Die geologischen Ergebnisse der Tiefbohrung Niederbarkhausen

 

Wie dem einen oder anderen Leser der „Rav. Blätter" noch in Erinnerung sein dürfte, hat die lippische Regierung in den Jahren 1919—1922 bei dem Gute Niederbarkhausen eine Tiefbohrung niederbringen lassen, die ein von Wünschelrutengängern angekündigtes Vorkommen von Kalisalzen erschließen sollte. Die Bohrversuche, die von geologischer Seite ablehnend beurteilt wurden, endeten, wie manches andere bergbauliche Unternehmen unserer engeren Heimat, negativ, brachten aber dafür eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnisse vom geologischen Bau des Osning. Nachdem Hans Stille kürzlich eine wissenschaftliche Bearbeitung der Bohrergebnisse veröffentlicht hat, möge an dieser Stelle eine vereinfachte Darstellung für alle heimatkundlich interessierten Kreise erfolgen.

Die Bohrstelle befand sich wenige hundert Meter hinter der Wirtschaft „Scherenkrug" in unmittelbarer Nähe der Bahnlinie Oerlinghausen—Lage, dort, wo eine alte Windmühle steht. Bis zu einer Tiefe von 424 Metern wurde mit Schlagbohrung, die zerstoßenes Material fördert, gearbeitet, danach bis zu 1191,5 Meter Tiefe mit Kernbohrung. Das Bohrprofil, die Reihenfolge der durchsunkenen Schichten, war bis 511 Meter Tiefe ungestört und ganz normal, ebenso wieder von 793—1191,5 Meter Tiefe. Zwischen 511 und 703 Metern wurden starke Störungen der normalen Schichtenlagerung angetroffen, die im Verein mit den oberirdischen Aufschlüssen ein ungemein kompliziertes Bild des Gebirgsbaues ergaben. Für das Folgende wird die Kenntnis der normalen Schichtenfolge vorausgesetzt. (Näheres s. Wegner: „Geologie Westfalens" in der Städt. Bibliothek oder andere geologische Lehrbücher.)

Die Bohrung durchsank zunächst die Grundmoräne der alten eiszeitlichen Gletscher bis 7,8 Meter, dann folgten oberer bis unterer Muschelkalk von 7,8—301 Meter und oberer Buntsandstein (sog. Röt, im Johannistal anstehend zu beobachten) von 301—511 Meter. Der obere Buntsandstein enthielt von 433—511 Meter ein auffallend mächtiges Steinsalzlager, das in dieser Formation ständig angetroffen wird, aber nie von Kalisalzen begleitet ist, wie die mitteldeutschen Steinsalzlager des oberen Zechstein (Staßfurt usw.). Vom oberen Buntsandstein hätte man, der Erwartung nach, in den mittleren (rote Sandsteine des Solling als Beispiel) kommen müssen; an dieser Stelle begannen indessen die großen tektonischen Störungen, die letzten Endes alle Aussichten auf Kalisalze, die man tiefer anzutreffen hoffte, zunichte gemacht haben.

An den oberen Buntsandstein schloss sich nämlich der mittlere Keuper, untere Keuper und daran mit vielen kleinen Schichtlücken und Störungen Muschelkalk, oberer Buntsandstein (diesmal ohne Steinsalz) und ein Stückchen (7 Meter!) mittleren Buntsandstein, der sonst eine Mächtigkeit von ca. 250 Meter (z. B. Bohrung Sennborn i. L.) besitzt. Ruhigere Lagerungsverhältnisse setzten erst wieder ein mit dem unteren Buntsandstein (von 793—970 Meter). Von dort kam man in den oberen Zechstein (970—990 Meter), den Träger der deutschen Kalisalzvorkommen, aber leider in diesem Falle ohne eine Spur von Salz, dann in den mittleren (990—1181,5 Meter) und unteren Zechstein, wo die Bohrung in 1191,5 Meter Tiefe eingestellt wurde. Mit leichter Mühe hätte man wirtschaftlich und wissenschaftlich gleichbedeutende Aufschlüsse über die Verbreiterung der westfälischen Steinkohlenlager erhalten können, wenn die Bohrung bis zum oberen Karbon vorgetragen worden wäre. Nach Stille hätten u. U. wenige Meter dazu genügt; angesichts der hohen Kosten hat man jedoch davon Abstand genommen.

Schematisiertes Profil der Bohrung Niederbarkhausen:

Eiszeitliche Grundmoräne 0,0—7,8

Muschelkalk (oberer bis unterer) 7,8—301

oberer Buntsandstein 301—511

Hauptstörung I.

