Albert Schütte - Leben und Wirken in Oerlinghausen

Nach August Reuter

 

Einer der markantesten Vertreter der Oerlinghauser Zigarrenindustrie war Albert Schütte. Geboren zu Oerlinghausen am 29.11.1885 als Sohn des Zigarrenmachers Heinrich Schütte, war er von Jugend auf mit dem Zigarrengewerbe verbunden.  Schon als Schulknabe wurde er zum Abstruppen des Tabaks mit herangezogen. Nach der Schulentlassung erlernte er das Zigarrenmachen von der Pike an. 1911 machte er sich selbständig. In einem behelfsmäßigen Raum im Hause seines Vetters Fritz Schütte, Unter der Hove, begann er mit 2 Arbeitern seinen Betrieb. 1912 siedelte er mit 4 Arbeitern in die leeren Betriebsräume im Anbau des Hauses Elmendorf, Detmolderstraße 13, über und schon 1913 konnte er die unteren Räume des Anbaus hinzumieten. 1914 beschäftigte er 8 Leute. Der im Sommer 1914 ausgebrochene Krieg brachte infolge des großen Bedarfs der Front einen erhöhten Absatz seiner Fabrikate. Doch schon 1915 wurden ihm die Fabrikräume gekündigt, weil das gesamte EImendorfsche Anwesen zur Unterbringung von Soldaten des nach Oerlinghausen verlegten Ersatzbattallions des Königs-Infantrie-Regiments Nr. 145 gebraucht wurde. Albert Schütte verzog daher am 1. 4. 1916 in das dem Hotelier Hartwig Brenker gehörige Haus Hermannstraße 2 und setzte dort den Betrieb fort, obwohl ihm durch die Einberufung zum Kriegsdienst mehrere Leute genommen wurden. Am 1. 10 1917 mußte er selbst noch Soldat werden trotz seines schweren Augenleidens. Aber auch dann gab er seinen Betrieb nicht auf, sondern zog mit seinen Lehrlingen zu Firma F. A. Büker, Bahnhofstraße, (heute Rathausstraße). Er wurde Teilhaber von F. A. Büker und wirkte hier anregend bis 1920.

Inzwischen war im November 1918 die Revolution ausgebrochen, die auch für Oerlinghausen eine Umwälzung im öffentlichen Leben mit sich brachte.

Am Abend des 10. November 1918 hatten sich viele Bewohner auf dem Marktplatz einqefunden. Albert Schütte wurde aufgefordert, zu den Ereignissen zu sprechen. Er sprach hier zum ersten Mal zu einer großen Menschenmenge und konnte es! - zu seiner eigenen Überraschung. Die Gabe der Rede ist ihm in hohem Maße eigen. Wie manches Mal hat er seitdem schöne und treffende Worte gefunden. Wie gern erinnere ich mich seiner Reden im Freundeskreise. Aber wie scharfe und immer treffende Worte fand er auch in ernsten Situationen, wenn es galt, das Wichtige herauszustellen und die Sachlage zu klären. Und wie oft hat er bloße Schreier in die Schranken verwiesen. Wenn wir ihn noch heute gern zu uns bitten, dann horchen wir auf und bewundern sein Gedächtnis und seine Kenntnis deutscher Lyrik, politischer Gedichte und passender Zitate. Des Redners Albert Schütte muß ich daher hier besonders gedenken.

Auch am Abend des 10. Novembers 1918 wußte er die Menge zu begeistern und die noch unklare Situation zu klären und zu meistern. Ein Volks- und Soldatenrat wurde gebildet und Albert Schütte zum Leiter bestellt. In mühevoller Arbeit hat er in den ersten Monaten nach der Revolution manche schwierige Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit gelöst und zwar - was besonders hervorgehoben zu werden verdient - mit den geringsten Geldmitteln.

Die Frage ist erlaubt: Wie kam es, daß er, der nur die Volksschule besucht hatte, solche Arbeit bewältigen konnte? Wie kam es, daß er von Anfang an sich des uneingeschränkten Vertrauens seiner Freunde und des hohen Ansehens seiner politischen Gegner erfreuen durfte?

