Die Tragödie der Familie Ober
Fritz Soll: Aus der Geschichte des Gefängnisses in Oerlinghausen
[Bild: Hier befand sich früher das Gefängnis der Bergstadt, von dem unsere Geschichte erzählt.]
Oerlinghausen. Denkmalschutz, Restaurierung und der Einzug der Volksbank in dem geschichtsträchtigen Gebäude an der Hauptstraße haben das frühere Gefängnis der Bergstadt in diesem Jahr mehrfach in Erinnerung gebracht. Das war Anlaß auch für Fritz Soll, für die NW alte Akten und Ordner zu sichten, um einen Beitrag zur Historie des Gefängnisses zu schreiben. Fündig wurde er im Detmolder Staatsarchiv, das ihm die „Tragödie der Familie Ober“ offenbarte:
Johann Hermann Conrad Ober, geb. 1. April 1771 zu Oerlinghausen, daselbst Gefangenenwärter seit 1804. Ein trauriges Kapitel der „guten alten Zeit“ ist hinter diesen Zeilen verborgen!
Als das neue Gefängnis 1823 in Betrieb genommen wurde, sah man wohl bald die Notwendigkeit ein, daß auch eine Wohnung für den Gefangenenwärter dazugehörte. Als 1827 dieser zweiteilige Anbau fertig war — man hatte an jede Seite des neuen Gefängnisses einfach einen Raum drangebaut —, zog obenerwähnter Ober mit Frau und einem Sohn in diese Wohnung ein. Der Sohn, 28 Jahre alt, kann nun heiraten.
Die junge Frau, Henriette Friederike Buschkamps aus Greste, bisher Magd bei Leinenhändler Tölke, bekommt Anfang 1831 ein Kind. Sie bleibt im Wochenbett liegen, weil sich inzwischen die Gicht als Krankheit bei ihr eingestellt hat. In der Schlafkammer war nur ein Bett aufzustellen, und in diesem lag schon die Frau vom alten Ober (wo die Männer schlafen, ist nicht überliefert, der Verfasser). Im Jahre 1833 sterben beide Frauen, ohne seit 1830 das Bett verlassen zu haben, innerhalb von 8 Wochen an der Wassersucht. Durch Krankheit und Tod der Frauen waren beide Männer nun gänzlich verarmt, einschließlich einer Magd, die man eingestellt hatte. Diese hatte bei der Pflege der beiden Frauen ihre ganzen Ersparnisse und ihre Aussteuer hergegeben und verbraucht.
Amtsschreiber Overbeck gibt nun einen ausführliche Bericht an die fürstliche Rentkammer und weist auf die Misere des Gefangenenschließers hin. Die Rentkammer gibt einen zinslosen Kredit in Höhe eines Jahresgehaltes, und das waren 11 Rtl. Dieses gibt dem jungen Ober scheinbar den Mut, die eingestellte Magd Marie Ebbinghaus aus Gräfinghagen im März 1834 zu heiraten. Diese versorgt nun den Schwiegervater, den Mann und den 3-jährigen Stiefsohn. Im März 1835 wird ein weiterer Sohn geboren — Adolf Conrad.
Die Wohnung ist nur noch ein Loch, der Fußboden ist verfault, von den Wänden tropft zur Bergseite das Wasser, und der alte Ober wird bettlägerig. Der Sohn übernimmt, ohne dazu berufen zu sein, die Arbeit des Vaters. 1839 stirbt der älteste Sohn (8 Jahre alt). Aber die Familie wird wieder größer, 1839, 1843, 1846 und 1849 wird je ein Mädchen geboren. Im Jahre 1846 stirbt der alte Ober. Sein Sohn wird nun offiziell sein Nachfolger. Nun kehrt bei der
Familie der Hunger ein. Die Rentkammer zu Detmold schreibt vor, daß jeder Arrestant morgens und abends Milch und Kekse bekommen muß, mittags Gemüse und ein Pfund Brot. Dafür soll er vier Silbergroschen bezahlen. Aber die meisten haben kein Geld, und im Lande herrscht eine große Teuerung. Auch wird ihm vorgeschrieben, ab sofort ein Gefangenenbuch zu führen, aber hierbei hat der Amtmann ein Einsehen, denn Ober kann nicht schreiben, und die Amtsstube führt das Buch. 1847 stirbt die älteste Tochter im Alter von 8 Jahren an Nervenfieber. Der Familienvater Ober fängt an zu kränkeln und stirbt, 52-jährig, im Jahre 1853. Vom Amt läßt man den Posten des Gefangenenschließers auf den 1835 geborenen Sohn Adolf Conrad übergehen. Seine Mutter mit den drei Mädchen bleibt bei ihm (wo soll sie auch hin? der Verfasser). Wir lesen dann erst im Jahre 1858 wieder von der Familie, aber was? Beide, Mutter und Sohn, haben in Untersuchungshaft in Detmold gesessen. Die Mutter, voll dem Trunke ergeben, wegen versuchter, aber nicht erwiesener Vergiftung ihres Sohnes und dieser wegen falscher Anschuldigung.
Im Frühjahr 1859 kommt dann ein neuer Gefängnisschließer in das jetzt überholte Gefängnis.
Ich glaube, zu der Feuchtigkeit im alten Gefängnis haben auch die Tränen beigetragen, die dort vergossen worden sind. Fritz Soll