Die mittelalterlichen Befestigungen - Die Landwehren

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Zu den mittelalterlichen Befestigungen unseres Dörfchens gehören die Volksburg auf dem Tönsberge, die Bauernburg auf Niederbarkhausen, die Landwehren und die Schlagbäume. Im folgenden wollen wir uns einmal näher mit den Landwehren befassen. Wir finden sie überall in den Schluchten und Durchlässen des Teutoburger Waldes, doch kommen auch noch einige im Flachlande, sowohl südlich als auch nördlich vom Gebirge vor, und zwar jedesmal dort, wo eine wichtige Straße durch eine Gegend führt und diese durch Wälle gesperrt werden konnte. Zu den letzteren gehören in unserer Gegend jene langgezogenen Wälle in Lipperreihe, die nicht weit von „Schlingpeiders Hof“, das ist bei Buschmann in der Senne, durch das Gelände führen und bei Absperrung ein Hindernis bilden konnten. „Unsere“ Landwehren liegen indessen mitten in der südlichen und mittleren Kette des Teutoburger Waldes, selbstverständlich da, wo eine wichtige Straße oder ein Weg sich durch das Gebirge zieht. Dementsprechend laufen die Landwehren auch jedesmal quer durch das Gebirge, niemals parallel zu dem Wege. Wie sind denn nun Landwehren entstanden? Es sind mächtige Erdwälle, die von den Bewohnern von zwei Seiten aufgeworfen wurden; man sieht manchmal noch, wie zum Beispiel an den Landwehren in der Stapelager Schlucht, eine Rinne in der Mitte des höchsten Punktes eines Walles, was beweist, daß die Walle von beiden Seiten aufgeworfen sind. Ein weiterer Beweis für das Auswerfen von zwei Seiten ist der, daß naturgemäß an den Außenseiten sich jedesmal Gräben befinden, wohlgemerkt, an jeder Seite eines Walles auch ein Graben! Anders ist es mit den Befestigungswällen aus vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit. Diese laufen nicht quer durchs Gebirge, sondern parallel zu der Gebirgsstraße, der Graben ist immer an der Außenseite. Ein Beispiel für einen solchen Wall ist der am Barkhauser Berge, der bekanntlich das germanische Gehöft nach der Paßstraße schützen soll. Kehren wir nun wieder zu den Landwehren zurück! Die Höhe der Wälle ist ganz verschieden. Manche sind heute nur noch 1 Meter, andere 3 bis 4 Meter hoch. Die Wälle sind immer sehr steil gehalten. Sie waren mit Strauchwerk, wie Hainbuchen, Schlehen, Weißdorn usw. bepflanzt. Die Bepflanzung ging aber in den meisten Fällen über den eigentlichen Wall bis zu 50 Meter hinaus, und zwar meistens nach beiden Seiten.

Mitten in den Landwehren, auf der tiefsten Stelle, da, wo der Weg herführte, war ein Durchlaß, auch Schling genannt. Dieser Durchlaß wurde in Zeiten der Gefahr gesperrt. Das. angepflanzte Strauchwerk verwilderte im Laufe der Zeit immer mehr und bot schließlich ein undurchdringliches Dickicht. In unruhigen Zeiten hatten Männer den Schling zu bewachen. Zwar konnten herannahende Feinde, die gewillt waren, hinter den Bergen von dem fruchtbareren Boden zu ernten, wo sie nicht gesät hatten, oder wo sie dem Bauer das Vieh von der Weide stehlen wollten, meistens den Durchlaß erkämpfen. Das war aber weiter nicht so wichtig. Die Feinde mußten ja mit dem gestohlenen Gut den Rückweg antreten. Inzwischen hatten die Wächter des Schlinges kampfeslustige junge Leute von den einzelnen Höfen und Stätten herbeigeholt, die nun die Landwehren ganz abgedichtet hatten durch mancherlei Strauchwerk, Dornen, Schlehen, Brombeersträucher usw. Wollten nun die Spitzbuben den Heimweg antreten, so stießen sie mit den Bewohnern an den Landwehren zusammen. Das gestohlene Vieh vermochte nicht über die Wälle hinwegzukommen, und die Schlinge boten auch keinen Durchlaß mehr. So konnte in den meisten Fällen den Räubern alles wieder abgenommen werden.

Wo waren nun die Landwehren bei Oerlinghausen?

Sehr große und schöne Wälle sind noch in der Stapelager Schlucht vorhanden, und zwar auf zwei Stellen. Die ersten befinden sich tief in der Schlucht, die zweiten auf der Höhe, da, wo der Weg nach der Kalkreuthe abbiegt. Dann stoßen wir in der Wistinghauser Schlucht auf Landwehren. Sie liegen zwischen dem Barkhauser Hinterberge und dem Ravensberge und sind gut zu sehen, wenn man vom Fluggelände kommt und ins Welschental geht. Im Oerlinghauser Paß, auf dem Wehrendeich, wie der Name schon sagt, waren ehedem ebenfalls solche Wälle vorhanden. Heute sind sie bereits wieder eingeebnet und zu Ackerland gemacht. Nur an den Hängen des Menkhauser Berges sieht man Dornenreihen und Gestrüpp. Eine weitere Landwehr, die die meisten nicht kennen werden, liegt hinter dem Schützenplatz, in der Nähe des Scheibenstandes. Ein ganzes System von diesen Wällen treffen wir westlich von Oerlinghausen (Landerbusch) an. Am Hange des Wartebrinkes, oberhalb des Wasserwerkes sind noch drei hintereinander liegende mächtige Wälle teilweise erhalten. Sie umzogen einstens den ganzen Abhang bis wieder hinauf zur Höhe, zu der Stelle, wo im vergangenen Jahre Menkhausen eines seiner Kötterhäuser Niederreißen ließ. Andere Sperrwälle sehen wir weiter in ihren Resten noch unweit des Menkhauser Fischteiches im Bruche. Wie nicht anders zu erwarten, stoßen wir auch in dem Markengrund auf Landwehren, alles wird hier überragt von dem „Hünensaut“ auf Bergeshöhe, wohl ein Wartturm. — Manche Flurbezeichnungen und Familiennamen in unserm Orte weisen noch auf die einstigen Landwehren hin, so der Landerbusch, der Landerweg, der Wehrendeich; aber auch die Familiennamen: Landerbarthold, Lander, Schling, Schlingheider-Schlinghüter sind Zeugen der Landwehren.

Wann die Landwehren entstanden sind, können wir mit Bestimmtheit nicht angeben, jedenfalls sind sie weit älter als allgemein angenommen wird.

Direktor Teudt, Detmold, ist der Ansicht, daß sie bis in die germanische Zeit hineinreichen, andere schätzen ihr Alter viel jünger. Fest steht jedenfalls, daß sie bis weit ins Mittelalter ihre Bedeutung gehabt haben, ja noch nach der Erfindung der Feuerwaffen; denn sonst hätte es keinen Sinn gehabt, noch vor zwei Jahrhunderten neu Landwehren auf dem Pfarrlande auf Befehl der Landesregierung aufwerfen zu lassen. Immer wieder wird vonseiten der Landesregierung den Bewohnern zur Pflicht gemacht, die vorhandenen Landwehren in gutem Zustande zu erhalten und sie nach Möglichkeit weiter zu befestigen und auszubauen.

Die Landwehren waren, wie wir gesehen haben, in den Schluchten, an wichtigen Wegen und Straßen. An den Dorfseingängen stoßen wir dann nochmals auf Hindernisse, und das waren die Schlagbäume, worüber uns das nächste Kapitel erzählen wird.