Ein Haus der Sachsen
Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen
Westlich von Oerlinghausen liegen die Landergärten, plattdeutsch „Lanner“ bezeichnet, die ihren Namen den hier noch zum Teil gut erhaltenen Landwehren verdanken. Unweit der Landerquelle schiebt sich südlich von dieser ein sandiger Vorsprung mit sehr steilen Ufern zum Vogelschutzgehölz vor. Diese charakteristische Bodengestalt veranlaßte mich im Frühjahr 1931 zu einem planmäßigen Absuchen nach frühgeschichtlichen Dingen, wie Scherben, Eisenteilen usw. Beides war an der Oberfläche des in Kultur genommenen Bodens vorhanden. Für die weitere Untersuchung waren in erster Linie die gefundenen harten Scherben von rötlicher, brauner und braunschwarzer Farbe, dazu die Stücke mit umgelegtem Rande von ausschlaggebender Bedeutung. Durch Befürwortung des Museumsdirektors und Konservators Dr. Stieren, Münster, erhielt ich von der Landesregierung in Detmold die Genehmigung zum Ausgraben, und Schulleiter Dreier, der Besitzer des Grund und Bodens, gab dankenswerterweise seine Einwilligung dazu. Als treue Mitarbeiter sind in erster Linie Werner Jahnke, Detmold, zu nennen, der bei der ganzen über 5 Monate sich erstreckenden Ausgrabungsarbeit half, sowie Lehrer Nebelsiek, Remmighausen, stud. phil. Schwabedissen, stud. phil. Huneke und Lehrer Hunke, Oerlinghausen, die gelegentlich ihre Kräfte zur Verfügung stellten. Die sorgfältigen Vorbereitungen und Überlegungen kamen uns insofern zustatten, als auch nicht ein Spaten voll Erde umsonst zur Seite geschafft wurde. Die Ausgrabungsfläche ist 12 Meter lang und 11 Meter breit, bei rund 1 Meter Tiefe, somit mußten etwa 132 Kubikmeter Erde bewegt werden! Verfahren wurde nach der Methode des Planierens. Die ganze Fläche mußte zunächst von der etwa 30 Zentimeter tiefen Ackerkrume Millimeter um Millimeter abgetragen werden, um etwa nach oben geratene Funde sicherzustellen. Nach monatelanger mühevoller Arbeit, die infolge der anhaltenden Trockenheit des Sommers manchmal auf Wochen unterbrochen werden mußte, damit Spuren vom Bau uns nicht entgingen, hatten wir Ende September den Grundriß des Hauses, der in sich eine Menge frühgeschichtlicher Funde barg, die ich weiter unten beschreiben werde, vor uns. Zwar weist der Grundriß noch hier und da Lücken auf, aber sie sind so belanglos, daß sie einer Vervollständigung desselben keine Schranken setzen (siehe Plan!). Fest steht, daß wir einen verhältnismäßig großen Bau vor uns haben, der durch eine sogenannte Vorhalle oder durch einen Flur von 2 Meter Breite und rund 8 Meter Länge einen quadratischen Hauptbau abschließt. Dieser dürfte durch eine mittlere Pfostenreihe wiederum in zwei Längsräume (B—C) geteilt gewesen sein. Ein Raum von 8 Meter Länge und 4 Meter Breite wäre zwar nicht praktisch, es sei denn, daß die eine Hälfte für das Vieh bestimmt gewesen sei, so daß man annehmen muß, daß die andere Hälfte des Hauses, die rechte, noch aufgeteilt war. Spuren, die für eine Durchteilung sprechen, sind nur in dem mit C bezeichneten Raume vorhanden gewesen. Der schwarze Strich verschwand indes beim tieferen Planieren, so daß er im Plan nicht mit ausgenommen wurde. In der östlichen Hälfte des Raumes C lag der zerstörte Herd. Gebrannter Lehm, viele dem Feuer ausgesetzte Sand-und Kalksteine von Handgröße, Eisenschlacken (etwa 1 Zentner) und viele Holzkohle bestätigen das. Die Form des Hauses ist durch die zum Teil sehr gut aus dem Planum herausgeschälten Fundamentgräben von 30:30 Zentimeter Ausdehnung gekennzeichnet. Sie sind kantig, stark durch Holzkohlenreste gefärbt und Hebers sich im gelblich-weißen Sande deutlich als schwarze Striche ab. Die Nordseite des Hauses zeigt auffallenderweise eine Menge Feldsteine (Kalksandsteine und Granitbrocken), die möglicherweise das Füllmaterial für die Fachwerke lieferten. Feldsteine dieser Art kamen auch sonst im Bau vor. Außerhalb des nur schlecht erhaltenen südlichen Fundamentgrabens liegen noch 4 Aschengruben von 0,80 bis 1 Meter Durchmesser und etwa 20 bis 25 Zentimeter Tiefe. Auch in der Vorhalle ist ein solches Grübchen vorhanden. Der Eingang zum Hause wird vermutlich an der Westseite gelegen haben. Ein kleiner Pfad führt noch heute von hier zur Quelle. Das Füllmaterial wurde durch Lehm und schlechten Mörtel miteinander verbunden. Das Satteldach dürfte mit Stroh gedeckt gewesen sein.
