Die germanische Siedlung am Barkhauser Berge

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Wenn ich mich bemühen werde, im Nachfolgenden ein möglichst klares Bild über das erste von mir entdeckte und ausgegrabene germanische Dorf Lippes zu geben, so dürste es nicht uninteressant sein, zunächst über die Lage des Ortes Oerlinghausen ein paar Worte zu sagen und sodann die Frage zu erörtern, die von fast allen Besuchern an mich gerichtet wird: „Warum haben Sie gerade hier gesucht und sofort das Richtige gefunden?“

Der Ort Oerlinghausen ist die jüngste lippische Stadt mit 3500 Einwohnern. Die Hauptindustriezweige find Weberei und Möbelfabrikation. Die Stadt liegt malerisch um den 334 Meter hohen Tönsberg, dessen Windmühlenstumpf, das Wahrzeichen der Stadt, weithin in die Lande schaut. Von Bielefeld ist die Bergstadt 13 Kilometer und von der Residenzstadt Detmold 18 Kilometer weit entfernt. Beide Nachbarstädte sind durch die Eisenbahn in kurzer Zeit zu erreichen. Aber auch der einemhalbstündliche Autobusverkehr bringt den Gast bald zur Großstadt Bielefeld oder zum Weltbadeort Bad Salzuflen — Führungen zu den prähistorischen Stätten, seien es mesolithische Siedlungen, bronzezeitliche Gräber, Sandhügelgräber oder das germanische Dorf, werden vom Verfasser jederzeit nach vorhergehender Anmeldung bereitwilligst übernommen. —

Nun wäre die Frage zu erörtern, welche Überlegungen mich zum Entdecker der ersten größeren germanischen Siedlung in dieser Gegend machten. — Viele Wissenschaftler haben sich seit Jahrzehnten damit befaßt, Klarheit über das germanische Haus der vorgeschicht­lichen Zeil zu schaffen. Alle möglichen Quellen wurden herangezogen und teilweise erschöpft. Die einen hielten die Kultur der Germanen für sehr niedrig: nach ihrer Ansicht kannten die Germanen nur zeltartige Hütten aus Fellen und Reisig, wie die Leute in der mittleren Steinzeit sich beholfen haben; sie waren eben wild und brutal, zu etwas Höherem nicht fähig. Andere Forscher neigen der Ansicht zu, daß die Germanen bereits in wohnlichen Häusern, ähnlich unseren Bauernhäusern, lebten und Träger einer beachtenswerten Kultur waren. Hausreste aus jener Zeit sind noch nicht genügend gefunden worden, doch dürften sie nicht so spärlich sein, wie allgemein angenommen wird. In erster Linie stützen sich deshalb die Wissenschaftler auf die in Gräbern gefundenen Hausurnen, da diese nach ihrer Ansicht den besten Einblick in die germanische Bauart gewährleisten. Auch ich will diese Bodensunde nicht unberücksichtigt lassen. Den ersten Platz können sie aber bei der Untersuchung nicht beanspruchen. Einwandfreien Aufschluß geben nur die Spuren, die die Wohnbauten aus jener Zeit im Boden zurückgelassen haben. Daß auch die Ergebnisse der Sprachforschung, ferner Rückschlüsse aus Häusern geschichtlicher Zeit sowie Nachrichten und Abbildungen aus jener Zeit, die uns übrigens sehr sparsam überliefert sind und nur für wenige Germanenstämme in Frage kommen, wichtige Ergänzungen geben können, ist selbstverständlich. Von allen Quellen aber sind die im Boden liegenden Urkunden, nämlich die Spuren der Wohnhäuser, die wichtigsten.

Nachdem ich im Laufe von drei Jahren etwa 20 Siedlungen der mittleren Steinzeit entdeckt und ausgegraben hatte (Heuer sind es 38!), äußerte ich gegenüber meinem Mitarbeiter auf preußischem Boden, Rektor H. Meise aus Bielefeld — es war gelegentlich einer Grabung am Nagelwege —, nicht eher zu ruhen, bis es mir vergönnt sei, ein germanisches Gehöft im Teutoburger Walde aufzudecken. Eher als ich glaubte, sollte ich zum Ziele kommen. Anlaß dazu gaben folgende Worte aus dem „Bildersaal deutscher Geschichte“, S. 8, wo es unter „altgermanischer Edelhof“ lautet: „Bei den alten Germanen sind zwei Formen der Siedlung zu unterscheiden: zwischen Weser und Elbe, bis südlich an die Alpen, siedelten sie sich sippenweise in Gewanndörfern an, wo gerade eine Quelle, eine Au oder ein Gehölz dazu einlud, westlich der Weser aber in einzelnen abgesonderten Höfen, die dann von den zugehörigen Feldern und Wiesen umgeben waren.“ Da Oerlinghausen nicht so sehr weit von der Weser entfernt liegt und die Grenzen keineswegs zu eng gezogen werden dürfen, können, so meine ich, für den Teutoburger Wald beide Siedlungsformen in Frage kommen. — Nachdem ich seit Weihnachten 1927 mit obigen Möglichkeiten rechnete, ließ mich der Gedanke, ein Gehöft, womöglich gleich ein ganzes Dorf zu entdecken, nicht mehr los, und ich durchstöberte im Geiste Berg, Hügel und Au unserer bergigen Gegend, und mit einem Male wurde mir's klar, daß nur der Hang am Barkhauser Berge im Welschen, unweit der Bergstadt Oerlinghausen, Siedlungsgelände sein könne. Die von mir bereits in dieser Gegend entdeckten Steinzeitsiedlungen „Triftweg“ und „Wehrendeich“ (später auch „Forsthaus“) bestärkten mich so sehr in der Annahme, daß ich bereits in der Frühe des 26. Dezember mit Spaten und Rucksack auszog, um an einer geeigneten Stelle den sandigen Boden zu untersuchen. Meine gesammelten Erfahrungen im Aufsuchen steinzeitlicher Siedlungen kamen mir zustatten. Die erste Bedingung, Wasser, war vorhanden, ferner Schutz gegen Westwind, sandiger Untergrund, alter Weg zum Bach, Hineinströmen der Sommerwärme und auch gute Sicht aufs Gebirge. Alle Momente trafen auf das fragliche Gelände zu. An einer bestimmten Stelle, wo der mit Heidekraut überwucherte sandige Boden eine ganz sanfte Bodenvertiefung von etwa 3 Meter Durchmesser aufwies, setzte ich am Rande der Mulde den mitgeführten Militärspaten hoffnungsfreudig ein und stieß dabei sofort in 40 Zentimeter Tiefe auf zwei ziemlich starke Gefäßscherben, die stark gebrannt und an den Bruchstellen zerriebenen Granit erkennen ließen. Den Befund teilte ich der lippischen Regierung mit, die mir die Genehmigung zum Ausgraben erteilte. Ich ahnte damals noch nicht, daß ich der glückliche Entdecker des ersten germanischen Gehöftes in Lippe und des ersten dieser Art in Westdeutschland sein sollte.

Lage der Siedlung

Bevor wir in eure Erörterung der einzelnen Häuser mit ihren Nebenbauten eingehen. Vollen wir zunächst einen Blick auf das ganze Siedlungsgelände werfen. Von den Höhenzügen der mittleren und südlichen Kette des Teutoburger Waldes eingeschlossen, zieht, parallel zum Tönsberge und den Barkhauser Hinterbergen, ein ansehnliches Längstal hin, das den Namen Welschen trägt (plattdeutsch: Welsken, Wellesken, von Welle = Quelle). Welschen also gleich Quellental. (Vergleiche Wellenkrug, Wellenbruch!) Der Barkhauser Berg dacht sich allmählich nach Westen zur Trift ab. Ungefähr auf halber Höhe zwischen dem Gebirgskamme und dem Bachbette ist der Boden in wechselnder Breite bis zu 50 Meter nahezu eben; der Rand dieser Ebene scheint bis zu 300 Meter Länge künstlich aufgetragen zu sein, wahrscheinlich zur Zeit der Besiedelung. Dieses Plateau verläuft In ostwestlicher Richtung und reicht bis zu einem etwa 3 Meter hohen Querwall am Westabhange des Bergrückens. Von der Hochfläche aus führen mehrere alte Wege und Pfade zum Bach. Der Boden ist sandig und läßt am Bachrande an mehreren Stellen den darunter liegenden Lehm und Ton zutage treten. (Wichtig für die Töpferei. Die Flurbezeichnung heißt nord- östlich von der Siedlung: Auf dem Lehmstich.)

 

Arten der Hausreste

Ziehe ich eine Gerade in ostwestlicher Richtung von dem Brandgrabe rechts neben der steinzeitlichen Siedlung Forsthaus I bis zum abschließenden Wall im Westen, so beträgt die Länge der ganzen Siedlungsanlage 310 Meter. Diese Verbindungslinie trifft zunächst Haus I, dann folgen Haus II mit Schmelze, Haus III mit Schmiede, Haus I V (Schwellenhaus, dann das zweite Brandgrab und in weiterer Entfernung Haus V. Der Abstand von den, l. Brandgrabe bis zum Hause I beträgt 20 Meter. Haus II ist von Haus I 25 Meter entfernt. Von hier bis zum Hause III sind 60 Meter. 70 Meter weiter stoßen wir auf Haus IV und 100 Meter von diesem auf Haus V. Zwischen den beiden letzteren liegt hart am Hange zum Bach das zweite Brandschüttungsgrab.

Soweit zur Orientierung! Und nun will ich versuchen, von den Grabungsergebnissen der einzelnen Objekte ein möglichst anschauliches Bild zu geben. Wir beginnen also im Osten mit dem

Brandschüttungsgrube I.

Es war am 4. Dezember des Jahres 1928, als ich hinaus zur Terrasse am Barkhauser Hinterberg zog, um eine neu Siedlungsstelle auszukundschaften. Nach meinen Beobachtungen im Gelände und auf frühere Erfahrungen im Auffinden urgeschichtlicher Wohnstätten fußend, hoffte ich bestimmt auf wichtige Entdeckungen. Das Ziel war das frühere Drewes‘sche Grundstück, welches mit einigen Fichten, Kiefern, Birken und Heidekraut bewachsen ist und eine sandige Randterrasse bildet, an deren Fuße ein kleines Bächlein zur Trist vorbeieilt. Sollte der von der Randterrasse zum Bette des Bächleins führende Weg (ähnlich wie solche in den mesolithischen Wohnplätzen „Heisterbrink“, „Nagelweg“, „Wöstenfeld“ u. a.) nicht auch ein uralter sein? Das war die erste Frage, die ich mir vorletzte. Wenn ja, dann mußte am Rande des Weges irgendwo alter Kulturboden anzutreffen sein. Aber wo? Run, da der vorgeschichtliche Mensch seine Behausungen möglichst in bequemer Lage zur Quelle, zum Wasser, anlegte, konnte darüber nicht lange Zweifel herrschen. Hart am Wege, am Rande des Plateaus, setzte ich den Spaten ein. Nach zwei Minuten zeigte sich braunschwarzer Boden, etwa in der Mitte 50 Zentimeter stark, nach den Seiten bogenförmig nach oben abbiegend, von dunkler Färbung, eine kompakte Masse bildend und von Holzkohlenteilchen und Knochensplitterchen mit Brandspuren durchsetzt. Dazu fanden sich eine Handvoll gebrannter Lehm von leuchtend roter Farbe, Topfscherben, die der Zeit des 1. bis 2. Jahrhunderts angehörten, ferner ein gebrannter Sandstein. Hier war also prähistorischer Boden. Was wir vor uns hatten, zeigte die spätere genauere Untersuchung des Aushubes. Es war ein Brandschüttungsgrab. Etwa 55 Zentimeter tief im Boden kam ein schöner 6 ½ Zentimeter langer und 3 Zentimeter breiter Kratzer, ein Flintmesser, sowie mehrere Abschläge zum Vorschein. Die Funde waren dem Verstorbenen als Beigaben mit ins Grab gegeben! Weiteres siehe unter Brandschüttungsgrab 2!

