Wie das germanische Dorf entstand
Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen
Versetzen wir uns im Geiste einmal 2000 Jahre zurück! Der Niedergang des Cheruskervolkes und das Verschwinden seines Namens durch Entartung der Führerschichten schien besiegelt zu sein. Ganze Stämme wanderten weiter in neu Gefilde, das Land wurde entvölkert, der schädigende Einfluß der römischen Kultur immer bedenklicher. Diesem allgemeinen Niedergang eines Volkes konnte nur Einhalt geboten werden durch die Gründung des Sachsenlandes, wie sie auch der Dichter unseres Theaterstückes, Rektor Meise, Bielefeld, annimmt. Die Cherusker ordneten sich freiwillig unter den nordischen Schwertbund. Eine neu nordgermanische Führerschicht war wieder vorhanden. — Ein germanischer Stamm wählte sich zur Ansiedelung die sandige Terrasse am Barkhauser Berge bei Oerlinghausen.
Schon auf den ersten Blick erschien dem Führer dieser Sippe das neu Wohngelände wie geschaffen. Im steilen Talgrunde lief munter plätschernd ein klares Bächlein, Wasser für Mensch und Vieh in Fülle spendend. Schon früher schienen hier einmal Menschen gewohnt zu haben, deuteten doch die vielen Feuersteinabschläge darauf hin. Der mächtige Buchen-und Eichenwald war am Rande licht, Fährten von Rot- und Schwarzwild wiesen auf reichliche Jagdbeute hin. Alle Mannen sollten hier Arbeit und Brot finden: Der demnächst zu beackernde leichte Boden bot dem Bauer gute Aussichten, der anstehende Lehm gab Material zur Töpferei, der vorhandene Raseneisenstein wartete auf seine Verhüttung, dem Schmied war die Möglichkeit zum Schmieden und Hämmern der Schwerter und Werkzeuge gegeben. Ackerbau, Viehzucht und Gewerbe, zu allem war das Gelände geeignet. Notdürftig zusammengefügte Hütten nahmen zunächst die ganze Sippe auf. Schon nach einigen Tagen teilte der Führer das herrliche Gelände von rund 400 Meter für die entsprechenden Neubauten auf, nachdem es hier und da sich eine Begradigung hatte gefallen lassen müssen. Der Edeling bestimmte der Reihe nach folgenden Bauten: Viehhaus, Backhaus, Schmelze mit Wohnhaus für den Schmelzer, Schmiede mit Wohnhaus, Dreschtenne mit Kornkammer und zuletzt das Führerhaus. Als Abschluß des Dorfes sollte dann noch ein wuchtiger Erdwall mit Dornen und Strauchwerk von 300 Meter Länge, 4 Meter Höhe und ein spitzer Außengraben ausgeführt werden, — Zunächst begann man mit der Herrichtung des Viehhauses für Schweine, Rinder, Schafe und Pferde. Man wählte dazu ein ebenes Gelände, das am meisten nach Osten, in unmittelbarer Nähe der Quellen und der anschließenden Weiden lag. Hier war der Viehreichtum unserer Siedler am besten geschützt, von hier stand dem weidenden Vieh das Land nach Osten ohne Gefahr offen, hier konnte es äsen und sich tummeln. Im rechten Winkel wurden kantig zubehauene Balken auf den sandigen Boden gelegt, darauf kamen einige kantige Ständer und dazwischen Flechtwerk mit Lehm, den man dem benachbarten Hügel entnommen Halle. Ein strohgedecktes Satteldach bildete den Abschluß gegen Unbilden der Witterung. Fleißige Hände regten sich, um die Inneneinrichtung für das Vieh fertigzustellen. — Währenddessen arbeiteten andere Männer schon an der Herrichtung des Backhauses. Dieses brauchte nicht über 7 Meter Länge und 4,50 Meter Breite zu sein. Wiederum legte man kantige Hölzer auf den Boden. Die Fläche innerhalb dieser Hölzer versah man mit einem Estrich von 12 Zentimeter Stärke und durchsetzte diesen Lehmfußboden mit aufgelesenen faustdicken Feldsteinen zur Festigung des Bodens. Wieder wurden kantige Ständer auf die Unterlegbalken in gewissen Abständen gestellt und durch Flechtwerk mit Lehmbewurf versehen. Damit der nach Süden gelegene Hauseingang geschützt war, zog man das Dach ein wenig vor und stützte es durch einen Pfosten. Nun begann man mit der Herrichtung des Backofens. Seine Ausmaße waren etwa 1,50 Meter Länge und 1,20 Meter Breite. Baumaterial waren aufgelesene Sandsteine, einige Granitbrocken und eine Menge Lehm. Geflochtene Weidenruten stützten zunächst das schwere Lehmdach, bis dann bei späterer Benutzung das Flechtwerk verkohlte und das Dach steinhart wurde. Für Beschaffung des Heizmaterials richteten die Männer zwei Meiler am Waldessäume her.
