August Weisheit

NW-Serie über einen Oerlinghauser Widerstandskämpfer - Ein KP-Genosse, der mit Worten und Sprengstoff umgehen konnte

 

[Bild: Eines der wenigen Fotos August Weisheits, das erhalten ist. Es stammt aus den 20er Jahren.        Repro: NW]

[Bild: Ein französischer Ausweis August Weisheits, ausgestellt 1958 vom Pariser Polizeinpräfakten.]

Von Thomas Klingebiel

Oerlinghausen (tom). Er muß ein brillanter Redner, ein großer Polemiker gewesen sein, der jedoch ebenso gewandt mit Handgranaten und Maschinengewehren umgehen konnte. Er war gelernter Maurer, Kommunist und besaß unzählige falsche Namen. Wegen Plünderung eines illegalen Munitionslagers in Lage und wegen eines Sprengstoffanschlags auf das Regierungsgebäude in Hannover wurde er Mitte der 20er Jahre steckbrieflich gesucht. Er war Parteisekretär des KPD-Unterbezirks Bielefeld, zog als Wanderredner der KPD unter anderem durchs Lipperland und wurde Anfang der 30er Jahre als einziger Kommunist in die Oerlinghauser Stadtverordnetenversammlung und den Lemgoer Kreistag gewählt. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilte man ihn zu einer Zuchthausstrafe. Im französischen Exil arbeitete er in den 30er Jahren mit hochrangigen KPD-Funktionären wie Paul Merker zusammen. Der Internierung und dem drohenden Zugriff der Nationalsozialisten entzog er sich, indem er in die Fremdenlegion eintrat und als Fremdarbeiter in Afrika tätig war. Er wurde für tot erklärt, weil er angeblich 1944 als Angehöriger der französischen Resistance von der Gestapo in Paris erschossen worden sein sollte. Tatsächlich lebte er jedoch als Staatenloser seit Kriegsende in Frankreich und kehrte bis zu seinem Tod 1985 nicht wieder in seine Vaterstadt Oerlinghausen zurück.

Schillernde Figur

August Weisheit alias „Alfons Barmotte“ alias „Charles Weisheit“ alias „Pierre Brou“, vielleicht eine der schillerndsten Gestalten, die mit der Oerlinghauser Stadtgeschichte verbunden sind, war ein Draufgänger, ein Abenteurer und Hasardeur. Einer offiziellen Stadtgeschichte wäre er wohl nicht mehr als eine Randnotiz wert, aber in Paris hat er ein Stück Geschichte des Widerstands gegen das Hitlerregime mitgeschrieben.

Für die politischen Ziele seiner Partei setzte sich Weisheit gewieft und schlitzohrig ein. Wenn es hart auf hart ging wie im französischen Exil, versuchte er skrupellos, deutsche Gewerkschafter und Sozialdemokraten mit gezielten Täuschungen, Intrigen und Desinformationen gegeneinander auszuspielen. Oft genug auch wurde er selbst Opfer von Verrat und Denunziation.

1914, als Sechzehnjähriger, zog August Weisheit, am 9. Oktober 1898 in Bielefeld geboren, mit seinen Eltern Hermann und Berta Weisheit nach Oerlinghausen. Der Vater betrieb dort ein kleines Tiefbauunternehmen. Die Familie wohnte an der Hermannstraße 207, nach Auskunft älterer Oerlinghauser ein umgebauter Eisenbahnwaggon vor den Toren der Stadt.

Wanderredner

Sohn August schlug dieselbe berufliche Richtung wie der Vater ein, er erlernte den Maurerberuf bei Borchard in Bielefeld und studierte 1916/17 ein Semester an der „Königlichen Baugewerkschule zu Höxter“.

Im Juni 1917 wurde er als Pionier zum Militärdienst beim 7. Pionierbataillon Köln-Mülheim einberufen und landet schon wenige Monate später, im Dezember, verwundet im Feldlazarett in Douai in Frankreich.

