Besuch wird für mich hoffentlich Beginn eines neuen Bewußtseins
Heinz Kulemeyer schrieb an Steinkühler und Bollhorst. Dank für Einladung und Aufnahme aus Anlaß des Stadtjubiläums
Oerlinghausen (bi). Ein Dankesbrief erreichte Oerlinghausen in diesen Tagen, Heinz Kulemeyer aus Argentinien schrieb ihn. Er besuchte mit seinem Bruder Fritz die Bergstadt zur 950-Jahr-Feier. Die Kulemeyers — das ist bekannt — mußten, da sie jüdischer Abstammung sind, Oerlinghausen zur Nazizeit verlassen und wanderten nach Argentinien aus. Wie es zu einem Auffinden der Oerlinghauser Familien kam, darüber berichtete die NW seinerzeit mehrfach.
„Mit diesem Brief", so Heinz Kulemeyer an Bürgermeister Horst Steinkühler und Stadtdirektor Fritz Bollhorst, „will ich mich für die Einladung und Aufnahme aus Anlaß der Feiern zum 950. Jahrestag Oerlinghausens bei Ihnen bedanken.
Es wäre müßig zu erklären, was dieses für mich und meine Familie bedeutet hat. Berufenere, fähigere Leute als ich haben diese Situation in Zeitungen und Büchern zu deuten versucht, und es scheint mir, daß es da so viel zu sagen gibt, daß es ausgeschlossen ist, alles sagen zu können.
Dennoch will ich einige Aspekte hervorheben. Zuerst schon die Einladung an sich, daß man an uns gedacht hat, daß man uns als irgendwie dazugehörig betrachtet..., die Auslage der Kosten, denn bei uns — Dritte Welt — würde allein jede Hin- und Rückfahrkarte den Jahreslohn eines mittleren Angestellten bedeuten. Das Wiedersehen mit Schulkameraden, die alle vollkommen aus meinem Bewußtsein verdrängt waren und die mir trotz der vergangenen fast 50 Jahre einen Platz in ihrer Erinnerung bewahrt hatten, wird für mich, hoffentlich, nicht nur ein schönes Erlebnis, sondern auch der Beginn eines neuen Bewußtseins, daß noch eine Verbindung besteht und auch gepflegt werden soll. Mit den besten Wünschen für alle Oerlinghauser grüßt Heinz Kulemeyer."
14 Tage hielten sich die früheren Oerlinghauser. die heute in Moises Ville, einer kleinen Stadt in Argentinien leben, in der Bergstadt auf. Sie nahmen an vielen Veranstaltungen zum Stadtjubiläum teil, und sie unternahmen einige Fahrten durchs Lipperland und zu anderen Zielen in der näheren Umgebung. Betreut wurden sie häufig von alten Klassenkameraden wie Heinz Risse und Heinz Bökenbrink.
Da Heinz Kulemeyer sehr an landwirtschaftlichen Entwicklungen interessiert ist, besuchte Bürgermeister Horst Steinkühler mit ihm auch eine landwirtschaftliche Lehr- und Versuchsanstalt, das Haus Düsse in Bad Sassendorf. Vieles wurde den beiden früheren Oeringhausern gezeigt.
„Über die Einladung nach Südamerika“, so bewertet Horst Steinkühler den Besuch, „gab es bei uns viele Diskussionen, wie zu hören war. Ich meine allerdings - auch nachdem ich diese Zeilen gelesen habe - es war richtig, diesen Kontakt herzustellen.“