Er hat es sich nicht leicht werden lassen. Gewiß, vieles an seinen Charakter, seine Treue und Ehrlichkeit sind Erbgut. Seine Mutter war eine tiefreligiöse,  stille und kluge Frau; sein Vater ein gemütlicher und verträglicher Mann und Mitbegründer des Gesangvereins "Eintracht" in Oerlinghausen. Aber das Andere, sein erstaunliches Wissen und Können war Arbeit an sich selbst.

Schon als Lehrling mußte er auf der "Bude" (so wurden die Eabrikräume der Zigarrenmacher genannt) die Reden der sozialdemokratischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten oder die Leitartikel des "Vorwärts" vorlesen und kam so frühzeitig in Verbindung mit der sozialdemokratischen Politik. Er ist zeitlebens der sozialdemokratischen Partei ein unerschrockener Kämpfer und ein treues Mitglied gewesen.

Als Lehrling erlernte er die Gabelsberger Stenographie. Aber nicht genug damit, er gründete 1907 auch den ersten Stenographen - Verein in Oerlinghausen und wurde dessen begeisternder Lehrer, dem viele junge Angestellte und Handwerker ihre Fertigkeit und "Fixigkeit" in der Stenographie verdanken. Ihre "Fixigkeit" war so groß, daß 1912 der Wanderpreis des Bezirks 2 mal nach Oerlinghausen fiel. Wanderungen mit der Jugend des Vereins lehrten ihn die engere und weitere Heimat, die Schönheiten des Ravensberger und Lipperlandes kennen.

Als ich nach dem 1. Weltkriege in seine Wohnung kam, war ich nicht wenig erstaunt über seine gute Büchersammlung, die unter Werken politischer Schriftsteller zahlreiche Werke der Belletristik enthielt. Und die Bücher zeugten davon, daß sie nicht nur gelesen, sondern durchstudiert waren.

Was hat dies mit der Geschichte der Oerlinghauser Zigarrenindistrie zu tun? Nun, ich denke, es ist bei Albert Schütte angebracht, den Menschen zu kennzeichnen, der in der politischen Geschichte der Stadt eine Rolle spielte, die nicht übersehen werden darf. Ich erwähnte schon, daß er in den Tagen der Revolution von 1918 auf den Schild gehoben wurde. Es war daher Selbstverständlich, daß Albert Schütte bei der Wahl der ersten Gemeinde-Vertretung im Februar 1919 an die Spitze der die Mehrheit bildenden sozialdemokratischen Fraktion gestellt und zum Stellvertreter des neuen Gemeindevorstehers gewählt wurde. So wurde er seit Februar 1919 mein engster Mitarbeiter. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchs eine treue Kameradschaft und aufrichtige Freundschaft, die bis zum heutigen Tage angehalten hat.

Sein Wohnhaus mit den Fabrikationsräumen ging im Dezember 1922 beim Erwerb des Stadthotels mit in den Besitz der Stadt über. Das der Kauf des Stadthotels trotz erheblichen Widerstands mehrerer Gemeindevertreter zustande kam, ist dem energischen Eintreten Albert Schütte zu verdanken.  Eine tatkräftige Grundstücks- und Bodenpolitik lag ihm besonders am Herzen.

Denn wir beiden heute - 30 Jahre nach 1919 - durch die Straßen der Stadt und über den Tönsberg wandern, dann sagt Albert Schütte wohl: "Weißt du noch, als wir dieses Kux'sche Haus kauften und darin 4 Familien unterbrachten?" Oder: "Weißt du noch, als wir die Lander erwarben und darin das Vogelschutzgehölz anlegten und Baugelände erschlossen?" - Oder: "Weißt du noch , als wir den Beckerschen Besitz kauften und in der Scheune 6 Wohnungen schufen?" - Erinnerung über Erinnerung! Von solchen Erinnerungen spricht auch sein schönes Gedicht :

"Wenn wir auch in der Ferne weilen,

Wir bleiben dir in Liebe treu.

