Glockenklang und der Duft von Bratkartoffeln

Erinnerungen an alte Oerlinghauser Tage

 

Oerlinghausen (WB). »Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt« - über diese Devise mag heute mancher heute nur noch müde lächeln. Vor gar nicht langer Zeit war sie indes noch gang und gäbe, wie sich der Oerlinghauser Hobby-Historiker Fritz Soll erinnert. Dem WESTFALEN-BLATT stellt Soll seine Aufzeichnungen »aus alten Oerlinghauser Tagen« zur Verfügung. In der heutigen Folge beschreibt der Heimatforscher einen sommerlichen Feierabend in den 30er Jahren. Ort des Geschehens ist das Landerhaus.

„Die Feierabendglocken der evangelischen Kirchen läuteten, wie heute noch, um 7 Uhr abends. Um diese Zeit hatte auch Mutter den Abendbrottisch gedeckt. Das Schwein im Stall war schon vorher gefüttert worden.

Der Vater gab beim Essen den Ton an

Jetzt im Sommer viel Grünzeug - Gras und Brennnesseln, vielleicht auch die letzten Reste von den Einkellerungskartoffeln vom letzten Jahr. Jetzt im Hochsommer wurde das Kartoffellager gereinigt und gesäubert und mit Kalk ausgespritzt.

[Bild: Hobby-Historiker Fritz Soll hat Geschichten »aus alten Oerlinghauser Tagen« aufgezeichnet.        Foto: WB]

Nachdem das Läuten der Abendglocken vorbei war, konnte Mutter sich wieder verständigen und rief ihre Lieben zu Tisch. Wir wuschen uns die Hände in einer kleinen roten Waschschüssel, die innen am oberen Rand ein kleines Näpfchen hatte, worin die Seife lag. Der letzte schüttete das schmutzige Wasser in einen Trichter, der an der Wand saß. Durch ein Rohr floß es nach draußen und versickerte in einen Abwassergraben. (Beim Spielen mußten wir Kinder aufpassen, daß wir nicht darein gerieten.)

Als wir alle - fünf Personen - am Tisch saßen, brachte Mutter eine große Pfanne mit Bratkartoffeln auf den Tisch. Jeder war schon mit einer Gabel bewaffnet, fing sofort an zu essen und paßte auf, daß er auch seinen Teil mitbekam, denn jeder wußte, daß es anschließend für jeden nur eine Scheibe Brot mit Wurst oder Schinken gab. Wenn die Bratkartoffeln dann zu Ende gingen, wurde immer schneller zugegriffen, bis Vater plötzlich eine Scheibe Brot in der Hand hatte. Nun berührte keiner mehr die Pfanne. Vater brockte das Brot in die Pfanne, in der nur noch ein paar kümmerliche Kartoffelreste und viel Rüböl waren. Als Vater dann seine Gabel wieder in die Hand nahm, ging die Jagd auf die Reste los. Bruder Walter und ich (Vater tat nur so) putzten nun die Pfanne leer und blank, einsatzbereit für den nächsten Tag.

Nach dem Essen durften wir Kinder nochmal nach draußen zum Spielen. Ich als Schüler wurde aber vorher von Vater gefragt, ob ich die Schularbeiten gemacht hätte. Zeigen ließ er sich die nicht. In diesen Dingen war er sehr liberal und vertrauensvoll. Wenn ich Vater belogen hätte, dann wäre der sehr seltene Fall eingetreten, daß ich eine Tracht Prügel bezogen hätte. Die Nachbarskinder hatten sich schon versammelt und wir schlossen uns an und verschwanden alle in Richtung Schützenplatz. Nur weit weg, damit uns keiner rufen konnte. Nun kam der Feierabend für die Eltern -Großmutter - Tante und Nachbarn. Alle setzten sich in den Garten vorm Haus. Dort stand eine lange gezimmerte Eckbank und ein kleiner Tisch. Dort ging nun die Unterhaltung los. Jeder wußte etwas Neues.

Kein Auto störte die Stille

Die hohen Hecken ringsum sorgten für Abschirmung - die Grillen zirpten - die Luft war lau. Die Männer rauchten - die Frauen pulten die ersten Erbsen. Gegen halb zehn ging der Abend zu Ende. Wir Kinder kamen freiwillig nach Haus, denn es dunkelte schon. Die Eltern nahmen uns mit ins Haus. Im Garten war nun Ruhe. In der Wohnküche brannte nun noch zehn Minuten eine Glühbirne von 16 Kerzen. Sie hatte eine Leuchtkraft von etwa fünf Watt heutiger Werte. Wir Kinder sprangen ins Bett auf den Strohsack und hatten keine Einschlafschwierigkeiten. Um zehn Uhr war totale Ruhe .im Haus. Draußen wurden die Tiere der Nacht mobil. Irgendwo schrie ein Käuzchen oder ein Hund bellte in der Feme und der Wind spielte in den Blättern der drei Linden vor dem Haus. Sonst störte kein Flugzeug und kein Auto die Stille der Nacht.“