Das urgeschichtliche Oerlinghausen

Auszug aus Hermann Diekmanns Chronik der Bergstadt Oerlinghausen

 

Etwa um die Zeit 10 000 vor Christi Geburt gilt die Eiszeit, die ganz Norddeutschland bis zu den: Mittelgebirge mit Eis bedeckte, für abgeschlossen. Nach dem Rückgang des Eises, sagen wir um das Jahr 10 000 bis 12 000 vor Christi Geburt, finden wir mit einem Male eine für jene Verhältnisse starke Besiedelung der Osningkette (Teutoburger Wald). Spuren eines früheren Menschen sind nur vereinzelt aufgefunden, so die Faustkeile von Detmold, der Fäustel von Markengrund in der Nähe des Hünensautes, westlich von Oerlinghausen, und der einwandfreie Fund von Menkhausen in etwa 6 Meter Tiefe, bestehend aus einem „Reiber“, einen Hirschoberschenkelknochen, sowie einigen primitiven Feuersteinabschlägen; die Funde von Menkhausen haben Aufnahme im Heimatmuseum gefunden. Sie sind aber so spärlich, daß darüber nur wenig berichtet werden kann. Offenbar sind die oben genannten Funde auf Streifzügen jenem ersten Menschen unserer Gegend verlorengegangen.

Aber zur mittleren Steinzeit (Mesolithikum), etwa 6000 bis 5000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, waren die Abhänge der Schluchten und Täler bei unserem wunderbaren Bergstädtchen verhältnismäßig dicht bevölkert. Woher wissen wir das? — Nun, die Ausgrabungen des letzten Jahrzehntes haben immer wieder neu Siedlungsplätze, die zum Teil noch gut erhalten waren, zutage gefördert, welche uns einen Einblick in die Kultur und das Leben jenes Steinzeitmenschen gewähren. „Steinzeitmensch“ wird er genannt, weil er noch kein Metall, weder Eisen, Kupfer, Bronze noch Gold kannte und seine Geräte und Werkzeuge vornehmlich aus Feuerstein, daneben aber auch aus Holz, Knochen und Hirschhorn anfertigte. Man sehe sich einmal die Funde im Heimatmuseum näher an, und man wird seine helle Freude daran haben!

Es handelt sich um ein leichtes Jägervolk, das zu jener Zeit sich auf den sandigen Vorsprüngen des gesamten Teutoburger Waldes niederläßt. Erste Vorbedingung zur Ansiedelung war das Vorhandensein von Wasser. Es brauchte nicht gleich ein großer Bach oder ein Fluß zu sein; ein sprudelnder Quell genügte. Sodann suchte der vorgeschichtliche Mensch mit Vorliebe eine möglichst windgeschützte Stelle auf, wenn er eine Hütte errichten wollte. Verhaßt waren ihm die Westwinde. Sandige Vorsprünge, die nach drei Seiten steil zum Bachlauf abfielen, waren für ihn ein gutes Siedlungsgelände, da es gegen Angriffe wilder Tiere natürlichen Schutz bot. Die Rückseite wurde entweder durch Gestrüpp, Reisig oder dergleichen geschützt oder man brannte an der ungeschützten Stelle ein Feuer ab. Befand sich im Rücken eines solchen Vorsprunges noch ein Höhenzug, der das Hineinströmen der Westwinde verhinderte, so hatte der urgeschichtliche Mensch das Ideal einer Sammlungsstätte gefunden. Vorsprünge dieser Art sind in der Osningkette durchaus nicht selten, wir finden sie von Schlangen bis zum Bielefelder Paß und darüber hinaus, namentlich in der mittleren und südlichen Kette des Teutoburger Waldes. Bis zum Jahre 1933 konnte ich 36 solcher bewohnt gewesenen Vorsprünge nachweisen und die Wohnstätten ausgraben. (Man vergleiche mein Buch: „Steinzeitsiedlungen im Teutoburger Walde“, Bielefeld, Wittekind-Verlag 1931!).

