Wie ist die Siedlung Oerlinghausen entstanden?
Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen
Wie ich schon oben in längeren Ausführungen klargelegt habe, finden wir die ersten Menschen in unserer Gegend wohnhaft auf den sandigen Vorsprüngen der mittleren und südlichen Kette des Teutoburger Waldes, das heißt, wie wir ebenfalls schon sahen, auf Wöstenfeld, dann im Schopketale, bis zur Mündung der Schopke in die Ems, ferner am Triftwegbach in der Nähe des heutigen Forsthauses, auf dem Wehrendeich, am Snakenbach, in Bokeler Fenne, in der Stapelager Schlucht, also immer auf sandigem Boden. Das war etwa die Zeit von 25 000 Jahren vor Christi Geburt bis etwa 5000 Jahren vor unserer Zeitenwende. Der Mensch war in erster Linie Jäger, Fischer und Sammler. Am Ende dieser Zeit ging er allmählich zum Ackerbau über und wählte dann die fruchtbaren Gefilde des Lößlehmbodens nördlich vom Gebirge. Aus der Rundhütte entstand das Rechteckhaus. Bewohnt waren die Hänge am Bach oder am Flusse. Siedlungsspuren find in unserer Gegend bei Menkhausen, in der Grüte, in Oetenhausen, Währentrup, Wistinghausen; Helpup usw. Der Mensch war in erster Linie Ackerbauer, daneben noch Sammler und Fischer, wie das heute bei den Bauern teilweise noch der Fall ist. Neben Ackerbau finden wir die Anfänge der Viehzucht. Dieser Zeitraum umfaßt die Zeit von etwa 4000 bis 2000 vor unserer Zeitrechnung. — Allmählich lernte der Mensch die Metalle, in erster Linie die Bronze, kennen. Die nächstfolgende Zeit wird auch nach ihr benannt, nämlich die Bronzezeit. Zwar fehlen die Wohnspuren dieses Menschen in unserer Gegend, aber ihre Gräber find bekannt. Ich vermute, daß seine Wohnungen in oder bei Oetenhausen zu suchen find. Um 1000 vor Christi Geburt kommen germanische Stämme über das Gebirge und lassen sich südlich davon an Quellen und Bächen nieder. Vielleicht standen ihre Häuser da, wo heute noch die Kolonate der Senne anzutreffen sind. Von den Gräbern dieser Menschen habe ich unter: Vorgeschichtlicher Friedhof berichtet. Schon 100 vor unserer Zeit siedelt der Germane am Barkhauser Berge. Dort wohnte er etwa bis 500 nach der Zeitenwende, um sich dann westlich von Oerlinghausen niederzulassen. Zur Zeit Karls wohnten unsere Vorfahren, die nun zum Stamme der Sachsen gehörten, am Landerwege und auf den Ländereien des Friedhofs. Immer näher also zog der Mensch an das Gebirge heran. Nachdem Karl die Sachsen bezwungen hatte, setzte er einen Grafen ein, der die ganze Gegend zu beaufsichtigen hatte. Als Lage, seiner Wohnung, seiner Burg, wurde ein Platz gewählt, von dem man sowohl den wichtigen Oerlinghauser Paß nach Norden als auch nach Süden und Westen beobachten konnte. Dieser wichtige Platz muß da gewesen sein, wo heute die Häuser Huwendiek, Kux stehen. Der alte Flurname dieser Gegend ist „Burghagen“. Das Haus Huwendiek auf dem Berge wurde noch vor Jahrzehnten mit „in der Burg“ bezeichnet. Hier wohnte der Oerl in den Wintermonaten, während er zur wärmeren Zeit des Jahres auch in der zweiten, befestigten Burg: der „Oerlingsburg“, fälschlich mit Sachsenlager bezeichnet, gewohnt haben wird. Die Mauern der zuletzt genannten Burg sind teilweise noch, innerhalb der Wallburgen, links vom Wanderweg, in Tannen versteckt, zu sehen. Nach diesem Oerl oder Graf hat unsere Stadt ihren Namen erhalten. Der Wohnplatz am Westende des Tönsberges war von einer Hecke, einem Hagen, umgeben (Burghagen), und sein Jagdgebiet wird weiter westlich von Oerlinghausen, in Gräfinghagen zu suchen sein. Die Nachkommen des Grafen waren die Gräslinge oder Oerlinge, die dann auch hier ihre Hauser bauten, oder hier hausten (nicht im üblen Sinne). Statt Oerlinghausen könnte man also auch Grafenhausen sagen. Die Bedeutung ist dieselbe. In der Nähe der Burg siedelten sich bald Handwerker: Schmiede, Bäcker, Sattler, Wagenbauer usw. an, und recht bald entstand auch ein Krug.
