Die mittelalterlichen Befestigungen - Die Schlagbäume
Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen
Zu der zweiten Art mittelalterlicher Befestigung unseres Ortes gehören die sogenannten Schlagbäume. Sie hatten viel Ähnlichkeit mit unseren heutigen Bahnschranken und wurden überall dort angebracht, wo ein schmaler, aber wichtiger Weg zum Orte führte. Um die Stellen der damaligen Schlagbäume erkennen zu können, müssen wir uns die Ausdehnung Oerlinghausens vor etwa 200 Jahren einmal ins Gedächtnis zurückrufen. Ein eigentliches Oerlinghausen-Süd, -Südost, -Nordost und -Ost gab es noch nicht, mit anderen Worten: es fehlten die Häuser an der heutigen Holter, Robert-Koch-, Friedrichstraße, dann war der Welschen unbewohnt, ferner fehlten die Häuser an der Adolf-Hitler-Straße, der Detmolder Straße, Reuterstraße usw. Oerlinghausen reichte also vom heutigen „Essener Hof“ bis Schuhmacher Hufendiek, dann ging's über den Berg bis Hofbüker. Die neuen Siedlerstellen lagen an der Wehme (Pfarrstraße) (siehe unter Kantor Voß!). Die neun Ansiedler wurden ja auch „Neubauer“ genannt. Ganz aus dem Rahmen sprang später das Haus des Amtmanns (heute Hotel Rathaus) und um 1830 die Apotheke. Daß es so gewesen ist, geht auch aus einer Redewendung hervor, deren sich die Anwohner von Oerlinghausen- Süd noch vor dreißig Jahren bedienten; wenn sie beispielsweise zum Einkauf in die damalige Hauptstraße wollten, sagten sie: „Wir wollen ins Dorf!“ Sie meinten damit jenen Teil der heutigen Stadt, der vom Essener Hof bis zum Rathaus reichte. Wenn wir uns so unser damaliges schönes Dorf vorstellen, dann verliefen die Hauptwege zum und vom Ort etwa so: Von Süden konnte man nur durch die schmale Stelle zwischen Essener Hof und dem Brachtschen Schlosse (Gebäude des Konsumvereins) in das Dorf gelangen, der Weg führte dann weiter die Tönsbergstraße hinauf und wieder hinunter, dieser Weg verlief dann weiter über das Grundstück von Schlachter Schmidt, Bremer zum heutigen Hindenburgplatz und zur heutigen Marktstraße (Boksiek), in weiterer Verfolgung dieses Weges gelangen wir dann über Helpup nach Lage. Bevor der oben erwähnte Weg zur Tönsbergstraße nach rechts abbog, zweigte ein anderer zur Wehme ab, es ist vielleicht jener, der heute noch zwischen Elbracht und Schlachter Hollmann zu den Wehmhäusern und damit zum Gehrenberg führt. Die Verlängerung dieses Weges führt an Menkhausen vorbei zum Rollkrug und damit nach Bielefeld. Das waren die drei Haupteingänge zum Ort, nämlich am Essener Hof, am sogenannten „Frankfurter Tor“, am Marktplatz, genannt „Meßtor“ und am Gehrenkamp (Runge-Diekmann). Diese Eingänge waren nun besonders durch Schlagbäume (es waren also keine Tore, wie wir sie sonst in mittelalterlichen Städten antreffen) gesichert. Diese wurden nach Passieren des Weges jedesmal, vor allen Dingen in der Abendzeit, geschlossen. In Zeiten der Gefahr trat noch durch Anbringen von allerhand Hindernissen eine Verstärkung in der Wegsperrung ein. Damit der Zugang zu den Schlagbäumen nicht zu breit wurde, pflanzte man zu beiden Seiten der Zugangswege noch Dornenhecken an, wie wir sie heute noch am Gehrenberg sehen können, oder man zog zu beiden Seiten des Weges eine stabile Mauer. Diese war an der oberen Holter Straße noch zu beiden Seiten bis etwa 1898 zu sehen. Hecken wuchsen auch zu beiden Seiten am Misttor. In Verbindung mit den Landwehren gebracht, stellte also unser Dörfchen am Berge im Mittelalter eine kleine, bescheidene „Festung“ dar.
Eine Bestätigung dafür, daß auch am Gehrenberg ein Schlagbaum vorhanden gewesen ist, geht aus einer Akte hervor, die mir im Oktober 1935 ein Gönner freundlichst überreichte. Ich lasse sie, des Stiles und der eigenartigen Schreibweise wegen, wörtlich folgen:
„Als vorichen ostern gogerichts Klage wegen der geeren Straße vorgekommen, als man folge mit fuhren von Tannen, Insonderheit von Berkemeyern, welger dem M. zu Menkhaussen den großen Kamp abgekauft, verdorben würde, Ist solges zum augenschein gesetzet, und derselbe von H. Rinner Jost und mir dem 3. Aug. eingenommen, und nach einigen Wortwecksel entlich, sowol von hiesiger gemeinde und dem M. zu Menkhausen verglich und bewilligt worden; das der M. zu Menkhaussen den schlagbaum verlegen, er bey den geeren Kamp setzen muß, Hier oben Henrich Töns Jürgen und des jünkeren seinen garten haben möge,'doch dero gestalt, das man hiesige gemeinde, insonderheit die jenigen so gertens oder Landt ander geeren Straße ligen haben, sich der Straße ihres gefallens bedienen möge, der schlagbaum sol auch so gestellt oder geführt werden, das womöglich anderer seits, und hierseits (unleserlich) großen können, Hatt also Berkemeyer sich des weges mit fuhren von Tannen sich seines gefallens zu bedienen, und dagegen denselben in Bau- und Bestimmung zu halten, damit demjenigen so gertens und Ländereyen an selbigen wege haben, Kein schade an ihren Heckens zu wacksen
H. Bracht.“
Bracht war der einzige Sohn des Vogtes Johann Bracht, der 1677 starb. Weiteres über Bracht siehe unter: Die Vögte von Oerlinghausen!