Papierfabrik prägte Lipperreihe
[Bild: Eine historische Postkarte aus Dalbke um 1900 mit einem imposanten Bild der Papierfabrik im oberen Teil. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Heimatwerkstatt Lipperreihe)]
[Bild: Friedrich Ludwig Tenge gilt als erster Industrieller der Region. Er lebte auf Gut Niederbarkhausen in Lippe, baute seine Unternehmen vor allem auf den Domänen Holte und dem gräflichen Rietberg auf. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Industriemuseum SHS)]
Oerlinghausen. Friedrich Ludwig Tenge muss wohl ein geschäftstüchtiger Fuchs gewesen sein. Der Spross einer Osnabrücker Kaufmannsfamilie, der im Jahre 1814 das Gut Niederbarkhausen erworben hatte und dort mit seiner Familie lebte, investierte große Teile seines Vermögens sehr erfolgreich in lukrative Unternehmungen - vor allem in moderne Industriebetriebe. So baute er auf Niederbarkhausen eine neuzeitliche Essigsiederei und eine Weizenmühle auf. Gleich drei Glasfabriken gründete er in Ostwestfalen, eine davon auf dem Gut Rietberg. Und er legte den Grundstein zur bekannten Holter Eisenhütte, dem ersten Metallunternehmen in Ostwestfalen.
Erstklassigen Geschäftssinn bescheinigte man ihm auch, als er das Rittergut Dalbke in der „Lippischen Reihe" nahe der preußischen Grenze kaufte, um dort eine Papierfabrik zu errichten. 1835 erteilte ihm die lippische Rentkammer die Konzession zur Papierherstellung. Obwohl die übrigen Papiermühlen der Region wie die von Stenneberg auf Hof Bokelmeier, dagegen Sturm liefen.
Tenge machte anderen den wichtigen Rohstoff streitig
Die anderen Papierproduzenten waren auch deshalb dagegen, weil ihnen der kapitalstarke Friedrich Ludwig Tenge nun den wichtigen Rohstoff, die gebrauchten Textilien, streitig machte. Denn alte Lumpen - vor allem aus Leinen - die von vielen Lumpensammlern aus der Gegend angeliefert wurden, bildeten immer noch das beste Ausgangsmaterial zur Gewinnung von hochwertigem Papier.
Der Standort an der Lippischen Reihe erwies sich als ideal. Der Menkebach lieferte Tenge das benötigte Wasser, und der lippische Fürst verlangte von ihm nur eine jährliche Abgabe von zehn Reichstalern. Man betrachtete in Detmold die neue Papierfabrik wohl als Glücksfall für Westlippe, denn die Produktion versprach zahlreiche Arbeitsplätze. Viele frühere Hausweber der Lippischen Reihe waren erwerbslos geworden, da maschinengefertigte Websachen den Markt überschwemmten.
Gutes Schreibpapier aus Dalbke
Zwei holländische Papierspezialisten hatte Tenge angeworben. Sie leiteten nun die Produktion, die nach modernstem technischen Know-how aufgebaut war. Auch der Absatz von Dalbker Papier schien auf Jahre hinaus gesichert zu sein, denn gutes Schreibpapier entwickelte sich durch Nachfrage aus den öffentlichen Verwaltungen zu einem begehrten Produkt. Recht bald genoss das Unternehmen einen guten Ruf, denn durch ein spezielles Verfahren gelang es der Firma, ein sehr glattes Papier zu fertigen.
[Bild: Die Belegschaft der Papierfabrik ist auf dem alten Bild von 1891 zu sehen. Das Unternehmen schuf viele Arbeitsplätze in der armen Lippischen Reihe. (© Repro: Horst Biere / Quelle: Heimatwerkstatt Lipperreihe)]
Viel Schwung kam in den Betrieb, als der neue Unternehmerspross Max Dresel auf den Plan trat. Dresel war ein Enkel von Friedrich Ludwig Tenge und hatte in der Dalbker Fabrik das Handwerk des Papiermachens von der Pike auf gelernt. Ab 1870 baute Max Dresel als verantwortlicher Geschäftsführer die Produktion zu einer neuzeitlichen Papierfabrikation um - vor allem durch den Einsatz von Holz.
Hierbei führte er als erster in Deutschland das Ätznatronverfahren ein, das es gestattete, auch aus minderwertigen Hölzern und Holzabfall hochwertiges Druckpapier zu erzeugen. Eine eigene Holzstofffabrik lieferte ihm das notwendige Rohmaterial. Dabei stellte er die Produktion vom reinen Mühlenbetrieb auf Dampfmaschinen- und später auch Wasserturbinennutzung um.
Warum die Straße lange Zeit nur "Schwarzer Weg" genannt wurde
Doch die moderne Papierherstellung benötigte viel Energie. Immer mehr Kohle musste herangeschafft werden. Pferdefuhrwerke transportierten die Kohle aus dem Ruhrgebiet vom nächstgelegenen Bahnhof Brackwede durch die Senne bis nach Dalbke. Mit der anfallenden Schlacke hielt Max Dresel die Gemeindewege Lipperreihes in Ordnung. Darum wurde auch der Dorfweg, die heutige Dalbker Straße, lange Zeit nur „Schwarzer Weg" genannt. Bei der Herstellung des Zellstoffs blieb weißer Schlick übrig, den man - wenig umweltfreundlich - einfach in die Heide fuhr.
Noch ein Jahrhundert später, so beschreibt es der Dorfchronist Paul Stecker, lagen zwei große Schlickhaufen in der Nähe der ehemaligen Papierfabrik: hinter der früheren Gaststätte Lipperreiher Krug und am Wege Dalbke-Fichteheim.
Bis zum Ersten Weltkrieg leitete Max Dresel die Dalbker Papierfabrik. Dann, 1916, verkaufte er sie an einen Betreiber aus dem Ruhrgebiet. Doch der wirtschaftliche Niedergang durch den Krieg und die nachfolgende Inflation führte 1923 zum Erliegen des Geschäftsbetriebs.
Zweiradspezialist baute Produktion in Dalbke auf
Erst 1930 übernahm eine Firma für Spezialpapiere die Dalbker Fabrik. Man produzierte dort jetzt dunkle Einwickelpapiere für Filme. Doch auch hier wurde bald das Ende eingeläutet, im Jahre 1937 stellte das Unternehmen einen Konkursantrag. Die Fabrik stand nun leer. 1944, im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, kam noch einmal Leben in die Firmengebäude. Da die „Meister-Werke" in Bielefeld ausgebombt worden waren, baute der Zweiradspezialist seine notdürftig reparierten Produktionsmaschinen in Dalbke auf.
Nach Kriegsende gab es einen neuen Eigentümer, der in der alten Papierfabrik nun Holzschutzfarben und Dachpappen fertigte. Doch auch hier stand am Ende eine Zwangsversteigerung an. Eine neue wirtschaftliche Blüte erlebten die Dalbker Fabrikgebäude erst in den 1950er Jahren wieder - als das Unternehmen Bitexa hier seinen Einzug hielt. Die Firma „Bielefelder Textil-Ausrüstung Frank & Co. KG, Dalbke" hatte ihre Wurzeln in Sachsen in der damaligen „Ostzone". Eigentümer Frank übersiedelte mit der gesamten Produktion in den Westen und errichtete am Standort Dalbke eine Textilfärberei sowie eine Veredlung von Textilien und Kunststoffen. Doch auch das Unternehmen Bitexa ist seit langem Geschichte. Heute haben sich in den hübsch renovierten Gebäuden der alten Papierfabrik mehrere kleinere Gewerbebetriebe angesiedelt.