Wenn wir zu deine Höhen eilen,

An deine Hängen uns verweilen,

Dann fühlen wir uns stark und frei.

Was wir mit vieler Mühe schufen,

Das bleibt uns heilig Jahr um Jahr,

Das weckt in uns ein frohes Rufen

Nach deines Berges Treppenstufen.

Hoch Oerlinghausen immerdar!"

"Wenn wir auch in der Ferne weilen". Ja, so ist es leider. AIbert Schütte verließ Oerlinghausen nach Anbruch der Naziherrschaft im Herbst 1933 und verzog nach Heidenoldendorf, wo er im geringen Umfang die Zigarrenherstellung fortsetzte. Er schuf sich dort eine gute Existenz und ist seit 1. Februar 1946 Bürgermeister von Heidenoldendorf.

Er kommt noch gern in seine alte Heimat. Und wenn er, wie zuletzt am Heimatabend des lippischen Heimatbundes am 25. September 1948 in Oerlinghausen, das Bollhöfersche Gedicht "Muine Heume" deklamiert, dann wissen wir, daß das keiner so gut kann wie er und daß gerade ihm diese Verse aus tiefsten Herzen Kommen.

Quelle: August Reuter im "Goldenen Buch " der Stadt Oerlinghausen Seite 261 - 265.

 

Nachruf auf Albert Schütte

aus "Freie Presse" Bielefeld vom 3. Juni 1950.

Der Heimat verbunden.

"Ja, Albert, da wirst du das wohl machen müssen!" So hieß es in Oerlinghausen, als Krieg und Fürstenherrlichkeit zu Ende waren und es galt, einen Vorsitzenden des Volksrates zu wählen. AIbert tat es, stellte sich zur Verfügung, wie stets wenn es darauf ankam, der Allgemeinheit, einer sozialen Aufgabe, der Arbeiterschaft zu dienen.

Albert Schütte wurde am 29. November 1885 in Oerlinghausen geboren,  erlernte den Beruf seines Vaters und wurde Zigarrenmacher.

Als 1900 erstmalig Sozialdemokraten in den Landtag einrückten, war er so begeistert, daß er als Vierzehnjähriger der getarnten sozialdemokratischen Organisation "Milchmann" und wenig später offiziell der SPD beitrat.

Albert Schütte sah seine Hauptaufgabe in der bildenden Arbeit. Er rief die Arbeitersänger - Bewegung und die Freie Turnerschaft mit ins Leben und gründete den Stenographenverein "GabeIsberger". Gerade hier, wo er als Lehrer mit allen Schichten zusammenkam, bot sich ihm Gelegenheit, im sozialistischen Sinne zu wirken. Als 1911 die Tabakarbeiter ausgesperrt wurden. gründete Albert Schütte selbst einen kleinen Betrieb, in dem er im besten Einvernehmen mit seinen alten Kollegen schaffte.

In den Jahren 1919/20 gehörte Albert Schütte dem Lippischen Landtage an, saß 1919/26 im Amtsgemeinderat Oerlinghausen und war 1.  Ratsherr. Einen "Wechsel der Fahne" lehnte er 1933 ab, zog die Konsequenzen und verließ die altvertraute Heimat. In Heidenoldendorf schuf er sich unter mancherlei Entbehrungen eine neue Existenz und lebte bis 1945 ziemlich zurückgezogen. 1946 wurde er zum Bürgermeister berufen, 1949 wiedergewählt; die "lusendörper" wissen, was sie an ihren Bürgermeister haben.

Albert Schütte ist seine Idealen stets treu geblieben, hat in Hunderten von Versammlungen die Arbeiterschaft aufgerüttelt, und auch heute noch gilt sein Wort etwas, in der Gemeinde wie im geliebten Heimatlande überhaupt.

(Dieser Nachruf stammt wahrscheinlich von August Reuter)

12/88 Fritz Soll