Die Hütten dieses Menschen waren von runder oder länglichrunder Form und zeigten einen Längsdurchmesser von etwa 3,50 Meter. Die Rekonstruktion einer solchen Hütte habe ich im Heimatmuseum aufgestellt. 10 bis 20 Zeltstangen wurden in den Boden getrieben und dann oben durch Wurzelwerk und Sehnen miteinander verbunden. Zum Abdichten benutzte man Reisig, Felle und Plaggen. Auch um den Grund herum legte man in den meisten Fällen aufeinandergeschichtete Plaggen, um der Hütte besseren Halt zu geben und sodann, um eindringendes Wasser abzuhalten. Am Eingang der Hütte unterhielt man ein Feuer zum Braten und an kalten Tagen zur Erwärmung. In vielen Fällen konnte nur eine sogenannte Feuergrube nachgewiesen werden, die oft von handgroßen Herdsteinen eingefaßt war. Der Durchmesser einer solchen Feuerstelle war verschieden groß. Wir finden, Herde von 40 bis 100 Zentimeter Durchmesser.

Über die innere Einrichtung einer solchen Hütte ist ebenfalls wenig zu sagen, da keine mehr erhalten ist. Wir können uns aber sehr wohl vorstellen, daß die Familienmitglieder, abgesehen von sehr warmen Nächten, auf einem weichen Lager an irgendeiner Seite übernachtet haben. Die Hütte war auch der Aufbewahrungsraum für Jagd- und Fischereigeräte und wies in der Mitte oder an einer Seite die Anlage eines Herdes aus. Nicht weit vom Herd hatte der Steinzeitmensch seine „Werkstätte“, seinen Arbeitsplatz, wo es, den warmen Strahlen des Feuers ausgesetzt, an kalten Tagen seine Geräte für Jagd und Fischfang anfertigte, sei es aus Feuersteinknollen, die im Bache oder wer weiß sonstwo aufgelesen waren, sei es aus Holz oder Horn. — Der Mensch dieser Zeit war Jäger, Fischer und Sammler. Dem entsprechen auch seine Geräte und Werkzeuge. Diejenigen aus Knochen und Bein haben sich nur in wenigen Fällen bis auf den heutigen Tag erhalten. Ganz anders die aus Feuerstein. An ihnen ist kein Vorgang. Noch heute erregen sie unsere Bewunderung und erfüllen uns mit Hochachtung vor jenen Menschen, die sie schufen und offensichtlich technisch aus hoher Kulturstufe standen. Uns würde es auch unter Zuhilfenahme der modernsten Hilfsmittel sehr schwerfallen, diese Steinwerkzeuge nur annähernd so vollkommen herzustellen.

Da sind in erster Linie Messerchen der verschiedensten Größe und in den mannigfaltigsten Formen zu nennen. Sie sind aus Steinstreifen hergestellt, die der Mensch mittels eines Steines von einer Feuersteinknolle abschlug. Die Schneide ist so scharf, daß man damit, wie mit einem Rasiermesser, elegante Bogen und Formen aus einem Blatt Papier schneiden kann; man denke sich das Gerät noch mit einem Holz- oder Knochengriff versehen, und fertig ist das schönste Tafelmesser. Mit diesem Instrument zerlegte der Mensch das Fleisch seiner Jagdbeute und zerschnitt Holz, Sehnen und dergleichen Dinge mehr. Dann stoßen wir auf Schaber, die, wie der Name besagt, zum Schaben, zum Glätten von Holz und Knochen Verwendung fanden. Ferner treten Kratzer auf. Von ihm gibt es verschiedene Formen. Sie dienten zum Befreien der Felle von Blut und Geweberesten. Mit dem Bohrer erzeugte man Löcher in Muscheln, Versteinerungen, Schneckenhäusern und Fellen. heraus zahlreich und mannigfaltig in der Art sind die Pfeilspitzen. Es gibt größere und kleinere, mit und ohne Widerhaken. Sie sind so scharf, daß ein sicherer Bogenschütze damit Wild aus mehr als 100 Meter Entfernung erlegen konnte. Dann treten eine Unmenge von kleinen Widerhäkchen, Angelhäkchen auf, daneben auch querschneidige Pfeilspitzen von der Form eines Trapezes oder eines Dreiecks (Mikrolithen, das heißt Kleinfeuersteingeräte) [Bild: 1 bis 6.]

