Ein Grab aus der Zeit des Frankenkaisers Karl

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Beim Ausschachten eines für Schulleiter a. D. Dreier bestimmten Hauses östlich von dem im Jahre 1932 ausgegrabenen und oben beschriebenen Sachsenhause westlich von Oerlinghausen stießen Arbeiter in 9 Meter Entfernung von der Ostwand des frühgeschichtlichen Hauses auf einen dunklen Fleck im Boden. Zur Ehre der Bauarbeiter muß gesagt werden, daß sie an der betreffenden Stelle in ihrer Tätigkeit sofort aufhörten und mir den Befund meldeten. Ich begab mich zur Stelle und gewährte einen schwarzen, ziemlich festen, dunkelbraun gefärbten Fleck, der im Schnitt nach unten sich etwas verjüngte. Zum Glück war noch nichts zerstört. Ich begann daher mit der planmäßigen Ausgrabung. Die Grube zeigte im Querschnitt die Form der unteren Hälfte eines Sarges. Beim weiteren Herausarbeiten der Grube ergab sich folgender Befund:

Die Bodenfläche dieser braunschwarzen Grube war von rechteckiger Gestalt, deren Seiten 0,60 zu 1,70 Meter waren. Von der heutigen Oberfläche bis zur Sohle betrug die Entfernung 1,40 Meter, davon waren 0,60 Meter Kulturboden. Die übrigen 0,80 Meter hoben sich scharf aus dem gelblichweißen Sande ab.

Es handelte sich, wie ich bald feststellen konnte, um ein frühgeschichtliches Grab. — Aus der Füllmasse der Grube kamen ein kleiner Röhrenknochen, ein Pferdezahn, etwas Holzkohle und einige Topfscherben mit umgelegtem Rande, sowie eine bläulichgrüne Glasperle hervor. Zwei Scherben waren insofern für die Zeitstellung von Bedeutung, als sie den Boden eines Gefäßes zu erkennen gaben. Kreisförmig verlief um das Bodenstück ein aufgesetzter Rand von etwa 1 Zentimeter Höhe. Dieser diente als Standplatte. Die Scherben waren hartklingend, von aschgrauer Farbe und ein Einritzen der Oberfläche mittels einer stählernen Spitze nicht möglich. Die Standplatte des Topfes ist durch Herauskneten der dicker gelassenen Bodenmasse vermittels Daumens und Zeigefingers entstanden. Der untere Rand wurde dadurch nach außen gekehrt und die Bodenfläche des Gefäßes größer, wodurch ein sicherer Stand des Gefäßes erreicht wurde. Nach der Mitte zu erschien die Bodenfläche jetzt hohl. Wir haben es mit der sogenannten karolingischen Wellenplatte zu tun, welche noch roh gehöhlt, dünn und mit scharfen Rändern versehen ist. Sie bildet ein zuverlässiges Unterscheidungsmittel der sogenannten Pingsdorfer und verwandter karolingischer Ware von den vorkarolingischen. In dem von mir oben bereits erwähnten, in unmittelbarer Nähe ausgegrabenen Hause kommen durchweg Scherben mit stark um- gelegtem Rande vor, sowie die Übergänge zur nächsten beziehungsweise zur vorausgegangenen Periode. Es ist somit anzunehmen, daß durch Beeinflussung oder durch den Handel Gefäße dieser Art (mit Wellenplatte) hier bekanntwurden und der Zweckmäßigkeit derselben überzeugt, diese ebenfalls mit Standplatte versehen wurden. War es doch jene Zeit, in der unsere Vorfahren im bitteren Kampfe mit dem Frankenkaiser Karl standen. Vom Rhein her dürfte die „Pingsdorfer Ware“ auch hier am Tons berge bekanntgeworden sein. Der Sachse aber hielt an der alten Überlieferung, wie in Glaubenssachen, so auch an der Keramik fest, wenn nicht, dann müßten im benachbarten Hause mehr Scherben von Töpfen mit Wellenrandstandplatte vorkommen. Dem ober der Verstorbenen gab der Sachse ein Beigefäß mit stark umgebogenem Rande, also einheimische Ware, und ein Gefäß von der Pingsdorfer Keramik mit ins Grab.