Nach dem Krieg verliert sich die Spur August Weisheits zunächst. Erst ab 1923 läßt sich sein Lebensweg anhand von Zeitungsveröffentlichungen wieder aufnehmen. Zu dieser Zeit taucht er als kommunistischer Wanderredner in Lippe auf. Im sozialdemokratischen „Volksblatt“ (Ausgabe vom 16. Mai 1923), für das auch Felix Fechenbach schrieb, mokiert sich ein Redakteur über einen „kommunistischen Weisheits-Redner“, der unlängst in Schötmar „das Blaue vom Himmel herunterschwindelt“ habe. Besonders die Vorkommnisse im preußischen Landtag, wo sich das „freieste Parlament der Welt gegen die ungeheuerlichsten Beleidigungen durch kommunistische Ehrabschneider selbst schützen mußte“, seien von dem Redner, ganz offensichtlich August Weisheit, „in verlogener Weise“ dargestellt worden.

Fünf Monate später, am 23. Oktober 1923, einem Dienstag, ab 23 Uhr räumten rund 140 Angehörige verschiedener lippischer KPD-Ortsgruppen unter Leitung des kommunistischen Abgeordneten des lippischen Landtags, Adolf Scholz, ein Munitionslager in Hagen bei Lage aus. Dabei muß auch August Weisheit seine Hand mit im Spiel gehabt haben.

Der Munitionsdiebstahl beim Landwirt Krietenstein war von langer Hand geplant. Bei der nächtlichen Aktion, die unter dem Kennwort „Breslau-Königsberg“ ablief, wurden 125 Kisten Munition entwendet. Die Beteiligten hatten an der Beute schwer zu tragen, zumal es in der Nacht stark regnete. Die Oerlinghauser Ortsgruppe rückte mit neun Mann unter dem Kommando von Ortsgruppenführer Richard Reuter (Polizeiaktenvermerk: „fanatisch“) auf Fahrrädern an. Mit von der Partie waren: August Becker, August Schildmann, Richard Hasenbein, August Diekhoff, Gustav Reinecke, Fritz Voß, Wilhelm Meier und ein gewisser Gustav Soll, Holzarbeiter.

Aufgrund des weiten und steil ansteigenden Rückwegs konnte der Oerlinghauser Trupp nicht mehr als vier Kisten wegschaffen. Reuter soll, wie in den staatsanwaltlichen Akten nachzulesen ist, ganz allein eine volle Kiste auf die Lenkstange seines Rades genommen und nach Oerlinghausen geschoben haben. Lediglich eine Munitionskiste wurde am Tönsberg auf dem Pachtland des KPD-Mitglieds Schildmann vergraben. Der Rest wurde auf Weisung des KPD-Sekretärs Weisheit offenbar nach Bielefeld geschafft. Später soll die Munition nach Hannover verschoben worden sein.

Dreh- und Angelpunkt der logistischen Verbindung Oerlinghausen—Bielefeld—Hannover (Hannover war Sitz der damals für den KPD-Unterbezirk Bielefeld zuständigen KPD-Bezirksleitung Niedersachsen) muß August Weisheit gewesen sein. Ebenfalls im Oktober 1923 wurden aus zwei Kalkwerken bei Brackwede und Steinhagen mehrere Zentner Sprengstoff gestohlen. Auch diesmal sorgte Weisheit für den Transport nach Hannover.

Das Munitionslager auf dem Hof des Bauers Krietenstein war ein im Sommer 1919 angelegtes geheimes Depot der Reichswehr, deren Waffen und Munitionsbestand nach dem Versailler Vertrag starken Einschränkungen unterlag. Der lippische KPD-Chef und Landtagsabgeordnete Scholz wird von dieser Herkunft möglicherweise gewußt haben.

Hitlerputsch

Seine „proletarische Hundertschaft“ aus Lemgo und die meisten anderen Tatbeteiligten motivierte er jedoch mit dem Hinweis, daß das Lager dem „Jungdeutschen Orden“ oder einer anderen rechtsgerichteten Organisation gehöre und beLeinem ’ bevorstehenden Rechtsputsch gegen-die Arbeiterschaft eingesetzt werden solle. Viele Beteiligte erklärten hinterher bei Vernehmungen, daß sie nicht mitgemacht hätten, wenn sie gewußt hätten, daß es sich um ein Munitionslager der Reichswehr handelte. Die Befürchtungen hinsichtlich eines Rechtsputsches waren allerdings berechtigt, wie der wenig später, am 9. November 1923, fehlgeschlagene Hitlerputsch in München bewies.