Nachdem Karl unsere Vorfahren, die Sachsen, nach dreißigjährigem Ringen, endlich besiegt hatte, setzte er alles daran, Baudenkmäler, Schriften und Sitten, die noch an das Germanentum erinnerten, restlos zu beseitigen. (Siehe in diesem Zusammenhange auch den Abschnitt unter: Ein Haus aus der Zeit Karls und ein Grab aus der Zeit Karls!) Viel Herzeleid ist damals über unser Volk gekommen. Mancher zweifelte an der neun Lehre, und nur dem bitteren Zwange fügten sich unsere Vorfahren. — So ist auch anzunehmen, daß Karl das germanische Heiligtum auf dem Tönsberge zerstörte und nur soviel davon stehenließ, als er seinen Zwecken dienstbar machen konnte. Wie das Heiligtum innerhalb der Oerlingsburg am Ostabhange des Tönsberges damals ausgesehen hat, vermögen wir nicht zu sagen; aber eins steht fest: es war vorhanden und wurde von den Franken, wie ja auch die Externsteine, zerstört! Karl erbaute dann aus den Trümmern dieses Heiligtums eine hölzerne Kapelle, eine christliche. Ob er das vorhandene Grundmauerwerk benutzt hat, kann noch nicht gesagt werden. Aber eins steht fest, der Eingang war bei den Sachsen nach Osten, der aufgehenden Sonne zu. Noch heute kann man sehen, daß dieser Eingang zugemauert wurde. Der christliche Altar kam an die Ostseite, und da war der Eingang hier nicht mehr angebracht. Lange wird die hölzerne Kapelle, von der es heißt, daß sie die „capella sancti adjutorii“ Karls sei, nicht gestanden haben. Der Groll der Sachsen gegen die neu Lehre, die es duldete, daß 4500 Menschen, Führer der Stämme, ausgerechnet am Weihnachtstage, bei Verden, von dem Verkünder der neun Lehre, mit dem Schwert der Kopf abgehauen wurde, so daß das Wasser der Aller sich rot färbte, hielt noch Jahrhunderte an. — Wieviel Brauchtum hat sich aus jenen Tagen, trotz aller Anfeindungen und Bedrängnisse bis in unsere Zeit hinübergerettet! Zur Zeit der Pest, 1348, griffen Paderborner Mönche wieder auf die Trümmer der Kapelle zurück und bauten sie zu einer Wallfahrtskapelle um. Urkundlich wird erwiesen, daß die Kapelle damals eine beliebte Wallfahrtskapelle gewesen sei. Man weihte sie dem heiligen Antonius, hochdeutsch: Anton, plattdeutsch: Tons. Von ihm hat dann später auch unser Berg seinen Namen: „Tönsberg“ erhalten.
Wann wird nun der Name unseres Ortes urkundlich zum erstenmal erwähnt?
Nur auf Grund der Urkunde ist es uns möglich, am 25. Mai 1936 unser neunhundert- jähriges Jubiläum zu feiern.
1036. Mai 25,
Bischof Meinwerk von Paderborn stattet das durch ihn gegründete Kloster (Busdorf) an der Ostseite von Paderborn mit dem ihm gehörenden Zehnten von 17 Haupthöfen — curtes dominicales — und 71 dazu gehörenden Vorwerken — vorwerc — aus, worunter auch folgende genannt werden:
Enenhus mit 13 Vorwerken und unter diesen Colstide (Kohlstädt); Barchusen (Barkhausen) mit den 5 Vorwerken
Orlinchusen, (Oerlinghausen), Meginchusen (Menkhausen), Burchusen (Niederbarkhausen), Hepyn (Heepen) und Pkamannincthorp (Eckendorf); Bykeseten (Bexten) mit den drei Vorwerken Hyse (Heerse), Unrikissen (Hünderssen) und Ekama (Eikmeier) usw.
Außerdem schenkt er dem Stifte noch den Zehnten über das Vieh und die Bienenstände — examina apum — in der Syncckha (Senne).
Nach obiger Urkunde war Oerlinghausen um 1036 in der Hauptsache nur ein Vorwerk, das heißt ein kleiner Nebenhof von Barkhausen. Wo dieser Nebenhof gelegen hat, ist zwar nicht angegeben. Wenn wir uns aber auf Grund anderer Mitteilungen die Entwicklung Oerlinghausens in jener Zeit vorstellen, so ist wohl als sicher anzunehmen, daß dieses kleine Vorwerk da gelegen hat, wo später die Vögte Tofall und Bracht wohnten, auf dem späteren Brachtshofe. An der warmen Südseite des Gebirges wohnte es sich gut. Die Ländereien dieses Vorwerkes werden am Südhang des Tönsberges, hinter dem Brachtshof, auf dem breiten Kamp, vielleicht bis zum späteren Küsterfeld gelegen haben. Nachdem nun Barkhausen mit seinem Vorwerk dem Kloster Busdorf in Paderborn tributpflichtig geworden war, entwickelte sich auch der Verkehr von Süden nach Norden. Die Verkehrsstraße verlief, wie wir schon andernorts gesehen haben, vom heutigen Essener Hof bis nach Hansing-Hufendiek, dann ging sie über den Berg an Hofbüker vorbei, den Berg wieder hinunter, am heutigen Hotel „Stadt Oerlinghausen“ vorbei bis Bremer, um dann in nördlicher Richtung nach Barkhausen und Heerse zu führen. An dieser Straße, das heißt von Ritzenhof bis Hofbüker, standen daher auch die ältesten Häuser unserer Stadt. Die heutige Adolf-Hitler-Straße ist erst im 19. Jahrhundert entstanden, etwa von 1790 bis 1840. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde dann der Winkel bebaut; abgesehen von einigen wenigen Häusern sind dann auch vor und nach 1900 der Welschen, die Holter Straße beliebtes Baugelände gewesen. Nach 1900 wurde auch der Breitesch für Wohnungsbauten erschlossen. Die Häuser an der Detmolder Straße sind sämtlich nach 1830 entstanden. Nach dem Kriege kamen dann noch die Häuser am Landerweg, am Gehrenberg und im Boksiek. — Sobald der vom Stadtrat vorgesehene Ausbau der Brachtshofstraße zum Pieperweg durchgeführt sein wird, werden die Baulustigen, davon bin ich überzeugt, auch gern an diesem warmen Südhange des Tönsberges ihre Wohnhäuser erbauen.