Reichliche Funde sind im ganzen Hause, namentlich aber in der Südhälfte desselben (C) gemacht worden:
Herd
Hier lag der zerstörte, aus Feldsteinen aufgebaute Herd von etwa 1 Meter Durchmesser. Die rote Färbung und die Brüchigkeit der Steine bezeugen, daß sie lange dem Feuer ausgesetzt gewesen sind. Umherliegender gebrannter Lehm war das Bindematerial.
Eisenschlacken
Diese kommen, wie in allen frühgeschichtlichen Häusern, in Menge vor. Manche zeigen einen glasartigen Überzug.
Webegewichte
Diese sind aus Blei hergestellt. Die tönernen, wie sie in den Häusern am Barkhauser Berge auftreten, kommen nicht vor.
Scherben
Hiervon wurden die meisten Funde gemacht. Nur ganz wenige erinnern noch an den La-Tene-Stil mit geringer Verdickung am steilen Rande, sie sind schwach gebrannt, in Farbe schwarzbraun. Drei Scherben weisen am oberen Rande das sogenannte Stempelmuster (Stern und Gitter) auf. Sie stammen anscheinend von einem doppelkonischen Gefäß, das an der oberen Hälfte Stempelverzierung zeigt. Gefäße dieser Art kommen schon im 8. Jahrhundert und eventuell noch früher vor. Die weitaus größte Zahl der Scherben zeigt einheitlichen Charakter. Sie sind hart gebrannt, klingend, stets unverziert und am Rande scharf umgebogen. Es handelt sich um eine schwarzbraune grobe Ware, wie sie im Sachsenlande selbst hergestellt wurde.
a) Henkel
Nur ein Henkel konnte ausgegraben werden. Im Verhältnis zu der meist elegant gebogenen weiten Form des römischen Henkels ist der vorliegende gedrungen und plump. Das Loch ist kreisrund und hat nur einen Durchmesser von 1,5 Zentimeter.
b) Ausguß
Die Ausgüsse sind mit dem oberen stark umgebogenen Rande fest verwachsen, röhrenartig rund und erweitern sich oben, ringförmig. Der Ausguß ist der Natur des Randes entsprechend in eine schräge Richtung gebracht, so daß der Öffnungsrand ebenfalls schräg gestellt ist.
c) Brand — Oberfläche — Farbe
Der Brand der Gefäße ist derart, daß ein Allschlag klingt. Ein Ritzen mittels einer stählernen Spitze erscheint unmöglich. Die Scherben sind härter als die römischen und merowingischen. An den Bruchstellen sind sie nicht porenlos wie das Steingut der Kunsttöpfereien des Mittelalters. Die Gefäße sind von rotbrauner bis braunschwarzer Farbe. Pingsdorfer Ware kommt ebenfalls vor. Die Oberfläche ist gekörnt und weist flache Erhöhungen und Vertiefungen auf.
d) Gestalt
Nach dem vorgefundenen Scherbenmaterial kommen Kugeltöpfe, Henkeltöpfe mit Ausguß, Meßgefäße und anderes vor.
Eisenteile
a) Nägel
Diese sind handgeschmiedet, sie kommen in verschiedener Länge und Stärke vor. Der Kopf ist meistens quadratisch, von 2 Zentimeter oder weniger Seitenlänge. Der eigentliche Nagel ist ebenfalls quadratisch und läuft ganz allmählich zur Spitze aus.
b) Messer
Die Messer sind mit Schäftungsansatz etwa 14,5 oder 11 Zentimeter lang, bei 17 oder 11 Zentimeter Breite. Die Schneide mißt 11 oder 8 Zentimeter, sie verläuft in einem sanften Bogen zur Spitze.
c) Beschläge und Verschlüsse
Einige Eisenteile mögen Gürtelverschlüsse oder -beschläge darstellen. Sie sind von bestimmten Formen. Ein Stückchen ist von Eiform und -große und weist an dem breiten unteren Ende ein kreisrundes Loch auf. Ein anderes Stückchen erinnert an eine 3, zeigt in der Mitte ein Nietloch und ist 7,5 Zentimeter hoch und 2 Zentimeter breit.
d) Nadeln
Zwei eiserne Nadeln sind 14 Zentimeter lang, bei 3 Millimeter starker Breite. Andere Eisenteile sind vom Rost derart deformiert, daß deren Bedeutung nicht mehr festzustellen ist.