Haus I

Das Auffinden des Brandgrabes veranlaßte mich am 7. Juni 1929 zu weiteren Boden­untersuchungen westlich desselben. Da, wo ein alter, heute nicht mehr benutzter Weg, aber als solcher noch deutlich erkennbar ist, zum Bach führt, wurde eine Fläche von 10:8 Meter zunächst von der Heidekraulschicht und dem darunterliegenden Humus horizontal befreit. In etwa 20 Zentimeter Tiefe zeigte sich sandiger Lehm, der überall von handgroßen Granitbrocken durchsetzt war. Wir hatten den Estrich eines Hauses vor uns, der die Form eines Rechtecks zeigte. Die Länge betrug rund 7 Meter und die Breite etwa 6 Meter. Gestört war der Boden durch drei vorhandene Dellen, die durch Ausroden von Baumstubben in neuerer Zeit entstanden waren. Der Estrich zeigte eine durchaus kompakte Masse von 10 bis 15 Zentimeter Stärke. Die vielen eingestampften Granitbrocken gaben dem Fußboden mehr Halt und Festigkeit. (Ein Fußboden dieser Art befindet sich noch heute im sogenannten Sollschen Kruge in Oerlinghausen. Zur Zeit, als in Oerlinghausen noch die Hausweberei blühte, war es Vorschrift, daß in der Webstube ein solcher Bodenbelag vorhanden sein mußte, damit ein Vibrieren des Fußbodens, der Fehlstellen im Gewebe zur Folge gehabt hätte, vermieden wurde.) In der rechten Hälfte dieses Hauses zeigte der Bodenbelag eine ziemlich stark von Holzkohle durchsetzte Schicht, die auf der linken Seite drei kopfgroße Lehmklumpen und auf der rechten Seite einen großen Lehmballen enthielt. Mit der Holzkohle bildeten sie nahezu einen rechten Winkel. Zwischen den Schenkeln des Winkels lag eine Steinpackung, deren Größe ungefähr der eines Kinderkopfes entsprach. Die viele Holzkohle östlich des Winkels und der viele gebrannte Lehm lassen darauf schließen, daß hier ein Backofen gestanden hat. Die einzelnen Steine der Packung dürsten Herdsteine sein. Im Estrich selbst kamen immer wieder leichtzerbrechliche Scherben mit Besenstrich, sowie Wetzsteine aus gelbem Sandstein und einige Stückchen stark vom Rost zerfressenes Eisen zurn Vorschein. Etwa in 1 Meter Abstand vom südlichen Rande des Estrichs stand ein Pfosten von 40 Zentimeter Durchmesser. Das Haus ist offenbar als das Backhaus anzusprechen. Das Fehlen weiterer Pfostenlöcher mag darin seinen Grund haben, daß die Ständer aus einer Balkenlage standen, die wiederum auf dem gestampften Boden lagen. Der vorgelagerte Pfosten weist auf eine Überdachung des Hauseinganges hin. (Siehe weiter unten: Schwellenhaus!) Nach seiner Struktur und den Scherben nach zu rechnen, haben wir ein kleines germanisches Haus vor uns, das entweder kurz vor oder gleich nach Christi Geburt errichtet wurde. Wir dürfen uns über die Kleinheit dieses Hauses nicht wundern, als Backhaus genügte es den Anforderungen. Zwischen den einzelnen Ständern der Wände war Flechtwerk mit Lehm beworfen und das Dach mit Stroh abgedeckt. Das Haus hatte ein! Satteldach.

Haus II

Am 7. Juni des Jahres 1929, an einem erfolgreichen Ausgrabungstage (Haus I) saßen mein treuer Mitarbeiter, Jahnke, Detmold, und der Verfasser am Rande der Aus- grabungsstelle des Hauses I und liehen ihre Gedanken und Betrachtungen in jene graue Vorzeit schweben, wo dieser heilige Boden von unseren Altvordern bewohnt, bebaut und eventuell gegen Angriffe römischer Legionen mutig verteidigt wurde. Wir bemerkten eine kleine Delle im nahen Walde, etwa 20 Meter von uns entfernt. Was gab's da zu sehen? Der Laie würde sagen: „Nichts!“ Uns aber verriet der Boden mancherlei. War es Zufalls daß ausgerechnet an dieser Stelle die besten Kiefern standen? Warum wuchsen in der sanften Bodenvertiefung saftiges Gras und Bickbeersträucher, während sonst überall der Boden mit einem dichten Fichtennadel- und Moosteppich bedeckt war? Warum stand wittert in der Grube der stärkste Baum? Warum war der Waldrandboden künstlich erhöht? Das waren Fragen, die zu denken gaben. Uns fiel es wie Schuppen von den Augen. Immer klarer wurde uns zum Bewußtsein, daß hier frühgeschichtlicher Boden war.

Kurz entschlossen gruben wir am Rande ein 30:30 Zentimeter tiefes Loch. Der Ortsteil sonst 50 Zentimeter tief, kam nicht. Der Boden mußte aufgeschüttet sein. Treu, wie immer, schaufelte Jahnke die Grasnarbe und etwa 20 Zentimeter Flugsand ab. Der Boden schiert nach unseren früheren Erfahrungen nicht übel zu sein. Wir schaufelten weiter und. fanden zu unserer großen Freude: Gefäßscherben, Ton- und Lehmklumpen und Eisenschlacke Nach kurzer Unterbrechung nahmen wir am Mittwoch, dem 4. September, dem Tage der Rückkehr des „Graf Zeppelin“ vom Weltfluge, gemeinsam mit Risse, Mengede, der sich als dritter zu uns gesellte, die Arbeit wieder auf. In einer Tiefe von rund 30 Zentimeter begann der Kulturboden. Wir fanden u. a. einen Wetzstein, mehrere Eisenstückchen, Scherben aus dem 4. Jahrhundert, Lehmklumpen und gebrannten Lehm. Da der damalige Besitzer des Grund und Bodens, H., wegen Wurzelverletzung keine weitere Ausgrabung wünschte, wandte ich mich an die Regierung. Der Erfolg entsprach nicht meinen Erwartungen. Man schrieb mir u. a.: „von weiteren Aufdeckungen außerhalb eines freigegebenen Ackergrundstücks Abstand zu nehmen. Damit ist diese Eingabe inzwischen erledigt. “ — Wie mir zumute war, braucht nicht näher erörtert zu werden.

Zur Besichtigung der Grube waren am 15. September 1929 etwa 30 Personen da vom Naturwissenschaftlichen Verein Herford, vom Bielefelder Verein, ferner Schulrat a. D. Bielefeld aus Bad Salzuflen. — In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Meine Aufgabe ist durch das oben gekennzeichnete Verhalten der Regierung erledigt, und schweren Herzensentschlossen wir uns, die Grube wieder anzufüllen. Die Lage der Grube ist vermessen. Sie hat einen Durchmesser von 6 bis 7 Meter. Alles andere ergibt sich aus der Skizze. “

Zwei volle Jahre mußten darüber hingehen, bis an eine planmäßige Ausgrabung gedacht werden konnte. Die Zeiten waren wirtschaftlich weit ernster geworden. Finanzielle Unterstützungen irgendwelcher Art kamen nicht in Frage. Mein treuer Mitarbeiter Jahnke war seit Monaten arbeitslos. Das Grabungsgelände hatte inzwischen seinen Besitzer gewechselt. Eigentümer war jetzt Major v. Lentzcke, ein Freund der Vorgeschichte, und so hatten wir wenigstens den Lichtblick, das angefangene Objekt doch noch einmal mit Genehmigung der Negierung ausgraben zu können. Landeskonservator Vollpracht, Blomberg, und Dr. Stieren vom Provinzialmuseum in Münster, suchten mich im August 1981 zu weiteren Besprechungen und zum Zwecke der Besichtigungen meiner neuen Entdeckungen auf germanischem Gebiet auf. In Augenschein genommen wurden am Barkhauser Berge die Häuser I, II, IV und V und deren Nebenbauten, soweit sie schon aus dem Boden herausgeschält waren und eine mutmaßliche Siedlungsstelle aus derselben Zeit westlich von Oerlinghausen. Beide Herren ließen mir völlig freie Hand, so daß nun nach zweijähriger Pause mit neuer Kraft ans Werk gegangen werden konnte. Meine Mitarbeiter waren die Studenten Maschmann, Huneke, Lohweg, ferner Jahnke, Detmold, Lehrer Hunke, Oerlinghausen, und ein Arbeiter. Über alle wichtigen Feststellungen unterrichtete ich sofort Dr. Stieren, Münster. Am 14. Oktober 1931 erhielt ich von ihm einen Brief, aus dem dessen Freude über meine neuen Entdeckungen hervorging. Er schrieb: „Nach Rückkehr von der Reise finde ich eine ganze Anzahl erfreulicher Nachrichten von Ihnen vor, die trotz der augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnisse doch dazu zwingen> den ganzen Befund einmal mit Ihnen zusammen anzusehen. Leider wird das vor Beginn der kommenden Woche kaum möglich sein... Eine maßstabgerechte Aufnahme der bisher gefundenen Spuren können Sie schon vorher anfertigen, die Pläne können wir bei der Besichtigung dann gemeinsam nachprüfen, bzw. ergänzen. —“. Den Wünschen Stierens wurde entsprochen. Während dieser Zeit weilten bei mir als Fachgelehrte Dr. C. Rademacher, Köln, und Dr. Albrecht, Münster, die eine Besichtigung meiner Ausgrabungen vornahmen.

Als erstes Ausgrabungsobjekt wählte ich Haus II mit der davorliegenden Grube. — Nachdem der vor zwei Jahren angefüllte Aushub wieder auf die Seite geschafft und noch 5 Zentimeter Boden horizontal abgetragen war, hob sich aus dem weißen Sande eine hellbraune Linie ab, die eine ebenso gefärbte Schicht einschloß und ungefähr die Form einer Ellipse zeigte. Das Vorhandensein einer Grube war somit erwiesen. Der Längsdurchmesser betrug 4% Meter und der Querdurchmesser 1,80 Meter. Beim weiteren Planieren stießen wir, etwa 20 Zentimeter tiefer, auf eine tief braunschwarz gefärbte Schicht, deren Umrandung der ersten parallel lief. Etwa 5 Zentimeter tiefer fanden wir eine interessante runde Packung. Der Durchmesser der Packung betrug 1,40 Meter. Zunächst fielen mächtige Ballen Lehm auf, die mit kleinen Steinchen bis zur Faustgröße durchsetzt waren. (Wände vom „Hochofen“!) Der Lehm zeigte dunkelgelbe bis rötliche Färbung. Die Granitbrocken waren brüchig und die Sandsteine völlig rot gebrannt. Der Lehm machte den Eindruck der Oberfläche eines Schwammes. Links von der Packung kamen viele Eisenteile und vor allen Dingen Eisenschlacken zum Vorschein. Auch sie wiesen Erhöhungen und Vertiefungen auf, wie der eben beschriebene Lehm. Es fanden sich Stücke von der Größe einer Haselnuß bis zu der einer Mannesfaust. Nordöstlich von der Packung wies der Boden eine grünlich-schwarze Färbung auf. Zwischen dieser und der Packung lagen Gefäßscherben vom dickwandigen Gefäß. Der interessanteste Fund zwischen den Scherben war ein massiger, zweimal durchbohrter Ösenhenkel. Die Länge betrug 7 Zentimeter, die Breite 3 Zentimeter und die Dicke ebenfalls 3 Zentimeter. Diese Löcher liefen konisch zu. Der obere Durchmesser betrug 13 Millimeter und der untere 10 Millimeter. An beiden Seiten des Topfes allgebracht und durch Weidenruten miteinander verbunden, konnte das Gefäß leicht aufgehängt und auch befördert werden. Die Wände des Gefäßes zeigten keinerlei Verzierung und hatten am oberen Rande eine Stärke von 10 Millimeter. Es handelt sich, wie bei den übrigen zahlreich gefundenen Scherben, meistens um grobe Ware, der viele Quarzitstückchen beigemengt waren. Den wichtigsten Fund machten wir ganz links in der Grube in Form einer bronzenen Sonnenscheibenfibel (siehe Abbildung auf dem Umschlag). Sie ist kreisrund, stark patiniert und sehr brüchig. Der Durchmesser beträgt 3 Zentimeter. Um den 5 Millimeter kreisrunden, erhabenen Mittelpunkt (Sonne) verläuft ein 1% Millimeter eingedrücktes kreisrundes Band, das wiederum von einem erhabenen Kreis von 1 Millimeter Stärke umgeben wird. Von dem letzteren Kreis laufen 12 Strahlen zum Rande, die an diesem rosettenförmig miteinander verbunden sind. Hierdurch entstehen 12 Felder, die je durch zwei erhabene Punkte, und zwar nahe an der Peripherie, durch einen 2 Millimeter starken und nahe zum inneren Kreis durch einen 1 Millimeter starken Punkt ausgefüllt sind. Die Stadt wählte sie als Festabzeichen der 900-Jahr-Feier. Sie ist in Bronze nachgegossen und durch die Museumsleitung käuflich zu erwerben.

Die Rückseite ist flach und zeigt einen blattstarken 5 Millimeter hohen und 6 Millimeter breiten Vorsprung zur Aufnahme einer leider nicht mehr vorhandenen Nadel. — Beim weiteren Planieren verlegte sich der schwarze Außenrand immer weiter nach der Mitte zu. Der Boden enthielt überall faustdicke Granit- und Sandsteinbrocken, die durch Lehm mit­einander verkittet waren. Eine Menge Granitbrocken war so mürbe, daß man sie leicht zerbrechen konnte. Die Sandsteinbrocken zeigten immer eine rötliche Färbung und waren ebenfalls brüchig. In der Lehmpackung rechter Hand steckte neben vielen dickwandigen Randstücken von verschiedenen Töpfen noch der teilweise gut erhaltene Boden eines größeren Topfes, vermutlich eines Aufbewahrungsgefäßes. Daneben kam ein Pferdezahn und ein eiserner Gürtelverschluß zum Vorschein. Dieser war von triangulärer Form, aus Eisen hergestellt. Die Basis zeigte eine Länge von 6 Zentimeter und die Schenkel eine solche von 5% Zentimeter. Die beiden letzteren schlossen am oberen Rande eine längliche Öffnung von 12:15 Millimeter ein. Vermutlich diente diese Öffnung zur Aufnahme des längst vergangenen Gürtels. Links von der Packung lag besonders viel Holzkohle, so daß der Boden pechschwarz glänzte. Gefunden wurde in dieser Schicht ein D-förmig gebogenes Stückchen Eisen (2:2 Zentimeter) mit zwei Nieten. Hart am linken Rande der Grube, in 70 Zentimeter Tiefe, kamen noch ein vorzüglicher Wetzstein, Größe 12:5:4% Zentimeter und eine Zigarrenkiste voll Eisenschlacken zum Vorschein.

