Kriegswirren am Tönsberg vor 200 Jahren

Traurige Erinnerungen aus dem Jahr 1757 in Oerlinghausen

 

In diesem Jahre sind es nun 200 Jahre her, als auch das kleine Dorf am Berge in die Kriegswirren des siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) hineingezogen wurde. Wenn auch der Krieg sich hauptsächlich in Nordwestdeutschland abspielte, so wurde doch OerIinghausen durch Einquartierungen sehr bedacht, mußte Fuhren leisten, Pferde abliefern, Knechte und Bauern zu Frondiensten bereitstellen, Nahrungsmittel und Schlachtvieh abliefern und umfangreiche Plünderungen sich gefallen lassen. Auf der einen Seite kämpften Preußen (Friedrich der Große) und England auf der andern Seite Österreich, Frankreich und Rußland. Der Befehlshaber der preußischen Armee in unserer Gegend war der Herzog von Cumberland. Dieser hatte ein festes Lager im benachbarten Brackwede bezogen und die Aufgabe, den Bielefelder Paß zwischen Johannisberg und der Sparrenburg abzuriegeln, um den Vormarsch der französischen Armee unter Marschall d'Estrees zu unterbinden. Doch fühlte sich der Herzog im Lager zu Brackwede nicht stark genug und zog sich unter Zurücklassung von vielen Kriegsvorräten in die Festung Minden zurück. Seine Rückzugsstraßen waren mit Proviant, wie Reis, Hafer, Brotgetreide und Kriegsgerät übersät. Die Kunde von dem Rückzug der Preußen erregte die Gemüter der Oerlinghauser Bevölkerung so sehr, daß die Furcht bei ihnen, geschürt noch durch die Erzählungen der Großeltern in Erinnerung an den großen Krieg (1618 bis 1648), unermeßlich gesteigert wurde, und der Amtmann Ramus sogar auf den Tönsberg floh und die ganze Nacht vom 14. zum 15. Juni dort verbrachte. Ja, die Wellentruper schleppten ihr Hab und Gut zur Münterburg und knallten in der Nacht ihre Gewehre ab, um den Franzosen Furcht einzuflößen. Geholfen hat das natürlich nichts. Am folgenden Tage trafen die ersten französischen Husaren in Oerlinghausen ein, von den Kindern bestaunt und begafft. Sie hielten sich in den Krügen auf, aßen und zechten nach Herzenslust. Ans Bezahlen aber dachte niemand. Drei Tage später, nachdem die Husaren abgezogen waren, trafen am 19. Juni 800 Mann im Orte ein und blieben bis zum 4. Juli. Was das für die Bevölkerung bedeutete, können wir nur ermessen, wenn wir die geringe Einwohnerzahl des Bergdorfes berücksichtigen. Nach dem mir vorliegende Plane: „Camp d' Urlinghausen, Commade 'par Monsieur de Berchiny" vom 8. Juli 1757 hatte Oerlinghausen damals nur 47 Kolonate. Es standen vom Brachtshof bis zum Beginn der Tönsbergstraße (Hansing) zehn Häuser, bei der Kirche neun, in der Niedernstraße drei, an der Tönsbergstraße sechs, an der Jägerstraße zwei, an der Bahnhofstraße vier, am Gehrenberg und an der Pfarrstraße zusammen neun und in der Gegend von Kolonat Asemissen bis zur Ecke Bremer vier Häuser. Die Bewohner, das Rittergut Niederbarkhausen und Gut Menkhausen hatten die Einquartierungslasten zu tragen. Kommandeur dieser Truppe war Marquis d'Armentieres. Er stellte Wachtposten am Oerlinghauser Paß, am Triftweg und Artillerie an der Wolfseiche auf. Das Gros der Truppe lag auf Menkhausen, auf der Hanegge, am Stöhnebrink, aus dem Kuhbraken und zu beiden Seiten der heutigen Bundesstraße bis zum Spitzenkrug. Furchtbar wüteten die Franzosen auf den Feldern und Wiesen. Sinnlos wurde alles zertreten und abgemäht, die Feldfrüchte gestohlen. Die sieben Karpfenteiche von Niederbarkhausen wurden abgelassen und der Fische beraubt. Kanzleirat Barkhausen meldet einen Schaden von 5000 Talern, Pastor Hildebrand 178 und Kantor Voß einen von 81 Talern an. Alles atmete auf als am 4. Juli die Truppen abzogen. Doch die Freude der Bewohner war nur kurz; denn schon zwei Tage später rückte von Bielefeld eine neue Armee unter dem Befehl von Berchiny heran. Sie schlugen ihre Quartiere wiederum auf Menkhausen, in der Franzosenkuhle, im Stöhnebrink, bei Barkhausen und zu beiden Seiten der heutigen Bundesstraße auf. Die Artillerie stand am Kastanienkrug. Wieder wurde, von dem was übriggeblieben war, requiriert. Stroh, Holz und Korn wurde den Bewohnern abgenommen. Doch auch diese Truppe blieb nur einen Tag hier. Sie hatte aber soviel zusammengetragen, daß sie bei ihrem plötzlichen Aufbruch das meiste zurücklassen mußte. In unverschämter Weise wandte sich Monsieur Berchiny an die Lippische Regierung und forderte für das den Bewohnern gestohlene Gut, das er nicht mitnehmen konnte, nämlich 60 Fuder Stroh, 20 Fuder Holz und 281 Fuder Mist 1000 Taler Entschädigung. Toller ging's wohl nicht! Die Landesregierung schenkt dem Amtmann Ramus diese „Schätze", doch niemand will sie haben. So endete das Jahr 1757 für die verarmte Oerlinghauser Bevölkerung.

Dkm.