Als die Stadt kein Geld mehr hatte

Stadtgeschichte: Nach Kriegsende geriet die Stadt Oerlinghausen in akute Geldnot. Fritz Blume sollte vorübergehend Oerlinghauser Geldscheine drucken

 

[Bild: Kriegsschäden. Stark zerstört wurde das Gebäude an der Hauptstraße 62 (heute Friseursalon Birgit Drewes) in den Häuserkämpfen der letzten Kriegstage. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Archiv Werner Höltke]

Oerlinghausen. Die Not musste verwaltet werden - damals im April 1945. Die dramatischen Kriegslage zu Ostern hatten vor allem in Oerlinghausen sinnlose Opfer und viele zerstörte Häuser mit sich gebracht. Denn mit fanatisierten jungen Soldaten, die fast alle starben, hatte ein Nazi-Offizier versucht, die Bergstadt gegen die anrückenden alliierten Truppen zu verteidigen.

Nun, eine Woche später, nachdem die Kampfhandlungen weiter nach Osten gezogen waren, bemühten sich einige Oerlinghauser Bürger, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Allen voran der Webereibesitzer Georg Müller. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Verwaltungsleiter Wilhelm Butenholz, dem Apotheker Carl Wachsmuth-Melm und Weberei-Geschäftsführer Edwin Warneken ergriff er die Initiative und rief eine erste kleine Bürgerversammlung zusammen. Verantwortung übernahmen auch Oerlinghauser wie Pastor Schwarz, der Ortspolizist Fritz Neese oder der Verwaltungsbeamte Erwin Pott. Das Allernötigste waren die Strom- und Wasserversorgung, Lebensmittelzuteilung, Aufräumarbeiten, Schutz vor Plünderungen sowie die Sicherstellung der Finanzen.

Sparkassenleiter hatte 120.000 Reichsmark persönlich abgeholt

[Bild: Ordnungshüter. Die beiden Oerlinghauser Ortspolizisten Neese und Dreischmeier vordem Stadthotel in den 1940er Jahren. Im Gebäudeteil hinter ihnen (heute Goldschmiede Hess & Rickert) lagen die Räume der Landessparkasse. | © Repro: Horst Biere / Quelle: Stadtarchiv]

Die erste Schadensbilanz fiel natürlich dramatisch aus. Doch die allgemein schwierige Lage bekam in Oerlinghausen eine besondere Note: Die Stadt besaß kein Geld mehr. Zwar hatte der Leiter der Landessparkasse, Herr Dietz, noch kurz vor Ostern von der Reichsbank-Nebenstelle in Bielefeld 120.000 Reichsmark in kleineren Scheinen persönlich abgeholt, um alle Versorgungsleistungen wie Renten, Gehälter oder sonstige städtischen Ausgaben bestreiten zu können.

Doch da die Stadt bereits von amerikanischen Panzern beschossen wurde, gelang es ihm, nur etwa 20.000 Mark über die Stadtkasse auszuzahlen. Dietz rief dann den Landrat in Detmold an und bat um Befehle, was mit den übrigen 100.000 Mark geschehen solle. Er solle das Geld im Tresor des Bürgermeisters sicherstellen, habe der Landrat gesagt. Das ist in einem Protokoll der Stadtverwaltung vom 11. April 1945 beschrieben.

Aber die Lage eskalierte. Bürgermeister Friedrich Möller, der 1933 von den Nazis ins Amt geholt wurde, war sofort nach dem Einmarsch der Amerikaner verhaftet und in ein Lager nach Recklinghausen gebracht worden. „Einige Stunden vor seiner Verhaftung ist Herr Bürgermeister Möller zu Herrn Dietz gekommen und hat in Gegenwart von Fräulein Elges eine braune Ledertasche mit RM. 80.000 zu RM. 100-Scheinen und RM. 20.000 zu RM. 20-Scheinen erhalten", ist im Protokoll festgehalten. Doch wo diese Ledertasche geblieben ist, sei ungeklärt, stellt die dreiköpfige Finanzkommission aus Wilhelm Butenholz, Carl Wachsmuth-Melm und Edwin Warneken in der ersten Zusammenkunft ernüchtert fest.

Ohne Bargeld lief auch bei den Aufräumarbeiten nicht viel

Wilhelm Butenholz war der Ansicht, dass sich das Geld im Panzerschrank des Bürgermeisters befinden dürfte. Als man ihn gewaltsam öffnete, war er leer. Wachsmuth-Melm wusste genau, dass Bürgermeister Möller bei seiner Verhaftung auch keine braune Ledertasche bei sich gehabt habe.

Die Lage in Oerlinghausen war schon schlimm genug - doch ohne Bargeld lief auch bei den Aufräumarbeiten nicht viel. Verwaltungsmann Butenholz hatte ausgerechnet, dass sich allein die ständigen Ausgaben der Stadt auf monatlich 25.000 Reichsmark beliefen.

Man beschloss, eigenes Oerlinghauser Geld zu drucken. Edwin Warneken erhielt den Auftrag, sich um das Problem zu kümmern und das nötige Geld bei der Druckerei Blume anfertigen zu lassen. 500.000 Mark sollte im ersten Durchgang aus Blumes Druckmaschine kommen. Firmenchef Fritz Blume stimmte zu, konnte aber das Geld ohne genaue Druckvorlage nicht drucken. Jetzt waren Entscheidungen gefordert. Wieder tagten die Finanzleute.

Nicht „Notgeld" wollte man das Geld jener Tage nennen, sondern es sollten Gutscheine in Stückelungen von einer bis zu 50 Reichsmark produziert werden. Die Entwürfe mit dem Wappen von Oerlinghausen auf den Scheinen waren schon fertig - da griff die amerikanische Militärverwaltung mit neuen Bestimmungen ein. Es erfolgte die Zuteilung von Geld unter Aufsicht der Alliierten, und Blumes Gelddruckmaschine brauchte nicht angeworfen zu werden.

Die Frage nach dem Verbleib der 100.000 Reichsmark konnte allerdings nicht geklärt werden. Sparkassenleiter Dietz hielt zwar nach Zeitzeugenaussagen den Bürgermeister für den Tatverdächtigen, doch vieles spricht dagegen. Bürgermeister Friedrich Möller war zwar von den Nazis ins Amt geholt worden, doch er galt in erster Linie als preußischer Verwaltungsmann, der sich früh der NSDAP angeschlossen hatte und von den Amerikanern schon bald nach seiner Verhaftung als „entnazifiziert" entlassen wurde.

Soldaten hatten sich wohl im Trubel überall bedient

Auch seine Schwiegertochter, die heute in Bad Salzuflen lebt, beschreibt ihn als „zwar Nazi, aber außerordentlich korrekt". Er habe prinzipiell eigene Vorteile nicht angenommen. Dass er das Geld wohl nicht besessen habe, zeige auch sein bescheidenes Leben nach dem Krieg in Cappeln bei Blomberg.

Der Historiker Jürgen Hartmann, der eine vielbeachtete Dokumentation über das jüdische Leben in Oerlinghausen geschrieben hat, hält eine andere Erklärung für wahrscheinlich: „Deutsche Soldaten die im Rathaus einquartiert waren, haben sich wohl im Trubel der Kämpfe um die Stadt überall ‚bedient‘. Man hat gar Pläne und Karten zur Verdunkelung aus den Registraturen geholt und damit die Fensterverklebt. Blankopapiere (Kennkarten) sollen bei der Gelegenheit auch verschwunden sein. Die müssten zumindest auch in einem abschließbaren Schrank gelegen haben."