Die Dimension des Hochverrats erlangten die Munitions- und Sprengstoffdiebstähle nach einem Sprengstoffanschlag auf das Regierungsgebäude in Hannover am 21. Dezember 1923. In dem Gebäude hatte der SPD-Politiker Gustav Noske, für seine blutige Niederschlagung des „Spartakusaufstands“ 1919 berühmt-berüchtigt, als damaliger Oberpräsident der Provinz Hannover seine Wohnung.

Die ermittelnden Polizeibeamten in Hannover konnten aufgrund von Aussagen einiger Tatbeteiligter die Herkunft des verwendeten Sprengstoffs bis nach Bielefeld und Oerlinghausen zurückverfolgen und stießen dort unweigerlich auf den Namen August Weisheit.

Erste Verhaftungen erfolgten. Weisheit tauchte in Berlin unter, wo er bei Ernst Grote, einem nach Berlin verzogenen Oerlinghauser wohnte. Unvorsichtigerweise teilte Weisheit die Adresse in einem Brief an seinen Vater mit,- dem- er-zum 54.- Geburtstag gratulierte. Der Brief wurde am Oerlinghauser Postamt abgefangen. Die Berliner Polizei verhaftete irrtümlich Ernst Grote, weil sie ihn für August Weisheit hielt. Der hatte sich jedoch, wie sich beim Ausheben einer Paßfälscherwerkstatt der KPD in Berliner Bezirk Neukölln, Thomasstraße 33, im Oktober 1924 herausstellte, längst mit einem falschen französischen Reisepaß nach Frankreich abgesetzt.

Das Ausweispapier war auf den Namen Alfons Barmotte, Maurer, geboren am 19. Oktober 1898 in Paris, ausgestellt. Eine von der Fälscherwerkstatt penibel angelegte Liste der falschen und richtigen Namen der Paßinhaber führte Weisheit gleichzeitig unter dem Decknamen „Florian".

Deckname „Florian“

Daß in Neukölln auch KPD-Größen wie Thälmann und Maslow ihre falschen Pässe besorgten, läßt auf sehr gute Verbindungen August Weisheits zur KPD-Zentralleitung in Berlin schließen.

Seine damalige Verlobte Frieda Balesijus, die er als Wanderredner in Thüringen kennenlernte und die zu der Zeit schwanger von ihm war, ließ er in Deutschland, zurück. Weisheit selbst faßte diese bewegte Zeit später -Jn einem Lebenslauf unverfänglich so -zusammen: „1918 bis 1930 Tätigkeit als Maurer in vielen Städten Deutschlands und anderswo mit grundsätzlicher Gewerkschaftstätigkeit.“

Ob gegen August Weisheit aus Oerlinghausen in Lippe wegen der „Aufdeckung eines faschistischen Munitionsdepots“ bei Lage im Oktober 1923 noch ein Prozeß anhänge oder ob dieser Fall unter die Amnestie gefallen sei, fragt Karl Abel, von 1924 bis 1932 KPD-Abgeordneter im preußischen Landtag, am 2. Oktober 1930 bei der Staatsanwaltschaft in Detmold nach. Der Grund ist offensichtlich. Abel, wegen seiner kommunistischen Vergangenheit und Verbindung zu Widerstandskreisen bis 1945 im KZ Sachsenhausen inhaftiert, nach dem Krieg KPD-Abgerdneter des niedersächsischen Landtags und von November 1946 bis Mai 1947 Minister für Volksgesundheit und Staatswohlfahrt in Niedersachsen, sondierte offenbar für August Weisheit das Terrain. Den rührigen KPD-Aktivisten drängte es im französischen Exil aufgrund der politischen Entwicklung in Deutschland offensichtlich zurück in die Heimat.

Ein Verfahren gegen August Weisheit sei in Detmold gar nicht anhängig gewesen, lautet die Antwort an Karl Abel. Und selbst wenn, dann wäre es unter das Amnestie-Gesetz vom Oktober 1925 gefallen. Ohnehin sollte, wie in einem Schreiben des Auswärtigen Amtes in Berlin an die lippische Landesregierung vom 31. Januar 1925 nachzulesen ist, der Lagenser Munitionsdiebstahls möglichst nicht vor Gericht verhandelt werden, weil es sich um ein illegales Reichswehr-Munitionslager handelte und aufgrund der im Versailler Vertrag festgeschriebenen Entwaffnung außenpolitische Schwierigkeiten befürchtet wurden.