Welche Bedeutung hatte nun die Grube und wozu wurde sie benutzt? Die aufgefundenen Raseneisensteine, die vielen Eisenschlacken, die Lehmpackung und die viele Holzkohle sowie die rotbraune Färbung des Untergrundes der Grube weisen darauf hin, daß der Germane in dieser Grube das Eisen für seine Waffen und Geräte gewann. Die Grube war zu dem Zwecke durch und durch mit feuerfestem Material, dem Lehm, ausgefüttert. Abwechselnd brachte der Schmelzer eine Lage Holzkohle und dann Erz übereinander. Ob er zur Erzeugung einer größeren Hitze (800 Grad sind ungefähr erforderlich, um das Eisen aus dem Stein zu treiben), einen Blasebalg besessen hat, vermögen wir nicht zu sagen, die Möglichkeit besteht aber. Es ist auch denkbar, daß ein 1% Meter weit zu verfolgender schwarzer Streifen im Boden einen sogenannten Luftschacht darstellt, der für Luftzug sorgte. Man erzielte durch diese Einrichtung zwar kein Gußeisen, sondern nur Eisenschlacke, auch Luppe genannt. Diese wurde nun vom. Schmied, vielleicht vom Nachbar (Haus III), zerkleinert und die kleinen Eisenteilchen herausgeschält. Mit nassem Lehm zu Kugeln geformt und ins Schmiedefeuer gebracht, ließ sich dann mit Hammer und Amboß das Eisen ausschmieden. (Die Naturvölker machen das noch heute so!)

Nun könnte man noch die Frage aufwerfen: Ist die Schmelze überdacht gewesen oder nicht? Wenn wir an die überaus große Feuersgefahr einer Schmelze denken, können wir diese Frage verneinen. Einwandfreie Spuren von Pfosten waren auch an der Umrandung der Grube nicht nachzuweisen. Indessen fielen an der Süd- und Südwestseite drei schwarze bis bräunliche Punkte auf, die möglicherweise Pfosten enthielten und ein hohes Dach oder einen Windschirm, zur Regelung des Zugwindes, stützten. Die Abdachung der Grube erfolgte von den Rändern aus gleichmäßig zum Grubenmittelpunkte, zum Schmelzofen. Der tiefste Punkt der Grube lag 70 Zentimeter tiefer als der Grubenrand und rund 1,20 Meter unter der heutigen Oberfläche.

Da die Scherben aus der Schmelze sich auf einen kleinen Raum verteilen und durchaus den Eindruck der Einheitlichkeit verraten, lag der Gedanke nahe, einen Versuch zu untere nehmen, die Scherben zu einem Topf wieder zu rekonstruieren. Rektor H. Meise, Bielefelds erbot sich, diesen Versuch zu unternehmen. Er schrieb mir: „Ich habe mich drei Nachmittage mit der Rekonstruktion des Topfes beschäftigt, aber der Fall ist hoffnungslos. Der Befund ist wie folgt: 1. Reste von etwa drei und mehr Töpfen; 2. Randscherben genügten, um! etwa zwei Töpfe zu rekonstruieren; 3. Bauch- und Standflächenscherben viel zu wenig; 4. Passende Bruchstellen nur etwa drei gefunden. Das brüchige Material ist gerade an den, Rändern so beschädigt, daß das Anpassen der Bruchstellen fast vergeblich ist. Rekonstruktionsversuch wie beistehende Skizze! Die Technik scheint Wert aus einen festen, dicken, oberen Rand von 1 Zentimeter und mehr Wandstärke und dünne X Zentimeter dicke Bauch- und Standflächenwand gelegt zu haben, was durchaus richtig ist. “ Nach Meise beträgt der oberes Durchmesser des von ihm untersuchten Gefäßes etwa 19 Zentimeter, der untere Durch­Messer 14 Zentimeter, der Durchmesser in Bauchhöhe etwa 24 Zentimeter und die Höhe! etwa 20 bis 24 Zentimeter.

Haus II (Das Wohnhaus) (siehe Plan!)

Rund 5 Meter westlich von der Schmelze lag das Wohnhaus, ein Vorhallenhaus. Wir haben zwischen Schwellen- und Pfostenhäusern zu unterscheiden. Bei den ersteren wird zunächst ein Graben gezogen und die Schwellen, die die Wände tragen sollen, hineingelegt. Darauf kommen dann die Ständer zu stehen, die untereinander mit Rundholz zur Ausnahme von Wandbewurf verbunden sind. Anders bei den Pfostenhäusern! Hier werden zunächst etwa 50 Zentimeter tiefe und ebenso breite Löcher in das Erdreich gegraben und die unten angekohlten Ständer hineingestellt und dann mit Steinen, Plaggen, Lehm und wertlosen Sachen, wie Scherben, festgerammt. Die Ständer sind im Laufe der Jahrhunderte größtenteils vergangen. Was übrig blieb, ist winzige Holzkohle. Aber das ehemalige Pfostenloch hebt sich noch heute deutlich beim Planieren im Boden von seiner Umgebung als grünschwarzer, braunschwarzer oder rötlicher Fleck ab. Die Größe und Tiefe des ehemaligen Loches lassen sich genau nachweisen. Selbstverständlich schwanken ihre Maße. Wir können als Durchschnitt einen oberen Durchmesser von 40 bis 60 Zentimeter annehmen. Nach der Tiefe zu laufen die Löcher langsam spitz zu, um etwa 40 Zentimeter unter dem oberen Durchmesser im Boden zu verschwinden. — Im vorliegenden Falle haben wir es mit einem Pfostenhause zu tun.

Zwischen den Pfosten der Außenwände des 9 Meter langen und 7 Meter breiten Hauses waren die Felder durch Rundholz ausgefüllt und diese mit einer ziemlich dicken Schicht Lehm beworfen. Wir sanden Lehmfladen von der Größe einer Hand. Einiger Stückchen zeigten noch deutlich die Spuren vom Rundholz. Andere waren an einer Seite ziemlich glatt, was auf Glätten der Wände hinweist. Der meiste Wandbewurf fand sich an der Regenseite, der Südwestseile des Hauses. Diese war wohl infolge der hier herrschenden Westwinde und des Niederschlags wegen besonders gegen die Unbilden des Wetters geschützt. Auffallend war, daß der weitaus größte Teil der Bewurfstücke teilweise oder ganz durch Feuer gerötet war, was darauf schließen läßt, daß das Pfostenhaus dem Feuer zum Opfer gefallen ist. An der Südwestseite muß dieses besonders stark gewütet haben, da der rechte Eckpfosten (4) völlig gerötet war und der unter dieser Hausseite anstehende Sand! ebenfalls Brandspuren aufwies.

Die Pfosten 1, 2, 3, 24, 4 und 5 standen in ziemlich gerader Linie und waren von kompakter Masse. Pfosten 1, 2, 3 zeigten schwarze Farbe, 24 und 4 waren rötlich-braun und 5 grünschwarz gefärbt. Der Abstand von Pfosten 1 nach 2, von Mitte zu Mitte gerechnet, betrug 2,80 Meter, der von 2 nach 3 — 1,80 Meter, von 3 nach 24 — 1,85 Meter, von 24 nach 4 — 1,20 Meter und der von 4 nach 5          1,80 Meter. Die mittlere Pfostenreihe bilden die Pfosten

6 bis 9. Ihre Färbung war schwarz. Die Pfosten an der Westseite des Hauses standen etwas unregelmäßiger. Zu ihnen gehören die Pfosten 11 bis 17, 11, 12, 13 und 17 zeigten wiederum eine grünschwarze Färbung, während 14 bis 16 von schwarzer Farbe waren. Die beiden Schmalseiten des Hauses wurden durch die Pfosten 1, 9, 10 und 4, 6, 17 gekennzeichnet. Eingestreut waren außerdem noch die Pfosten 18, 19, 21 und 25, Pfosten 5 und 22 werden wahrscheinlich später als Stütze angebracht sein. Eine Parallele zu 1, 9, 10 bilden die Pfosten 20, 23- 14. Durch sie entsteht ein kleiner Vorraum (Vorhalle!). Zusammenfassend läßt sich sagen, daß das Pfostenhaus ein Rechteckbau war. Die mittlere Pfostenreihe (6 bis 9) müssen wir uns als Firstträger denken. Danach kann das Haus entweder nur einen großen Raum gehabt haben, oder es wurde durch die Firstträger in 2 Längsräume geteilt, was aber unwahrscheinlich ist. Der Fußboden des Hauses zeigte an der Ostseite einen 10 Zentimeter dicken Estrich, der mit Granitbrocken und Sandsteinen durchsetzt war.

Was lehren uns nun die Funde, die wir innerhalb der vier Wände auflesen konnten? Da sind in erster Linie die Scherben zu nennen. Obwohl kein einziges heiles Gefäß geborgen werden konnte, kommen, nach den Funden zu urteilen, weitbauchige Gefäße, bar jedes Schmuckes, in Frage. Der Boden der Töpfe ist flach, um gleich nach oben hin weitbauchig zu werden. Die Töpfe sind ausnahmslos ohne Töpferscheibe hergestellt. Einige Stückchen zeigen eine rauhe Oberfläche. Die Farbe ist braun, braunschwarz, schwarz oder an der Oberfläche durch aufgestrichenen Brei gerötet. Die stärkeren Stücke enthalten viel Quarzsand. Ausfallend ist, daß kein einziger Henkel gefunden wurde. Es ist also anzunehmen, daß die Töpfe keine Henkel trugen. Nur der Vorläufer der Henkel, eine Doppelöse, wurde in der Schmelze gefunden. Im Hause kam noch ein Randstück zum Vorschein, das zur Aufnahme einer Schnur ein kreisrundes Loch zeigte. Die Gefäßscherben lagen überall zerstreut im und auf dem Estrich umher, häuften sich aber in dem mit (d) bezeichneten Raume auffälligerweise. Hier wurde auch ein Spinnwirtel, der erste in einem nachweisbaren Hause (in Lippe) gefunden (siehe Abbildung unter Grab II!)

Ein anderer interessanter Fund aus demselben Raume ist ein kleiner Wetzstein mit feinen, tief eingegrabenen Rillen, die möglicherweise durch das Wetzen und Schleifen feiner Nadeln entstanden sind (Abbildung). Ich glaube, aus dem Befund schließen zu dürfen, daß an dieser Seite des Hauses in erster Linie die Frau tätig war. Hier spann und webte sie, hier ging sie ihren übrigen häuslichen Pflichten nach. Hingegen dürfte die andere Hälfte des Hauses (e) der Beschäftigung des Mannes gedient haben. Auffallend waren hier die vielen Wetzsteine und Eisenteile. Die ersteren zeigen dasselbe Material, den Osning-Sandstein, sind aber von verschiedener Größe. Ein Prachtexemplar ist so lang wie eine Männerhand und hat an einer Stelle eine längliche Rille. Zum Nachschleifen der Eisenteile diente ein aufgefundener schieferartiger Stein von Handlänge. Ferner fanden wir ein eisernes Mester, eine eiserne Pfeilspitze, von Größe und Gestalt einer neolithischen Spitze, und zwei Pfeilspitzen aus Flint, darunter eine mit Schäftungsansatz. Die Artefakte aus Feuerstein gehören nicht zum Hause, sondern einer vergangenen Periode, nämlich der mittleren Steinzeit an und sind als Streufunde aus den mesolitischen Fundplätzen am Barkhauser Berge zu werten. Nachdem der Mesolithiker diese Wohnplätze aufgab, begruben Wind und Wetter ihre Wohnstätten. Der Germane siedelte sich dann von neuem auf demselben Gelände an.

Was wissen wir nun über das Alter dieses Hauses und seiner Schmelze? Nach dem Befund gehören beide zusammen und müssen zu gleicher Zeit angelegt worden sein. Ausschlaggebend für eine Zeitbestimmung sind in erster Linie das Schwert, die Fibeln (Gewandhaften) und die Keramik. Ein Schwert konnte leider nicht gefunden werden. Vielleicht hat es der Bewohner des Hauses als seinen größten Schatz beim Abbrennen seiner Wohnung zuerst an sich genommen. Fibeln sind in den meisten Fällen im Laufe der Jahrhunderte infolge ihrer Feinheit dem Rost zum Opfer gefallen. Wertvoll ist die oben beschriebene und abgebildete Sonnenscheibenfibel. Sie war nach der Zeitenwende sehr beliebt. — Dann kommen die Topfscherben für die Zeitsetzung in Frage. Diese zeigen sowohl in der Schmelze als auch im Wohnhause einheitlichen Charakter. Alle sind ohne Töpferscheibe hergestellt und weisen auf bauchförmige Gefäße hin, die sich keines Schmuckes erfreuen und denen die Henkel fehlen. Stattdessen scheinen die größeren Töpfe durchbohrte Warzen gehabt zu haben oder nur Löcher. Die ersteren entstehen dadurch, daß am oberen Rande des Gefäßes beiderseits größere Lehmwarzen von Daumenlänge oder kleiner angeklebt wurden, die dann mittels eines Stiftes zur Aufnahme einer Tragschnur oder einer Weidenrute durchbohrt wurden. Bei größeren Töpfen brachte man unmittelbar nebeneinander zwei dieser nach unten sich verjüngenden Löcher an, um die Schnur oder Rute besser befestigen zu können. Außerdem fand sich im Hause noch ein Randstück, das 2% Zentimeter unter dem oberen Rande ein konisches Loch aufwies, welches von kreisrunder Form war. An der Außenseite betrug der Durchmesser 1 Zentimeter und an der Innenseite % Zentimeter. Es diente ebenfalls zur Aufnahme einer Schnur oder einer Rute.