Die Einwohnerzahl unseres Ortes war Jahrhunderte hindurch sehr gering. Noch um 1750 konnten in Oerlinghausen nur rund 50 Kolonate gezählt werden. Nach dem Dreißigjährigen Kriege standen sogar einige Häuser „wüste“ da, das heißt, sie waren nicht bewohnt. Während meiner Schulzeit, kurz vor 1900, zählte Oerlinghausen etwa 2200 Einwohner. Heute wohnen in der Bergstadt rund 3500 Menschen. Hieraus sehen wir, daß das Aufwärtsstreben unserer Heimatstadt vor etwa 40 Jahren einsetzte.
Mit dem 1. April 1926 tritt Oerlinghausen aus dem Rahmen einer Dorfsgemeinschaft heraus. Das derzeitige Landespräsidium verleiht Oerlinghausen städtische Rechte. Die Stadturkunde ist auf Pergament geschrieben, mit Eichenblatteinfassung versehen und hat folgenden Wortlaut:
„Wir bekunden hiermit, daß die bisherige Dorfsgemeinde Oerlinghausen auf Grund des angefügten Landesgesetzes vom 27. April 1926, betr. die Verleihung städtischer Rechte an die Dorfsgemeinde Oerlinghausen (L-V.-Band 23, S. 333), seit dem 1. April 1926 eine Stadtgemeinde bildet.
Unsere besten Wünsche für eine gedeihliche Entwicklung begleiten sie.
Detmold, 12. Juni 1926.
Lippisches Landespräsidium.“
Die Stadtverordneten Richard Müller und Fritz Blume schenken der jungen Stadt das in Ganzleder gebundene „Goldene Buch der Stadt“.
Zum ersten Bürgermeister der Stadt wird der bisherige Vorsteher August Reuter gewählt. Die ersten Ratsherren waren: Albert Schütte, Fritz Husemann und August Schling. Zum Stadtverordnetenvorsteher wählte man August Nieder.
Zur Stadtflagge erkor man die gelb-weiß-roten Farben.
Recht bald war man auch mit dem Stadtwappen fertig. Im zweiteiligen Schilde sehen wir im linken halben Felde die lippische Rose, die rechte Hälfte ist geviertelt, die Farben Gelb-Rot treten zweimal auf. In dem oberen Abschnitt (zwei Teile) steht die Tanne (jedenfalls als Symbol der Sommerfrische gedacht), in der unteren rechten Hälfte (wieder zwei Felder) ist das Wahrzeichen der Stadt) der zu Barkhausen (!) gehörende Windmühlenstumpf, zu sehen. Die linke Hälfte des Wappens ist weiß gehalten.
Was besagt nun dieses Wappen? Die Stadt gehört zum Lande der Rose (Lippe), ist eine Sommerfrische und umgeben von Tannenwald, ihr Wahrzeichen ist der Windmühlenstumps. Im großen und ganzen können wir wohl sagen, daß die Form unseres Stadtwappens nicht glücklich gelöst worden ist, so ist die Stellung der Rose in der einen vollen Schildhälfte, aber auch die Tanne und der Windmühlenstumpf nicht übermäßig heraldisch, Ob die Teilung des Wappens erforderlich war, wollen wir dahingestellt sein lassen. Ein nichtgeteilter Schild ist das Gegebene. Bei den schönen alten Stadtwappen waren meistens drei Gesichtspunkte für die Wahl maßgebend, von denen dann entweder zwei oder einer in Frage kamen. Man wählte irgendeinen Anklang an den Namen, zum Beispiel Berlin = Bär; Schwalenberg = Schwalbe; Horn = Blashorn usw. Hinzu kam dann meistens ein Hinweis aus die Landeszugehörigkeit, bei lippischen Städten eine Rose. Drittens kam dann noch etwas Charakteristisches der Stadt hinzu (Salzuflen zeigt einen Brunnen!). — Erwähnen möchte ich noch, daß die Oerlinghauser Farben: Gelb-Weiß-Rot, den allgemein geltenden heraldischen Regeln widersprechen; denn Weiß und Gelb dürfen nicht Zusammenstoßen.