Den nach dem Hannoveraner Bombenanschlag gegen Weisheit erlassene Steckbrief, in dem wegen Vorbereitung zum Hochverrat nach ihm gefahndet wurde, nahm der Oberreichsanwalt in Leipzig im August 1928 nach einer politischen Amnestie zurück. Auch die zu drei bis sechs Jahren Zuchthaus verurteilten kommunistischen Bombenleger kamen aufgrund der Amnestie wieder vorzeitig auf freien Fuß. Der Rückkehr August Weisheits nach Oerlinghausen stand somit nichts mehr im Weg.

Im Juni 1931 traf August Weisheit wieder in Lippe ein, bezog eine Wohnung im Haus Welschenweg 67 im Oerlinghauser Arbeiterviertel „Moabit" und knüpfte sofort Kontakte zu den Bielefelder KPD-Genossen. Er schrieb unter anderem als Redakteur für den Bielefelder Lokalteil der kommunistischen Tageszeitung „Der Kämpfer“, zeichnete seine Artikel aber nicht namentlich. Bei gerichtlichen Auseinandersetzungen hielt ein „Sitzredakteur“ namens Klose, im Impressum offiziell als verantwortlicher Redakteur aufgeführt, den Kopf für Weisheits Schmähschriften hin. Weisheit selbst hielt sich im Hintergrund. „Diese von der KPD verfolgte Taktik zeigt den erbärmlichen Charakter dieser Partei, die ihre einfachen Mitglieder in die Gefängnisse spazieren läßt, während die kommunistischen Intellektuellen sich gesichert fühlen können“, ereiferte sich der nationalsozialistische „Bielefelder Beobachter“ am 30. März 1932.

Darüber hinaus betätigte sich Weisheit bei verschiedensten KPD-Veranstaltungen, unter anderem am 20. Juni 1931 bei „Wirt Frau Lücking" (Kastanienkrug) in Oerlinghausen. Das Bielefelder Polizeipräsidium bewahrt genaue Aufzeichnungen über verschiedene KPD-Veranstaltungen auf, bei denen August Weisheit als Redner auftrat, beispielsweise am 6. Juli 1931 im Lokal Lepper in Stieghorst oder auch beim „Roten Treffen" des KPD-Unterbezirk am 13. Juli 1931 in Bielefeld.

Weisheits Propagandareden handelten von „Notverordnung, Massenelend und der Ausweg“, hießen „Der Hooverplan und unser Kampf" oder „Roter Volksentscheid, sozialistisches Preußen“. „Weisheit sprach etwa 1 ¾ Stunde. Er war in seinen Ausführungen sachlich und gab zum Einschreiten keinen Anlaß“, heißt es in einem Polizeibericht. In einem Flugblatt wird er einmal als „der aus 7-jähriger Emigration und Arbeit aus der französischen Bruderpartei zurückgekehrte Genosse“ angekündigt.

Im „Tannenkrug“ in Nienhagen behandelt Weisheit am 15. August 1931 die „Wirtschaftskrise in Lippe“, bei „Deppermann" in Leopoldshöhe prangert er am 30. August 1931 die „Wirtschaftspolitik und Drake-Regierung" an. Im Dezember 1931, bei einer verbotenen Demonstration auf dem Schillerplatz in Bielefeld, ruft Weisheit zum Streik auf und wird verhaftet.

Der rastlose Einsatz sollte sich lohnen. Am 10. Januar 1932 schaffte August Weisheit bei den Kommunal- und Kreistagswahlen in Lippe als einziger KPD-Kandidat den Sprung in die Stadtverordnetenversammlung Oerlinghausens. Auch in den Lemgoer Kreistag wurde er gewählt. Zur ersten Sitzung der neugewählten Oerlinghauser Stadtverordnetenversammlung konnte Weisheit allerdings nicht kommen, weil er wegen des Streikaufrufs bei der verbotenen Bielefelder Demonstration immer noch in Bielefeld in Untersuchungshaft saß.