Sodann weisen einige Scherben auf den sogenannten Rauhtopf hin. Dieser wurde dadurch erzeugt, daß man an den sonst glatten Topf mittels einer feinen Rute dünnen Lehm spritzte, ähnlich, wie heute die Maurer den Rauhputz an Gebäuden Herstellen. Die Töpfe wurden aber nicht überall gerauht, sondern nur am unteren Teile, und zwar vornehmlich an Gebrauchstöpfen, um ein Gleiten aus der Hand zu vermeiden. Rauhtöpfe kommen im deutschen Vaterlande hauptsächlich zwischen der Ems und der Unterweser vor, laufen aber hinaus über den Rhein bis nach Holland hinüber. Einige Forscher glauben, aus der Verbreitung der Rauhtöpfe Schlüsse auf Vorstöße der Germanen nach dem Westen hin ziehen zu können.

Weitere Forschungen und Bodenfunde werden hoffentlich zur Klärung dieser Frage beitragen! -- Die weitaus meisten Gefäße sind von schwarzer, brauner oder schwarzbrauner Farbe. Bei einigen ist die Außenseite mit einem rötlichen Brei gestrichen, der den Gefäßen eine hellere, bald eine dunklere rötliche, gelbliche oder gelbbraune Färbung verlieh. Zudem waren einige Töpfe an der Oberfläche geglättet, matt oder glänzend. — Aus dem Gesagten mag sich ergeben, daß das Haus mit seiner Schmelze etwa dem 3. bis 4. Jahrhundert angehört, während die gerauhten Stücke für eine frühere Zeit sprechen. Es ist nicht anzunehmen, daß ein und dasselbe Haus mehrere Jahrhunderte überdauerte, sondern daß nacheinander an derselben Stelle immer wieder von den Nachkommen neu Häuser errichtet wurden. Nur so ist es erklärlich, daß Scherben vorkommen, die einmal der Zeit um Christi Geburt angehören, z. B. die mit Besenstrich und die aufgerauhten, und andererseits wieder Scherben, die den nächsten Jahrhunderten zuzuweisen sind. Um sicher in der Zeitbestimmung des Wohnhauses und der ganzen Siedlungsanlage zu gehen, legte ich das Fundmaterial neben Dr. Stieren, der es ja von den Ausgrabungen her kannte, verschiedenen andern Facharchäologen zur Begutachtung vor. — Direktor Jakob- Friesen vom Provinzialmuseum in Hannover, gab mit folgenden Bescheid: „Ihrem Wunsche gemäß habe ich die Scherben an Herrn Dr. Schulz, Halle, weitergesandt. Ich danke Ihnen vielmals dafür, daß Sie auch mir Einsicht in dieses Material gewährt haben. Nach langem Vergleich mit unsern Funden und denen benachbarter hannoverscher Museen bin auch ich zu der Überzeugung gekommen, daß beinahe alle Scherben aus Oerlinghausen in die Zeit zwischen 500 und 800 nach Christi Geburt gehören. Nur einige Scherben, die, sowieso schon getrennt und in einem Kasten lagen (es handelt sich um Scherben aus dem unten beschriebenen Schwellenhause und aus den Brandgräbern. Der Verfasser!), wie die mit Kammstrich verzierten, sind älter und am ersten in die Zeit kurz vor oder kurz nach Christi Geburt einzuordnen. Dahin gehört auch der stark ausgerauhte Scherben, den man für die La-Tene-Zeit in Anspruch nehmen muß. Die Eisenstücke sind leider so deformiert, daß ich mir kein Urteil darüber erlauben kann!“ Professor Dr. Schulz, Halle, der ebenfalls dieselben Scherben und sonstigen Funde untersuchte, kommt zu folgendem Urteil: . . . „Zwar finde ich darunter nicht Dreharbeit und, wie ich mir vorstellte, mittelalterliche Kugelgefäße, doch sind eine ganze Reihe Scherben darunter, die — neben solchen, die für mich hier unbestimmbar sind — jünger als Ausgang der La-Tene-Zeit oder der Zeit der Römer erscheinen. Z. B. die Profile (Zeichnung), besonders auch eine Scherbe mit flacher Kehle, diese auch dem Ton nach.“

Erwähnen möchte ich noch, daß Dr. Wachsmuth, Melm, hier eine Untersuchung des Wandbewurfs auf Kalk und Mörtel vornahm und dabei ein negatives Ergebnis feststellte.

Zu bemerken ist ferner, daß 2 Häuser mit der dazugehörigen Schmelze, Schmiede und Töpferei zur 900-Iahr-Feier der Stadt, Mai 1936, wieder aufgebaut werden. Der Gra­bungsbericht in allen seinen Einzelheiten ist Professor Reinerth zugestellt. Er hat sich auch bereitwilligst erklärt, die Leitung des Wiederaufbaues der beiden Häuser mit Schmelze usw. zu übernehmen und zu einem Freilichtmuseum auszugestalten . . .

Haus III, Das Vorhallenhaus, Dachhaus, mit Schmiede

Etwa 60 Meter weiter westlich von Haus II kommen wir zum dritten Hause, zum Vorhallenhause mit Schmiede. Zwischen beiden Häusern schiebt sich ein Ackerstück ein, das vormals bewaldet war und in der Kriegszeit, wo der Hunger nach Land sich überall breit­machte, eingeebnet und tief durchgegraben wurde. Etwa vorhandene Reste an vorgeschicht­lichen Siedlungen sind dadurch vernichtet worden. Scherben konnten hier indes nicht aufgefunden werden. Aber mesolitische Funde waren in größerer Zahl an der Oberfläche.

Neben Kernsteinen fanden sich Pfeilspitzen, Messerchen, Schaber und viele Abschläge, so daß zum mindesten hier ein Arbeitsplatz des Mesolithikers gewesen sein dürfte. Grabungen auf dem Felde führten zu keinem Ergebnis; denn der Boden war bis zu 75 Zentimeter Tiefe durcheinandergewürfelt. —

Bereits am 5. Januar 1928 begann ich mit der Ausgrabung des Vorhallenhauses. Das Verfahren, eine größere Fläche gleich zu Beginn der Ausgrabung von der Heidekraut- und Grasnarbenschicht zu befreien und dann zu gleicher Zeit die ganze Fläche horizontal abzutragen, kannten ich und auch meine Mitarbeiter noch nicht. Anregung zu dieser Art der Ausgrabung gab uns in dankenswerter Weise Dr. Stieren. Wir legten zunächst die Werkstätte des Germanen, die erste entdeckte Feinschmiede, frei, während das eigentliche Wohnhaus in der angedeuteten Technik Dr. Stierens ausgegraben wurde. Der rechte Fundamentgraben und noch einige Pfosten des Wohnhauses wurden erst im Juni 1929 im Beisein von Dr. Stieren und unter dessen Leitung aus dem Boden herausgeschält. Dr. Stieren nahm dann das ganze Gehöft topographisch auf, später fertigten Jahnke und ich einen Plan vom Hause an (siehe Plan!) und ließen dann die ganze Siedlungsanlage wieder zuwerfen. Im folgenden wollen wir uns nun genauer mit diesem Hause und seiner Schmiede befassen.

Wie aus dem angefügten Plan ersichtlich, bestand das Haus aus einem Wohnhaus (oben) und einer Werkstatt (unten). Verweilen wir zunächst bei der Werkstätte, Grube (Schmiede). Der Grundriß der Werkstätte ist durch einige aufgefundene Pfosten gesichert. Diese hoben sich recht deutlich als braunschwarze Flecke aus dem gelblich- weißen Sande ab und zeigten einen oberen Durchmesser von 40 bis 60 Zentimeter. In der Tiefe verjüngten sie sich etwas, was darauf schließen läßt, daß sie beim Pflanzen unten zugespitzt waren. Die schraffierten Punkte waren ebenfalls braun gefärbt und enthielten viel Lehmbewurf, Gefäßscherben und teilweise auch Eisenreste, so daß es auch kleine Abfallgrübchen sein können.

Ähnlich ist es mit den schraffierten Stellen im Wohnhause. In den Pfostenlöchern fielen außerdem faustdicke Granitbrocken auf, die wahrscheinlich zum Festrammen der Pfosten gedient haben. Die Werkstätte befand sich in einer großen Grube von 5 Meter Durchmesser. Etwa in der Mitte dieser Grube fanden wir einen von kopfgroßen Granit- und Sandstein­brocken eingefaßten Herd, dessen Durchmesser 1 Meter betrug. In der Holzkohle eingebettet und vor dem Herd lagen viele Eisenschlacken und in der näheren Umgebung des Herdes Tonklumpen (etwas gerötet), Gefäßscherben, ein Messer, ein Gehängering, viele andere Eisenteile und Wetzsteine aus Sandstein. Links vom Herd, etwas erhöht, stellte ich eine Steinpackung aus Granitbrocken und Plänerkalk fest, deren Durchmesser sich auf 50 bis 60 Zentimeter belief. Wahrscheinlich ist diese Steinpackung als kleiner Tisch (für Geräte und Werkzeuge) anzusprechen. Außerdem lagen in der Grube überall zerstreut Scherben, Ton­klumpen, Schlacken und Wetzsteine umher. Am Rande der Grube fanden sich noch zwei eiserne Sporen (siehe Abbildung).

Das Wohnhaus, ein Dachhaus.

An die Grube schloß sich nach Westen das eigentliche Wohnhaus von 9 Meter Länge und 7 Meter Breite an. Die mittlere Pfostenreihe teilt es in zwei große Längsräume. Diese Pfosten trugen auch das Satteldach. Quer vor dem Wohnraum liegt ein schmaler Vorraum 30 Zentimeter breite und 35 Zentimeter tiefe, geschwärzte Gräben auf, sie dienten zur Auf­nahme von oben kantig zubehauenen Balken, die unmittelbar nebeneinandergestellt waren, auf denen dann das mächtige Dach ruhte. An einer Ecke der Wetterseite zeigte der Graben eine Lücke. Die Abrundung der Wände an der Wetterseite und die vielen aufgefundenen Lehmklumpen sind Zeugen dieser Bauart. Die Menge der gefundenen Scherben im Wohnhaus stand in keinem Verhältnis zu der Zahl der Scherben in der Grube. Töpferei und Schmiede werden unter seinem Dache vereinigt gewesen sein.

