Kampfhandlungen 1945 in Oerlinghausen
[Anmerkung: Dazu: Blatt 2, 3 u.4. aus der Ansprache zur Verlobung unseres ältesten Sohnes] […..] die nicht im Besitz britischer Papiere waren; Offiziere würden sowieso einkassiert. Da das tatsächlich geschah, konnte ich nicht beurteilen, ob allgemeine Gefahr bestand. Meine schwarze Panzeruniform, nur von Dienstgradabzeichen und Orden befreit, bot keinen Schutz. Aber ich wollte nach Haus, und benutzte deshalb zum Schluß meiner Wanderschaft nicht die mir vertrauten Wege durch den Teutoburger Wald, sondern marschierte schnurstracks durch Oerlinghausen.
In der schattigen Veranda des Stadthotels saßen britische Soldaten; davor herum lungerten Wachposten. Mich beachtete niemand. Abgebrannte und zerschossene Häuser erinnerten mich an den 20. April, wo mir auf Schloß Zeil in Oberschwaben ein 'Durchreisender' erzählte, daß er am 2. Ostertag das brennende Oerlinghausen hinter sich gelassen habe. 'Brennendes Oerlinghausen' bedeutete für mich: Amalies und meine Heimat, und unsere Elternhäuser - bedeutete aber auch: Paßstraße durch den Teutoburger Wald - und Panzersperren - und war deshalb für mich seit drei Monaten ein Alpdruck.
Das wenige, was mir Pastor Schwarz, den ich an diesem 11. Juli vor der Oerlinghauser Kirche traf, erzählte, ließ Schlimmes ahnen:
Danach zog das zurückflutende deutsche Heer Ende März 1945 durch unsere Stadt. Am Ostersamstag, den 31. März, heulten die Luftschutzsirenen zum letzten mal minutenlang Feindalarm. Von Paderborn herkommend zog der Gegner in breiter Front auf den Teutoburger Wald zu, durch dessen Engpässe er sich mit aller Macht durchzukämpfen anschickte. An einem der Engpässe lag Amalies elterlicher Hof (nachfolgend kurz 'Bleiche' genannt).
Ostersonntag (1. 4.): Die zur Verteidigung Oerlinghausens eingesetzten deutschen Truppen waren ohne Verpflegung. Großmutter Sültemeier stellte deshalb einen 100-Liter-Kessel auf den Hof, und kochte darin kräftig Eintopf. Im Hause selbst verpflegte Amalie und Andere vorbeiziehende Flüchtlinge und Evakuierte.
Wegen der sich spätnachmittags zusammenbrauenden Gefahr versammelte sich die Hausgemeinschaft im Stallanbau. Dort fühlte man sich am sichersten. Doch lenkten feindliche Artilleriebeobachter aus der Luft ihr Feuer auf den Hof, und amerikanische Panzer beschossen mit Kanonen und Maschinengewehren die Hofgebäude.
Um 22.00 Uhr brannte ein vorgelagertes Nachbarhaus ab; Leuchtspurgeschosse erfaßten bald unseren 'Schafstall', der sofort lichterloh brannte. Durch Artilleriebeschuß fingen auch Pferde- und Kuhstall Feuer. Fünfzehn Personen, mit alten Frauen und Kindern, flüchteten unter Beschuß. Amalie und andere jüngere Frauen halfen ihnen; einige mußten im Handwagen gezogen und auf Karren geschoben werden.
Großvater Sültemeier band unter Feindeinwirkung Kühe und Pferde los, und dann brach auch schon das Gebälk. Ein dreijähriges Fohlen wurde erschossen.
Die Kornscheune hatte sich bisher gehalten, fing aber bald Feuer, und im angebauten Schweinestall verbrannten sechs Mastschweine. Die sogenannte Einliegerwohnung lag bereits in Schutt und Asche.
Als letzter Ausweg blieb nur die Flucht, ... die Flucht in die Senne. Die sonst so einsame war jetzt Bereitstellungsraum, und quoll über von feindlichen Streitkräften.
Am 2. Ostertag (2. 4.), kaum das es graute, ging die Flucht dann weiter auf den einsamen 'Schapeler'. Das war ein 80 Hektar großer Hof, auf dem eine Schwester Großvater Sültemeiers Bäuerin war. Das bedeutete 6 km Flucht durch feindliches Feuer. Aber es blieb kein anderer Weg. - Amalie trieb, mit Hilfe ihrer Schwester, Kühe und Rinder hinterher.
Treiben, daß hieß: vor und zurück, und zur Seite laufen, und hinwerfen, wenn Maschinengewehrgarben durch die Luft peitschten. Das war kein Zusammenraffen von Besitz im Angesicht des Todes, sondern ein Erbarmen über das Vieh.
Der Schapeler war unbeschädigt, aber voll von Flüchtlingen, aber auch im Angriffsfeld des Feindes liegend. Doch unsere 'Bleicher' fanden noch Unterkunft, auch das in stundenlager Not zusammengetriebene Vieh.
Es soll hier nicht weitererzählt werden von Todesängsten, die die feindlichen Truppen brachten, doch muß man ihnen danken, daß sie den Brand des Wohnhauses auf der Bleiche löschten, wenn auch nur im eigenen Interesse, damit sie selbst Unterkunft fanden. Doch hausten sie furchtbar.
Im Ort selbst hatte Pastor Schwarz am 1. Ostertag eine kurze Andacht vor einer kleinen, aber mutigen Gemeinde, gehalten.
Nach bangen Stunden begann dann um 18.00 Uhr die Beschießung der Stadt, zunächst in der Bekämpfung vermuteter Truppenansammlungen, dann aber im Übergang zum Wirkungsschießen, und zwar zu dem Zeitpunkt (von dem oben bereits berichtet wurde), als sich am südlichen Stadttor, auf der Bleiche, die Hausgemeinschaft im Stallanbau versammelte.