Um das nötige Material für Waffen und Werkzeuge zu erhalten und sich gegen Angriffe von Mensch und Tier schützen zu können, ordnete der Führer den Bau einer Schmelze an. 15 Meter vom Backhaus gewahrte er eine natürliche Grube. Diese wurde von fleißigen Händen noch ein wenig vertieft und zeigte bald eine Länge von 6 Meter und eine Breite von 2 Meter. In die östliche Grubenhälfte wurde aus Sand- und Granitsteinen sowie einer Menge Lehm ein Hochofen von runder Gestalt, mit mehreren Düsen versehen, aufgeführt. Zwei kunstvoll gefertigte Blasebälge sorgten für Luftzufuhr. Der in der Osningkette haufenweise vorkommende Raseneisenstein wurde von der männlichen Jugend zusammen- getragen, dann vom Schmelzer in haselnußgroße Stücke zerschlagen. Die unterste Schicht im Schmelzofen bildete eine etwa 15 Zentimeter dicke Holzkohlenschicht, hierauf schüttete ein Mann eine Lage vom zertrümmerten Raseneisenstein, dann folgte wieder eine Schicht Holzkohle usw. Durch die Tätigkeit des Blasebalges vermochte man die Hitze bis zu 800 Grad zu steigern. Nach geraumer Zeit öffnete der Schmelzer die Düsen, und eine feurig-glühende Masse, die Luppe, floß heraus. —
Als nächstes Gebäude sollte ein Wohnhaus aufgeführt werden. Fleißige Hande rührten sich, es wurde gesägt, gehämmert, geklopft. Ein stabiler Bau, ein Pfostenhaus von 9 Meter Länge und 7 Meter Breite mit Vorhalle und strohgedecktem Dach füllte bald den Raum westlich der Schmelze aus. Für die innere Ausstattung des Prachtbaues rührten sich wieder die Hände aller. In kurzer Zeit hatte jedes Gerät seinen Platz erhalten: Webstuhl, Tische, Stühle zum Zusammenklappen, Borte an den Wänden, Truhen für Wäsche, Bettstellen, Arbeitstische, Schilde, Schwerter, Lanzen und was der Dinge mehr sein mochten.
Um die in der Schmelze gewonnene Luppe weiter zu Roheisen verarbeiten zu können, ordnete der Ebeling die Herstellung einer Schmiede und eines weiteren Wohnhauses an. 50 Meter westlich von der Schmelze schien der geeignete Platz zu sein. Auch die Schmiede fand wieder Aufnahme in einer Grube von derselben Ausdehnung wie bei der Schmelze. Der Schmiedeofen wuchs allmählich aus Sand-Granitsteinen und Lehm in die Höhe. Luppe, mit Lehm zu Ballen geformt, fand darin Aufnahme. Ein Blasebalg setzte die Schüttung in Glut, der Zapfen wurde ausgestoßen, und in bereitgestellte Lehmformen floß das glühende Eisen, welches dann zu Barren erstarrte und dem Schmied nun durch Hämmern und Schweißen genügend Arbeit bot zur Herstellung von Schwertern, Angeln, Messern, Sporen, Hufeisen und anderen gewünschten Dingen. Viel Arbeit nahm das jetzt in Angriff genommene Wohnhaus neben der Schmiede in Anspruch. Es sollte ein Dachhaus werden. In einen 30 Zentimeter breiten und tiefen Graben stellte man kantig behauene Balken als Fundament, die man mit Lehm bewarf, nebeneinander. Die Tür lag noch Osten. Eine mittlere Pfostenreihe stützte das geräumige und hohe Satteldach aus Stroh. Den First zierten zwei aus Holz geschnitzte Pferdeköpfe. In den nächsten Tagen wurde der große Innenraum mit Hausgerät für Schmiede und Töpferei ausgestattet.