Funde

Die Zahl der Funde im Ausgrabungsgebiet war verhältnismäßig groß. Wie nicht anders zu erwarten, lagen die meisten innerhalb der Werkstücke (Grube), und zwar in der näheren Umgebung der Feuerstätte.

a)                 Gefäßscherben

Die in die Hunderte zählenden Gefäßscherben geben insofern ein einheitliches Bild, als sie zeigen, daß sämtliche Gefäße aus rohem Material unter Beimischung von zerriebenem Granit und fast durchweg ohne Töpferscheibe hergestellt sind. Charakteristisch und für die Zeitsetzung außerordentlich wichtig ist das Fehlen der Henkel. Nur ein Ösenhenkel ist gefunden, der wahrscheinlich von einem Krug oder einer Vase stammt. Was die Ornamentik betrifft, so sind die Gefäße schmucklos. Die Wände der Gefäße sind, ihrer Verwendung entsprechend, verschieden dick. Einzelne Scherben haben eine Stärke von 6 Millimeter, andere eine solche von 11 Millimeter. Die Ergänzung einer starken Scherbe zum Topf wies einen oberen Durchmesser von 44 Zentimeter auf (Aufbewahrungsgefäß!). Der obere Rand tritt in acht verschiedenen Formen auf, manchmal ist er kantig, oft spitz zulaufend, dann wieder eingedrückt, manchmal geschweift usw. Was die Farbe betrifft, so sind die Gefäße einfarbig, schwärzlich, braun oder rötlich. Einige scheinen vor dem Brande mit einer roten, mit Ocker gemischten Tonschicht gefärbt zu sein. Das Rohmaterial- der tonige Lehm, steht in der Nähe im Gebirge an (Lehmstich), und der in zerriebenem Zustande beigefügte Granit (vielleicht vorher dem Feuer ausgesetzt), der das lästige Springen der Gefäße beim Brennprozeß hintan halten sollte, mußte aus dem Diluvium herbeigeschafft werden. Daß die Gefäße auch in der Werkstatt gebrannt sind, ist möglich, ebensogut aber denkbar, daß sie außerhalb der Werkstätte am offenen Feuer gehärtet wurden. Jahnke, Detmold, und ich fanden in der Nähe des Baches- etwa 30 Meter nördlich vom Hause, in einer auffälligen Begradigung des Geländes, das starken Baumwuchs aufwies und daher nur teilweise untersucht werden konnte, in 30 Zentimeter Tiefe viel Holzkohle von der Größe einer Haselnuß, ferner Tonklumpen und einige Gefäßscherben derselben Art wie im Hause.

b)                 Lehmballen

Lehmballen waren in großer Menge vorhanden, von der Größe einer Haselnuß bis zur Größe einer Faust. Einige Stückchen zeigten noch deutlich Spuren vom Flechtwerk. Sie sind größtenteils von gelblich-grauer Farbe, einige dagegen rötlich angehaucht, als ob sie dem Feuer ausgesetzt gewesen wären. (Es ist möglich, daß das Haus ein Raub der Flammen wurde, was die oft auftretende Rötung des Lehms erklären ließe.)

c)                  Bolus alba — weiße Tonerde

Sie wurde in zwei Stückchen von Walnußgröße in der Werkstätte gefunden. Anfangs hielten nicht nur ich, sondern auch Archäologen sie für Kalk, bzw. für Mörtel. Um sicher zu gehen, wandte ich mich an Dr. Wachsmuth, Melm, der in liebenswürdiger Weise eine chemische Untersuchung der beiden Stückchen vornahm und feststellte, daß Mörtel und kohlensaurer Kalk nicht in Frage komme und die chemische Untersuchung Bolus alba, das ist weiße Tonerde, gezeitigt hätte.

d)                 Wetzsteine

Verhältnismäßig viel vertreten sind Wetzsteine aus Sandstein. Sie sind teilweise aus dem im Gebirge anstehenden Gestein hergestellt (mittlere Kette des Teutoburger Waldes), teilweise dürfte es sich um Importware handeln. Die Kanten sind scharf und winklig. Ein größeres Stück zeigt deutlich eine 4 Zentimeter breite Furche; es dürfte weniger zum Wetzen als zum Schleifen Verwendung gefunden haben. Sehr feine und zierliche Wetz- und Schleifsteine lassen die Vermutung zu, daß der Benutzer derselben weniger größere Geräte und Werkzeuge herstellte, als in erster Linie Erzeugnisse einer Feinschmiede.

e)                 Eisenteile

Die weitaus größte Zahl der Geräte und Werkzeuge aus Eisen, namentlich die fein gehämmerten Sachen, sind im Laufe der Jahrtausende durch Rost vollständig zersetzt wor­den. Überall stieß man im Boden auf feine Eisenteilchen, bzw. auf rostdurchsetzten Sand. Trotz aller Vorsicht gelang es nicht immer, die Eisenteilchen zu heben. Bei der geringsten Berührung zerbrachen sie, ohne daß es möglich war, ihren einstigen Zweck festzustellen. — Verhältnismäßig gut erhalten waren zwei Sporen vom Rande der Grube (siehe Abbildung); die Länge beträgt 13 Zentimeter. Sporen sind seit der älteren Eisenzeit bekannt, treten bei uns aber wahrscheinlich in der jüngeren Eisenzeit auf (La Tene III). Doch hatten jene Sporen eine andere Gestalt. Vor allem waren die Arme nicht so lang. Die beiden gefundenen Sporen erinnern in Form und Größe an jenen Sporn, der im merowingischen Gräberfeld von Anderten gemacht wurde. Jakob-Friesen schreibt hierüber in seiner Einführung: „Hoch interessant ist ein einzelner Sporn, der an der linken Ferse eines Skeletts gefunden wurde. Es ist kennzeichnend für die Germanen, daß sie nur mit einem Sporn ritten und diesen am linken Fuß trugen.“ Die beiden Sporen aus der Schmiede, oder besser gesagt, vom Rande der Schmiede, stammen nach Professor Schulz, Halle, aus karolingischer Zeit, und nach Dr. Tackenberg, Hannover, sind sie „merowingisch“. Eine Anlehnung an die bereits in Hallstatt zum erstenmal auftretenden einknickbaren „Taschenmesser“ mit eiserner Klinge und beinernem Heft dürfte vielleicht das kleine Messer von 3 bis 4 Zentimeter Länge darstellen. Beachtenswert ist ein größeres Messer mit etwas aufwärts gebogener Spitze von 8,5 Zentimeter Länge und 1,5 Zentimeter Breite. Interessant und gut erhalten ist sodann noch ein eiserner Gehängering und ein Stückchen Eisen von 4:4 Zentimeter Ausdehnung mit 4 Nietlöchern an den Ecken und mit einer nach unten sich verjüngenden Vertiefung. Diese kann möglicherweise zur Aufnahme eines Heftes gedient haben, oder sollte es ein Stückchen vom Bildbeschlag sein? Von den übrigen gefundenen Eisenteilen, die sämtlich nur Bruchstücke darstellen und vom Rost stark mitgenommen sind, läßt sich vorläufig nichts sagen.

f)                   Eisenschlacken

Sie kamen logischerweise in erster Linie in der von Steinen eingefaßten Feuergrube und in der näheren Umgebung des Herdes vor. Etwa eine Zigarrenkiste voll konnte noch ans Tageslicht befördert werden. Eisenschlacken, Eisengeräte und Werkzeuge und die vielen Bruchstücke aus Eisen dürften beweisen, daß hier ein Schmied seine Arbeitsstätte hatte, und zwar nach der Feinheit der Geräte zu urteilen, ein Feinschmied.

Parallelen

Interessant dürfte es sein und ungemein zur Klärung beitragen, wenn es gelänge, eine vollständige Parallele zum frühgeschichtlichen Hause am Barkhauser Berge festzustellen. Bis heute ist mir aber ein Bau, der dem in Frage stehenden völlig gleicht, nicht bekanntgeworden.

Wohl finden sich an sonst ausgegrabenen vorgeschichtlichen Häusern Teilparallelen. Wenn also ein Vergleich sich auch nicht vollständig durchführen läßt, möchte ich die Teil parallelen doch nicht unberücksichtigt lassen.

g)                 Ganz in unserer Nähe, im Kreise Lippstadt, Provinz Westfalen, wurde in dem sogenannten Römerlager bei Kneblinghausen eine Hausstätte entdeckt, deren Ecken abgerundet waren. (Die Länge betrug 9,50 Meter, die Breite 6,20 Meter.) Auch Pfostenlöcher und Scherben waren vorhanden. Ferner fand sich dort eine Grubenanlage. Etwa in der Mitte war eine mit Feldsteinen ausgelegte Herdstelle von 1,50 Meter Länge und 1,25 Meter Breite. In der Grube fand man Holzkohle und Eisenschlacken. (Hartmann.)

h)                 Mühlhausen (Provinz Sachsen): Hier war eine Wohngrube von 1,20 Meter Tiefe. Die darin gefundenen Gefäßscherben gehörten der La-Tene-Periode an. In der Mitte war ein kreisrunder Feuerraum. Ein größerer Raum zeigte eine Bodenfläche von 12 Quadratmeter und war übersät von Lehmbewurfstücken. Auch Abdrücke vom Flechtwerk waren vorhanden. (Götze-Höfer.)

i)                   Troisdorf (Rheinprovinz): Die Wohngruben waren rund, von 4 Meter Durchmesser und 1,20 Meter Tiefe. Der Lehmbewurf zeigte auch einen feinen Mörtelüberzug. (Rademacher.)

j)                   Rehme (Provinz Westfalen): Die Grube war von 5,90 Meter Länge und von Pfosten umgeben. (Schuchardt, Zeitschrift für vaterländische Geschichte.)

k)                 Tuklat (Böhmen): Eine Grube war 4,20 Meter lang und 1,30 Meter breit, bei 1 Meter Tiefe. Am Rande wurden 6 Pfostenlöcher festgestellt. Andere Gruben waren tiefer. Eine Grube lag in ostwestlicher Richtung (Länge 4 Meter, Breite 5 Meter, Tiefe 1,20 Meter). Auch ein Eisenschmelzofen konnte festgestellt werden. (Die Urnengräber Böhmens 1907.)

l)                   Paulinenau (Brandenburg): Das Wohnhaus war' zweiräumig, ohne Bodenbelag. (Kiekebusch.)

Professor Dr. Schulz, Halle, schreibt mir dazu: „Die Anschauung, daß das Vorhallenhaus erst in der Bronzezeit nach Norddeutschland gelangt ist, läßt sich nicht mehr aufrechterhalten, nachdem steinzeitliche Vorhallenhäuser in Trebus und in Altfriesack, Kreis Ruppin, festgestellt sind.“ Die angeführten Parallelen beziehen sich in erster Linie auf die Grube vor dem Hause, auf die Werkstätte. Von einem sogenannten Vorhallenhause, wie am Barkhauser Berge, ist nicht die Rede.

Das Vorhallenhaus

Vorhallenhäuser sind aus vorgeschichtlicher Zeit schon seit der Steinzeit bekannt. Für uns kommen nur solche Häuser in Frage, wo, wie am Barkhauser Berge, die Vorhalle auf der Schmalseite des Hauses liegt und bei denen das Dach des Wohnhauses über diese hinwegragt. Daß sie schon zur Steinzeit (Dimini, Sesklo-Thessalien) und zur Bronzezeit (Troja, ferner bei Buch, Brandenburg) auftreten, wollen wir einstweilen auch unberücksichtigt lassen und nur von denen sprechen, die zeitlich mit unserm Hause zusammenfallen, also den Häusern aus der jüngeren Eisenzeit. Zwar sind solche zur Zeit noch wenig gefunden, aber einige Parallelen bieten sich doch.

Groß-Gartach

Bei Groß-Gartach in Württemberg wurde ein Vorhallenraum der La-Tene-Zeit, ebenfalls ein Pfostenbau, entdeckt, dessen Hauptraum eine Länge von 3,50 Meter und 3 Meter Breite mi

Der Herd

Zu einem Wohnhause gehört notgedrungen ein Herd. Nun konnten wir aber im Vorhallenhause auch nicht die geringsten Spuren eines Herdes feststellen, aber wohl in der Werkstatt. Wie erklärt sich diese Tatsache? — Bei der Beantwortung dieser gewiß sehr wichtigen Frage lassen wir unsern Blick noch weiter zurückschweifen, beispielsweise bis zu den Hütten des Mesolithikers. In einer Reihe von mir entdeckter Siedlungsplätze und Wohnstätten, die in Gemeinschaft mit Rektor Meise, Bielefeld, Professor Langewiesche, Bünde, und Jahnke, Detmold, am Nagelweg bei Oerlinghausen und an anderen Orten aus­gegraben wurden, waren ebenfalls keine Herde vorhanden. Daraus ergibt sich, daß sie manchmal außerhalb der Hütte bzw. des Pfostenhauses angelegt wurden. Aus germanischer Zeit ist das bezeugt durch die Häuser von Klein-Meinsdorf. — Weshalb wurde denn aber der Herd nicht im Hause geduldet? Nun, weil man das mit Mühe erbaute Haus oder die Hütte vor Feuersgefahr geschützt wissen wollte. Es ist anzunehmen, daß die Bewohner des Vorhallenhauses am Barkhauser Berge bei allzu strenger Kälte dieses auf Stunden verlassen und sich am Herdfeuer der Werkstatt erwärmt haben. Ferner steht wohl fest, daß auch die Hausfrau hier die Speisen kochte oder briet, was die vielen, überall in der Grube umherliegenden Gefäßscherben, meistens dickwandige, bezeugen; denn die Zahl der im Wohnhause gefundenen Scherben steht in gar keinem Verhältnis zu denen der Werkstatt. Vielleicht war die Grube auch die Winterstube und zu gleicher Zeit auch Kochküche. Ob, wie in der keltischen Siedlung von Oberlahnstein bei St. Goarshausen, tönerne Kohlenpfannen zur Erwärmung des Hauses dienten (Bodewig: Nassauische Annalen, 1912), kann möglich sein. Reste solcher Pfannen wurden am Barkhauser Berge nicht gefunden.

Das Dach

Wir wollen unsere Betrachtung nicht abschließen, ohne über das Dach oder, besser gesagt, die Gestalt des Daches ein paar Worte zu sagen. Im allgemeinen nimmt man an, daß bei den Westgermanen das sogenannte Walmdach, wie es Husurnen bezeugen, üblich war. Doch auch das Satteldach war gebräuchlich. In Aschersleben (Provinz Sachsen) förderte man zum Beispiel beim Bau einer Maschinenfabrik eine Hausurne aus der jüngeren Eisenzeit, also zeitlich mit unserm Hause zusammenfallend, ans Tageslicht, deren Dach ein Satteldach war. Die mittlere Pfostenreihe des Hauses am Barkhauser Berge bezeugt, daß auch für dies Vorhallenhaus nur ein Satteldach in Frage kommt. Das Dach reichte bis zum Boden hinab; wir haben ein sogenanntes Dachhaus vor uns.