Glas
Es kommt nur in kleinen Stückchen vor, ist am Rande abgerundet und schimmert in den schönsten Farben (grün bis karminrot).
Mörtel
Im Verhältnis zur Größe des Baues kommt nur sehr wenig Mörtel vor.
Er ist von schlechter Beschaffenheit, mit sandigem Lehm vermischt und zeigt manchmal noch schwachgebrannte Plänerkalkstückchen. Der Kalk sicht im Gebirge an und konnte daher leicht beschafft werden.
Knochen
Es ist eigenartig, daß im Bau nur Knochen eines Tieres, und zwar des Pferdes vorkommen. Diese lagen im bzw. unter dem mit Feldsteinen durchsetzten Lehmfußboden. Erhalten waren außer einigen anderen Schädelknochen nur noch die Zähne. Der harte Schmelz hatte sie bis in unsere Tage hinübergerettet.
H. Behrendsen gibt im „Hannoverschen Anzeiger“ vom 28. Mai 1932 folgende Erklärung, die beachtenswert sein dürfte. Ich laste diese Mitteilung im Wortlaut folgen: „Man hat angenommen, daß diese Pferdeschädel Bauopfer gewesen seien, doch dürfte diese Annahme kaum richtig sein. Der Gedanke des Opferns besagt doch, daß etwas Wertvolles herzugeben ist, daß der Opfernde sich gewissermaßen, selber straft, um das Mitleid und die Gnade der Gottheit zu erwerben. Pferdeköpfe an sich stellen aber durchaus keinen Wertgegenstand dar. Ja, hätte man Pferde getötet, um sie zur Günstigstimmung Gottes oder des ‚Bösen' in dem Bau zu vergraben. Man hat aber immer nur Köpfe, nie ganze Kadaver gefunden. Über einen so kostspieligen Brauch müßte es fraglos auch Überlieferungen geben, es gibt aber keine. “
Die vergrabenen Pferdeköpfe haben sicher dieselbe Bestimmung gehabt, welche die Pferdeköpfe über den Giebeln unserer Bauernhäuser hatten. Diese in ganz Norddeutschland zu findende Giebelzierde bildeten ursprünglich zweifellos natürliche Pferdeköpfe. Erst dann, als das Schlachten und Verzehren der Pferde von der christlichen Kirche verboten wurde, mag man allmählich zu Nachbildungen in Holz gegriffen haben. Bei den Sachsen, wie ja auch bei anderen Völkern, stand bekanntlich das Pferd in hohem Ansehen; weiße Pferde wurden sogar heilig gehalten, aus ihren Bewegungen, aus ihrem Wiehern wurde geweissagt. Das Pferd galt als den guten Gottheiten besonders nahestehend. Des Pferdes Kopf auf dem Hausgiebel wird als Segenbringendes, Unheilabwehrendes angesehen worden sein. Die Tenne lag in der Mitte des Gebäudes, die unter ihr vergrabenen Pferdeköpfe konnten also ihren Einfluß auf das ganze Haus erstrecken, Pest und Viehsterben abwehren. Bei den Erneuerungen der Dreschtennen, die immer aus Lehm gestampft waren und wohl selten mehr als 30 Jahre aushielten, vergrub man dann noch weitere erreichbare Schädel von krepierten oder verunglückten Pferden unter der Tenne. So ist vielleicht zu erklären, daß neben guterhaltenen Schädeln fast ganz verwitterte gefunden worden sind. — Mit dem Glauben an die schützende Kraft des Pferdeschädels hängt vielleicht auch das Vertrauen in das glückspendende Hufeisen zusammen, welches man noch heute über vielen Haustüren sieht. Fragt, man da nach dem Warum, so erklärt man, daß klare Vorstellungen über die Wirkungen des Hufeisens nicht mehr bestehen.
Was die Zeitstellung des Hauses am Landerweg betrifft, so ist zu beachten, daß das Scherbenmaterial durchweg einheitlichen Charakter zeigt: Kugeltöpfe, Henkeltöpfe mit Ausguß, Gießgefäße. Wir haben es mit einer Periode zu tun, in deren Zeit die völlig abgerundeten Kugeltöpfe Mode wurden, mit spätkarolingischer Ware. Die mit der eingeritzten Wellenlinie ausgestatteten ältesten frühkarolingischen Gefäßarten fehlen unter der Oerlinghauser Ware am Landerweg. Ebenso kommt das auf blauschwarzem Grunde leicht eingestrichene Rautenwerk nicht vor. Wir werden deshalb annehmen müssen, daß die Erbauung des Hauses in die letzte Zeit der Regierung Karls zu setzen ist.