Bei seinem verspäteten Einzug in das Oerlinghauser Stadtparlament kam es dann im April 1932 gleich zu einem Eklat. „Zunächst sollte der kommunistische Stadtverordnete Weisheit eingeführt und verpflichtet werden. Weisheit weigert sich, den noch freien Platz einzunehmen. Die sozialdemokratische Fraktion ist sehr verwundert, daß Weisheit neben dem nationalsozialistischen Stadtverordneten sich nicht niederlassen will, zumal doch beide Parteien eng verbrüdert sind und stets zusammen gut harmonieren“, heißt es am 13. April 1932 im sozialdemokratischen „Volksblatt“. Die Verpflichtung Weisheits als Stadtverordneter scheitert schließlich daran, daß er seinen Platz nicht einnimmt. Somit war er offiziell noch nicht Mitglied des Stadtparlaments und durfte daher an der anschließenden vertraulichen Stadtverordnetensitzung im Zimmer des Bürgermeisters August Reuter nicht teilnehmen. Der ausgesperrte Weisheit rief erbost Parteifreunde zu Hilfe und versuchte gewaltsam in das Sitzungszimmer im heutigen „Stadthotel“ einzudringen. Die Polizei bereitete dem denkwürdigen Auftritt schließlich ein Ende.

Über die darauffolgende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung heißt es am 6. Mai 1932 im „Volksblatt“: „Zunächst wurde der der Kommunist Weisheit verpflichtet. Im Anschluß daran beschwerte sich Weisheit wegen der Vorkommnisse in der vorhergehenden Sitzung. Dabei wurde er in ungezogenster Weise ausfallend gegen die Sozialdemokraten und bekam einen Ordnungsruf. Er gestattete sich eine Ehrabschneiderei, wie sie bisher hier nicht erlebt wurde.“ Der SPD-Genosse Schröder habe Weisheit die „nötige Antwort“ gegeben. 300 Zuhörer verfolgten die Sitzung im Rathaussaal des heutigen „Stadthotels“.

Das ganze Jahr über macht Weisheit von sich Reden. „KPD stört Erwerbslosenversammlung in Oerlinghausen“, „Kommunisten auf Dummenfang“, „Politisches Glücksspiel im Kreistag“, sind Zeitungsartikel im „Volksblatt“ überschrieben, die sich mit Taten und Untaten Weisheits auseinandersetzen. Getreu der damaligen KPD-Doktrin nahm Weisheit Nazionalsozialisten und Sozialdemokraten, die er als „Sozialfaschisten“ beschimpfte, gleichermaßen ins Visier. Im Oktober 1931 hingegen hatte der wendige Weisheit noch Briefe an führende Sozialdemokraten in Oerlinghausen verschickt,in denen er Gespräche zur Bildung einer Aktionseinheit gegen die NSDAP anbot.

Neben seiner propagandistischen Tätigkeit amtierte der umtriebige KPD-Funktionär Weisheit zu dieser Zeit auch als Leiter des „Roten Frontkämpferbunds“ (RFB) im Unterbezirk Bielefeld. Die „RFB“-Einheit, die dem sogenannten M-Apparat (M = Militär) der KPD unterstand, wurde von Weisheit im Sinne der kommunistischen Lehre politisch geschult und in Theorie und Praxis des „bewaffneten Selbstschutzes" ausgebildet. Ziel der „RFB“-Einheiten, dem militärischen-Zweig der KPD: Generalstreik der Arbeiter, Revolution, bewaffneter Umsturz, Errichtung einer Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Vorbild. Der „RFB“ war im Mai 1929 verboten und aufgelöst worden. In einigen Gebieten jedoch, so unter Leitung von Commandante August Weisheit im Raum Brackwede, bestanden sie illegal weiter fort.

Aus einem bei Weisheit gefundenen Dienstplan geht hervor, daß er seine Kämpfer unter anderem in folgenden Dingen unterrichtete: „Verhalten vor Gericht“, „Ausbildung an der Pistole“, „Wie überrumpeln wir am leichtesten Polizeiwachen ohne große eigene Verluste“, Ausbildung an Maschinengewehr und Eier- und Stielhandgranate, Abriegeln von Plätzen, Errichtung von Barrikaden. Da auch Weisheit selbst dies irgendwo gelernt haben muß, liegt die Vermutung nahe, daß er während seines Frankreich-Exils von 1924 bis 1931 zwischenzeitlich in Moskau, möglicherweise in der berühmten „Lenin-Schule" der Komintern, einschlägig geschult wurde. Aus der Zeit des Frankreich-Aufenthalts ist nur bekannt, daß er dort Mitglied der französischen kommunistischen Partei und auch für die Partei politisch aktiv war.