Das Alter des Hauses

Diese ungemein wichtige Frage zu beantworten, ist nicht leicht und kann meines Erachtens nicht auf Jahre genau geschehen. Daß etwa 50 Jahre dabei keine Rolle spielen dürfen, ist selbstverständlich. Andererseits sind aber genügend Anhalte gegeben, die es uns ermöglichen, annähernd das Alter des Hauses zu bestimmen. Die eben angeführten Parallelen weisen das Haus der jüngeren Eisenzeit zu. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Auswirkung dieser Kultur bei den Germanen viel weiter heraufreicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte das Haus der Völkerwanderungszeit zuzuweisen sein. Leider fehlen die sogenannten Leitfunde: das Schwert und die Fibel. Aber die verschiedensten (wenn auch zum Teil zerbrochenen) Werkzeuge aus Eisen, die einheimische Töpferei (ohne Henkel) in Schwarz und Grau und die Gestalt der Töpfe sowie die Art des Hauses dürften ziemlich sicher für die Zeit der Erbauung im 4. Jahrhundert nach Christi Geburt sprechen. Jedenfalls handelt es sich um einen wertvollen, einzigartigen Fund, einzigartig nicht nur in Lippe, sondern weit über die Grenzen des Landes hinaus. Der Fund bezeugt aufs neu, daß die Germanen neben ihren hohen sittlichen und körperlichen Vorzügen, von denen Tacitus in seiner „Germania“ berichtet und die er ihnen nachrühmt, auch geistig hoch standen und befähigt waren, aus sich heraus eine eigene Kultur heranzubilden.

Haus IV (Schwellenhaus)

70 Meter weiter westlich von dem oben beschriebenen Hause III (von Mitte zu Mitte gerechnet), stoßen wir auf ein Schwellenhaus (siehe Plan!). Es nimmt nach seiner Struktur und nach den Funden im Siedlungsgelände eine besondere Stelle ein. Nicht nur seine Ausmaße, sondern auch seine Gestalt, seine Form und sein Aufbau weichen von denen der anderen Häuser wesentlich ab.

Nicht dem jeweiligen Zufall oder den gelegentlichen Funden dort beschäftigter Arbeiter verdanken wir seine Entdeckung, sondern systematischem Suchen nach ihm. Wir haben es mit einem Schwellenhause zu tun, dessen Seiten nicht alle rechtwinklig zueinander stehen. Ost- und Westseite dürften parallel stehen. Die schiefen Wände sind die Nord- und Südseite. Das Haus zeigt also einen trapezförmigen Grundriß (siehe Plan!). Wir dürfen uns über die Schiefwinkligkeit einiger Häuser germanischer Zeit nicht wundern, sie ist häufiger nachgewiesen. So waren zum Beispiel schiefwinklig die Häuser von Kneblinghausen, das von Paulinenaue und andere. Der Feuersgefahr wegen lag auch der Herd des Hauses wahrscheinlich vor der Tür. Es war einräumig und hatte als Fußboden einen 15 Zentimeter dicken Lehmstrich, der mit Feldsteinen gepflastert war. Die größte Seite des Hauses lag im Westen mit 3,20 Meter Länge, während die anderen Seiten etwa 3 Meter lang waren. Rechnen wir den überdachten Eingang hinzu, so ergibt sich eine Gesamtlänge von 4,65 Meter. Die Ausmaße dieses Wandhauses sind gering, konnten aber andernorts bei Häusern aus derselben Zeit auch nicht größer nachgewiesen werden. Der viele Lehm weist darauf hin, daß die Wände mit Lehm abgedichtet waren. Der viele dem Feuer ausgesetzte und völlig gerötete Bewurf gibt uns Kunde davon, daß auch dieser Bau einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen ist.

Es ist anzunehmen, daß dieser kleine Bau kein Wohnhaus, sondern nur ein Nebengebäude der ganzen Siedlung gewesen ist. — Welcher Zeit dürfen wir nun das Haus IV zuschreiben? — Für die Zeitbestimmung geben wiederum die gemachten Funde einigermaßen Aufschluß. Die Eisenteilchen, deren einstiger Zweck infolge des Rostes nicht mehr festzustellen war und die in der nördlichen Steinpackung lagen, weisen es der Eisenzeit zu. Viel wichtiger sind sodann lieben unverzierten Gefäßscherben solche mit Rauhbewurf und ein Scherben mit Fingernagelabdruck. Aufgerauhte Töpfe und solche mit Fingernagelabdrücken sind rein germanisch und gehören der Zeit der Brandgrubenbestattungen an, etwa 100 vor bis kurz nach Christi Geburt. Wenn nun auch immer eine Kultur in die darauffolgende hineinreicht, so glauben wir nicht fehlzugehen in der Annahme, Daß dieses Haus der III. La-Tene-Zeit einzureihen ist, also kurz vor oder kurz nach der-Zeitenwende erbaut und benutzt wurde. (Vergleiche das Gutachten von Dr. Jakob-Friesen, Hannover, unter Haus II.)

Das zweite Brandgrab

Etwa 60 Meter westlich von Haus IV führt ein ziemlich breiter, sandiger Pfad von der Höhe des Barkhauser Berges über das Siedlungsgelände durch dunkle Föhren, Fichten und sodann durch struppiges Heidekraut und Grasbüscheln hindurch, ziemlich abschüssig zur Talsohle und zum lustig dahinfließenden Bächlein. Der Talrand, früher viel weiter vor- springend, rutscht von Jahr zu Jahr durch Erosion weiter ab. Mächtige Heidekrautfladen hängen auch heute an der Böschung und warten auf den günstigen Augenblick des Abrutschens. Da, wo der Pfad in den Wald eintritt, bzw. dort, wo im Jahre 1844, zur Zeit der Aufteilung, die neu Grenze des Barkhauser Besitztums festgelegt und äußerlich durch Aufwerfen eines kleinen Grabens gekennzeichnet wurde, liegt rechter Hand, unmittelbar an der heutigen (1931) Einzäunung ein Brandgrab, eine Brandgrube.

Bereits im Jahre 1928 fand ich hart am Wege die ersten Scherben. Ein Spatenstich am Rande des Weges zeigte sofort tiefschwarz gefärbten Boden und förderte auch noch einen Gefäßscherben zutage. Ich vermutete, eine Abfallgrube gefunden zu haben und deckte, da ich wegen anderer Arbeiten noch keine Ausgrabung vorzunehmen gedachte, das Loch wieder mit Heideplaggen und mit Sand zu. Inzwischen wurde der ganze Wald vom Besitzer eingefriedigt. Nach meiner Ansicht bestand also keine Gefahr für die Grube mehr. Im Jahre 1929 führte ich Dr. Stieren, Münster, und Schulrat Schwanold, Detmold, außerhalb des Drahtes zu dieser Stelle. Dr. Stieren fand hart am Draht einen La-Tene-zeitlichen Scherben, über anderen Obliegenheiten in diesem Revier sorgte der Waldaufseher des Rittergutes Barkhausen auch dafür, daß kein Wild in den Wald hineinlaufen konnte, und er mußte zu diesem Zwecke die durch Kaninchen entstandenen Löcher unterhalb des Drahtes aufs sorgfältigste abdichten. Selbstverständlich bahnten sich die Nagetiere immer wieder Wege unter dem Draht hindurch, und so auch an der Stelle der Brandgrube. Nun kann man nicht erwarten, daß jeder Jagdaufseher auch Sinn und Verständnis für vor- geschichtliche Dinge besitzt. Er tat seine Pflicht, warf die Kaninchenlöcher wieder zu und nahm die Erde, wo er sie fand. Leider wurde nun ein kleiner, wenn auch nicht erheblicher Teil von dem Brandgrabe mit auf die Schaufel genommen und damit die Löcher zugeworfen. Ich hatte nun hinterher das Vergnügen, den gesamten Aushub, etwa Vs Kubikmeter, wiederum vom Draht fortzunehmen und auf eventuelle Funde fein säuberlich zu untersuchen. Diese unangenehme Arbeit ist aber dadurch entlohnt worden, daß in dem Aushub verschiedene Scherben gefunden wurden, die für die Zeitbestimmung des Grabes von großer Bedeutung waren. Zum Glück hatte der Forstaufseher, wie gesagt, das Grab nur angeschnitten, größerer Schaden ist aber durch dessen Tätigkeit der vorgeschichtlichen Forschung nicht erwachsen.

Erst im September 1931 konnte an eine planmäßige Aushebung der Grube gedacht werden. Sie lag nicht auf dem eigentlichen Siedlungsplateau, sondern etwa 2 Meter abseits an der Böschung. Nachdem etwa 2 Quadratmeter Heidekraut mit Humusboden abgeschält waren, zeigte sich in 45 Zentimeter Tiefe eine tief dunkelbraun gefärbte Schicht von etwa 1,10 Meter Länge und 0,80 Meter Breite. Die Umrandung verlief somit ungefähr kreisrund. Wenn wir berücksichtigen, daß etwa 10 bis 20 Zentimeter Boden vom Revierverwalter fortgeschafft wurden, muß die Grube die Form einer Halbkugel von 1 Meter Durchmesser gehabt haben. Wir arbeiteten zunächst mit dem Kratzer horizontal weiter und stießen dabei bald auf Gefäßscherben, bald auf Holzkohle. Hin und wieder kamen gebrannter Lehm und dann wieder Holzkohle und Scherben zum Vorschein. Die letzteren lagen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Lage. Allzugern wollte ich eine heile Urne aus dem Boden herausschälen. Aber vergebens! Die Scherben lagen stark durcheinander. Bodenstückchen, Rand- und Seitenstückchen wechselten in bunter Reihenfolge miteinander ab.

Bald zeigten sich Stückchen vom sogenannten Rauhtopf, dann solche mit Kammstrichverzierung, also Randstücke, ferner ein seltsames Stückchen mit Fingernagelabdrücken (ebenfalls ein Randstückchen), dann wiederum tief dunkelbraun gefärbte und fein geglättete Stückchen sowie einige Feuersteinabschläge mit Schlagmarke, also von Menschenhand hergestellt, aber weder in das Mesolithikum (mittlere Steinzeit) noch in das Neolithikum (jüngere Steinzeit) passend. Sonderbar! Und doch war der Boden in geschichtlicher Zeit nicht bewegt worden. Alles lag noch in seiner ursprünglichen Lage, somit keine Störung festzustellen. Die Masse war sehr kompakt, wie bei den unter Haus II und Haus III beschriebenen Pfostenlöchern. Eine Abfallgrube konnte es also nicht sein. Ich beschloß daher, an der angeschnittenen Seite zunächst einen vertikalen Schnitt herzustellen. Dabei wurde die schwarze Masse selbstverständlich behutsam Millimeter um Millimeter vertikal abgeschält, bis ein gleichmäßiger Schnitt durch die ganze Grubenlänge hergestellt war: Jetzt erst zeigte sich die ganze Gestalt der Grube. Sie war in der Tat halbkugelförmig und ganz gesättigt mit feiner Holzkohle. Nur wenige gebrannte Knochen, zudem winzig klein, konnten geborgen werden. Die netzartigen Sprünge und Risse auf denselben sind Zeugen einer Leichenverbrennung. Jetzt wurde mir klar, daß ich statt einer Abfallgrube eine Brandgrube, ein Brandgrab, vor mir hatte. Heile Urnen brauchte ich nun nicht mehr zu suchen. Die gibt's in Brandgruben nicht. — Ich war froh, die zweite Brandgrube Lippes somit entdeckt zu haben.

Wie entstanden Nun diese eigenartigen Gruben, und wer schuf sie?

„Brandgruben“ sind in Niedersachsen wiederholt festgestellt worden. Der Mensch grub eine kugelförmige Vertiefung von etwa 1 Meter Durchmesser in den Boden und füllte diese mit tiefschwarzer Erde sowie mit den Resten einer menschlichen Verbrennung. Sehr behutsam muß er dabei nicht verfahren haben, denn alles liegt bunt durcheinander. Für die Zeitsetzung geben die gefundenen Scherben genügend Aufschluß. Da fallen zunächst Scherben mit Rauhbewurf auf. Wie diese entstehen, ist unter Haus II näher erörtert worden. Sie stammen von sogenannten Rauhtöpfen her und finden sich in der Hallstatt- und La-Tene-Zeit, also in der Zeit von 750 vor Christi Geburt bis zur Zeitenwende. Da Brandgruben aber nur in der La- Tene-Zeit Vorkommen, fällt die erstere fort. Daneben treten Gefäßscherben mit Kammstrich und einer mit Rillenfurchen auf. Auch sie weisen auf die La-Tene-Zeit (Eisenzeit) hin. Sehr interessant ist sodann eine Scherbe, die als Randverzierung Fingernageleindrücke zeigt. Sie ist ein Beweis dafür, daß die Keramik noch unter hallstatt- zeitlichem Einfluß stand. Es ist zu bedenken, daß die angeführten Scherben nicht immer in die folgende Zeit hinüberreichen. Eine Beachtung verdienen sodann noch die oben erwähnten Feuersteinsplitter, die sichtlich zu Kultzwecken mit ins Grab gegeben wurden und vermutlich Mester und Bell ersetzen sollten.

