Die Industrialisierung erreicht Oerlinghausen

Ein Bild der Berufe seit 1893

 

Bis zum Anfand dieses Jahrhunderts war Oerlinghausen ein Dorf, welches sich von dem Niedergang der Hausweberei noch nicht erholt hatte. Ein großer Teil der ehemaligen Hausweber ging als Ziegler in die Fremde, und ein anderer kleinerer Teil hatte das Zigarrenmacherhandwerk gelernt. Wir wissen das der Anfang der Oerlinghauser Zigarrenmacher - Industrie in den 60 Jahren des vorigen Jahrhunderts seinen Anfang in der Firma Paradies genommen hat. (Es waren Zigarrenmacher aus Bremen die hier anlernten, und sich erdreisteten keine Steuern zu zahlen, weil sie Wanderarbeiter wären. Sie kamen damit durch.) Da der Niedergang der Hausweberei in den 50 Jahren lag, ist hier ein gewisser Übergang bei den Zigarrenarbeitern zu finden. In dieser Zeit liegen auch die Anfänge der Ziegeleigänger. Diese beiden Berufe bildeten also die Nachfolge der Hausweberei, wozu in den ersten Jahren noch die Tagelöhner kamen.

Nach der Jahrhundertwende erreichten beide Berufe ihren Höhepunkt, um dann langsam aber sicher anderen Berufen Platz zu machen. Wie kam das, was war geschehen. Es waren 3 Dinge die damals das Berufsgefüge in Oerlinghausen umwälzten.

1901 wurde in Oerlinghausen das Elektrizitätswerk gebaut.

1903 baute die Firma Weber ihren Betrieb auf den Breitars.

1904 wurde die Bahnlinie Bielefeld - Oerlinghausen eingeweiht. Alle 3 Ereignisse in so kurzer Zeit rissen innerhalb von 10 Jahren das ganze bisherige Berufsgefüge auseinander und formten es neu. Wenn der erste Weltkrieg nicht gekommen wäre, dann könnte uns die Berufsstatistik noch mehr Aussagen machen.

Die Errichtung des Elektrizitätswerkes hatte eine Mechanisierung zur Folge. (Die Firma Weber hatte zwar eigene Stromversorgung, aber sie konnte nun auch das örtliche Netz mit in Anspruch nehmen, bzw. da hinein liefern.)

1909 errichtete die Firma Bank -nachher Dornbusch- ihre Näherei in Oerlinghausen.

Nach Fertigstellung ihres Betriebes beschäftigte die Fa. Weber hier in Oerlinghausen teilweise bis zu 250 Männer oder Frauen.

Die Fertigstellung der Eisenbahnlinie nach Bielefeld aber hatte wohl den größten Einschnitt in unser damaliges Dorf zur Folge. Als Beispiel möchte ich hier den Bruder meines Vaters erwähnen. Flein Großvater fuhr seit 1875 auf Ziegelei, und wie auch in anderen Familien war es bei ihm üblich das seine Söhne, sobald sie 14 oder 15 Jahre alt waren mit auf Ziegelei gingen. So mußte auch der Sohn Karl (1881 geboren) im Jahre 1896 zum ersten male mit in die Fremde. Es war schwere Arbeit von Morgens 5 Uhr bis Abends 19 Uhr. im Jahre 1905 fing er bei Görike in Bielefeld an zu arbeiten, und verdiente dort mehr als auf der Ziegelei. Aber das war nicht ausschlaggebend, sondern die leichte Arbeit die er dort verrichten mußte. Ohne Winterpause konnte man nun sein Geld verdienen, auch wenn der Weg zum Bahnhof weit war, aber Abends war man wieder zu Hause, und Sonntags auch. Welch eine Umstellung in den Familien, welch eine Umstellung im kulturellen und politischen Leben hier im Dorfe.  Es wäre zu weitgehend wenn hier an dieser Stelle alles aufgezählt würde was durch diese Umstellung in den Berufen alles anders wurde, schon in den ersten 10 Jahren dieses Jahrhunderts.

Die beiliegende Auflistung zeigt wie in diesen Bahren uralte Tätigkeiten ganz verschwunden sind, andere schon anfingen zu stagnieren, und wiederum andere Berufe kamen, um Oerlinghausen das Gepräge für die nächsten 50 Jahre zu geben.

 

Fritz Soll

August 1985