In der Frühe des 2. Ostertages, als man von der Bleiche zum Schapeler floh, setzte in Oerlinghausen selbst der Hauptkampf ein der bis zum Abend des nächstfolgenden Tages dauerte, - und tagelang schwelten Feuer- und Brandwolken über der Stadt.
Auch hier sollen Einzelheiten übergangen werden, doch fanden sich viele hilfreiche Hände, die die Toten suchten und sammelten. Und am 9. April beerdigte die Bevölkerung von Oerlinghausen eine Reihe ihrer Bürger und 70 deutsche Soldaten, zum Teil ganz junge.
(Unsere Generation braucht keine rührseligen Geschichten davon zu erfinden. - Daß sie tapfer waren, und daß sie es für das Vaterland taten, ist man ihnen schuldig zu sagen.
Dein Onkel Adolf, lieber Adolf, Mutters einziger Bruder, von dem Du Deinen Namen hast, war ja auch erst 22 Jahre alt, als er fiel. Vielleicht bietet sich einmal an anderer Stelle Gelegenheit, über ihn etwas zu sagen...
Doch dieses noch: Habt Ihr schon mal Soldaten sterben sehen mit dem billigen Trost: "Kopf hoch, Kopf hoch, es wird schon […..])
(Auszug aus der Ahnengeschichte Westerheide-SüItemeier)
1945, Karfreitag 30. März 1945
Amerikanische Panzer sind bei Paderborn
Ostersonntag 1. 4. 45
morgens kommt. Tante Marie eben (Schwester Marie Jürgenmeier) aus Hörste und veranlaßt, daß Tante Marie (geb. 11.6.1872) und der kleine August Fricke (geb. 31.12.1942) das Haus verlassen und zum Schapeler gehen. Weiterhin drängt sie darauf, daß Lebensmittel versteckt werden.
Beide Ratschläge waren sehr wertvoll, zu Mittag noch kochen Oma Sültemeier und Frau Schütte je in einem Waschkessel Mittagessen für die vielen deutschen Soldaten, die von Hildesheim kommend hier eingesetzt werden sollten, aber keine Marschverpflegung mitbekommen hatten.
Ab Mittag zeigen sich amerikanische Panzerspähwagen südlich des Stukenbrocker Weges und auch da, wo jetzt die Hannigsche Fabrik steht.
Abends befindet sich die gesamte Hausbelegschaft im Stall.
Gegen 22 Uhr brannte:
1. Stöltings Hans
2. Schafstall
3. Stallgebäude
Vater und Pan binden Kühe und Pferde los und schlagen die Türen zu. Vater schmeißt das Pferdegeschirr auf den Mist, also heraus aus dem Stall. Dann bricht bereits das Gebälk.
Dann flüchtet alles zum Flugghafen-Restaurant (Milsmann) im Kugelregen.
Dann brennt
4. die Scheune (Deele) mit Schütten Wohnung (6 Mastschweine verbrannten)
Bei Milsmanns (Helmstedter Straße) treffen sich:
(Jetzt: Hotel ’Zum Segelflug’ - abgebrochen)
Vater Sültemeier (kam als letzter),
Mutter,
Hermine,
Luise,
Mali,
Frl. Böek (80 Jahre) aus Herford, die man zur Bleiche geholt hatte,
Frau Biergans ca. 75 Jahre (Evakuierte)
Frau Krug ca. 70 Jahre (Evakuierte)
Frau Claßen geb. Biergans (Evakuierte)
Frau Thomas ” (Evakuierte)
Mit Sohn Karl-Heinz (Evakuierter)
Vater bringt die traurige Nachricht mit, daß das Wohnhaus auch brennt. Zum Glück stellt man am nächsten Tag fest, daß er sich durch das Wiederspiegeln der anderen Brände in den Scheiben hat täuschen lassen. Eine große Freude darüber.
2. Ostertag morgens gegen 5.00 Uhr Flucht zum Schapeler
2.4.45 Treffen dort Tante Marie mit August, Insgesamt 13 Personen.
Vater und die jüngeren Frauen gehen Mittags zu Fuß zur Bleiche zurück. Das auf das Wohnhaus übergesprungene Feuer war von den Amerikanern gelöscht.
Amerikanischer Offizier erlaubt das Betreten des Hauses.
Man schirtt die Pferde an und spannt sie vor einem auf dem Hof stehenden Wagen (die eigenen Wagen waren verbrannt) und lädt das, was man für am zweckmäßigsten hält, auf.
Die jungen Frauen treiben die Kühe unter Feindbeschuß (6 Milchkühe) zum Schapeler. Ein Pferd (3-jährig) wird erschossen.
Die 3 Rinder waren weggelaufen. Man fand sie nachher lebend. Das Vieh fand bereits in diesen Tagen Nahrung auf den Weiden.
Dienstags 3.4. wurde das Betreten des Hauses verboten. Man ging unverrichteter Dinge zurück.
Mittwoch 4.4. Wohnhaus frei.
Man kehrt zurück.
Fr. 6.4. werden Frl. Boeck (an ihrem 80.Geburtstag) und die beiden anderen alten Frauen zurückgeholt.
Flicken der Zäune.
Behelfsmäßige Unterkunft für das Vieh wird geschaffen.
Langsamer Wiederaufbau.
Handwerker müssen - trotzdem keine Lebensmittel zur Verfügung - verpflegt werden.
Bekannte Bauern helfen.
Mittwoch 11. Juli 1945 Rückkehr August Westerheide aus der Gefangenschaft. Hauptaufgabe: Wiederaufbau des Hofes.