Nach meinen Darlegungen dürfte es außer Zweifel stehen, daß das Brandgrab der vorchristlichen Zeit angehört und der 3. La-Tene-Zeit einzureihen ist.

Der Fibelfund

Für die Zeitsetzung der Besiedelung am Barkhauser Berge ist der sehr wichtige Fund einer eisernen Fibel, das heißt Gewandhasten, von ausschlaggebender Bedeutung. Der oben beschriebenen Brandgrube gegenüber, an der Ostseite des sandigen Pfades, breitet sich eine Schöne glatte Fläche aus, die nur am Rande Baumwuchs aufwerft, sonst aber nur mir Heidekraut bewachsen ist. Das Gelände war so verlockend zum Ausgraben, daß ich meiner sonstigen Gepflogenheit, zunächst durch einen kleinen Aushub die Bodenbeschaffenheit zu untersuchen, nicht Folge leistete, sondern sofort mit dem Planieren einer Fläche von 6:10 Meter begann. Doch machte ich zuvor noch einen scharfen Schnitt am Rande der ebenen Fläche, da, wo diese allmählich zum Pfade sich senkt. Die Färbung des Bodens schien nicht so verheißungsvoll zu fein wie bei den übrigen Grabungen im Gelände. Bor allen Dingen fehlte unter der Humusschicht der übliche braun gefärbte lehmige Sand. Trotzdem planierten wir weiter. Wir fanden aber nicht, was wir suchten, sondern nur in dem violett Gefärbte Sande einige Granitbrocken, etwa 10 La-Tene-zeitlichen Scherben und etwas Holzkohle. Spuren eines Hauses kamen nicht zum Vorschein. Die wenig gemachten Funde konnten nur sogenannte Streufunde sein, das heißt solche Funde, welche die Bewohner der Terrasse hierhin verschleppt, bzw. hier verloren hatten. Um sicher zu gehen, planierten wir noch einmal die ganze Fläche und machten dabei erfreulicherweise hart am Wegrande den interessanten Fund einer eisernen Spiralfibel. Leider war sie durch das Anstoßen der Schaufel zerbrochen. Aber die einzelnen Teile, mit Ausnahme der eigentlichen Nadel, lagen noch so schön im Boden, daß wir sie gut wieder aneinanderfügen konnten. Da eiserne Fibeln dieser Art in unserer Gegend und in Westfalen selten (die meisten sind aus Bronze hergestellt) und infolge des Rostes meistens zerstört sind, waren wir über diesen Fund hocherfreut, zumal er uns für die Zeitsetzung der Besiedelung wichtige Aufschlüsse gab.— Die Fibel oder Gewandnadel ist offenbar vom Mädchen oder der Hausfrau auf dem Wege zum Bach hier verlorengegangen. Lieber wäre mir ihr Auffinden in einem der Häuser gewesen.

Das Charakteristische der La-Tene-Fibeln ist, daß sie stets aus einem Stück gearbeitet sind. Bumüller schreibt darüber in seinem „Leitfaden der Vorgeschichte Europas“, Filser, Augsburg 1925, auf Seite 285 und 286 wie folgt. „Charakteristisch sowohl für die ganze La-Tene-Zeit wie auch für die einzelnen Unterabteilungen ist die Bildung und Entwicklung des Fußendes der Fibel. In der Hallstattzeit schloß bei späteren Fibelformen das Fußende, das zunächst noch horizontal in der Richtung der Nadel verlief, öfters mit einem Endkopf ab. An der junghallstättischen Certosafibel bog sich nun dieses mit Kopf versehene Fußende nach vorn ab, so daß es senkrecht zur Nadel stand. In der La-Tene-Zeit richtet sich das Fußende nicht nur auf, sondern beugt sich auch nach rückwärts zum Bogen zurück, und zwar in den verschiedenen Unterabteilungen in verschiedene Grade! — Dagegen ist die T II-Fibel, die wir schon oben kurz charakterisiert haben, viel weiterverbreitet, und sie hat sich auch Gebiete erobert, wohin sich nie der Fuß eines keltischen Kriegers gesetzt hat, wie Norddeutschland und Skandinavien.“

Zeitlich würde die Fibel der Mittel- bis Spät-La-Tene-Zeit einzureihen sein, etwa 100 bis 50 vor Christi Geburt. Es ist somit nicht ausgeschlossen, daß der Träger der Fibel in irgendeiner Beziehung zum Hause IV und dem Brandgrabe stand.

Haus V (ein Pfostenhaus)

Wir bewegen uns vom Heidepfade aus etwa 40 Meter weiter westwärts und stellen zwischen Jungbirken und 10jährigen Kiefern eine Heidefläche fest, die an unsere Kräfte nicht so viele Anforderungen stellte und bei deren Ausgrabung dem vorhandenen Baumbestand weitgehende Schonung geschenkt werden kann. Ein kleines Versuchsloch sagt meinem Mit­arbeiter Jahnke und mir, daß wir alten Kulturboden vor uns haben. Dieser ist dunkelbraun gefärbt, mit etwas Sand vermischt und ziemlich fest. Wir kennen diesen eigenartig gefärbten Boden aus den anderen Häusern nur zu gut und wissen, daß wir wieder auf geheiligtem Boden stehen, unter unsern Füßen Estrich finden werden und, wenn uns das Glück hold sein will, werden wir das fünfte Haus in einer Kette von Häusern entdecken! In der oben beschriebenen Ausgrabungsweise verfahren wir auch bei der neun Entdeckung, indem wiederum zunächst das Gelände scharf abgegrenzt, von der Heidekrautschicht, dem Humusboden befreit und dann mittels der Schaufeln horizontal der darunterliegende gelbbraune Estrichboden abgeschält wird. Auch hierbei machen wir dieselbe Feststellung wie bei den oben schon erörterten Häusern, wenigstens wie bei den Häusern I, II und IV, indem nämlich der feste Boden zur Festigung desselben Mit allerhand Feldsteinen von Walnußgröße bis zur Größe eines Kinderkopfes durchsetzt war. Eine regelrechte Packung, wie wir sie bei Haus IV vorfanden, kommt hier nicht in Frage. Die Steine liegen vielmehr auf bzw. in dem Boden überall zerstreut umher und geben dem „Fußboden“ einen festen Halt, der in uns noch nach 1500 Jahren Bewunderung auslöst. In und auf dem Estrich finden wir unsere alten Bekannten, die Scherben, bar jedes Schmuckes, aus grobem Material, dem etwas Quarzsand beigemischt, ohne Töpferscheibe hergestellt und deren Farbe rötlich, braun oder schwarz gefärbt ist. Zu ihnen gesellen sich Wandbewurf von rötlicher und gelber Farbe. Auch stark verrostete und undefinierbare Eisenteilchen können dem Erdreich enthoben werden. Hier und da lugen winzige Teilchen Holzkohle aus dem Estrich hervor, ohne daß eine Herdanlage in dem von uns ausgegrabenen Teile des Hauses festgestellt werden kann. Wir haben bereits die erstaunliche Fläche von 4:8 Meter freigelegt, ohne daß auch nur ein einziger Pfosten sich zeigt, dessen Entdeckung wir so sehnlichst herbeiwünschen. Wir beschließen, noch einen meterbreiten Streifen linker Hand hinzuzunehmen. Zwar kommen wir dann bis nahe an den Baumbestand heran. Vielleicht wird dadurch unsere Mühe belohnt! Wir scheuen auch diese Arbeit nicht und sind hocherfreut, als nach Verlauf einer halben Stunde der erste schwarze Fleck in dem braunen „Fußboden“ sichtbar wird. Wie groß unsere Freude ist, kann sich jeder ausdenken, der schon einmal ausgegraben hat und dem nach langem Suchen das Erwünschte ebenfalls in den Schoß fällt! Wo ein Pfosten ist, muß auch noch einer oder werden womöglich mehrere sein. Wiederum nach einer halben Stunde stoßen wir auf einen zweiten dunklen Fleck, ein zweiter Pfosten schält sich aus dem Boden heraus. Beide sind ostwestlich orientiert und haben einen Abstand von 2,80 Meter! Unsere weitere Arbeit wird durch das Vorhandensein der Schonung gehemmt. Sie muß in einigen Jahrzehnten entweder von mir, oder von einem andern nachgeholt werden! Wir aber können und wollen uns über diesen Erfolg von ganzem Herzen freuen, da auch er die oben vertretenen Ansichten klärt und bestärkt! Das fünfte und letzte Haus, wiederum ein Pfostenhaus, ist entdeckt. Nach der Länge des Estrichbodens zu rechnen, wird es in Größe die andern Häuser übertreffen.

Der Wall

Wir wandern in westlicher Richtung etwa 40 Meter weiter und stoßen auf einen ansehnlichen Erdwall, der das ganze Siedlungsgelände nach dem Oerlinghauser Paß, einer wichtigen Durchgangsstraße durch den Teutoburger Wald, abschließt. Er beginnt auf der Talsohle, steigt dann allmählich zum Bergrücken hinan, bildet scharf die Westgrenze der Siedlung und verläuft dann bis zur Fußlinie der Barkhauser Berge. Man könnte geneigt sein, Ihn irgendwie mit den durch fast alle Schluchten des Teutoburger Waldes laufenden Landwehren in Verbindung zu bringen. Nichts wäre indes falscher als dies. Schon die Richtung, in der er verläuft, gibt uns zu denken. Landwehren verlaufen bekanntlich immer quer durch die Täler und Schluchten. Sie hatten den Zweck, raublustigem Gesindel den Durch- und Rückmarsch durchs Gebirge möglichst zu erschweren. Wälle dieser Art verlausen meistens von einer Bergkuppe zur andern. Auch im Oerlinghauser Paß sind einstmals Landwehren vorhanden gewesen, sie gaben den am Fuße unserer Bergkuppe liegenden Ländereien den Namen: „Wehrendeich“. Sie sind aber längst der fortschreitenden Kultur zum Opfer gefallen. Nur Reste dieser einst so wichtigen Hindernisse sind noch an der uns gegenüberliegenden Kuppe der Menkhauser Berge dem Kenner sichtbar. Aber auch sonst unterscheidet sich „unser“ Wall von dem einer Landwehr. Während die letzteren immer zu gleicher Zeit von beiden Seiten aufgeworfen wurden, wodurch an beiden Seiten des Walles tiefe Gräben entstanden, sehen wir an „unserm“ Schutzwall nur einen Graben, und zwar an der Außenseite, an der Seite, von der ein Angriff zu befürchten und zu erwarten war. Die Landwehren hatten nach beiden Seiten Schutz zu gewähren, daher der beiderseitige Graben. Wenn nun bei „unserm“ Walle der Graben nach der Paßseite liegt, so dürfte durch unsere Überlegungen der Schluß gerechtfertigt sein, daß er dermaleinst ein wichtiges Verteidigungs- mittel unserer germanischen Siedlung gewesen sein muß.

Noch etwas anderes spricht für seinen Verteidigungscharakter. Sind wir nicht erstaunt über die mächtige Erdfülle dieses Walles? Ein einzelner konnte ihn nicht schaffen, er muß in Notzeiten entstanden sein, und zwar unter der Leitung eines Führers. Es ist wohl eine Selbstverständlichkeit, daß Wall und Graben einstmals andere Ausmaße zeigten, wie heute. Sonne, Wind und Wetter arbeiteten an ihm im Lause der Jahrhunderte. Der Wall wurde abgetragen und der Graben hier und da mehr oder weniger eingeebnet. Im großen und ganzen aber behielt er seine Struktur wie das übrige Siedlungsgelände. Noch heute erregt er unsere Bewunderung, und wir staunen über die Tatkraft derer, die ihn im Schweiße ihres Angesichts schufen!

Auch hat der Schutzwall mit jenen kleinen „Wällen“ und Gräben nichts zu tun, die in den 1840er Jahren, ich glaube, es war im Jahre 1844 zur Zeit der Aufteilung, um jedes größere Gebiet als neu Grenze gezogen wurden. Gräben dieser Art finden sich zum Beispiel in unserer Gegend um den Menkhauser und Barkhauser Berg und sind, namentlich am Sennerande, noch deutlich sichtbar. Nur ein kleiner Teil des „Schutzwalles“ fällt mit der damals neugezogenen Grenze zusammen, der Hauptteil des Schutzwalles geht aber mitten durch anderes Gebiet, ja er teilt dieses sogar in zwei ungleiche Teile. Interessant ist es zu hören, daß der Besitzer der Barkhauser Hinterberge, Major v. Lentzcke, vor etwa 4 Jahren die Heideparzellen nördlich seiner bisherigen Grundstücke bis zum Wall von Bauer Sültemeier käuflich hinzuerwarb, so daß heute hier tatsächlich der Wall die Grenze zwischen Oerlinghausen und Barkhausen im großen und ganzen bildet. Die Besitzverhältnisse mögen sich ändern wie sie wollen, der Wall wird aber bleiben und bis in die fernste Zukunft von seinem einstigen Zweck Kind und Kindeskindern erzählen. Seiner historischen Bedeutung wegen müßte der schöne Erdwall erhalten bleiben und unter Heimatschutz gestellt werden.

