu gelangen. Viel Unterstützung erhielt das Team auch aus den Heimatvereinen Oerlinghausen, Lage oder der Heimatwerkstatt Lipperreihe. Während der Ausstellungsdauer waren sogar mehrere Schulklassen mit ihren Lehrern im Bürgerhaus, um sich die Erinnerungsstationen anzuschauen.

Nun, nach Ausstellungsende, werden die großen Schautafeln und Stellwände eingelagert im städtischen Archiv. Konkrete Pläne für eine weitere Nutzung der historischen Schau gibt es noch nicht. Doch der Arbeitskreis will sich im Januar treffen, um das wertvolle Informationsmaterial auch künftig der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Clemens Tangerding fasste die hiesige Resonanz auf das Projekts „Das Dritte Reich und wir" in einem Lob für die Bergstadt zusammen: „Grundsätzlich können wir nur hoffen, dass das Engagement in den verbleibenden Einzelprojekten (der anderen Kommunen) auch so intensiv und beständig sein wird, wie in Oerlinghausen."