Keuper (mittlerer und unterer mit Störungen) 511—659

Muschelkalk (oberer — unterer mit Störungen) 659—739

oberer Buntsandstein (ohne Salz) 739—793

Hauptstörung II.

Buntsandstein mittlerer 793—800 Meter

unterer 800—979 Meter

Zechstein oberer 979—990 Meter

mittlerer 990—1181,5 Meter unterer 1181,5—1191,5 Meter.

Zur rascheren Orientierung ist vorstehend nochmal ein Schema des Gesamtprofils gegeben worden, ferner zwei Zeichnungen, welche die alte und neue Auffassung vom Bau des Gebirges stark vereinfacht zur Darstellung bringen. Es ergibt sich für den Osning das Bild einer überaus flachen, z. T. etwas gebuckelten Überschiebung, wie man sie sonst nur in jungen Hochgebirgen, z. B. den Alpen, anzutreffen gewohnt ist. Die älteren Schichten des N-Flügels ruhen wie eine „Decke" über den jüngeren Schichten des an der Überschiebungskluft („Osning-Spalte") abgesunkenen S.-Flügels. Die Überschiebungsfläche liegt so flach, dass die dünne „Decke" der älteren Schichten im N. in der sog. Hatz-Berg-Zone von der Verwitterung durchnagt wurde und nun, wie durch ein „Fenster", einen Einblick gewährt in die darunter liegenden jüngeren Schichten des S.-Flügels. Bevor man die Fensternatur der Hatz-Berg-Zone und die Zugehörigkeit ihrer Schichten zum S.-Flügel des Gebirges richtig erkannt hatte, hielt man sie, wie die Zeichnung lehrt, für einen grabenartigen Einbruch in Schichten des N.-Flügels. Auf Grund dieser falschen Annahme sind all die geologischen Profile in den einschlägigen geologischen Schriften und auch z. B. im Bielefelder Städt. Museum gezeichnet. Sie bedürfen daher sämtlich einer neuen Bearbeitung.

In der Bohrung Niederbarkhausen wurde die Überschiebungszone, wie erwähnt, zuerst in 511 Meter Tiefe getroffen. Sie springt dann über die Bohrlinie hinaus nach N. vor, keilförmig nach S. zurück und bewirkt dabei die zweite Hauptstörung im Bohrprofil in 793 Meter Tiefe. Die kleineren Störungen der mittleren Schichtenserie (511—793 Meter) erklären sich als sogenannte Staffelbrüche, welche die Osning-Überschiebung begleiten.

Für die Frage, warum im oberen Zechstein bei Niederbarkhausen kein Kalisalz angetroffen wurde, bestehen mehrere Möglichkeiten der Beantwortung. Zunächst könnte das Salz überhaupt nicht zur Ablagerung gekommen sein. Diese Möglichkeit hat nicht viel für sich; denn wir haben Grund zu der Annahme, die Salzablagerungen des Zechstein-Meeres, oder besser Zechstein-Sees, im nördlichen Westfalen und Lippe etwa bis südlich zu der Linie Münster-Paderborn hin zu vermuten. An Auslaugung ist ebenfalls in den großen erreichten Tiefen nicht zu denken, zumal im Hangenden das Röt-Steinsalz unberührt davon geblieben ist. Es verbleibt nun noch die Möglichkeit einer tektonischen Verquetschung der Salzablagerungen, und gerade diese Annahme kann gut gestützt werden durch die plastischen Eigenschaften des Salzes, die es in großer Tiefe unter dem Druck der lastenden Gesteinsmassen annimmt. Bei den ungeheuren gleitenden, schiebenden, pressenden Vorgängen, welche die Schichten des Osning in Falten legten, musste ein derartig weiches, bildsames Gestein sich unbedingt „verflüchtigen" zu den Stellen geringster Pressung, weitab vom Gebirge, wo es in unerreichbarer Tiefe noch jetzt schlummern mag. Diese Art von tektonischer Verquetschung hat man auch in den zahlreichen Bohrungen der deutschen Kalisalzbezirke häufig beobachtet.

Wieder einmal hat er ein anderes geologisches Gesicht aufge-setzt, der alte Osning. Eine Fülle neuer Überraschungen, die sich bei der geologischen Aufnahme seitens der preußischen geologischen Landesanstalt ergeben haben, stehen bevor. So wird das Interesse nie erlahmen im Studium des geschichtlich wie vorgeschichtlich gleich reizvollen Gebirges.