Zuletzt sind noch interessante Geräte, die sogenannten Stichel, zu nennen. Es gibt Eck-, Kanten- und Mittelstichel. Die scharfen Kanten benutzte der Urmensch zum Eingraben von Rillen und Vertiefungen in Knochen, Holz, Stein und Horn, und er brachte auf diese Weise entweder Verzierungen am Gerät an oder versah diese mit einem Erkennungsmerkmal. Wer sich eingehender mit diesen Sachen befassen möchte, den verweise ich auf mein Buch: „Steinzeitsiedlungen“.

Auffällig waren in einigen Siedlungen sonst nur selten festgestellte Gefäßscherben, die aus rohem Material und ohne Kenntnis der Töpferscheibe geformt waren. Solche fanden sich in der Wohnstätte „Snakenbach“, „Nagelweg“ und „Forsthaus“; ebenso wertvoll war das Auffinden je einer Handmühle in „Bokel-Venn“ und „Heisterbrink“. Während die Mühle von Bokel-Venn vollständig erhalten war, das heißt aus einem Läuferstein und einem Reiber bestand, fehlte bei der Mühle am Heisterbrink der sogenannte Reiber. (Die Handmühle von Bokel-Venn ist im Landesmuseum, die vom Heisterbrink im vorgeschichtlichen Museum zu Bielefeld. Eine Handmühle wird auch im Museum vor der Steinzeithütte gezeigt, eine andere im Schrank.) Form, Größe und Gestalt waren ungefähr dieselben, während das Material verschieden war, nämlich Granit (Heisterbrink) und' vulkanische Lava (Bokel-Venn). Erwähnenswert ist noch ein interessanter Fund vom Snakenbach, nämlich der eines muldenförmigen Steines, der eine scharfe Furche zeigt, die vom Wetzen und Spitzen der Knochennadel herrührt.

In meinem Buche: „Steinzeitsiedlungen“ habe ich im Kapitel „Im Steinzeitdorf Dalbke“ nähere Ausführungen dazu gemacht. Ich lasse einen Satz hieraus folgen, der uns mit Hilfe der Phantasie ein ungefähres Bild jener ersten Besiedelung veranschaulichen mag.

Der Führer, ein schlanker, sehniger, wettergebräunter Mann in den vierziger Jahren, mit einem Lendenschurz aus grober Leinwand umhüllt, in der Rechten ein Steinbeil schwingend, gebietet seinem Troß, Männer, Frauen und Kinder, Halt. Hier am See ist's gut sein. Er deutet auf den Fischreichtum des Teiches und des Baches, weist auf die Schlehen- und Rosenbüsche, auf Müllersäcke und Ebereschenbeeren, auf Holzäpfel und auf eine im Dickicht verlorengegangene Hirschstange hin. Dort, auf jener Landzunge, wollen sie sich niederlassen. Wie vorteilhaft der See sie nach drei Seiten gegen Angriffe wilder Tiere schützt! Alle jubeln ihrem erprobten Führer zu. Der Bach, bzw. der See, wird watend und schwimmend durchquert. Das jenseitige, sandige, wohl 10 Meter steile Ufer wird erklommen, und nun bietet sich dem ganzen Jägervolke ein 500 Meter langes, von Föhren und allerhand Buschwerk bewachsenes Plateau zur Ansiedlung. Etwa 100 Menschen mögen es sein, die hier ihre einfachen Hütten aufschlagen wollen. Jeder Familie wird vom Führer ein Platz angewiesen. Wie durcheinanderkrabbelnde Ameisen laufen die gebräunten Gesellen nach allen Richtungen auseinander, um armdicke, schlanke Föhren zu Hüttenstangen abzubrechen. Da kommen auch schon die ersten heran. In hockender Stellung fallen Männer und Frauen über die Baumstangen her, um sie mittels steinerner Hohlschaber und anderer Feuersteingeräte von dem Geäst und der rauhen Borke zu befreien. Wie schnell die Arbeit vonstatten geht! 15 Stangen von 4 Meter Länge liegen geglättet am Boden. Überall derselbe Fleiß, dieselbe Ausdauer, derselbe Erfolg! Noch heute müssen die Hütten werden, denn schon droht am westlichen Horizont ein nahendes Gewitter. Schnell beeilen sich die Bräunlinge, die Staken in Kreisform in den leichten Boden zu stoßen, oben werden sie durch Wurzelwerk verbunden, und schon steht das Gerippe einer Rundhütte da. Wie Pilze schießen die nächsten aus der Erde, ein ganzes Dorf ist im Entstehen begriffen. Um das Eindringen von Wasser zu vermeiden, fügt man um den Fuß der Hütte 30 Zentimeter hohe Plaggen und schaufelt mit den Händen Sand an. Felle, Plaggen und allerhand Reisig dichten die Hütte nach oben ab. Ein kleines Loch an der Südostseite, eben groß genug, um einen Menschen kriechend durchzulassen, ist Tür und Fenster zugleich. Als Nachtlager dient zusammengelesenes Laub, Moos und gerauftes Gras. Um das Eindringen wilder Tiere zu vermeiden und um sie von dem Dorfe fernzuhalten, trägt man mehrere Haufen Reisig zusammen, legt dürre Äste und Bäume darauf, schlägt mit dem Flintstein Feuer und setzt die Stapel in Brand. Ein wunderschöner Anblick! Wo vor Stunden noch Einsamkeit herrschte, wo bisher noch keine Menschenseele sich hatte blicken lassen, ist ein ansehnliches Hüttendorf entstanden. In 500 Meter Länge und 40 Meter Breite stehen die einfachen Hütten auf der linken Seite des Schopkebaches, bzw. des heutigen Dalbker Teiches. Im Hellen Feuerschein heben sie sich deutlich vom grauschwarzen Himmel ab. — Die erste Nacht in neuer Heimat haben die Steinzeitmenschen hinter sich, und schon beginnen sie am frühen Morgen ihre Geräte und Werkzeuge anzufertigen. Als Rohmaterial dient ihnen der auf der rechten Bachseite haufenweise vorkommende Feuerstein, den die zweite Eiszeit aus nordischen Landen hierher verfrachtete. Die Kinder tragen das Rohmaterial zu, während die Gewandteren mittels eines handlichen Geröllsteines von der Feuersteinknolle lange, schmale Streifen, sogenannte Lamellen, abschlagen. Span reiht sich an Span, Splitter an Splitter. Nun gilt es, diese zu den feinsten Werkzeugen umzuarbeiten. Die schönsten Stückchen werden ausgesucht, die unbrauchbaren fortgeworfen. Manche der Späne sind ohne weiteres als Messer zu benutzen. Andere haben noch hier und da unbrauchbare Kanten, die nun durch indirekten Druck mittels eines feinen Knochenstiftes fortretuschiert werden. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind die schönsten Geräte und Werkzeuge aus dem harten Gestein angefertigt. Wir sehen schöne Rundkratzer, Breitkratzer, Klingenkratzer zur Fellzubereitung, Hohlschaber und Hohlkratzer zum Abrunden der Pfeil- und Lanzenschäfte, Messerchen zum Schneiden, Pfeilspitzen mit gerader und konvexer Basis, Bohrer, Fellhobel und dergleichen Dinge mehr. — Da ist auch schon ein Trupp bereit, sich an Rotwild heranzupirschen. Nur ein Lendenschurz, auf der linken Schulter durch Sehnen gehalten, bildet die Kleidung der Steinzeitleute. Ihre Waffen sind verschiedener Art: Schleuder, Bogen, Streitaxt, Fäustel, geschaftete Spanmesserchen, Kratzer und Schaber. Langsam verschwinden die Dalbker im Dickicht des rechten Ufers, um ihren Pirschgang anzutreten. Währenddessen sind die zurückgebliebenen Frauen und Kinder damit beschäftigt, überall an der Oberfläche liegende faustdicke Granitbrocken zusammenzutragen, um daraus einen kreisrunden Herd, nach Pimpfart, aufzubauen. Auch trockenes Reisig wird herangeschleppt. — Da, ein kräftiges „Horrido“. Der Pirschgang lohnte. Mit einem mächtigen Zwanzigender kehren die Jäger zurück. Da gibt's Arbeit in Hülle und Fülle. Alle eilen hinzu und tanzen jubelnd um die erlegte Beute. Prickelnde Düste steigen alsbald von den „Spießen“ gen Himmel. Hungrig umlagern alle den verlockenden Bratherd. Die Mahlzeit beginnt ... So war's vor 7000 Jahren. Und heute! In weiter Ferne vernehmen wir das Surren eines Motors. Autos beleben den „Schlackenweg“. Über uns eilt ein Flugzeug in westlicher Richtung. Sieg des Metalls! In dem sandigen Boden aber gräbt der Forscher . . . nach Steinchen, nach unscheinbaren Feuersteingeräten.

Während wir südlich vom Gebirge, so unter anderem auf Wöstenfeld, im Schopketal, am Snakenbach, am Forsthause, im Schling, in der Stapelager Schlucht usw. das leichte Jägervolk antreffen (etwa bis 5000 vor Christi Geburt), strömen von Norden, am Ende dieser Zeit, nach dem fruchtbareren Lößlehmboden, nördlich vom Gebirge, neu Menschenmassen, die schon den Ackerbau und die Töpferei kennen. Rundhütten sind ihnen fremd. Sie bauen Rechteckhäuser. Nordische Völker! Auch sie lagen natürlich noch der Jägerei und Sammelwirtschaft ob, aber sie schränkten die letztere schon wesentlich ein, weil ihr Ackerbau das mühsame Sammeln von Früchten und Wurzeln unnötig machte. Auch ihre Geräte und Werkzeuge bestehen noch aus Bein, Horn, Holz und Feuerstein. Der Stein und auch Geweihstangen werden durchbohrt zur Aufnahme des Stieles. Wir finden geschliffene Beile, Äxte und Hämmer. Aus der Handhacke entwickelt sich allmählich der Steinpflug, der noch in der Bronzezeit benutzt wird.

Wir haben den ersten nordischen Bauern vor uns, einen fleißigen, arbeitsamen Menschen. Der Hund war sein treuer Begleiter, das gezähmte Rind sein Zugtier. Seine Siedlungsplätze liegen auf den Hängen, unweit von Flüssen und Bächen. (Menkhausen, Grüte, Barkhausen, Wistinghausen, Breite Grund, Währentrup, Helpup usw.) Ja, diese Kultur erstreckt sich über ganz Lippe und darüber hinaus. Rassenmäßig sind sie der jung- paläolithischen Cro-Magnon- Rasse einigermaßen ähnlich. Es sind flache, breitstirnige, scharf modellierte Langschädel mit keilförmigem Hinterhaupt. Sie besaßen reichlich Waffen und später auch Streitäxte, die geschliffen und durchbohrt waren. Ihren Ahnenkult verraten sie in großen Grabbauten. Die Leichen wurden in gestreckter Lage beigesetzt. Die Beilform arbeitete sich allmählich zu scharfkantigen Schmalseiten heraus (siehe die Beile im Museum!). Angebaut wird Weizen, die sechszeilige Gerste und die Hirse. Als Haustiere besitzt man das Schaf, die Ziege, das Schwein. — Diese Kultur hielt bis etwa 2000 vor unserer Zeit an.

Der Mensch hatte inzwischen gelernt, Kupfer und Bronze zu verwenden und trieb in erster Linie Viehzucht, die Bronzezeit war hereingebrochen. Sie währte von 2000 bis 1000 vor Christi Geburt. Siedlungsplätze dieses Menschen sind allerdings in der Osningkette bisher nicht entdeckt. Es ist aber zu hoffen, daß eines Tages irgendeinem Forscher das Glück blühen wird, diese aufzufinden. Gräber dieser Bronzezeit sind erfreulicherweise schon in genügender Zahl bei Oerlinghausen aufgefunden worden. Sie liegen in erster Linie auf den Muschelkalkhöhen der nördlichen Kette, kommen aber, wenn auch vereinzelt, in der mittleren und südlichen Kette vor. Manchmal liegen sie, in Gruppen vereinigt, dicht nebeneinander. Nördlich vom Kammweg des Tönsberges, der aufgehenden Sonne zu, treffen mir, namentlich am Ostende, eine ganze Reihe dieser Steinhügelgräber, die meisten liegen auf der Muschelkalkkette, also auf der nördlichen Kette des Teutoburger Waldes: Menkhausen (Asemisser Tannen), im Grüteberge, in der Nähe der früheren Zementfabrik, auf dem Langenberge, bei Hermeier, auf dem Iberge usw. Die Grabhügel sind verschieden groß, meistens leicht zu finden und oft von einer Steinsetzung umgeben. Die Untersuchung des Tönsberggrabes in der Nähe der Oerlingsburg ergab, daß es ein Bestattungsgrab war; ein noch vorhandener größerer Hohlraum wies auf einen Baumsarg oder auf eine aus Holzstangen errichtete Grabkammer hin.

Auch die übrigen bronzezeitlichen Gräber bei Oerlinghausen gehören der frühesten Periode an. Alle zeigen dieselbe Lage, denselben Bau und dieselbe Form an. Noch ungeöffnete Gräber liegen in der Grüte, auf dem Langenberge und eins auf dem Iberge. Sie alle stehen erfreulicherweise unter Heimatschuh, und niemand darf unberechtigterweise ein solches Grab öffnen, wie das leider zu oft geschehen ist. Die Menschen, die darin bestattet sind, gehören einem Kulturkreis an, der bis nach Hessen und Thüringen reicht. Sie lebten in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, also etwa vor 4000 Jahren, über ihre Kultur können wir uns auf Grund in anderen Gegenden ausgegrabener Hügel ein ziemlich vollständiges Bild machen. Auch sie waren, wie der Steinzeitmensch, in erster Linie Jäger, daneben aber Hirten, Viehzüchter und Ackerbauer. Sie sind keine Nomaden, sondern ein seßhaftes Volk, groß, stark, klug, und standen auch in technischer Beziehung sehr hoch. Sie (die Technik) muß unsere Bewunderung und unser Staunen erregen. Ihre Musikinstrumente sind aus sehr feinem Bronzeblech hergestellt und fein abgestimmt. Man nennt diese Hörner Luren. Ihre Kleidung hat sich in Baumsärgen bis auf den heutigen Tag erholten. Sie liefen nicht in Fellen eingehüllt oder nackend umher, wie sie uns leider früher immer geschildert und auch bildlich dargestellt wurden, sondern die Kleidungsstücke bestanden aus Wollstoff. Die Männer trugen kurze Mäntel bis an die Knie, Arme und Beine frei, darüber ein Kragen oder ein Umschlag, der am Hals mit einer verzierten Nadel zusammengehalten wurde. Die Schuhe wurden mit Riemen an den Beinen befestigt. Ihre Kopfbedeckung bestand aus einer Wollmütze. Die Frauen besaßen ebenfalls wollene Kleider. Das Haar war gescheitelt und wurde im Netz getragen. Von ihrem Hausgerät haben sich sogar die Klappstühle bis auf den heutigen Tag erhalten. Ferner fand man verzierte Arm- und Halsringe, Dolche, Töpfe, Schwerter, Äxte, Beile, Hämmer usw. (Abbildungen sind im Museum). Wir sehen also, daß wir uns unserer Vorfahren durchaus nicht zu schämen brauchen. Wir müssen uns ganz entschieden verbitten, sie und auch uns als „Barbaren zu bezeichnen. Nicht wir haben die Kultur von anderen Völkern erhalten, sondern diese von uns. Darauf können wir stolz sein.