Wie sind nun die Größenverhältnisse des Walles? Die Gesamtlänge desselben beträgst rund 300 Meter. Er ist nur aus Erde aufgeworfen, zeigt keine Mauern und keinen Mörtel. Wenn die ganze Siedlungsanlage durch seine Lage am Bergabhange sich auch eines natürlichen Schutzes erfreute, so war nach der Paßstraße zu doch ein künstlicher Schutz noch nötig, und zwar durch das Schaffen dieses Erdwalles. Die Sohle desselben mißt 5 Meter, die Höhe 3 Meter. Die Mulde hat auf der Sohle eine Breite von 1 Meter und oben mißt sie 3 Meter. Der Abhang ist anfangs sanft, um dann plötzlich steil abzufallen. In der Mitte des Walles erfährt dieser sowohl als auch der Graben eine Unterbrechung von 3 bis 4 Meter. Ein von der Paßstraße heraufführender schmaler Pfad mündet in diese Unterbrechung, so daß die Möglichkeit eines Tores an dieser Stelle wahrscheinlich ist.

Zusammenfassung und Auswertung

Nachdem wir nun eingehend die einzelnen Grabungsberichte behandelt und erörtert haben, wirft sich die Frage auf, ob wir berechtigt sind, auf Grund des erdrückenden Materials und Bestätigung desselben durch Facharchäologen Schlußfolgerungen zu ziehen, die uns ein möglichst klares Bild von der Besiedelung der Heideterrasse am Barkhauser Berge zur Zeit der Germanen geben. Ich denke, daß dieses eine Selbstverständlichkeit ist. Ja, ich halte es für meine Pflicht, nicht nur die Fachgelehrten auf die Bedeutung meiner Feststellungen aufmerksam zu machen, sondern auch allen interessierten Kreisen von meinen Entdeckungen nichts vorzuenthalten.

Von besonderer Wichtigkeit dürfte zunächst die Tatsache sein, daß das ganze Siedlungs­gelände vor der jeweiligen Besiedelung durch die Bewohner zunächst vorbereitet, das heißt großzügig eingeebnet, bzw. am Rande des Plateaus künstlich erhöht wurde. Wenn auch das Gelände sich nach der Bachseite durch natürliche Erosion abdachte, so erkannte der Germane doch, daß aus praktischen Gründen die Herstellung eines Planums vor dem Bau der Häuser ratsam erschien. Vielleicht machte sich der keltische Einfluß bemerkbar; sie schufen bekanntlich vor der Erbauung ihrer Rundhütten meistens die sogenannten Podien von länglicher oder runder Form und errichteten darauf ihre Häuser. (Siehe das germanische Haus in vorgeschichtlicher Zeit von Dr. W. Schulz, Mannus Nr. 11.) Hier lesen wir auf Seite 91: „Häufig legten die Kelten ihre Wohnungen an Bergabhängen an. Zu diesem Zwecke richteten sie Terrassierungen her, bei denen das dem Abhange zur Herstellung einer Terrasse entnommene Erdmaterial zur Vergrößerung der eingeebneten Fläche am Rande angeschüttet wurde.“

Wenn wir bedenken, daß das Planum eine Länge von 310 Meter mißt, kommen wir zu dem Schluß, daß die geleistete Arbeit nicht von einem Menschen, geschweige von einer Familie, sondern von einem ganzen Troß, von einer Sippschaft, unter der Leitung eines Führers, eines Edelings, erfolgt sein muß. Für die Gleichzeitigkeit der Ausführung dieser Riesenarbeit spricht die genaue Ostwestrichtung der Anlage, ferner auch die Gleichmäßigkeit der Ausführung. Bei einem Nacheinander müßten sich logischerweise mehrere Podien und Abschnitte im Gelände bemerkbar machen. Das ist aber nicht der Fall, sondern überall ist Gleichmäßigkeit in der Linienführung und der Arbeit. Ist's nicht ähnlich mit dem die Siedlung nach der Paßstraße zum abschließenden Schutzwall? Spricht nicht auch er für den gleichzeitigen Einsatz aller Kräfte vieler unter genialer Führung eines erfahrenen Mannes? Und wie steht's mit der Anlage der Häuser?

Nehmen wir auch sie einmal genauer unter die Lupe! Schon auf den ersten Blick fällt uns eine gewisse Gleichartigkeit im Grundriß der Häuser II, III, V und sodann der der Häuser I und IV auf. Die Häuser II, III und V sind als Pfostenhäuser anzusprechen, deren Längs- und Querdurchmesser einander ziemlich gleichen, während Haus III ein Dachhaus ist. Zwar sind vom Hause V erst nur zwei Pfosten ausgegraben worden, aber die Länge des gestampften Bodens läßt mit ziemlicher Sicherheit dieselben Maße wie bei II und III vermuten. Sodann läßt sich eine Gleichartigkeit in der Beschaffenheit nachweisen. Bei allen sind“ die Felder zwischen den Pfosten mit Rundholz ausgefüllt und mit Lehm beworfen, allerdings bei Haus III nur die Vorhallenwand. Ferner ist bei den Pfostenhäusern II und III eine mittlere Pfostenreihe festgestellt, die den First zu tragen hatte. Möglicherweise läßt sich diese auch später bei Haus V nachweisen. Eine weitere Ähnlichkeit besteht bei II und III in dem Vorhandensein der vor dem Hause liegenden Gruben, von gleicher Größe, Tiefe und Ausdehnung. Nur der Zweck war begreiflicherweise ein anderer. Während in der Grube des Hauses II eine Schmelze festgestellt werden konnte, finden wir in der Grube des Hauses III eine Feinschmiede. Andererseits dienten beide Gruben auch als Kochküche.

In ihrer äußeren Gestalt unterscheiden sich die Häuser I und IV etwas von den anderen. Zunächst sind die Größenverhältnisse von den zuerst genannten verschieden. Ihre Fußbodenfläche ist wesentlich geringer. Aber die Beschaffenheit des Fußbodens gleicht vollkommen denen der anderen Häuser, nämlich gestampfter lehmiger Sand, mit faustdicken Feldsteinen durchsetzt. Haus IV nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als es ein sogenanntes Schwellenhaus ist, dem aber ein Pfosten zur Stütze des vorgeschobenen Daches am Hauseingang gegeben wurde.

Diese Gleichartigkeit in der Bauweise der Häuser II, III und V läßt den Schluß zu, daß sie zu gleicher Zeit, zum mindesten aber gleich nacheinander ohne große Zwischenräume errichtet sein müssen. Ebenso ist es mit den Häusern I und IV.

Was für Schlüsse vermögen wir nun aus den zahlreich gemachten Funden zu ziehen?

Einen wichtigen Fingerzeig für die Zeitstellung dieser hochwichtigen Siedlungsanlage gibt uns zunächst das in allen Häusern aufgefundene, allerdings in den meisten Fällen stark von Rost mitgenommene und nicht mehr seinen einstigen Zweck erkennen lassende Eisen. Ohne Zweifel gehört somit die dorfartige Anlage der sogenannten Eisenzeit an. — Es fragt sich nun, welcher Stufe wir die einzelnen Häuser dieser Siedlung zuweisen können. Da dürften die Ansichten in manchen Punkten auseinandergehen. Für La Tene III sprechen die eiserne Fibel, ferner die Rauhtöpfe und die Scherben mit Kammstrich, während die neben der Schmiede gefundenen Sporen sowie die meisten Scherben aus den Häusern II, III, V einer späteren Zeit angehören. Als Grabfunde hat man aus jener Zeit Sporen von anderer Form gemacht. Sie bestanden nur aus einem Haken und wurden wahrscheinlich nur an einem Fuße, dem linken, getragen. Grabfunde bilden immer nur einen kleinen Ausschnitt der jeweils benutzten Geräte und Werkzeuge, ja manchmal finden sich Sachen im Grabe, die überhaupt von dem Verstorbenen nicht benutzt worden sind und manchmal nur kultischen Zwecken dienten (siehe Feuersteine im Brandgrab!). Einen einwandfreien Fingerzeig für die Zeitstellung der Anlage geben uns zur Genüge die außerordentlich zahlreich aufgefundenen Gefäßscherben. In den Häusern II,III und V kommen dieselben Typen vor. Das Material ist grob, mit Ouarzsand vermischt, die Henkel fehlen, sie sind ohne Töpferscheibe hergestellt und ohne Schmuck, während in den Häusern I und IV auch Scherben mit Kammstrich, Rillenfurchen und der Rauhbewurf Vorkommen. Sie gehören der Zeit kurz vor oder kurz nach Christi Geburt an. Es dürfte somit erwiesen sein, daß die ganze Siedlungsanlage entweder zwei Zeiten, und zwar der La-Tene-Zeit oder den nachchristlichen Jahrhunderten angehört, oder daß alle Ballten nach der Zeitenwende aufgeführt wurden und daß die Töpfe früherer Zeiten noch in Gebrauch waren.

Wer waren nun die Träger dieser Kultur? Die römischen Geschichtsschreiber Plinius (gestorben 79 nach Christi Geburt) und Tacitus (gestorben 120 nach Christi Geburt) berichten uns, daß um Christi Geburt auf beiden Seiten der mittleren Weser die Angrivarier wohnten. Nördlich von ihnen saßen zwischen Niederelbe und Niederems die Chauken, das heißt die Hohen. Nordöstlich von den Angrivariern wohnten die Langobarden, die „Langbärte“, und weiter östlich die Sueben. An der mittleren und oberen Ems saßen die Brukterer. Die Angrivarier wurden gegen Ende des ersten Jahrhunderts von den nördlich wohnenden Chauken in das Gebiet der mittleren und oberen Ems verdrängt, so daß die Brukterer weichen mußten. Bon Norden kamen die Cherusker, die ihr Wohngebiet vom Westufer der Weser bis zur Elbe hatten.

Da eine genaue Datierung der Häuser des oben beschriebenen germanischen „Dorfes“ auf 50 Jahre nicht gut möglich ist, können wir auch nicht sagen, ob ein Teil des Dorfes von Brukterern oder Cheruskern angelegt wurde. Somit ist auch nicht sicher, ob die Bewohner der Siedlung an den Kämpfen der Schlacht im Teutoburger Walde im August des Jahres 9 nach Christi Geburt mit teilgenommen haben und ob das Dorf von Römern eingeäschert worden ist. Nur so viel steht fest, daß alle 5 Häuser des „Dorfes“ mit ihren Nebenbauten ein Raub der Flammen wurden.

Vielleicht erscheint nach meinen Darlegungen die auf dem benachbarten Tönsberge gelegene Wallburg, Oerlingsburg genannt, in einem neun Lichte. Schuchardt hat bekanntlich eine eingehende Untersuchung der Burg vorgenommen und kommt zu dem Ergebnis, daß die Kalkmauern und die Torformen fränkisch sind. „Die 7% Meter breite und dazu künstlich erhöhte Berme weist auf die fortgeschrittene Tene-Zeit nach der fränkischen Eroberung. Die Burg wird also im letzten Stadium der Kriege Karls des Großen oder noch etwas später nicht von einem fränkischen, sondern von einem sächsischen Grafen angelegt sein.“ In seinem neusten Buche: „Die Burg im Wandel der Weltgeschichte“ (Wildpark, Potsdam 1931) verweist S. eine Reihe von großen Burgen in die Augusteische Zeit, so auch die Grotenburg bei Detmold. Er betont, daß alle diese Burgen dem Arminius im Kampfe gegen die Römer zur Verfügung gestanden hätten. Schuchardt fragt nun: „wem gehörten solche großen Burgen, wer hatte sie instand zu halten, wohnten etwa Fürsten, wie Arminius und Segestes auf ihnen? Wie die Fürsten jener Zeit wohnten, erfahren wir aus einer Tacitus- Erzählung. Marbod, der Gegenspieler des Arminius im freien Germanien, Großfürst der vereinigten ostdeutschen Stämme, hatte sich als Römerfreund bei seinen nationalen Markomannen mißliebig gemacht. Die adlige Jugend zettelte eine Verschwörung an und ging gegen den König vor. Sie drang in den Palast ein und in die daneben liegende Burg. Der Fürst wohnt also in der Ebene auf einem vornehmen Gutshofe, und daneben erhebt sich die Burg, die in Zeiten der Not von ihm und den Nächstwohnenden bezogen wird. Das ist auch die Wohnart, die Karl der Große im Sachsenland noch vorfand, und die er dann in gewisser Weise umgestaltete . . .“

Wie sind nun die Verhältnisse in der germanischen Siedlung am Barkhauser Berge? Sie liegt in der Ebene, nicht weit von ihr ist die Oerlingsburg, die In gewisser Weise umgestaltet worden ist. Für die Wissenschaft würde es nun von außerordentlicher Wichtigkeit sein, wenn es gelänge, Beziehungen zwischen den Häusern II, III und V und der Oerlingsburg nachzuweisen.

Vorläufig vermögen wir darüber nichts zu sagen und müssen uns an Schuchardts Feststellungen halten. Der Gedanke liegt aber nicht abseits und soll nur anregen und einmal in die Debatte geworfen werden.

Die germanische Siedlung ist nicht die einzige bei Oerlinghausen. Spuren solcher konnte ich bereits im Sommer 1931 westlich der Bergstadt feststellen. Auch sie liegt in der Ebene.