Die Bielefelder „RFB"-Einheit flog schließlich auf, nachdem sie von einem Spitzel verraten worden war. Bei einer Hausdurchsuchung auf dem Bauernhof Leeker in Heepen entdeckten Polizeibeamte einen im Stall unter Stroh versteckten Sack, der neben einem Haufen Kartoffelschalen ein Köfferchen enthielt, das Weisheit der Tochter des Landwirts, seiner damaligen Lebensgefährtin Elisabeth Leeker, zum Aufbewahren gegeben hatte. In dem Handkoffer befanden sich unter anderem persönliche Aufzeichnungen Weisheits und ein von ihm aufgestellter RFB-Dienstplan.

Die Beweise waren eindeutig, Weisheit wurde Ende März 1933 in Bielefeld verhaftet. Kurz darauf ließ man ihn irrtümlich wieder laufen. Weisheit nutzte die Gelegenheit sofort zur Flucht nach Osnabrück, wo er sich bei einer Anlaufstelle für flüchtige Kommunisten, dem Kiosk eines KPD-Mitglieds, mit dem Kennwort „Wo bitte gehts zum Bischofs-Palais?“ meldete.

Weisheit wird weitergeleitet, wohnt bei einer Witwe Bredigkeit in Quakenbrück, ist dort wieder illegal tätig, verfaßt und druckt 1. - Mai-Flugblätter gegen die NSDAP, wird denunziert, flieht mit dem Rad und gerät schließlich bei Oldenburg in die Fänge der Polizei. Zusammen mit neun weiteren RFB-Angehörigen wird er wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Weisheit bekommt mit 21 Monaten Zuchthaus die höchste Strafe von allen und wird ins KZ Neusustrum bei Papenburg überführt. Nach seiner Entlassung aus der Haft am 20. März 1935 nimmt man ihn überraschenderweise nicht sofort wieder in sogenannte Schutzhaft, wie sonst bei KPD-Funktionären seines Kalibers üblich. Weisheit flüchtet vermutlich gleich anschließend über die grüne Grenze nach Holland und setzt sich erneut nach Frankreich ab.

In Paris angekommen meldete er sich als politischer Flüchtling und fand Unterschlupf bei seiner früheren Lebensgefährtin Hermance Mercusot, die er während seines ersten mehrjährigen Frankreich-Aufenthalts kennenlernte. Im Dezember 1930 hatte Mademoiselle Mercusot eine Tochter von ihm bekommen. August Weisheit erkannte die Vaterschaft nicht an.

Das Ringen um die Einheitsfront im Frankreich-Exil

Angekommen in Paris, kann August Weisheit, als er sich im Dezember 1936 als politischer Flüchtling meldet, Referenzen hochgestellter kommunistischer Persönlichkeiten vorweisen. In seinem Antragsformular nennt Weisheit unter anderem den Generalsekretär der kommunistischen Gewerkschaft CGT, Pierre Vigne, und Ivan Katz, im französischen Exil lebender kommunistischer Abgeordneter des Berliner Reichstags.

Und gleich stürzt sich August Weisheit wieder in die Parteiarbeit. Die führenden KP-Köpfe des französischen Exils bemühten sich zu der Zeit, eine „Einheitsfront“ von Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten gegen den Faschismus zu bilden. August Weisheit sollte sich, wegen seiner guten Kontakte zur französischen CGT, um die Zusammenarbeit der exilierten deutschen Gewerkschafter kümmern. Seine Decknamen lauteten diesmal „Charles Weisheit" und „Pierre Brou“.

In enger Zusammenarbeit mit Paul Merker, einem ranghohen KPD-Funktionär, der mit Walter Ulbricht zum Führungskern der KPD gehörte und zu der Zeit in Paris mit der Vorbereitung der „deutschen Volksfront“ betraut war, organisierte Weisheit die Gründung eines „Koordinations-Ausschusses deutscher Gewerkschaftler in Frankreich".

Alle in Frankreich erreichbaren ehemaligen Gewerkschaftssekretäre aller möglichen Berufssparten trafen sich in der Woche vor Ostern 1937 in Paris zu einer Gewerkschaftskonferenz. Es kamen unter anderem Vertreter des „Deutschen Metallarbeiterverbandes“, des „Christlichen Bergarbeiter-Verbands", des „Zentralverbandes der Angestellten“ und des „Deutschen Bekleidungsarbeiterverbands".

Weisheit selbst, gelernter Maurer, gab sich als „Vorsitzender der Sektion der Maurer in Magdeburg“ des „Deutschen Baugewerkbundes“ aus. Paul Merker, gelernter Kellner, firmierte als Mitglied des „Zentralverbands der Hotel-, Restaurant- und Cafehausangestellten", Bezirks- und Branchenleiter Berlin.

Die Arbeit ließ sich zunächst gut an. Weisheit erklärte den Konferenzteilnehmern, daß neue Richtlinien für eine erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit im Reich gefunden werden müßten. Die Not erfordere einheitliches Denken und Handeln. Jeder Anfang einer Arbeit müsse heute vom „Einheitsfrontcharakter" und von der „Volksfrontidee“ getragen werden. Gedanken, von denen Weisheit die versammelten Gewerkschafter offenbar überzeugen konnte. Die Konferenz wählte ihn gleich zum Generalsekretär des aus der Taufe gehobenen Komitees.

Die Pariser Weltausstellung im Sommer 1937 und den Besucherstrom aus dem Ausland, auch aus Deutschland, nutzte Weisheit für, wie er selbst schrieb, „eine gute antifaschistische Propaganda in getarnter Form“. Unterstützt von der kommunistischen französischen Gewerkschaft CGT gab Weisheit Flugblätter, Broschüren, Zeitungen heraus, ließ einen eigenen Führer durch die Weltausstellung schreiben und drucken und lud zu Kongressen ein. Immer ging es darum, die sozialen Errungenschaften der französischen Arbeiterschaft in den schönsten Farben herauszustellen. Zuhörer und Leser sollten zu einem Vergleich mit ihren Lebensumständen im Hitler-Deutschland angeregt werden. Auch die Arbeiter, die vor der Eröffnung der Weltausstellung mit dem Bau des deutschen Pavillons beschäftigt waren, sprachen Weisheit und seine Leute in „unverfänglichen Unterhaltungen" an, wie Weisheit stolz nach London an den „Kamerad Edwards“ von der Bergarbeiter-Internationalen „Miners International Federation“ schrieb.

Bald jedoch wurde die traute Zusammenarbeit von KPD, SPD und Gewerkschaften im Komitee getrübt. Zunächst gab es Unstimmigkeiten über die von Weisheit abgefaßten Protokolle, in denen sich Sitzungsteilnehmer offenbar nicht immer korrekt wiedergegeben sahen. Dann setzte sich bei den Gewerkschaftern offenbar der Eindruck durch, für die Zwecke der KPD mißbraucht zu werden. „Merker lügt und der berühmte Bauarbeitergenosse (offensichtlich ist Weisheit gemeint, Anm. d. Red.) mit ihm", schreibt Gerhard Kreyssig, führendes Mitglied der Pariser Gruppe der SPD in einem Brief an Bruno Süß, der zu der Zeit als Vertreter des „Zentralverbandes der Angestellten“ in Weisheits „Koordinationsausschuß“ saß. August Weisheit hatte offenbar versucht, die Mitglieder des Ausschusses mit halbwahren und unrichtigen Angaben gegeneinander auszuspielen. Doch der gewiefte Taktiker kam damit nicht durch. Die alten Gewerkschafter kamen ihm und Merker auf die Schliche.

„Wie Weisheit in den Besitz (des Briefes) kommt, entzieht sich meiner Kenntnis; wie er diesen Brief ausnützt, wirst du dir aber leicht ausmalen können“, schreibt Kreyssig bei einer anderen Gelegenheit verärgert an Süß. Ein weiterer Beweis, so Kreyssig, wie vorsichtig man den Kreis seiner Freunde ziehen müsse. Richard Kirn, saarländischer Bergmann und Gewerkschaftsfunktionär, fürchtete ebenfalls, als Handlanger für einen „Mord an der Gewerkschaftsbewegung“ mißbraucht zu werden. Kreyssig und Kirn können Süß schließlich zum Austritt aus Weisheits „Komitee“ bewegen. „Was sagen die Rubel-Trabanten (gemeint sind Merker und Weisheit) über die Erschießung und Ermordung von Nicht-Stalin-Anhängern“, fragt Kirn in Anspielung auf Stalins „Säuberungen“ im Parteiapparat, denen auch unzählige altgediente Kommunisten außerhalb der Sowjetunion zum Opfer fielen, in einem Brief an Süß.

Der „Koordinationsausschuß" wird schließlich aufgelöst. Zuvor, im November 1937, soll August Weisheit unter dem Vorwurf der KPF, ein Spitzel der Gestapo zu sein, aus dem „Koordinationsausschuß" ausgeschlossen worden sein. Das berichtete Paul Merker 1966 in einem Gespräch mit einem DDR-Historiker. Tatsächlich muß die Gestapo sehr genau, bis hin zu wörtlichen Protokollen von Beratungen, über die Arbeit des Koordinationsausschusses informiert gewesen sein. Aus Akten des Reichssicherheitshauptamtes geht hervor, daß es bei der CGT einen V-Mann der Gestapo gegeben haben muß. Daß Weisheit dieser Spitzel gewesen sein soll, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Einen Tag nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 2. September 1939, wurde August Weisheit zusammen mit vielen Emigranten im Stadion „Colombes (Seine)“ in Paris interniert, dann in ein Lager des 5. Militärbezirks in Orleans (Loiret) überführt. Um der drohenden Auslieferung an die Nazis zu entgehen, unterzeichnete er am 12. Dezember 1939 einen Vertrag mit der Fremdenlegion, wurde am 27. März 1940 nach Sidi-Bel-Abbes in Marokko abkommandiert und schließlich als Fremdarbeiter der 2. Kompanie der Fremdenlegion in Colomb Bechar in Algerien zugeteilt, wo er vermutlich beim Gleisbau in der Wüste eingesetzt wurde.

Am 22. September 1945 quittierte er den Dienst in der Fremdenlegion und kehrte nach Frankreich zurück. „Bei seiner Rückkehr 1945 fiel er als Mitglied der französischen kommunistischen Partei PCF im Departement de la Seine auf", antwortete die Pariser Polizeipräfektur 1988 auf eine Anfrage nach Weisheits Schicksal nach dem Ende des Krieges. Bis 1947 sei August Weisheit Delegierter der kommunistischen Gewerkschaft CGT für Paris gewesen. An seiner Arbeitsstätte muß der unentwegte KPD-Aktivist wieder für einige Unruhe gesorgt haben. Die Störungen des Betriebsfriedens, so der Pariser Polizeipräsident, hätten sich jedoch nach Weisheits Weggang 1948 schnell wieder gelegt.

Im Juni 1958 habe sich Monsieur Auguste Weisheit, schließlich erfolglos, um eine Anerkennung als Flüchtling durch das Französische Amt für den Schutz von Flüchtlingen und rassisch Verfolgten bemüht. Bis 1961 habe er in Bagneux, einem Pariser Vorort, gelebt. Dann sei er nach Marray, im Departement Indre mitten in Frankreich gelegen, verzogen. Weisheits Bruder Hermann läßt August Weisheit am 22. November 1957 für tot erklären, weil er angeblich 1944 als Kämpfer des französischen Widerstands von der Gestapo in Paris erschossen worden sein soll. Dann erfuhr Hermann Weisheit, daß sein Bruder August in Marray lebt. August Weisheit schreibt einen Brief, legt Fotos, Ausweispapiere und einen kurzen Lebenslauf bei. Die Todeserklärung wird im Juli 1961 vom Amtsgericht Oerlinghausen wieder aufgehoben.

Am 5. August 1985 starb August Weisheit im Alter von 86 Jahren wirklich. Er wurde als „Staatenloser deutscher Herkunft" in Ville D'Annecy, Departement Ardeche, in Südfrankreich begraben.