Die nicht beim Bau der Häuser beschäftigten Männer rodeten während dieser langen Zeit auf den nördlich gelegenen Hängen den Baum- und Buschwald, um ihn in Ackerland zu verwandeln. Frauen fanden eine günstige Stelle am Rande der Terrasse, wo Lehm zur Töpferei in mäßigen Bänken anstand. Hier wurde geformt und geknetet und die schönsten Töpfe und Krüge hergestellt. — Ausnahmsweise hatten wir einen schönen Sommer, die Saaten standen gut und warteten der Mahd. Noch aber fehlte es im Dorfe an einem Kornspeicher und an einer Dreschtenne. Der Sippenführer ordnete daher den Bau eines solchen kleinen Hauses an. Zur Baustelle bestimmte der Edeling eine herrliche Ebene, von wo ein schmaler Fahrweg zu den Ländereien führte. Groß brauchte dieses Haus nicht zu sein. In erster Linie kam es auf eine glatte und feste Dreschfläche an. Diese herzustellen, bemühten sich Mannen und Frauen. Kinder trugen aus der Gegend faustdicke Granitbrocken und auch Lehm zusammen. Eine Lehmschicht von 15 Zentimeter Dicke wurde im geschlemmten Zustande auf den sandigen Boden aufgetragen. Die faustdicken Steine drückte man schön nebeneinander in, den Brei und übergoß alles noch einmal mit demselben Material. Langsam erhärtete der Fußboden. Währenddessen trugen Männer Kanthölzer, Ständer, Flechtruten und Lehm für die Überdachung zusammen. Mühsam wurde geschafft, Schon nach einigen Tagen konnte sich auch dieser Bau sehen lassen. Der unter dem strohgedeckten Dach sich befindliche Boden sollte als Kornkammer dienen. — Der Führer überschaute all die bisher errichten Bauten und gab seiner Befriedigung Ausdruck. Nachdem nun seine ganze Sippe untergebracht und jeder seine Arbeit angewiesen bekommen hatte, jeder nach seinem Können und seinen Leistungen, durste er wohl an die Erbauung eines Hauses für sich und seine Familie denken. Alle Gefolgschaftsmänner waren willig und eifrig, ihrem bewährten Führer ein herrliches Wohnhaus zu errichten. Die Ausmaße sollten wett größer als bei den anderen Bauten sein. Etwa 15 Meter Länge und 8 Meter Brette hielt man für geboten. Der Baustil, ein Vorhallenhaus mit Pfostenträgern, blieb derselbe. Alle Balken und Ständer wurden mit Schnitzereien und Runen versehen. Freudig arbeitete man an der Vollendung des Baues vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Wochen vergingen. Immer herrlicher hob sich der mächtige Bau aus dem Grün des Waldes hervor. In verhältnismäßig kurzer Zeit war die ganze Siedlung erstanden. In weiser Voraussetzung hatte der Führer der Sippe diesen Platz zur Ansiedelung gewählt. Jeder fand Arbeit, Brot und Freude am Schaffen.
Noch war das ganze Werk nicht vollkommen, noch waren die Bewohner gegen Angriffe feindlicher Nachbarn nicht geschützt, noch konnten sie mit Leichtigkeit von ihrem neu erworbenen Lande vertrieben werden. Es waren unruhige Zeiten im Lande, Sippen kamen und zogen wieder fort. Nicht immer waren sie friedliebend. Um allen Widerwärtigkeiten trotzen zu können, befahl der Führer die Anlage eines mächtigen Erdschutzwalles an der Paßstraße. Hierher waren ehedem versprengte Haufen römischer Legionen gezogen, die Brukterer und andere Stämme wählten denselben Weg durchs Gebirge. Nur von dieser Seite war Gefahr zu erwarten. — Alle Bewohner des Dorfes beteiligten sich an der schweren Arbeit: Männer, Frauen, Kinder, Greise. Nach Monden zeigte der Spitzgraben an der Außenseite eine Tiefe von 4 Meter, und der Wall war ebenso hoch. Den ganzen Hang bis zur Paßstraße bepflanzte man mit struppigen Dornen, Brombeeren und Wildrosen. Ein Durchkommen war nicht mehr möglich. Sollte ein Feind sich trotzdem erdreisten, bis an den Spitzgraben vorzudringen, so stand er vor einer steilen 8 Meter hohen Wand, die außerdem noch einen starken Flechtzaun mit Dornen trug. —
Friedlich lag das germanische Dorf am Barkhauser Berge! Die Bewohner waren froh und geschäftig. Ihrem Führer hielten sie die Treue, und unter seiner Obhut und Fürsorge entwickelte sich ein Gemeinschaftsleben, wie es bei unseren Vorfahren Sitte und Brauch war.