Die mittelalterlichen Befestigungen - Die Oerlingsburg

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Früher wurde diese einzigartige Volksburg, die sich auch heute noch sehen lassen kann, fälschlicherweise „Sachsenlager“ genannt. Mit einem Lager hat sie aber nicht das Geringste zu tun; denn ein Lager wird des Abends schnell aufgeschlagen und am andern Morgen wieder abgerissen. Niemand wird aber behaupten wollen, daß die mächtige Wallburg ihre Entstehung weniger Stunden Arbeit verdankt, o nein, an ihr ist jahrzehnte-, vielleicht jahrhundertelang gearbeitet worden, und zwar nicht nur von einer Gruppe von Menschen, sondern von einem ganzen Stamm, von den Bewohnern einer Mark, eines größeren Bezirkes. — Wuchtig erheben sich die mächtigen Wälle noch heute auf dem östlichen Teil der Tönsbergkuppe, auf einem ausgesuchten Platze, wo die natürlichen Abhänge schon von sich aus reichlich Schutz boten. Gehen wir den Hermannsweg, den Kammweg, des Tönsberges entlang, dann stoßen wir, nachdem wir linker Hand einige bronzezeitliche Steinhügelgräber und rechter Hand den Löns-Gedenk- stein passiert haben, auf die ersten Vorwälle dieser einzigartigen Burg. An dem steilen Nordabhang sind die Befestigungen schwach, weil von hier aus keine Gefahr drohte. Die Wälle verlaufen in unregelmäßigen Linien um das Ostende des Tönsberges, etwa halbkreisförmig, und ziehen sich dann am Südabhang hinunter bis zum Quellenhaus, welches leider in marxistischer Zeit von wanderndem Gesindel zerstört wurde, von hier verläuft der Hauptwall in ziemlich gerader Richtung bis zum Kamm zurück. Deutlich hebt sich der Hauptwall von den Nebenwällen ab. Der Hauptwall bildet die eigentliche Burg. Er zeigt eine verschiedene Höhe von 4 bis 6 Meter. Auf der Sohle an der Westseite mag sein Durchmesser rund 20 Meter betragen. Auf dem Walle nimmt man eine starke Mauer von etwa 1 Meter Stärke wahr. Sie sitzt nicht auf dem gewachsenen Boden, sondern ist nur 0,30 Meter in den Wall eingelassen. Die Mauer ist aus Kalkstein und Lehmmörtel aufgebaut. Die Burg hat zwei Tore, eins an der Westseite, am Kammweg, und eins an der Südseite. Das Westtor hat drei Vorsprünge innerhalb des Durchganges und das Südtor zwei parallele Wände. Die Mauern sind aus Mörtel aufgebaut. Die Wände des Südtores sind 4,50 Meter voneinander entfernt und verlaufen im Wall noch etwa 5 Meter weit.

Links vom Westtor liegt noch eine tiefe Fallgrube. Gleich dahinter ist eine viereckig ummauerte Warte zu sehen. Von hier aus konnten Signale nach der in Währentrup liegenden Münterburg, die die Gegend bis zur Dörenschlucht übersehen konnte, und nach dem Hünensaut (siehe unter Landwehren!) gegeben werden. Vor dem Tore liegt dicht vor dem Hauptwall ein mittelhoher Vorwall und in weiterer Entfernung noch ein zweiter, die aber weiter südlich vor dem Hauptwall zusammenlaufen und bis zum Brunnen laufen. An der Ostseite der Burg sind drei Vorwälle zu sehen, die an der Südseite entlanglaufen. Etwa vom Südtor an sind nur noch zwei Vorwälle sichtbar. Das östliche Drittel der Burg ist noch einmal durch einen Querwall getrennt, so daß man von einem größeren Hauptwerk und einem Kernwerk sprechen kann.

Noch vor Jahrzehnten war die Quelle im Brunnenhause sichtbar. Heute wird das Wasser unterirdisch nach dem Gutshof Wistinghausen abgeleitet. Zur Aufnahme der starken Quelle war ein Becken von quadratischer Grundfläche in den Berg hineingebrochen. (Eine Abbildung vom Brunnenhause hängt im Museum.)

Einwandfreie Dokumente über das Alter der Burg stehen noch aus. Ich bin der Ansicht, daß sie verschiedenen Jahrhunderten angehört und daß die Anfänge bis in die Zeit der Cherusker hineinreichen, also bis in jene Zeit, wo der Germane am Barkhauser Berg? seine Häuser hatte. Ferner bin ich der Ansicht, daß unsere Germanen am Barkhauser Berge den Tönsberg heilig ansprachen, daß sie dort ein Heiligtum in irgendeiner Form unterhielten. Von ihrer Wohnstelle aus gesehen, ging hier die Sonne auf. Auf dieser geschützten Stelle werden sie auch die Anfänge zu der später weiter ausgebauten Volksburg gelegt haben, hierhin flüchteten Greise, Frauen und Kinder in Zeiten der Gefahr, hier oben auf dem höchsten Punkte ihrer Umgebung waren sie geborgen. Das blieb auch in den nachfolgenden Jahrhunderten so. Die Burg wurde immer weiter ausgebaut, bis sie zur Zeit, als unsere Vorfahren mit dem Frankenkaiser sich im jahrzehntelangen Ringen befanden, vollendet war. Beweise dafür, daß es hier auf der Höhe des Tönsberges zu ernstlichen Kämpfen gekommen ist, sind noch nicht erbracht. — Wir können uns aber vorstellen, daß Karl, der von dieser Burg wußte, nach der Schlacht bei Theotmalli (Detmold) im großen Bogen um diese Burg herum, nämlich über den Hellweg in der Senne, nach Osnabrück zog und hier die Sachsen endgültig schlug.