Durch das Verbot des Frankenkaisers Karl konnte der Verstorbene nicht, wie es noch bei den Vorfahren Sitte war, eingeäschert und in einer Urne beigefetzt werden. Die Leichenverbrennung mußte laut kaiserlichen Befehls unterbleiben. Nur diesem Drucke folgend, werden sich unsere Sachsen am Landerwege der neuen Bestattungsweise gefügt haben. Sie schaufelten 9 Meter östlich von ihrem schönen Fachwerkhause, der aufgehenden Sonne zu, eine 1,40 Meter tiefe, 60 bis 70 Zentimeter breite und 1,79 Meter lange Grube, die sich nach oben erweiterte, und versenkten darin eine Kiste (Sarg) mit dem Leichnam ihrer jugendlich Verstorbenen (Glasperle). An alten, nicht kontrollierbaren Bräuchen und liebgewordenen Sitten der Borfahren hielt man fest: Auf oder in den Sarg gab man der Verstorbenen ein Beigefäß einheimischer und ein Gefäß eingeführter Ware mit Lieblingsspeisen und einem Stückchen vom heiligen Roß (Pferdzahn!) als Wegzehrung ins Jenseits und füllte dann die Grube wieder zu. — Trotz strengen Verbotes des Frankenkaisers, Pferde zu schlachten und zu verzehren, geschah es im Glauben an ihr gutes Recht von feiten der sich rächt beugenden Sachsen immer wieder. Die Knochen der geschlachteten Pferde wanderten als Heiligtümer unter den Lehmfußboden des Hanfes (diese Tatsache konnte ich an mehreren von mir ausgegrabenen frühgeschichtlichen Häusern feststellen), wurden an Wegkreuzungen, an Brücken und dergleichen als Abwehrmittel gegen das Böse eingegraben, ja, auch dem Verstorbenen mit ins Grab gegeben. Ähnliche Sitten haben sich bei uns bis auf den heutigen Tag erhalten. Im Glauben an die schützende Kraft des Pferdeschädels hängt noch das Vertrauen an das glückspendende Hufeisen zusammen Ich erinnere nur an das Nutzesten von Hufeisen an Scheunen und Stallungen und in heutiger Zeit an die mit Hufeisen geschmückten Neujahrs- und Glückwunschkarten.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß unsere Vorfahren sich der neun Lehre nur unter Druck fügten, daß sie aber andererseits zäh am alten Glauben hingen und die Sitten und Gebräuche ihrer Vorfahren, trotz aller Drangsalierungen von Seiten Karls, in Ehren hielten und auch ausübten.

Blut und Boden schmiedete unsere Vorfahren. Mut und Boden machte sie stark, die jahrzehntelangen erbitterten Kämpfe gegen den alle Kultur zerstörenden Frankenkaiser zu fuhren. Möchte auch unsere Generation aus diesen Tatsachen lernen, damit das Wort unseres großen Führers Mr Wahrheit werde: „Wir wollen wahren das Volkstum als die Quelle unserer Kraft!“

Wie dunkel lag noch vor einigen Jahren die Vorgeschichte Oerlinghausens und seiner Umgebung vor uns, und wie hell erscheint sie uns jetzt. Wo vermeintliche Wildnis, Unwirtlichkeit, Sümpfe und Morast sich ausbreiteten, herrschte in Wirklichkeit reges Leben und finden wir Menschen, die den Kampf mit der sie umgebenden Natur zu meistern verstanden. Nicht nur in der Zeit des fernen Mesolithikums waren die Hänge und Terrassen bei Oerlinghausen von Menschen bevölkert (siehe Diekmann: „Steinzeitsiedlungen im Teutoburger Walde“, 1931), sondern auch um Christi Geburt bis zur Zeit Karls wohnten auf den sogenannten Podien unsere Vorfahren, die Germanen. Es ist das erste Mal, daß Siedlungen aus dieser Zeit im Teutoburger Walde und weit über seine Grenzen hinaus entdeckt und die Grundrisse ihrer Häuser so schön und klar ausgegraben werden konnten, wie bei der schönen Stadt Oerlinghausen, im Herzen des Teutoburger Waldes. Was von Oerlinghausen gilt, wird auch mehr oder weniger auf den übrigen Teutoburger Wald zutreffen. Nachdem man die Siedlungsweise der Germanen erkannt, wird es, davon bin ich überzeugt, mit der Entdeckung weiterer Siedlungen aus jener Zeit nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Mögen der Erforschung unserer Heimat, im besonderen der des Teutoburger Waldes, noch recht Helle Tage beschieden sein, die uns die Geheimnisse desselben entschleiern möchten, zum Wohle der Heimat und des um seine Existenz ringenden deutschen Vaterlandes!

Quellennachweis

Als Quellen sind benutzt worden:

1.         Bumüller: Leitfaden der Vorgeschichte Europas

2.         Schulz: Das germanische Haus in vorgeschichtlicher Zeit

3.         Schuchardt: Die frühgeschichtlichen Befestigungen in Niedersachsen

4.         Schuchardt: Die Burg im Wandel der Weltgeschichte

5.         Bodewig: Nassauische Annalen 1902

6.         Jakob-Friesen: Einführung in Niedersachsens Urgeschichte

7.         Jakob-Friesen: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte.